19.03.2012

GEHEIMDIENSTE„Druck und Zwang: ja“

Der Ex-Spion Glenn L. Carle, 54, über Verhöre, Moral und die CIA
SPIEGEL: Herr Carle, Sie waren 20 Jahre lang bei der CIA. Was war Ihr Job?
Carle: Zum Schluss war ich stellvertretender Abteilungsleiter des National Intelligence Office for Transnational Threats, wo es um die Bedrohung der USA geht. Eine einflussreiche Stelle.
SPIEGEL: Wie ist das Leben als Spion - wie im Kino?
Carle: Die Arbeit findet oft in fensterlosen Kammern statt, Berichte schreiben, Berichte vergleichen, es ist manchmal befriedigend, aber oft nur mühsam und schwierig.
SPIEGEL: Ihr heikelster Auftrag?
Carle: Der bestand darin, einen der Top-Leute der Qaida zu verhören. Davon handelt mein jetzt erschienenes Buch.
SPIEGEL: Was für ein Mann war das?
Carle: Er war ungefähr in meinem Alter, also damals etwa Mitte vierzig. Er war sogar sympathisch. Man hatte ihn in einem Land im Nahen Osten von der Straße weg gekidnappt, im Frühherbst 2002.
SPIEGEL: "Man" hatte ihn gekidnappt?
Carle: Nein, wir, die CIA. Aber wir arbeiteten mit einem anderen Geheimdienst zusammen. Dort war unser Mann "Gast". Und ich verfüge über Sprachkenntnisse, die für ein Verhör wichtig waren. Welche, darf ich nicht sagen. Ich sollte ihn verhören.
SPIEGEL: Um was herauszufinden?
Carle: Das Übliche: Welche Pläne gibt es gegen die USA, welche Gruppen bilden sich?
SPIEGEL: Verhör heißt - Zwang, Folter?
Carle: Druck und Zwang: ja. Aber nicht Folter, das Wort wurde jedenfalls nie gebraucht. Wir sollten aggressiv und kreativ sein. Allerdings sind die Grenzen fließend, das gebe ich zu. Ich selbst habe tatsächlich nur geredet. Ich war aggressiv, aber ohne körperliche Zwangsmaßnahmen. Bei meinen Verhören zumindest war er davor sicher.
SPIEGEL: Haben Sie aus Ihrem Mann etwas herausbekommen?
Carle: Ja, es stellte sich heraus, er kannte zwar irgendwelche Qaida-Leute, war aber nicht Teil der Organisation.
SPIEGEL: Wurde er entlassen?
Carle: Nach acht Jahren.
SPIEGEL: So spät?
Carle: Ja. Ohne klare Vorwürfe. Unglaublich. Acht Jahre sind ein Siebtel seines Lebens.
SPIEGEL: Wo ist er jetzt?
Carle: In Afghanistan.
SPIEGEL: Denken Sie an ihn?
Carle: Täglich.
Glenn L. Carle: "Interrogator". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 448 Seiten; 22,95 Euro.

DER SPIEGEL 12/2012
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