Rund um Reichtum gibt es zwei Arten von Service-Industrie. Die eine liefert den Luxus; sie bestückt weltweit die Boutiquen und liefert Spielzeuge jeder Preislage: Die Birkin Bag von Hermès in Kalbsleder, das ein halbes Jahr in Erdlöchern und mit Baumrinde gegerbt wurde, kostet zwar nur einen fünfstelligen Betrag, aber man muss doch mitunter ähnlich lang drauf warten wie auf eine Lürssen-Yacht. Das Reetdachdomizil auf Sylt gibt es schneller, ebenso die Strandvilla in Palm Beach oder den 300-SL-Flügeltürer für die Mille Miglia.
Das Geschäft mit Luxusaccessoires ist eine rund 200-Milliarden-Dollar-Branche geworden und wächst weiter. Die andere, quasi die Schattenindustrie, operiert dagegen mit der Angst, diesen Luxus wieder zu verlieren. Sie lindert die Paranoia und provoziert sie zugleich, denn die Angst sitzt tief, und sie ist der Arbeitsplatz von Juristen, PR-Beratern, Ex-Polizisten, Vermögensverwaltern und Leuten wie Johanna Rothmann.
Bei der diskreten Firma Adato am Stadtrand von Hannover berät die 26-Jährige schwerreiche Mittelständler in der Erstellung von Bedrohungsanalysen. Anders als die Ackermanns oder Merkels sind Unternehmer, Erben und deren Familien meist auf sich gestellt, wenn es um Sicherheit geht.
"Wir begleiten unsere Kunden wie eine Art Supernanny", sagt Johanna Rothmann, die überall Gefahren sieht. Es kann eine linke Gruppierung sein oder eine osteuropäische Bande. Es kann um Erpressung gehen, Entführung oder einfach nur um das Finanzamt oder ein gebrochenes Herz. Das alles macht Wohlhabenden Angst.
Adato erstellt seinen Kunden auf Wunsch Psychoprofile jeder Zugehfrau und empfiehlt, Personal auch mal präventiv auszutauschen. Gefühle stören nur. Wenn wirklich was passiert, müsse gerade das reiche Opfer durchaus damit rechnen, von der Polizei schlechter behandelt zu werden, sagt Rothmann. Spektakuläre Attacken seien nicht so sehr das Problem wie erschlichenes Vertrauen: "Kriminelle versuchen sich zum Teil über Jahre an Unternehmer heranzumachen. Sie infiltrieren das Umfeld und gaukeln Zuneigung vor", sagt Supernanny Rothmann.
Obwohl sie den Namen nicht erwähnt, hat man bei ihren Analysen doch schnell das Gesicht von Susanne Klatten vor Augen, BMW-Großaktionärin, Spross der mächtigen Quandt-Familie, scheue Milliardärin - und vor vier Jahren Opfer eines Erpressers. Zwischen "Energy Cuisine" und Beauty-Zentrum war sie im exklusiven Lanserhof bei Innsbruck dem Schweizer Gigolo Helg Sgarbi verfallen, der für die anschließende Erpressung noch immer eine sechsjährige Haftstrafe verbüßt.
Was Klaus Zumwinkel für die Steuertrickser unter Deutschlands Reichen wurde, ist die Milliardärin für alle Frauen mit mehr oder weniger ausgeprägten Vermögen geworden - eine Warnung unter dem Motto: Trau niemandem!
"Vor allem Reiche, die schon in wohlsituierte Familien hineingeboren worden sind, können wirklich sehr weltfremd sein", sagt Johanna Rothmann tadelnd. Vielen fehle der Austausch mit anderen Menschen, weil sie aus Sicherheitsgründen sehr zurückgezogen leben. Man muss das jetzt vielleicht nicht verstehen, denn Frau Rothmann sieht ihre Aufgabe ja gerade darin, Misstrauen zu kultivieren und im Zweifel jeden Fitnesstrainer zu scannen. Aber Reiche wünschen sich offenbar nichts sehnlicher als solche Berechenbarkeit.
"Der Zufall ist das Letzte, was unsere Kunden mögen", sagt Marion Aliabadi, die in Münchens Brienner Straße seit zehn Jahren ein Büro für Luxusreisen betreibt. Wenn es sein muss, wird auch das Lieblingsfutter des Hundes ans Urlaubsziel geflogen. Alles bei Frau Aliabadi ist individuell organisiert. "Unsere Kunden haben allesamt keine Zeit", sagt sie. Also webt ihnen die Expertin eine Art mobilen Kokon.
"Es herrscht da eine große Einsamkeit", sagt Karin Berger, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil sie bei einem großen Reiseunternehmen für die Superkunden zuständig ist. Frau Berger meint Leute, die für einen zweiwöchigen Urlaub 100 000 Euro und mehr ausgeben können. "Wer auf seine Ferien spart, ist ja nicht reich", sagt sie. Ihre Klientel habe geradezu einen "Anspruch darauf, kompliziert zu sein".
Auch Karin Berger macht alles möglich. "Es gibt in dieser Schicht ein großes Weltinteresse", sagt sie, "aber es gibt auch eine große Isolierung. Die wollen eigentlich niemanden kennenlernen."
Frau Berger nutzt ein großes Wort für das, was ihr mitunter entgegenschlägt: "Trauer", sagt sie. Es klingt nach Melancholie angesichts einer Leere, die Geld nicht füllen kann.
DER SPIEGEL 12/2012
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