12.03.2012

BOXEN

Ehre, Liebe, Hass

Von Peschke, Sara

Ihr Stiefvater schoss Rola El-Halabi, Weltmeisterin im Leichtgewicht, vor einem Kampf nieder. Nun träumt die DeutschLibanesin von einem Comeback.

Elf Narben hat sie am Körper, die auffälligsten, streichholzlang, auf der Oberseite und der Innenfläche der rechten Hand. Die Haut des Handrückens spannt über einer Metallplatte, sie stabilisiert die Mittelhandknochen. Es ist ihre Schlaghand.

Vor knapp einem Jahr war Rola El-Halabi, 26, eine der besten Boxerinnen der Welt, ihre Titel als Welt- und Europameisterin im Leichtgewicht hält sie noch immer. Jetzt sitzt sie in einem Café in Ulm und versucht, ihre Rechte zu einer Faust zu ballen. Es gelingt ihr nicht ganz, der Mittelfinger krampft, er will den anderen Fingern nicht folgen. Die Sehne ist zu kurz, wegen der Platte.

Die Ärzte würden das Metall bald entfernen, sagt El-Halabi, dann könne sie die Faust wieder schließen. "Das ist das Wichtigste, wenn ich wieder boxen will."

Wieder boxen.

Am späten Abend des 1. April 2011 saß Rola El-Halabi in einer Kabine der Trabrennbahn Berlin-Karlshorst, ihr WM- Kampf gegen die Bosnierin Irma Balijagić-Adler stand unmittelbar bevor. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann stürmte herein, die 9-Millimeter-Pistole im Anschlag. Ihr Stiefvater. Zwei Menschen hatte Roy El-Halabi schon niedergeschossen, nun zielte er auf Rola.

Die erste Kugel bohrte sich durch den Boxhandschuh und pulverisierte die Mittelhandknochen der rechten Hand. Die zweite Kugel durchschlug den linken Fuß, Rola stürzte, das Kreuzband und der Meniskus des rechten Knies rissen. Die dritte Kugel traf das linke Knie, die vierte den rechten Fuß.

Erst dann hörte der Stiefvater auf. Widerstandslos ließ er sich festnehmen. "Jetzt siehst du, wozu du mich getrieben hast", sagte er, bevor Polizisten ihn abführten. Rola El-Halabi lag in ihrem Blut am Boden.

Das Familiendrama ging um die Welt. Wie konnte ein Mann, der seine Stieftochter wie sein eigenes Kind geliebt zu haben schien, der der wichtigste Mentor ihrer Karriere gewesen war, diese junge Frau vor einem WM-Kampf kaltblütig niederschießen?

Die Absicht des Attentats, das wurde schnell klar, war nicht der Tod der Boxerin. Die Absicht war ihre Verstümmelung. Roy El-Halabi wollte seine Stieftochter zum Krüppel machen.

Das Schicksal der Sportlerin ist großer Filmstoff, der längst auch amerikanische Produzenten interessiert - derzeit verhandelt Rola El-Halabi über den Verkauf der Rechte. Ihre Geschichte erzählt vom Aufstieg einer Immigrantenfamilie aus dem Bürgerkriegsland Libanon in Deutschland, einer Familie, deren Bande unzertrennlich scheinen. Und deren Abgründe sich auftun, als die Boxerin sich in einen jungen Mann verliebt und mit dem unversöhnlichen Stiefvater bricht. Es ist alles drin: Ehre, Erfolg, Liebe, Eifersucht, Hass. Und blinde Gewalt.

Die Wände des Cafés in der Ulmer Altstadt sind kahl, das Licht wirkt steril. Rola El-Halabi hat viel zu tun, wenn das "Domino" diese Woche eröffnet werden soll. Es ist derzeit ihr Projekt, der Stress ist ihr kaum anzumerken, sie sieht wach aus, beinahe erholt, ihr Blick ist offen. Obwohl die Qualen noch so nah sind.

Nach mehreren Operationen saß sie sechs Wochen lang in einem Rollstuhl. Schmerzvoll musste sie das Laufen wieder lernen, noch immer arbeitet sie dreimal in der Woche mit einem Physiotherapeuten. Sie muss Muskeln aufbauen und abnehmen, sie hat fast zehn Kilogramm Übergewicht.

Im April will Rola El-Halabi mit ihrem Coach Jürgen Grabosch wieder mit dem Grundlagentraining beginnen. "Langsam, dreimal täglich Ausdauer, sechs bis acht Wochen lang", sagt Grabosch. Rola werde das schaffen, sie sei schon immer eine Kämpferin gewesen, "mental sehr stark", sagt der Trainer.

Ihre Ärzte am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus halten ein Comeback für möglich, denn Nerven seien nicht zerstört. Sie wolle zurück in den Ring, sagt Rola El-Halabi, unbedingt: "Ich habe diesen Traum. Ich sehe meine Gegnerin, das Publikum, höre meine Einlaufmusik, einen Gospel."

Hinter dem Tresen des Cafés läuft Kosta Papastergiou, 28, auf und ab. Gestikulierend spricht er ins Telefon, in einem Mix aus Schwäbisch und Griechisch. Ein Künstler soll Pin-up-Girls an die Wände des Domino malen, es ist kompliziert.

An ihrem Krankenbett hielt der Grieche um Rolas Hand an, die beiden wollen bald heiraten. Papastergiou ist der Grund, warum Roy El-Halabi das Leben seiner Stieftochter zerstören wollte. Er wollte die Kontrolle über die junge Frau behalten, er verbot ihr den Kontakt mit ihrem Freund, er drohte dem Paar mit Gewalt, schon Monate vor dem Attentat. Doch Rola widersetzte sich. Sie war 25. Papastergiou war der erste Mann, den sie liebte.

Ihren Stiefvater hat Rola El-Halabi noch einmal gesehen: im Verhandlungsraum des Berliner Landgerichts, das ihn im November wegen gefährlicher und versuchter schwerer Körperverletzung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilte.

Als sie als Zeugin vor Gericht die Tat beschrieb, saß er nur wenige Meter links von ihr. Rola El-Halabi sah ihn nicht an. "Er ist für mich gestorben", sagt sie heute, "er existiert in meiner emotionalen Welt nicht mehr."


DER SPIEGEL 11/2012
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