07.12.1998

RESTITUTIONOpfer gegen Opfer

Seit sieben Jahren kämpfen die Erben jüdischer Emigranten um ein ganzes Dorf im Brandenburgischen. Streitwert: rund 500 Millionen Mark.
Von außen wirkt Teltow-Seehof wie ein ruhiger, idyllischer Vorort im Südwesten von Berlin. Die beschaulichen Datschen und Einfamilienhäuser sind von hübschen Vorgärten umrahmt, und die meisten Straßenzüge münden nicht in einer asphaltierten Hauptstraße, sondern im Naturschutzgebiet Kanalaue.
Doch die Idylle trügt. "Die Leute in Seehof lebten hier glücklich und zufrieden", sagt der Hausbesitzer Lutz Bierbrauer verbittert, "aber dann kamen die Herren Erben nach der Wende." Und die "Herren Erben", das sind Abkömmlinge der jüdischen Familien Sabersky und Sonnenthal, deren Vorfahren zu Zeiten der Weimarer Republik fast der gesamte Stadtteil Teltow-Seehof gehört hat.
Seit sieben Jahren klagen die Enkel und Urenkel auf Rückgabe ihres Eigentums - es geht um insgesamt 840 000 Quadratmeter Grund und Boden im Gesamtwert von ungefähr einer halben Milliarde Mark.
Den Frieden in Teltow-Seehof hat das Ansinnen der Nachkommen auf unabsehbare Zeit ruiniert. Unter den Bewohnern von Teltow-Seehof grassiert die Sehnsucht nach der guten alten DDR. "Bei uns war Boden nicht käuflich", ereifert sich Traute Herrmann, Sprecherin der örtlichen Bürgerinitiative und überzeugte PDSlerin, "und das war sehr schön."
Lutz Bierbrauer war Diplomingenieur in einem volkseigenen Elektrobetrieb in Teltow. Seit der Wende arbeitet der Mann als Makler und betätigt sich wie die meisten seiner Nachbarn in dem ruhigen Ort nahe Potsdam nebenbei vor allem als Historiker. Seit die Sabersky-Erben Restitutionsansprüche für 850 Grundstücke des ehemaligen Gutshofes Seehof gestellt haben, recherchieren Bierbrauer und 150 betroffene Familien in alten Archiven der Stadt, wälzen hundert Jahre alte Folianten, prüfen Quittungen von Grundstückskäufen aus den dreißiger Jahren und sichten Luftaufnahmen und Fotoalben.
Sie bezweifeln nicht nur den juristischen, sondern auch den moralischen Anspruch der Kläger aus Amerika. "Von den Saberskys ist ja wohl niemand direkt verfolgt worden", echauffiert sich Traute Herrmann, 69, "da ist ja keiner ins Konzentrationslager gekommen." Daß die Saberskys nur deshalb nicht ins KZ kamen, weil sie in letzter Minute ihr Hab und Gut verkauften und in die USA entfliehen konnten, erwähnt sie nicht.
Der Rechtsstreit ist fast so alt wie die deutsche Einheit. 1991 erhob die Erbengemeinschaft erstmals Anspruch auf die Immobilien in Teltow-Seehof sowie auf zahlreiche Grundstücke und Immobilien in Berlin. In allen Fällen haben die zuständigen Landesämter den Erben ihre Ansprüche auf Rückerstattung bestätigt - nur in Teltow-Seehof entschied das Amt für offene Vermögensfragen anders.
Seither haben zwei Gerichte in insgesamt 25 Verfahren die juristische Lage zu klären versucht - bislang vergeblich. Als vorerst letzte Instanz beschäftigt sich nächste Woche das Bundesverwaltungsgericht in Berlin mit dem verzwickten Fall. Es geht um die entscheidende Frage, ob die Saberskys ihre Grundstücke in den dreißiger Jahren tatsächlich, wie von den Erben behauptet, unter Zwang verkauft haben.
Restitutionsberechtigt in den neuen Ländern sind nach dem Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen vom September 1990 an Bürger, "die aus rassischen, politischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden und deshalb ihr Vermögen infolge von Zwangsverkäufen, Enteignungen oder auf andere Weise verloren haben".
Das Bundesverwaltungsgericht muß jetzt wie zuvor das Verwaltungsgericht Potsdam die genauen Bedingungen beurteilen, unter denen die Familien Sabersky und Sonnenthal, die damaligen Erben der Brüder Max und Albert Sabersky, vor der Emigration in die USA ihre Immobilien in Teltow-Seehof veräußert haben.
Die Brüder Max und Albert Sabersky gehörten zu einer seit Jahrhunderten in Deutschland ansässigen, vermögenden jüdischen Familie. 1878 hatten die beiden mit den Gewinnen ihres Bankgeschäfts und Getreidehandels das 84 Hektar große Gut Seehof erworben, dazu Grundstücke in Berlin, Berlin-Lichterfelde und Teltow.
1906 heiratete Sophie, die Tochter von Albert und Anna Sabersky, den Bankierssohn Arthur Sonnenthal aus Dessau. Die Saberskys und die Sonnenthals gehörten zur bürgerlichen Oberschicht. Ein Schwiegersohn von Albert Sabersky, Paul Mamroth, war Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der AEG in Berlin.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann der gesellschaftliche und finanzielle Niedergang. Im "Völkischen Beobachter" vom 29. März 1933 veröffentlichten die Nationalsozialisten ihren Aufruf zum Boykott jüdischer Unternehmen, jüdischer Güter, jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte. In seinem Tagebuch notierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zwei Tage nach dem Boykottaufruf voll Genugtuung: "Die Juden haben eine Judenangst."
Am 7. April 1933 erließen die Nazis das Gesetz über die Zulassung von Rechtsanwälten, wonach Juden von dem Beruf des Advokaten ausgeschlossen werden konnten. Der Rechtsanwalt und Notar Fritz Sabersky, ein Sohn von Max Sabersky, wurde postwendend arbeitslos. Der ehemalige Rittmeister der Landwehr, Träger unzähliger Orden - unter anderem des Eisernen Kreuzes 2. und 1. Klasse sowie des Ritterkreuzes 1. Klasse mit Schwertern -, bemühte sich um eine Sondergenehmigung. Zwar bekam er diese nach zähen Verhandlungen, doch nützte sie ihm nichts: Der Boykottaufruf machte die Arbeit als Anwalt für nichtjüdische Mandanten praktisch unmöglich.
Paul Mamroth begann unter dem Druck der zunehmenden antisemitischen Hetze, sich aus allen Ämtern zurückzuziehen: Er verließ die Führungsspitze der AEG, die Aufsichtsräte der Osram Gesellschaft, der Deutschen Luft Hansa AG, der Schlesischen Elektricitäts- und Gas-AG und der Heinrich-Hertz-Gesellschaft.
Am 1. Oktober 1933 traf die Familie ein weiterer Schlag. An diesem Tag trat das Reichserbhofgesetz in Kraft. Danach konnte nur Bauer sein, wer nachweislich bis ins Jahr 1800 zurück keine jüdischen Vorfahren hatte. Die Saberskys verloren mit Gut Seehof ihre letzte sichere Einnahmequelle.
Am 13. Oktober vereinbarten die Erben von Max und Albert Sabersky mit dem Berliner Makler Friedrich-Wilhelm Gloatz einen Vertrag, der die Parzellierung und den anschließenden Verkauf des Gutes Seehof festlegte. Um diesen Vertrag vor allem geht es in dem Rechtsstreit zwischen den heutigen Erben und dem Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen (LARoV) in Potsdam.
"Die Familie gehörte zu der Gruppe der unter den Nationalsozialisten verfolgten Bürger", gesteht die stellvertretende Amtsleiterin Josefine Ewers zu. Und so hat das LARoV das Herrenhaus der Sonnenthals in Teltow ebenso an die Erben zurückübereignet wie das Gutshaus Seehof und den dazugehörigen Park. "Aber die Parzellierung", so Ewers, "entstand nicht aus Gründen der Verfolgung." Deshalb weigert sich das Amt, die 850 verkauften Grundstücke herauszurücken.
Das Amt hat stets argumentiert, daß die Saberskys das Gut Seehof nie wirklich als landwirtschaftlichen Betrieb hätten nutzen wollen, sondern es von vornherein als Spekulationsobjekt erworben hätten. Auch die Bedingungen des Vertrags mit Gloatz seien, so Ewers, "keineswegs unüblich gewesen. Auch unter Nichtverfolgten hätte es keine besseren Konditionen gegeben".
Das sehen die Sabersky-Anwälte anders. Sie verweisen auf Niekammers landwirtschaftliche Grundbücher von 1929, ein offizielles Verzeichnis landwirtschaftlicher Betriebe. Darin wird Gut Seehof mit immerhin 24 Kühen, 24 Schweinen und 150 Hektar Ackerland und Gärten aufgeführt. Auch die Rolle von Gloatz ist umstritten: Der Mann, ein Bekannter der Familie Sabersky, war am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten. Er verfügte über hervorragende Kontakte zu Goebbels. Einer der Erben-Anwälte, Florian Lewens, bezweifelt deshalb, daß es sich bei dem Vertrag um ein Abkommen unter gleichberechtigten Partnern gehandelt habe. Die Erben gehen vielmehr davon aus, die Saberskys seien durch den Vertrag mit Gloatz gezwungen worden, ihre Grundstücke unter Wert zu verkaufen. Sie verweisen auch auf den Nachvertrag, den der Makler am 17. November 1938, wenige Tage nach der sogenannten Reichskristallnacht, aushandelte. Darin verlangt Gloatz "angesichts der politischen Umstände der letzten Zeit" noch mehr Geld für seine Dienste. Die Pogrome vor Augen, stimmten die Saberskys der Nachforderung zu. Die Anwälte zweifeln zudem an, daß die Familie jemals Geld aus den getätigten Verkäufen erhalten hat.
Kurz vor Kriegsbeginn flohen alle Familienmitglieder der Saberskys in die USA. Nur Ernst Sabersky tauchte in Berlin unter. Dort erlebte er auch das Ende des Krieges.
Für die Sozialistin Herrmann von der Bürgerinitiative ist die Sache klar: "Wenigen Juden ist es vergönnt gewesen, daß sie das Land auf so saubere Weise verlassen konnten. Also können sie doch nicht so ernsten Dingen ausgesetzt gewesen sein."
Peter Sonnenthal, ein Enkel von Arthur Sonnenthal, hat für die Sorgen der Bewohner von Teltow-Seehof Verständnis und versucht, sie zu zerstreuen: "Als ein Jude, der nach Deutschland zurückkehrt, will ich aus den Opfern des Kommunismus nicht erneut Opfer machen."
Sonnenthal und seine Miterben haben den Betroffenen ein Angebot gemacht: Gegen eine Abschlagszahlung können sie sich von den Ansprüchen der Erben freikaufen. Für einige Familien die letzte Rettung, da die Restitutionsansprüche seit sieben Jahren verhindern, daß sie eine Hypothek auf ihr Haus aufnehmen können. Doch andere wie Traute Herrmann halten die Offerte für eine Unverschämtheit: "Daran sieht man: Hier geht es nicht um Juden, sondern um Geld."
Für Lutz Bierbrauer ist das Ganze eine Frage des Prinzips. Seine Familie hat das Haus 1961 vom Käufer aus den dreißiger Jahren rechtmäßig erworben, und er sieht nicht ein, warum er das Eigenheim ein zweites Mal kaufen soll.
Doch auch für Peter Sonnenthal ist es eine Frage der Gerechtigkeit - und der Anerkennung, daß seine Familie von ihrem Land brutal vertrieben wurde.
Auf dem Friedhof in Teltow-Seehof gibt es ein Familiengrab der Sonnenthal-Saberskys. "Doch zwei Gräber sind leer", sagt Sonnenthal, "meine Großeltern hatten geglaubt, sie könnten in ihrer Heimat sterben. Aber ihre Geschichte in Deutschland wurde frühzeitig beendet."
CAROLIN EMCKE
Von Carolin Emcke

DER SPIEGEL 50/1998
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