19.03.2012

GESUNDHEITVertröstet und abgewimmelt

Psychisch Schwerkranke finden kaum Hilfe, weil Therapeuten lieber leichte Fälle behandeln - echte oder vermeintliche Burnout-Opfer blockieren die Praxen.
Die junge Frau wusste schon lange, dass sie Hilfe braucht. Normal ist es ja nicht, sich regelmäßig mit einem Cuttermesser in die Unterarme zu schneiden. Den Schmerz herbeizusehnen, um endlich wieder anderes zu fühlen als Leere und Einsamkeit.
Eine wie sie, dachte die Frau, bekomme sicher schnell einen Termin bei einem Psychotherapeuten. Nürnberg, ihre Heimatstadt, ist gut versorgt mit Praxen. Doch egal wo die junge Frau anrief, überall hieß es: leider komplett ausgebucht. Nach langer Suche gab sie vor einigen Tagen auf. Sie packte einen Koffer und fuhr zu einer psychiatrischen Klinik. Zu groß war ihre Angst, sich beim "Ritzen" die Pulsadern aufzuschneiden.
Was die junge Frau erlebte, ist trauriger Alltag. Menschen, die unter einer Borderline-Störung, Psychose oder einer anderen schweren psychischen Erkrankung leiden, hatten zwar immer schon Probleme, einen ambulanten Behandlungsplatz zu finden. Derzeit sei die Situation aber "schlimm wie nie", sagt Anja Link vom Verein Borderline-Trialog in Nürnberg, der die junge Frau und viele andere Borderline-Kranke berät. Betroffene würden von den Therapeuten trotz guter Behandlungschancen regelmäßig vertröstet, manche sogar abgewimmelt.
Die mehr als 18 000 niedergelassenen Psychotherapeuten in Deutschland werden überrannt von Menschen, die zum Beispiel an einem Burnout zu leiden glauben. Patienten mit weitaus gravierenderen Störungen hätten so noch weniger Chancen, im System der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung einen Behandlungsplatz zu finden, sagt Heiner Melchinger aus Hannover, Experte für psychiatrische Versorgung.
"Je kränker jemand ist", resümiert Thomas Bock, Leiter der Psychose-Ambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, "desto geringer sind seine Chancen auf qualifizierte ambulante Hilfe - in der übrigen Medizin wäre das undenkbar."
Experten beobachten, dass in den Praxen gutausgebildete Patienten mit Erschöpfungssyndrom, depressiven Episoden oder anderen vergleichsweise leichten psychischen Problemen dominieren. Die Arbeit mit ihnen ist deutlich weniger belastend für den Therapeuten, bringt aber dasselbe ein: rund 81 Euro pro Stunde.
Dass Akademiker und Wohlhabende besonders viele Behandlungsplätze belegen, hat weitere Gründe. Sie haben seltener Schwellenangst - und häufig kürzere Wege. In bürgerlichen Vierteln gibt es viele Praxen, in ärmeren Vierteln sieht es düster aus. So haben sich in der Universitätsstadt Heidelberg fast 200 Psychotherapeuten niedergelassen, mehr als im gesamten Land Brandenburg.
Während man im piekfeinen Stadtteil Hamburg-Eppendorf fast in jeder Straße einen Seelendoktor findet und nur 6 Wochen auf einen ersten Termin warten muss, haben sich die Bewohner der Hochhäuser im armen Hamburg-Wilhelmsburg laut Landespsychotherapeutenkammer fast 25 Wochen lang zu gedulden - doppelt so lange wie im deutschen Durchschnitt.
Dabei leiden Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten häufiger unter behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen. Vielen bleibt nur die Einweisung in die Klinik. Auch deshalb ist die Zahl psychisch Kranker, die stationär behandelt werden, stark gestiegen, seit 1990 um mehr als das Doppelte.
Nach dem Willen der Bundespsychotherapeutenkammer soll der Bund mehr Psychotherapeuten zulassen, um das Versorgungsproblem zu lösen. Etliche Experten bezweifeln allerdings, dass dies die Situation für Schwerkranke spürbar verbessern würde.
Es müssten auch Anreize für die Therapeuten geschaffen werden, sich fortzubilden und auf diese Weise die Berührungsängste vor Patienten mit gravierenden Störungen zu verlieren, meint der Borderline-Experte Martin Bohus vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die Arbeit mit Borderline-Patienten sollte seiner Ansicht nach besser entlohnt werden als die mit Menschen, die mit einem Erschöpfungssyndrom kommen.
Um Freiräume für Schwerkranke zu schaffen, muss laut Versorgungsforscher Melchinger ein weiterer Missstand behoben werden: Es gebe bislang kein funktionierendes Gutachtersystem, 96 Prozent aller Anträge auf Psychotherapie würden von den Kassen bewilligt.
Viele vergleichsweise leichte Probleme, die in den Praxen manchmal über Jahre aufgearbeitet würden, ließen sich nach Melchingers Meinung anders lösen - durch Selbsthilfegruppen, Sport oder autogenes Training.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 12/2012
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