14.12.1998

PSYCHIATRIE Irrfahrt in den Knast

In den USA werden viele psychisch Kranke nicht in Kliniken behandelt, sondern von der Straße weg verhaftet und in Gefängnissen verwahrt - Opfer eines heillosen Drehtürsystems.
Die Schläfer liegen im kalkigen Licht, ihre Leiber in weiße Laken gehüllt. Sie haben sich, jeder für sich, in einer gläsernen Zelle verpuppt wie Schmetterlingslarven. Gekrümmt, starr und still.
Ihr Kokon aus Decken ist nur millimeterdünn, aber kostbar. Nichts sonst in den nackten Räumen könnte die Schlafenden schützen vor den Blicken und den Neonlampen, die nie verlöschen. Der lange Flur im vierten Stock von Turm 2 ist der Sichtbarkeit gewidmet.
Das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Die da so ruhig schlafen, heißt es, könnten jederzeit töten - wenn man sie nicht isoliert, überwacht und mit Pillen zur Ruhe legt. Die Menschen hier gelten als unberechenbar, weil krank im Kopf: schizophren, depressiv, paranoid. Doch dies hier ist nicht die psychiatrische Abteilung einer Klinik. Die Kranken sind Häftlinge im Untersuchungsgefängnis von Los Angeles.
Die Zwillingstürme ("Twin Towers") von Los Angeles haben sich mit 2100 inhaftierten Patienten zur größten psychiatrischen Verwahranstalt Amerikas entwickelt. In Kalifornien wie in den meisten anderen US-Staaten landet, wer an Geist oder Seele erkrankt, mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann im Knast.
Auch wenn es im vierten Stock des Häftlingsturms keine Gitter gibt - der dunkle Kontrollraum mit seinen Monitoren verrät die Bestimmung dieses Ortes: Hier überwachen Sheriffs das Leiden. Große Schilder warnen die Kontrolleure: "Potentiell gewalttätig" steht an Scotts Tür wie an einem Hundezwinger. "Nur in Anwesenheit eines Sicherheitsbeamten öffnen!" Der Zettel an Bills Zelle teilt mit, daß er ein "Spucker" sei.
Alle 15 Minuten patrouilliert ein Pfleger und prüft, was die Häftlinge tun. Seine Beobachtungen notiert er als Kennziffern auf einer Liste. 14 bedeutet "Hämmert an der Tür", in den meisten Fällen aber zeugen lange Kolonnen von Zweien dagegen vom Dauerdämmern der Kranken.
"Wir sind wieder da gelandet, wo wir vor 150 Jahren schon einmal waren", klagt Fuller Torrey, Psychiater am National Institute of Mental Health in Maryland. Wie damals werden die Gefängnisse in den USA als Aufbewahrungsanstalten für psychisch Kranke mißbraucht, die Leidenden so kriminalisiert.
Doch nie hatte das Problem solche Ausmaße angenommen. Denn niemals wurden in den Vereinigten Staaten so viele Menschen eingesperrt wie heute. Die Gefängnisse des Landes bersten beinahe - und mit dem wachsenden Zustrom neuer Insassen kommen auch immer mehr Kranke: Von den insgesamt 1,8 Millionen Häftlingen in den USA leiden 200 000 an einer schweren psychischen Störung. Allein 20 000 stecken in kalifornischen Untersuchungsgefängnissen; die Twin Towers von Los Angeles beherbergen 1700 Männer und 400 Frauen, die geistig und seelisch krank sind.
Eine davon ist Starle, die Dunkellockige, die als einzige nicht still sein will in ihrem Glaskasten - der Gefängniswärter muß sich bei seinem Rundgang entscheiden zwischen der Kennziffer für Weinen und der für Schreien. "Mum, Mum, Mummy!" jammert sie, "Daddy!" stöhnt sie, und dann denselben Refrain der Verzweiflung immerfort in allen Variationen menschlichen Stimmvermögens.
Auf der Pritsche liegend, hat sie den Kopf in den Nacken gedrückt, ihr freier Arm rudert im Leeren. Der magere Körper vibriert in seinen Fesseln, handbreiten Manschetten aus schwerem Leder, wie man sie früher für die Geschirre von Ackergäulen verwandte. Sie ketten Starle ans Eisengestell.
"Hier geht es vielen Kranken noch besser als anderswo", sagt Richard Kushi, Direktor der psychiatrischen Abteilung in Twin Towers. Die Alternative für die meisten der inhaftierten Patienten bleibt nur die Straße.
Dort gibt es keine Medikamente und keine Ärzte, nur Dreck und Wut und Kälte. Wer keine Familie hat, die ihn rund um die Uhr betreuen kann, wer kein Geld besitzt für die Eintrittskarte in eine elegante Privatklinik, der klaubt sich sein Abendbrot aus dem Abfall-Container hinterm Touristencafé: Mindestens ein Drittel der Obdachlosen in den USA, so die Schätzung von Ärzten und Streetworkern, leidet unter manischer Depression oder Schizophrenie.
Auf der Straße ist es leicht, im Wahnsinn zu wohnen. Unter den Brücken ist es schwer, den Stimmen von innen zu entfliehen. Es gibt keine Möglichkeit, den Druck im Kopf auch nur für kurze Zeit loszuwerden. In der Gosse liegt es nahe, ein Verbrechen zu begehen.
Starle und die anderen in den Zwillingstürmen haben gemordet, geklaut, Drogen genommen oder sind einfach nur mal richtig ausgeflippt. Und viele, vor allem Frauen, haben versucht, sich selbst zu töten. Richard Kushi und die Sheriffs sammeln diese Art von Täterinnen in einem gesonderten Trakt: zwei Zellenreihen übereinandergebaut, oben eine Galerie davor, unten ein Gemeinschaftsraum.
Eine bruchsichere Glaswand trennt diese Welt vom Draußen, wo sich die Wächter aufhalten. Vom dunklen Kontrollraum aus können sie den "Selbstmord-Mädels" besser beim Liegen und Sitzen, beim Weinen und Duschen zugucken. Statt der üblichen gelben Hemden und blauen Hosen - so kleidet die Gefängnisbehörde sonst den Wahnsinn - haben die Suizid-Frauen weite Kittel an, ohne Gürtel, Ärmel, Hosenbeine. Sie dürfen auch nicht die graugewaschenen, von der Abnutzung rauhen Polyester-Büstenhalter tragen, und Handtücher bekommen sie nur ausgehändigt, wenn kollektive Duschzeit ist. "Nur das Geländer an der Galerie", sagt der Wachmann, "bleibt ein Problem."
Jetzt sieht, wer durch die Glasmauern des County Jail blickt, das Ergebnis einer Entwicklung, die in den sechziger Jahren mit der sogenannten Deinstitutionalisierung begann. Damals wurde auch in den USA eine große Zahl von öffentlichen psychiatrischen Anstalten dichtgemacht - der Geist der Zeit legte es nahe. Man befreite die Schwarzen, entdeckte die Frauenrechte und holte die Andersartigen aus den - oft unmenschlichen - Bedingungen ihrer Isolation, um sie in die Gesellschaft zu integrieren.
Außerdem machten die damals aufkommenden Psychopharmaka die Irren behandelbar. Und schließlich: Die Krankenhäuser kosteten viel Geld.
Von 560 000 Psychiatrie-Betten in den USA im Jahre 1955 sind heute weniger als 70 000 übrig. Gemeindeeinrichtungen und Ambulanzen für Krisenfälle sollten die Entlassenen auffangen; die Regierung ließ massenhaft Psychiater, Psychologen und Sozialarbeiter ausbilden.
Doch in den Gemeindeeinrichtungen beschäftigte man sich lieber mit den leichteren Fällen, und die Psychiater ließen sich bevorzugt in Vierteln und Städtchen nieder, in denen sich betuchte Kundschaft auf ihre Couch legte.
So blieben die meisten psychisch Kranken vor der Tür. Ungefähr die Hälfte von ihnen warf zudem die neuen Medikamente in den Gully. Von 3,5 Millionen Menschen, die in den Vereinigten Staaten als manisch-depressiv oder schizophren diagnostiziert worden sind, werden 1,4 Millionen nicht behandelt.
In den Zeitungen können die Amerikaner lesen, wie sehr das Problem der umherirrenden Psychotiker sich zugespitzt hat: Sowohl Theodore Kaczynski, der Una-Bomber, als auch Russell Weston, der am 24. Juli im Washingtoner Kapitol zwei Polizisten erschoß, leiden unter Schizophrenie. Beide nahmen ihre Medikamente nicht. Schätzungen besagen, daß jährlich tausend Morde in den USA von psychisch Kranken verübt werden.
"Die Deinstitutionalisierung war eine wunderbare Idee", sagt Psychiater Torrey, "von wohlmeinenden Leuten ersonnen, aber sie endete in einer mittelschweren bis schweren Katastrophe." Einer der Gründe dafür sei, daß zu jener Zeit noch zuwenig Forschung zum Thema betrieben worden sei. "Der Idee lag political correctness zugrunde", glaubt Torrey, "nicht aber wissenschaftliche Erkenntnis."
Der Entlassungsschein, mit dem die Verwirrten das Krankenhaus verließen, war in vielen Fällen das Ticket für eine endlose Reise, die im Kreis verläuft. Sie beginnt auf der Straße und führt von Verhaftung zu Verhaftung, zu Beginn meist wegen geringfügiger Delikte. Es reicht, sich in der Öffentlichkeit zu entkleiden, an eine Hausecke zu pinkeln oder Leute in der Fußgängerzone anzusprechen. Durchschnittlich für 45 Tage müssen die Kranken hinter Gitter - für Taten, die sie begehen, weil sie krank sind.
Eine Frau mit einer schizoaffektiven Störung aus New Mexico beispielsweise arrangierte die Waren in den Supermarkt-Regalen neu. Sie glaubte, sie sei dort angestellt. Als der Abteilungsleiter und ein Polizist sie rauswerfen wollten, schlug sie um sich. Ein manisch-depressiver Mann aus Oregon klaute eine Motoryacht vom Steg und fuhr damit auf dem See herum, bis der Treibstoff zu Ende ging. Beliebt unter den Obdachlosen ist auch das sogenannte Dine and Dash: Essen gehen im Restaurant und dann abhauen.
Die Täter landen auch deshalb im Knast, weil es den Krankenhaus-Psychiatern verboten ist, sie aufzunehmen. Nur in allerschwersten Fällen dürfen in den USA psychisch Kranke ohne ihre Zustimmung behandelt werden.
Auch dieses Gesetz kam mit der Deinstitutionalisierung; doch so menschenfreundlich es gedacht war, so sehr liegt auch der Widersinn auf der Hand: Wie soll sich ein rasender, von tausend Dämonen Gequälter kühlen Kopfes für oder gegen eine Therapie entscheiden? Wenn er wirklich dazu in der Lage ist, weisen ihn die Krankenhaus-Ärzte ab - dann scheint er ihnen nicht krank genug, um einer Behandlung zu bedürfen.
So geraten die Verwirrten von Los Angeles beinahe unweigerlich irgendwann in das riesige Aufnahmezentrum der Twin Towers. 800 bis 1000 neue Häftlinge werden hier jeden Tag neu eingeschleust, zwischen 50 und 150 sind psychisch Kranke, wie Richard Kushi schätzt.
All diese "Körper", wie die Insassen im Wächterjargon heißen, werden durch die weiten Betongänge von Station zu Station ihrer Erniedrigung getrieben. Nachdem man sie fürs Verbrecherfoto an die graue Wand gestellt, in die Schlange am Fingerabdruck-Tresen eingereiht und ihnen ein Armband mit Strichcode umgelegt hat, schlurfen sie in die Ausziehhalle.
Völlig nackt, aufgereiht auf edelstahlkalten Bänken, warten sie darauf, durch die Duschen geschleust zu werden. Am Ende, bevor ihre Lungen zur Tuberkulose-Erkennung geröntgt werden, können die Kranken mit einem Gefängnis-Psychiater sprechen. Die Aufnahme ist hier Minutensache.
Je nach Schwere des Falls bringen die Wärter die als psychisch krank Identifizierten in die entsprechende Männer- oder Frauenabteilung, in den Selbstmord-Trakt oder eben, wie Starle, Bill, Scott und die anderen, in die Vitrinen von Turm 2, vierter Stock.
Von da an spinnen sie sich in die weißen Decken ein und entfliehen der Sichtbarkeit, bis sie wieder auf die Straße entlassen werden und ihre Irrfahrt im Kreis von neuem beginnt.
RAFAELA VON BREDOW
Von Bredow, Rafaela von

DER SPIEGEL 51/1998
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