26.03.2012

FERNSEHENSabas Revier

In einer Kabuler Polizeistation will eine afghanische Regisseurin eine TV-Serie drehen. Ihr Held ist ein korrekter Kommissar. Der Krimi soll das Bild eines neuen Landes zeichnen - gedreht wird aber in der Wirklichkeit.
Ich hasse Dreck und Unordnung", sagt der General und beobachtet die Frau, die frierend im verschneiten Hof steht.
"Sie bringt Unruhe in meinen Kopf", sagt der General und tippt an seinen Schädel, als tobte darin bereits der Wahnsinn. Der General, seit vier Jahren Kommandeur einer Kabuler Polizeistation, Zone 101, trägt eine schwarze Uniform, der Gürtel mit Pistolentasche hängt hoch oben, über dem massigen Bauch, kurz vor der Brust.
Die Frau dort draußen heißt Saba Sahar und ist für Dreharbeiten in die Polizeistation gekommen. Sie geht ein paar Schritte in hohen schwarzen Stiefeletten, der General schaut ihr hinterher, als wäre sie von einem fernen Planeten herabgestiegen: Der Pelzmantel, den sie trägt, die glänzenden Stiefeletten, auf dem Kopf das pinkfarbene Tuch, darüber die Sonnenbrille festgesteckt, die Augenlider brüllend hellblau geschminkt, die Augen schwarz umrandet, die tätowierten Brauen nachgezogen, die Gesichtshaut bleich gecremt, die Lippen knallrot, im rechten Nasenflügel ein Piercing - so eine Afghanin sieht man nicht in den Straßen von Kabul. Eine Mischung aus Nina Hagen, Angelina Jolie und Osteuropa.
Saba Sahar ist Regisseurin und eine der bekanntesten Schauspielerinnen Afghanistans, was, wie sie selbst sagt, nicht schwer ist, weil es im Land kaum Schauspielerinnen gibt. Die meisten werden im Ausland gebucht, in Pakistan oder in Iran, sie werden exportiert wie seltene Früchte. Schauspielerinnen haben keinen guten Ruf in Afghanistan. Nicht viel besser als der einer Hure.
Saba Sahar kratzt prüfend mit den Absätzen ihrer Stiefeletten über die Schicht aus Schnee und Eis, die den gesamten Hof bedeckt. Auf minus 15 Grad fielen die Temperaturen in der Nacht. Jetzt, mittags, ist es kaum wärmer. Saba Sahar arbeitet trotzdem, sie muss. Mit dem Drehplan ist sie zwei Wochen im Verzug, sie hat bereits mehrere tausend Dollar verloren, und Schauspieler sind auch schon abgesprungen. Das Projekt kippelt. Die Heldengeschichte, die sie erzählen will.
Die Heldengeschichte geht ungefähr so: In Kabul ermittelt ein Polizeikommissar. Er ist jung, hält sich an das Gesetz, nein, er liebt das Gesetz. Er nimmt kein Schmiergeld, bedroht nicht, foltert nicht, schützt die Frauen und achtet die Menschenrechte. Er jagt Mörder, Attentäter, korrupte Beamte. Er ist der beste Kommissar, den Afghanistan je hatte. Der gute Bulle von Kabul, ein Freund und Helfer.
Der Kommissar, das ist ein weiterer Clou, hat auch eine Chefin. Eine Oberpolizistin namens Malalai. Schön, klug, unbestechlich. Für den Kommissar ist das gar kein Problem, weil er Frauen achtet und an die Gleichberechtigung glaubt.
Das ist also endlich mal eine schöne Geschichte aus Afghanistan: Aufbruch, Fortschritt, Rechtsstaatlichkeit, Frauenrechte - alles drin. Ein Fernsehkommissar aus Kabul, der all das verkörpert, wofür der Westen seit über zehn Jahren oft vergebens Soldaten, Berater und Geld ins Land schickt. Keine schlechte Idee.
Vermutlich dachte sich das auch Harald Händel, als ihm Saba Sahar vor ein paar Monaten ihr Fernsehprojekt erläuterte, auf der Suche nach Geldgebern. Händel wohnt wieder in Berlin, war aber bis Ende vergangenen Jahres der Pressesprecher von Eupol, der Europäischen Polizeimission in Afghanistan. Händel sagt, ihm habe eine Art "CSI Kabul" vorgeschwebt, ein moderner Krimi, der Werbung macht für die afghanische Polizei und den Rechtsstaat. Bildungsfernsehen gewissermaßen. Saba Sahar sagt, sie habe eher an Kommissar Cattani aus der Krimiserie "Allein gegen die Mafia" gedacht. Aber letztlich wollte man das Gleiche: die Bevölkerung von der Gesetzestreue und Zuverlässigkeit der Polizei und des Staats überzeugen. Es war Zeit für ein Vorbild. Für einen aufrechten Cop.
Harald Händel kümmerte sich fortan um die Finanzierung der Serie und holte die Deutschen mit ins Boot. Saba Sahar ließ Drehbücher schreiben und fand einen schönen Namen: Kommissar Amanullah. Angelehnt an Amanullah Khan, König Afghanistans, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Unabhängigkeit von den Briten erstritt. So sollte die Serie heißen.
Saba Sahar blättert mit kalten Fingern durch das Drehbuch. Für das Filmteam gibt es hier keine Heizung, keinen Raum zum Aufwärmen. Sie dürfen ja nicht mal ihr Auto, einen alten Van, auf den Hof fahren und sich hineinsetzen.
"Vorschriften", sagt der General.
"Ich bin fertig. Total am Ende", sagt Saba Sahar.
Sie könnte heute auch ein paar Innenszenen drehen, in der warmen Polizeistation. Das wäre für alle das Beste. Aber auch das darf sie nicht. "Der General sagte am Telefon, er bricht mir die Beine, wenn ich einen Schritt in das Gebäude setze", sagt Saba Sahar.
Mitte Dezember 2011 unterschrieb sie den Vertrag. 20 Folgen "Kommissar Amanullah" würde Saba Sahar für das afghanische Staatsfernsehen produzieren. Eupol verpflichtete sich, das Projekt politisch zu unterstützen, und das deutsche Auswärtige Amt würde alles bezahlen. Rund 270 000 Dollar. Schließlich ging es um eine Art Volksbildungsprojekt. Händel schickte schnell eine Pressemitteilung in die Welt: "Ein Nebeneffekt dieser nicht nur spannend unterhaltenden, sondern auch pädagogisch wirkenden TV-Serie: Der Beruf des Polizisten wird als attraktiv, spannend und angemessen bezahlt dargestellt und soll so das Interesse am Polizeiberuf steigern. Kommissar Amanullah und seine Kollegen und Kolleginnen werben in jeder Folge durch ihre engagierte, professionelle Arbeit für eine moderne afghanische Polizei."
Natürlich kennt Saba Sahar die Wirklichkeit dort draußen. Ein afghanischer Polizist, einfacher Dienstgrad, wird acht Wochen ausgebildet. Dann geht er auf die Straße. Er bekommt gut 200 Dollar im Monat für einen der gefährlichsten Jobs der Welt. Rund 1400 Polizisten starben 2011 im Dienst. Fast 4 pro Tag. Ein afghanischer Polizist kann oft nicht lesen und schreiben. Wie soll er die Gesetze kennen und befolgen? 50 Prozent aller Polizisten sind mehr oder weniger Analphabeten, und kaum eine Institution in Afghanistan gilt als so korrupt wie die ANP, die Afghan National Police.
Kommissar Amanullah, das war Saba Sahar klar, würde also eine Art Märchenheld sein. Aber vielleicht brauchte Afghanistan ja genau das. Eine Inspiration.
Das erste Problem, sagt Saba Sahar, bestand darin, eine Location zu finden. Kommissar Amanullah sollte eine echte Uniform tragen, echte Waffen, echte Polizeiautos fahren und in einer echten Kabuler Polizeistation arbeiten. Leider waren die Polizeistationen, die Saba Sahar besuchte, schäbig, dunkel und schlecht ausgestattet. Man hätte dort einen trüben Dokumentarfilm drehen können. Aber keine Fernsehserie über einen modernen afghanischen Ermittler. Nicht "CSI Kabul".
Irgendwann stand Saba Sahar in der Polizeistation, Zone 101, unweit der Ruine des Königspalasts. Die Räume waren neu, im Hof parkten blitzend grüne Ford-Pick-ups. Die Polizisten trugen vollständige Uniformen und wirkten nicht wie Straßenräuber. Hier sollte es sein.
Die ersten Tage verliefen ohne Vorkommnisse. Sie drehten im Hof von Polizeistation 101, drinnen richteten sie zwei Räume her, die das Büro von Kommissar Amanullah waren. Die Filmcrew kam am Morgen und ging am Abend. Aber nach ein paar Tagen blieb das Tor plötzlich zu. Saba Sahar stand mit dem Team vor der hochgesicherten Polizeistation - man ließ sie erst mal nicht mehr hinein.
Vielleicht morgen, sagte der General.
Sie kamen wieder, am nächsten Tag.
Das Tor blieb zu. Verschwindet, sagte der General und ließ das Filmteam stehen wie einen Haufen Bettler.
Saba Sahar hatte Genehmigungen. Sie hatte sogar einen Befehl dabei - ausgestellt vom Afghanischen Innenministerium, gerichtet an General Ahmed Fahim Qayem, Kommandeur der Polizeistation, Zone 101. Aber es war nur Papier.
Wenn man sich beschweren wolle, bitte, sagte der General. Aber er habe Einfluss. Er werde das Auto der Filmcrew anhalten und durchsuchen lassen. Und dann werde er was finden. Drogen zum Beispiel. So erzählt es Saba Sahar.
Eigentlich müsste man ein "Making-of" drehen, sagt sie. Die Hintergründe der Serie, die Geschichte der Dreharbeiten. Beine brechen, Drogen im Auto - wie viele Regisseure bekommen das zu hören? Von einem Polizisten.
Saba Sahar ruft dem Kameramann ein paar Anweisungen zu. Dann geht sie über den vereisten Hof zum Hauptdarsteller, zu Kommissar Amanullah.
"Du musst lauter brüllen", sagt Saba Sahar. "Du bist der Chef. Du musst deinen Männern Befehle geben wie ein echter Polizist. Marsch, marsch!", ruft Saba Sahar und gibt ein Beispiel. "Marsch, marsch", sagt Kommissar Amanullah leise und wackelt unsicher mit den Armen.
Der Kommissar wird gespielt von Emal Zaki. Leider ist Zaki kein gelernter Schauspieler, sondern autodidaktischer Kameramann. Aber Zaki ist jung, 28 Jahre, und hat ein gutes, freundliches Gesicht. Das muss reichen für einen Kommissar, der jung, korrekt und gut ist. Vor allem aber macht Emal Zaki keinen Stress. Das ist sein größtes Talent. Er akzeptiert Saba Sahar - als Frau, Regisseurin und Boss. Von solchen Männern gibt es vermutlich nicht viele in Afghanistan.
Zaki ist auch Saba Sahars Geschäftspartner bei "Saba Film", einem Unternehmen, das in zwei kleinen Zimmern in einem heruntergekommenen Kabuler Geschäftshaus untergebracht ist. Zaki ist ihr Hausnachbar, ihr Vertrauter, er kennt jeden Teil ihres Lebens, das für afghanische Verhältnisse so außergewöhnlich ist, dass es eigentlich selbst als Filmstoff taugt.
Als die Probleme mit dem General begannen, schickte Saba Sahar erst mal Zaki vor. Emal Zaki zog seinen guten schwarzen Anzug an und fuhr zum General. Im Dienstzimmer saßen sie sich gegenüber: der Fernsehpolizist und der echte afghanische Polizist. Fiktion und Realität.
Zaki verwies auf die Drehgenehmigungen und Befehle. Der General sagte: Ist mir scheißegal, ob ihr einen Befehl habt. Ihr könnt 1000 Befehle haben. Am Ende rief er einen jungen Polizisten herein, ließ ihn neben dem wuchtigen Schreibtisch antreten und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. So erzählt es Zaki.
"Es war eine Machtdemonstration", sagt Saba Sahar, und man sieht ihr an, dass das alles nicht ohne Wirkung bleibt. "Wie kann ich Werbung machen für diese Polizei, für diese Leute?", fragt sie. Ihre Zweifel wachsen - am Projekt und an ihrem Land, gegen dessen Regeln und Grenzen sie ihr Leben lang angerannt ist.
Saba Sahar wächst in Kabul auf. In den achtziger Jahren sind die Sowjets im Land, Saba Sahar trägt das rote Halstuch der Pioniere, spielt im Schultheater und wird vom Fernsehen entdeckt, wo sie eine Kindersendung moderiert. Sie spielt im "Kabul Theater", heute das "National Theater", und bekommt bald ein Arrangement in der Kulturabteilung des Innenministeriums, wo damals bekannte Schauspieler angestellt sind. Es ist ein sowjetisches Modell - Mitarbeiter im Ministerium und Schauspieler. Vergleichbar mit dem deutschen Modell Bundeswehroffizier und Sportler. Saba Sahar ist eine Art Kinderstar, eine afghanische Shirley Temple, als die Sowjets 1989 das Land verlassen.
Wenig später beginnt der Bürgerkrieg, Saba Sahar flieht nach Pakistan. Vorher wird sie noch verheiratet. Saba Sahar ist 16. Ihr Ehemann ist neun Jahre älter, ein Mudschahid, den sie selten sieht.
In Peschawar bleibt Saba Sahar zwei Jahre, dann geht sie zurück nach Kabul, hofft auf die Zukunft, aber es kommen die Taliban, an einem Tag im September 1996. Autos mit Lautsprechern fahren durch Kabul, die neuen Gesetze werden verkündet: Frauen dürfen nicht ohne Begleitung eines männlichen Verwandten auf die Straße. Saba Sahar flüchtet wieder nach Peschawar.
Mit dem 11. September 2001 rückt Afghanistan in den Fokus der Weltpolitik, in Kabul ziehen neue Herrscher ein, und Saba Sahar steht bald in den Fluren des Innenministeriums auf der Suche nach einem Anfang. Man bietet ihr an, wieder für das Innenministerium zu arbeiten. Aber sie müsse nun auch Polizistin werden. Polizistinnen brauche das Land dringender als Schauspielerinnen. Saba Sahar besucht die Polizeiakademie. Heute hat sie den Rang einer Majorin.
Damals, in den ersten Jahren, spürte sie eine unheimliche Euphorie. "Ich dachte, alles ist jetzt möglich. Wir bauen ein neues Land auf." Diese Zeit, sagt sie, war die glücklichste ihres Lebens.
2003 stellt Saba Sahar beim Kulturministerium einen Antrag - sie möchte eine Filmproduktion gründen. Im Ausland, das weiß sie, gibt es Frauen, die eine Produktionsfirma haben. Warum also nicht hier? Saba Sahar gründet "Saba Film" und wird Afghanistans erste Filmproduzentin. Die Filme, die sie nun dreht, heißen "Das Gesetz" oder "Der Eid". Es sind unbeholfene, bollywoodhafte Actionfilme, aber Saba Sahar spielt eine Frauenfigur, die undenkbar war in Afghanistan: die weibliche Actionheldin Rabia. Eine Polizistin, die Motorrad fährt, auf Pferden reitet, Kung-Fu beherrscht und mit der Knarre umgehen kann. Sie verteidigt Frauen, ist gesetzestreu, aber ohne Gnade gegenüber Verbrechern. Amerika hat Dirty Harry. Afghanistan hat Saba Sahar. Vermutlich gibt es keine andere Frau in Afghanistan, die so viele Männer verprügelt und verhaftet hat.
Mit einem kleinen, mobilen Kino zieht Saba Sahar auch über die Dörfer. Die Botschaft der Filme soll überall ankommen, in jeden Winkel des Landes kriechen: Frauen sind nicht schwach, nicht wehrlos.
Heute, sagt Saba Sahar, komme sie dort kaum noch hin. Zu gefährlich. Die Zeiten sind andere jetzt. Alles läuft rückwärts in Afghanistan.
In Kabul gibt es heute 5 Kinos, in den achtziger Jahren waren es mal über 20. Die Kinos sind dunkle, verrauchte Höhlen, Eintritt ein Dollar, ausschließlich von Männern besucht. Die Filme kommen meist aus Pakistan, so gut wie nie aus Afghanistan. Es gibt im Land keine Schauspielschule, kein Filmfestival, und Afghan Film, die alte Filmfabrik, gegründet 1968, ist heute eine versunkene Welt, mit verschlossener Eingangstür und einer verstaubten Vitrine in der Lobby, in der die Vergangenheit lagert. Eine Urkunde vom Filmfestival in Pjöngjang 1990, ein Gold Award vom Filmfestival in New York 1976 und anderes mehr. Die Sowjets wollten Kabul zum Zentrum der Filmproduktion in Zentralasien aufbauen. Es gab Pläne für eine Filmstadt, aber dann verloren die Russen den Krieg.
Vor gut einem Jahr flog Saba Sahar nach Berlin, zur Berlinale. Der deutsche Filmemacher Sebastian Heidinger zeigte "Traumfabrik Kabul", einen Dokumentarfilm über Saba Sahar. Sie blieb ein paar Tage in der Stadt, die ihr unbeschädigt, ja absurd friedlich vorkam, und auf dem Rückflug hämmerte der Gedanke in ihrem Kopf, unbedingt durchhalten zu wollen in Afghanistan. Jetzt nur nicht aufgeben, nicht abhauen.
Saba Sahar ist ein Symbol, im Guten wie im Schlechten. Westliche Organisationen finanzieren ihre Filme, weil sie glauben, Saba Sahar verkörpere die moderne afghanische Frau. In Kabul aber geht Saba Sahar nur ungern auf die Straße, weil sie Anfeindungen fürchtet.
Sie lebt heute ohne Mann, vor ein paar Monaten wurde ihre Ehescheidung rechtskräftig. Vier Jahre hat sie dafür gekämpft. Ihr Ehemann bekam die drei Kinder zugesprochen, und die Leere versuchte sie dadurch zu füllen, dass sie ein Kind adoptierte. Ein winziges Mädchen mit roten Haaren, dessen Mutter bei der Geburt in einem Krankenhaus verstorben war.
Saba Sahar hat längst alle Grenzen durchbrochen, die es für Frauen in Afghanistan gibt. Aber wenn man sie hier stehen sieht, im verschneiten Hof der Polizeistation, kann man sich kaum vorstellen, dass sie das wirklich alles sein soll: Polizistin, Schauspielerin, Regisseurin, Filmproduzentin, Actionheldin, Mutter, Adoptivmutter. Afghanin.
Sie ist eigentlich eine zarte Frau. 36 Jahre alt. Klein, auf hohen Schuhen.
Saba Sahar hat sich bei Eupol über den General beschwert. Noch lieber würde sie den Drehort wechseln, aber dann wäre das bisher entstandene Material verloren, wertlos. Und jeder weitere Drehtag kostet Geld, das sie nicht hat. Saba Sahar sagt, sie habe bereits ihr Auto verkauft und einigen Goldschmuck, um "Kommissar Amanullah" machen zu können.
Die Beschwerde landete bei Christiane Buck. "Wir intervenieren in dieser Sache auf höchster Ebene", sagt sie, "beim Innenministerium." Christiane Buck ist die Nachfolgerin von Harald Händel und nun für das Projekt "Amanullah" zuständig.
Buck ist die Sache unangenehm, schließlich ist Eupol für den Polizeiaufbau zuständig - und jetzt beißen sie sich am General die Zähne aus. An einem einzigen afghanischen Polizisten.
Buck legt ein Heftchen auf den Tisch, den "Police Perception Survey - 2011". Eine Umfrage unter der Bevölkerung über die afghanische Polizei. 81 Prozent der Befragten sind mit der Arbeit der Polizei zufrieden. Gute Zahlen, sagt Buck.
Die Mission von Eupol endet Mitte 2013. Die meisten ausländischen Soldaten werden Afghanistan 2014 verlassen. Die Tür fällt langsam ins Schloss, es geht um das Vermächtnis. Um Ergebnisse, die zeigen, dass man das Land mit gutem Gewissen sich selbst überlassen kann.
Zurzeit gibt es rund 145 000 afghanische Polizisten. Ende des Jahres sollen es 157 000 sein, sagt Buck. Dazu der Krimi über den tapferen Cop.
Schwer zu sagen, ob das General Ahmed Fahim Qayem beeindruckt. Er lässt sich in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen. Das Zimmer ist dunkel, auf einem Flachbildfernseher laufen Musikvideos, eine Kalaschnikow steht hinter der Couch, und in einem Regal liegt eine Mappe mit Zeitungsartikeln, die der General nun hervorzieht. "Hier", sagt er. "Es gibt fast 70 Beiträge über mich. Ich bin 35 Jahre alt. Ich bin der jüngste General der Welt."
Ansonsten ist es schwer, zu General Qayem durchzudringen, weil er erst mal Handy-Fotos von der jungen Übersetzerin schießt. "Ich habe dich schon vor 100 Jahren gekannt", sagt er verliebt.
Dazwischen lässt er lustlos ein paar Fetzen aus seiner Biografie fallen. Demnach ist er seit 15 Jahren Polizist und nun auch Kommandeur der Polizeizone 101 - einer Elite-Einheit der Bereitschaftspolizei. Sie rücken aus, wenn sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, die Taliban einen Anschlag verüben oder es in der Stadt zu Demonstrationen kommt. General Qayem unterstehen 600 Mann, er hat einen Onkel in Deutschland - er selbst war aber noch nie im Ausland. "Aber jetzt habe ich einen Grund! Ich werde dich besuchen", sagt er zur Übersetzerin.
Auf seinem Schreibtisch steht eine kleine Spielzeugkanone, daneben liegen zwei Patronen einer russischen Makarow-Pistole, aber bevor man ihn fragen kann, warum, hält er einem das Handy entgegen und zeigt ein Foto. "Kennst du den?"
Das Foto zeigt Ernesto "Che" Guevara.
"Ich liebe ihn."
Der General lächelt. Er sitzt dort wie ein dickes, launisches Kind, und man ahnt, was in ihm vorgegangen sein muss, als Saba Sahar hier auftauchte, eine Frau mit Drehgenehmigungen und Befehlen. Hier, in seinem Reich. Als es hieß, er müsse ihr Uniformen zur Verfügung stellen, Waffen, zwei Räume und einige seiner Männer, als Statisten. General Ahmed Fahim Qayem muss gar nichts.
"Ich habe die Frau in einem Film gesehen. Sie spielte eine Polizistin. Aber ich mag sie nicht. Für diese Rolle ist sie zu schwach und zu alt. Trotzdem habe ich erlaubt, dass sie hier arbeitet. Sie dreht eine Serie über die Arbeit der Polizei. Das ist gut! Die Polizei soll den Menschen helfen, und ich liebe die Menschenrechte. Aber ich erwarte Respekt. Ich hasse Drogen und Unordnung."
Was ist passiert?
"Ich habe Zigarettenkippen im Hof gefunden. Die Räume, die ich zur Verfügung stellte, wurden auch verändert."
Saba Sahar sagt, sie hätten die Tische verrückt, eine große afghanische Fahne hineingestellt und eine Blumenvase.
"Manche kamen mit dreckigen Schuhen", sagt der General. "Ich hasse Dreck." An seiner Uniform glitzern die Orden. "Die Leute stören und bringen Unruhe." Hat er sie deshalb bedroht?
"Ich habe niemanden bedroht."
Muss er sich nicht an die Befehle halten, an die Gesetze? "Natürlich. Aber ich entscheide, was hier passiert."
Er ist General, er hat 600 Männer, und er macht die Gesetze selbst, heißt das. So lange, bis jemand kommt, der noch mehr Männer hat. Recht ist gut - aber Macht ist besser. Effektiver. Ein Prinzip, von dem man im Westen dachte, man könnte es einfach verändern - durch Geld, Berater, Soldaten, Fernsehserien oder was auch immer. Die afghanische Wirklichkeit hat man eigentlich kaum akzeptiert.
General Qayem stemmt sich aus dem Stuhl. Alles ist gesagt. "Kennst du meinen Garten?", fragt er. Im Flur ist ein kleiner Wintergarten voller Topfpflanzen, zwei winzige Vögel fliegen umher. "Habe ich mir bauen lassen", sagt Qayem. Er wirkt jetzt wie ein Freizeitgärtner, ein Wintergartenbesitzer aus Kabul.
Saba Sahar dreht an diesem Tag draußen im Hof bis zum Einbruch der Dunkelheit. Manchmal denke sie ans Fortgehen, sagt sie. Egal, wie am Ende alles ausgeht mit "Amanullah". Sie hat vier Zeiten erlebt: die Sowjets, die Mudschahidin, die Taliban, Karzai. Was kann jetzt kommen? Welche Zukunft?
General Qayem öffnet die Tür zum Hof, blinzelt ins tiefe Sonnenlicht und beobachtet die Frau dort draußen. Sie lässt einige Polizisten als Statisten für eine Szene antreten. "Eine Frau gibt meinen Männern Befehle", sagt der General und streckt den fleischigen Bauch vor. Dann sieht er, wie die Frau auf dem Eisboden plötzlich den Halt verliert.
Sie schwankt kurz. Greift in die Luft.
"Ha!", sagt der General, klatscht in die Hände und schließt die Tür. ◆
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 13/2012
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