19.03.2012

SYRIENDas Mafiakartell

Vergebens hofft die internationale Diplomatie auf ein Einlenken von Diktator Baschar al-Assad. Dessen Militärmaschine walzt ganze Stadtviertel nieder, trotzdem weitet sich der Aufstand aus.
Was einer der Regimegegner in Duma, dem größten Vorort von Damaskus, jüngst erlebte, dürfte zu den bizarrsten Wortwechseln im Krieg des Baschar al-Assad gegen sein Volk zählen.
Der Aktivist kam mit einem sehr jungen Soldaten aus dem Osten des Landes ins Gespräch: "Der nahm nach langem Zögern ein Sandwich und staunte, dass jemand Arabisch mit ihm sprach. Er fragte, wo er sei und war völlig baff, als er erfuhr: in Damaskus. Sein Offizier hatte ihm gesagt, sie würden nach Israel gehen, um gegen die Zionisten zu kämpfen. Aber dann hatte er sich gewundert, wieso Israelis Arabisch mit syrischem Akzent sprächen."
Präsident Baschar al-Assad hält seine Soldaten in Unwissenheit. Um sie am Überlaufen zu hindern, werden sie vor allem in den riesigen, verarmten nördlichen Vororten der Hauptstadt alle paar Tage verlegt - ohne Handy und ohne zu wissen, wo sie sind. Kaum verpflegt, oft seit Monaten unbezahlt und völlig erschöpft, nehmen viele die Brotspenden der Bewohner an und immer wieder dann doch das diskrete Angebot zum Überlaufen.
Nach Homs, Idlib und Aleppo breitet sich auch in der Hauptstadt Damaskus Endzeitstimmung aus. Der Aufstand hat die Ränder der Innenstadt erreicht, Mezze im Westen, Kafr Susa im Norden. Nachts sind Schüsse und Explosionen zu hören. Jeder wisse, sagt ein Geschäftsmann, der in die jordanische Hauptstadt Amman geflohen ist, dass es zu Ende gehe: "Aber wie lange wird es noch dauern? Einen Monat? Ein Jahr?"
Der Krieg in Syrien ist ein Krieg mit gegenläufigen Tendenzen. Einerseits nimmt die Militärmaschine des Regimes Stadt um Stadt ein, nach Baba Amr nun Idlib im Norden, im Süden greift sie Daraa an. Mit Panzern und Artillerie werden Wohnviertel beschossen. Hingerichtete mit Kopfschüssen, Leichen mit ausgestochenen Augen, erschlagene Kinder wurden gefunden.
Die Grenzen zum Libanon und zur Türkei werden vermint, Fliehende verstümmelt oder getötet. Ein gerade erschienener Bericht von Amnesty International listet 31 Methoden der Folter auf, Stromstöße, Vergewaltigungen, den "deutschen Stuhl" zum Überdehnen und Brechen von Gelenken.
Auch nach 8000 Toten, so die zurückhaltende Uno-Schätzung, scheuen die USA, Europa, die Türkei und arabische Staaten vor mehr als Sanktionen und harten Worten zurück, solange Russland und China im Weltsicherheitsrat jede Resolution gegen Syrien blockieren. Keine Militärintervention, keine Waffenlieferungen an die Rebellen.
Andererseits lässt der Aufstand nicht nach, sondern weitet sich aus. Entgegen der Annahme, dass die kümmerlich bewaffnete "Freie Syrische Armee", die FSA, mit jeder Niederlage geschwächt werde, können Assads Truppen weite Teile des Landes nur noch mühsam in Schach halten. Baba Amr, ein Vorort von Homs, konnte von drei Seiten unter Beschuss genommen werden. Die großen sunnitischen Viertel der Innenstadt aber sind weitgehend in der Hand der Rebellen. Auch in Aleppo, der lange ruhigen Handelsmetropole im Norden, kommt es mittlerweile täglich zu Protesten.
Die Ankündigung der syrischen Regierung, am 7. Mai Wahlen abhalten zu wollen, ist purer Bluff. Das Herrschaftskollektiv aus Familie Assad und ein paar Generälen wiederholt die Politik des Dynastiegründers: Auch Hafis al-Assad hatte nach seinem Putsch 1970 mehr Demokratie versprochen und eine neue Verfassung verabschieden lassen. Als Ende der siebziger Jahre der Widerstand zunahm, ließ er drei Jahre lang Städte belagern und beschießen, ganze Dörfer niedermachen, Hunderte Gefangene hinrichten. Fast nichts davon drang damals an die Öffentlichkeit im Rest der Welt, erst die brutale Zerstörung der Altstadt von Hama 1982 wurde bekannt. Danach war Friedhofsruhe. Bis vor einem Jahr.
In ihrer offenkundigen Hilflosigkeit tut die westliche Welt derzeit so, als habe Diplomatie noch eine Chance. Doch Uno-Sonderbotschafter Kofi Annan wartete vergangenen Freitag noch immer auf eine Antwort aus Damaskus. Es sei "ein grundlegendes Missverständnis", die syrische Diktatur nach den Maßstäben einer normalen Regierung zu betrachten, formuliert es vorsichtig einer der wenigen in Damaskus verbliebenen europäischen Botschafter. Das Regime gleiche vielmehr einem Mafiakartell, das mit allen Mitteln sein Revier verteidigt.
"Willkommen in Assads Syrien", begrüßte bis vor kurzem ein Schild am Damaszener Flughafen die Ankömmlinge, und genau das ist es: ein Land, dessen führende Familie sich benimmt, als gehöre es ihnen. Alle Branchen, legale und illegale Geschäfte werden direkt oder indirekt von Familienmitgliedern kontrolliert - würde das Haus Assad untergehen, wäre das der Ruin für die Alawiten insgesamt, aus deren Reihen mittlerweile sämtliche Schlüsselpositionen besetzt worden sind.
"Bi ajj tarik", mit allen Mitteln, sei der Aufstand niederzuschlagen, heißt es immer wieder in Befehlen, von denen übergelaufene Soldaten und Offiziere berichten und die unlängst selbst im gehackten E-Mail-Verkehr von Baschar al-Assad auftauchten.
Den Wegfall aller Hemmungen illustriert auch der Wiederaufstieg zweier Cousins des Präsidenten, deren kriminelle Energie selbst Hafis al-Assad einst zu weit gegangen war: Fawas und Mundhir al-Assad, die Söhne von Hafis' unauffälligem Bruder Dschamil, hatten sich in den neunziger Jahren mit der Macht ihres Namens ein Mafiareich in der nördlichen Hafenstadt Latakia aufgebaut. Sie kontrollierten den Waffen- und Drogenhandel sowie die Einschleusung vor allem russischer Prostituierter nach Syrien.
Ihre Schmuggler und Schlägertrupps firmierten schon damals unter dem Namen "Schabiha", Geister, unantastbar für Polizei und Geheimdienste. Augenzeugen aus Latakia erinnern sich an Auftritte der beiden: wie Mundhir einen Verkehrspolizisten, der ihn stoppen wollte, mit der Waffe bedrohte und dann mit einem Kleenex-Tuch das Auto putzen ließ oder wie Fawas im edelsten Fischrestaurant der Stadt ein ungeputztes Glas sah und um sich schoss.
In den Anfangsjahren von Baschars Herrschaft galten die beiden Paten mit Kurzhaarschnitt und Faible für Sonnenbrillen als schwarze Schafe der Familie. Heute nicht mehr. Ihre Schabiha-Milizen sind zu Garanten des Grauens geworden, die prügeln, morden, vergewaltigen und plündern dürfen. Mehr noch als der Tagessold von umgerechnet 40 Dollar hat die Blanko-Ermächtigung zu Gewalt und Bereicherung ihre Reihen um Zehntausende vergrößert. Es handelt sich vor allem um Alawiten, aber auch Sunniten und Drusen, während es in den kurdischen Gebieten Kader der PKK sind, die Demonstrationen zusammenprügeln.
Assads Regime hat ein Monster herangezüchtet, das seiner Kontrolle entgleitet. Immer rascher verliert das syrische Pfund an Wert und treibt damit die Machthaber zur Fortsetzung der Gewalt: Sobald die Schabiha nicht mehr bezahlt werden können, bleibt nur, weitere Städte angreifen zu lassen, um Möglichkeiten zum Plündern zu schaffen.
Auch innerhalb der Geheimdienste, die komplett von alawitischen Offizieren geführt werden, zersetzt Gier das politische Kalkül: Erst wurden gelegentlich gefangene Demonstranten und Aktivisten gegen Lösegeldzahlungen freigelassen.
Mittlerweile landen nach Aussagen von ehemaligen Mithäftlingen Geschäftsleute in den Kerkern vor allem des Luftwaffengeheimdienstes nicht etwa deswegen, weil sie opponiert haben, sondern weil ihre Angehörigen horrende Summen aufbringen können, sie wieder freizukaufen.
Syrien ist dabei, in einem Alptraum zu versinken, der allen gegenwärtigen Gräueln zum Trotz gerade erst begonnen hat. Es gibt kein Zurück mehr, für keine Seite: Assads Regime muss die Rache seiner Opfer fürchten, würde es nun Schwäche zeigen. Die Aufständischen aber fürchten ihre Vernichtung, sollte das Regime die Lage wieder unter Kontrolle bringen.
"Es ist Mengenlehre", sagt Abd al-Bari, ein verletzter religiöser Kämpfer aus Homs, der jetzt in einem Krankenhaus im nordlibanesischen Tripoli behandelt wird: "Wir sind 18 Millionen Sunniten gegen ihn. Die muss Assad alle töten. Sonst werden wir siegen und ihn und seine Schergen umbringen." ◆

DER SPIEGEL 12/2012
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