19.03.2012

In den Landtag twittern

Die Piraten wollen ins Parlament, ihren Wahlkampf organisieren sie offen übers Netz. Das sorgt bei der Kandidatensuche für Zwist.
Als der Landtag das Ende von Rot-Grün besiegelt, steht Michele Marsching mit Baby auf dem Arm vor dem Fernseher und fühlt sich kalt erwischt.
Der Vorsitzende der Piratenpartei in Nordrhein-Westfalen macht gerade Elternzeit, ein Wahlkampf ist damit schwer zu vereinbaren. Marsching schnappt sich Kind und Hund und geht erst mal eine Runde Gassi. Wenig später setzt er sich ins Auto und fährt für Interviews nach Düsseldorf. "Wir sind heiß darauf, etwas zu verändern", sagt er im Auto, nun ganz Polit-Profi.
Etwa zur gleichen Zeit versammeln sich mehr als hundert Piraten bei Mumble. Das ist eine Sprachkonferenz im Internet und funktioniert ähnlich wie Skype. Das Programm dient der Partei als virtueller Konferenzraum, sogleich werden hier erste Aufgaben verteilt.
Während bei anderen Parteien die Wahlkampfzentralen hermetisch abgeriegelt werden, nutzen Piraten die Schwarmintelligenz des Internets. Die Partei fürchtet dabei nicht mal die Konkurrenz. "Es ist bekannt, dass die Opposition bei Mumble zuhört", sagt der Bundesvorstand Bernd Schlömer. Bei einer Vorstandssitzung, die unlängst live ins Netz übertragen wurde, begrüßte er auch Zuhörer der Grünen Jugend.
Es ist unter anderem diese Offenheit, die zurzeit viele Bürger zu den Piraten treibt. Seit dem Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus im September hat sich deren Mitgliederzahl in NRW um mehr als die Hälfte erhöht, 3500 Piraten gibt es dort derzeit. In Umfragen kommt die Partei auf über fünf Prozent. Auch im Saarland und in Schleswig-Holstein zieht sie womöglich in die Landtage ein. "Ich bin mir sicher, dass wir es überall schaffen", sagt Bernd Schlömer.
Die Piraten könnten sich in diesem Frühjahr als sechste Kraft in der deutschen Parteienlandschaft etablieren. Das Machtgefüge in den Parlamenten geriete so in Bewegung, schon jetzt verändert die Partei den Politikstil.
Die Euphorie ist bei den Piraten seit Tagen zu spüren, via Mumble, bei Twitter oder auf Mailing-Listen. Dort schicken sich Anhänger rund um die Uhr Nachrichten zu: Wo darf plakatiert werden? Wer gibt Interviews?
Bei Twitter tauschten Sympathisanten öffentlich Ideen für Wahlkampfsprüche aus, versehen mit dem Schlagwort #claimsfuernrw. Der Berliner Abgeordnete Christopher Lauer (Twitter-Name: "Schmidtlepp") witzelt über die Ministerpräsidentin ("Inhalte statt Kraft"). Und der Benutzer "Pille Palle" spielt mit der Tatsache, dass sich Piraten gern zur Naivität bekennen: "Wir haben keine Ahnung und davon viel!"
Was die Partei als Chance versteht, ist zugleich auch eine Gefahr. Die Piraten müssen sich noch finden, personell wie inhaltlich. Die Kandidaten sollen auf dem Parteitag am Wochenende gekürt werden. Da jedes Mitglied teilnehmen darf, entscheiden spontane Mehrheiten, wer auf die Liste kommt. "Wir sind vor Überraschungen nicht gefeit", sagt NRW-Vorstandsmitglied Kai Schmalenbach.
Allein bis Ende vergangener Woche bewarben sich rund 60 Kandidaten auf der Piraten-Website. Bekannte Gesichter suchte man vergebens. Marina Weisband, politische Geschäftsführerin und prominentes Parteimitglied, wollte nicht antreten. "Ich muss immer noch mein Diplom machen", erklärte die Studentin aus Münster. Sie wolle aber "nach Kräften" mithelfen.
Am Freitag schickten fünf Parteiaktivisten einen Brandbrief über die Mailing-Liste, in dem viele Bewerber scharf kritisiert werden. Jedes Mal, wenn bei "Deutschland sucht den Superstar" ein weinendes Mädchen in die Kamera schluchze und klage, ihre Mama habe doch gesagt, sie könne prima singen, würden sie sich schämen, heißt es in dem Schreiben. "Das gleiche Gefühl beschleicht uns bei der Durchsicht der Kandidatenliste für den Landtag."
Dort stünden 18-jährige Polit-Novizen neben Möchtegern-Karrieristen, die aus der SPD gewechselt seien. "Was in aller Welt geht in euch vor, dass ihr euch nach keinem Jahr in der Partei als Kandidaten für fünfjährige Verantwortung seht?" Sofort ergoss sich ein Schwall an Gegenkritik, im Internet Shitstorm genannt, über die Autoren. Von "Motzern" und "schlechtem Stil" war die Rede.
Ein Blick ins reale Leben der Partei zeigt, wie treffend die Kritik ist. Ratingen, Donnerstagabend, Piratenstammtisch im Café Oleander. Es sind Piloten und Werber, Flugbegleiterinnen, Theologen und Toningenieure und sehr viele IT-Berater, allesamt ohne Parlamentserfahrung. Politik betrachteten sie bislang als interessantes Spiel, nun muss jemand Verantwortung übernehmen. Aber wer?
"Wir sollten jemanden nominieren, der fehlerfreies Deutsch spricht und uns repräsentieren kann", schlägt Gabriel Heinzmann-Jiménez vor. Der 21-Jährige kündigt seine Kandidatur für den Wahlkreis Mettmann III an. Ein Bezirk bleibt in der Diskussion unbesetzt. Irgendwann hebt doch noch ein junger Mann die Hand: "Na gut, ich mach's", sagt er und fügt leise hinzu: "Ich darf nur nicht gewählt werden, sonst krieg ich echten Ärger mit meinem Arbeitgeber."
Von Sven Becker und Jörg Diehl

DER SPIEGEL 12/2012
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