26.03.2012

ARBEITSMARKTSehnsucht nach Schwaben

Die Krisenländer Südeuropas haben derzeit einen Exportschlager: ihre Fachkräfte. In Portugal suchen deutsche Arbeitgeber vor allem Krankenschwestern und Ingenieure.
Helena Mourão hatte Glück, sie wurde erst im Januar arbeitslos. So konnte sie zwei Jahre in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester arbeiten. Das macht sie begehrt - allerdings nicht in ihrem Heimatland.
Gleich vier deutsche Arbeitgeber wollten die brünette Portugiesin unbedingt haben. Sie entschied sich für den Klinikverbund Südwest aus Sindelfingen, der ihr noch im Vorstellungsgespräch einen Anstellungsvertrag auf Deutsch und Portugiesisch zur Unterschrift überreichte. "Da gibt es mehrere Kliniken, was meine Karrierechancen vergrößert", sagt die 25-Jährige.
Der Arbeitsvertrag ist bereits unter-schrieben, schon im Mai wird sie nach Stuttgart kommen. Ihr Freund, ein Bauingenieur, steht neben ihr und lächelt tapfer. Auch er sucht einen Job, am liebsten in Deutschland.
Mourão und über hundert andere Krankenschwestern und Krankenpfleger sind zur ersten Jobmesse nach Porto gekommen, die deutsche und portugiesische Arbeitsämter gemeinsam veranstalten. Die jungen Portugiesen sind zurzeit das begehrteste Exportprodukt ihres krisengeschüttelten Landes. Weil sie zu Hause keine Chance mehr für sich sehen, ziehen sie in die Welt.
Deutsche Arbeitgeber sind begeistert. "Das sind Top-Leute mit guter Ausbildung", sagt Pflegedirektor Joachim Erhardt. Weil die jungen Portugiesen kein Deutsch sprechen, spendiert der Klinikverbund ihnen erst einmal sechs Monate lang Kost und Logis sowie einen Intensivsprachkurs in Stuttgart.
Der anhaltende Wirtschaftsaufschwung in Deutschland hat dazu geführt, dass der Arbeitsmarkt in vielen Regionen wie leergefegt ist. Mittelständler suchen genauso wie Weltkonzerne händeringend Ingenieure. Auch bei den Pflegediensten und Krankenhäusern fehlt Personal. Die Gesundheitsbranche brauche in der älter werdenden Republik bis 2020, so Erhardt, 800 000 zusätzliche Fachkräfte.
Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit musste sich erst auf die neuen Verhältnisse einstellen. Noch im vergangenen Jahr vermittelte sie insbesondere arbeitswillige Deutsche ins Ausland. Nun wurden wegen mangelnder Nachfrage drei dieser Teams aufgelöst. Die Mitarbeiter kümmern sich jetzt auf Jobmessen in Porto, Neapel oder Barcelona um die Anwerbung von Fachkräften für die deutschen Unternehmen.
Nicht nur in Baden-Württemberg und Bayern, wo die Zahl der Arbeitslosen traditionell gering ist, haben sich die Verhältnisse auf dem Jobmarkt verbessert. Gutausgebildete Bewerber fehlen beispielsweise auch in Westfalen. "Bei unserer letzten Stellenanzeige war die Resonanz gleich null", sagt Myra Mani, die mit 40 Mitarbeitern eine ambulante Pflegeeinrichtung in Lüdenscheid betreibt. Die lokale Arbeitsagentur schicke allenfalls Leute vorbei, die schon beim ersten Gespräch mitteilten, dass sie eigentlich gar nicht arbeiten wollten.
Geeignetes Personal zu finden ist zur wichtigsten Aufgabe für Unternehmerinnen wie Mani geworden. Ihr Vater war vor 37 Jahren aus Indien nach Westfalen eingewandert. Nun sucht das Familienunternehmen seine Fachkräfte in Portugal. Europäer brauchen Qualifikationen und Sprachkenntnisse, die Arbeitserlaubnis ist dagegen kein Problem.
Im vergangenen Jahr war Betriebswirtin Mani zum ersten Mal in Portugal. Doch die Einheimischen reagierten reserviert auf die Angebote, nach Deutschland zu gehen. "Deutschland und Frau Merkel waren nicht sehr beliebt", sagt Mani.
Doch je tiefer die Krise in Portugal, desto populärer werden die Deutschen und ihre Kanzlerin. Das Land im Südwesten Europas hat lange über seine Verhältnisse gelebt und musste mit bisher 78 Milliarden Euro vom IWF und den anderen Europäern gestützt werden. Ein gutes Drittel der unter 25-jährigen Portugiesen ist arbeitslos. Während in Deutschland die Gewerkschaft für den Öffentlichen Dienst Gehaltserhöhungen von 6,5 Prozent durchsetzen will, wurde den portugiesischen Krankenschwestern in den staatlichen Krankenhäusern gerade das 13. und 14. Monatsgehalt ersatzlos gestrichen.
"Die Perspektivlosigkeit ist schon krass hier", sagt die Personalleiterin Gesine Silzer des Klinikverbunds Südwest. In der Innenstadt von Porto sind viele Läden verrammelt, an den verwahrlosten Wänden wird der nächste Generalstreik angekündigt, viele Häuser stehen zum Verkauf.
Silzer berichtet von einem examinierten Krankenpfleger, der sich mit Gelegenheitsjobs als Schuhverkäufer durchschlägt. Sie hat ihm und 29 anderen einen Arbeitsvertrag in die Hand gedrückt. Mit ein klein wenig schlechtem Gewissen. Wird das Land ohne seine gutausgebildete Jugend wieder stark werden?
Politiker in Lissabon sehen das pragmatisch. Sie fordern die jungen Leute offen auf, ihre Chance im Ausland zu suchen. Die Tradition der Emigration ist im Volk verankert - nach den Zahlen der Weltbank lebten schon 2010 gut 20 Prozent aller Portugiesen im Ausland. Seit dem 15. Jahrhundert, den Zeiten des ersten Weltumseglers Vasco da Gama, gibt es diese Entdeckerfreude, man lässt das Land des schwermütigen Fado hinter sich und fängt in der Fremde neu an. "Pioniere der Globalisierung" heißt ein Buch über die Portugiesen.
Noch immer zählen die alten Kolonien, Brasilien, Mosambik, Angola, zu den ersten Adressen des portugiesischen Aufbruchs. Aber neuerdings ist die deutsche Kleinstadt Schwäbisch Hall zum Projektionsort kollektiver Sehnsüchte geworden.
"Es gibt eine Stadt im Süden Deutschlands mit 3000 offenen Stellen und einem Durchschnittsgehalt von 2700 Euro", berichtete eine portugiesische Journalistin, die vom Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall zusammen mit Kollegen aus Griechenland, Spanien und Italien eingeladen worden war. Ingenieure könnten 6000 bis 8000 Euro verdienen, und die Schulen seien kostenlos, schrieb sie.
Das müssen für viele Portugiesen Nachrichten aus dem Paradies gewesen sein. Kurz nachdem der Artikel in der Wirtschaftszeitung "Diário Económico" erschienen war, wurden die Arbeitsagentur von Schwäbisch Hall, der Oberbürgermeister und die lokalen Arbeitgeber von über 14 000 Bewerbungen aus Portugal geflutet. Manche Bewerber warteten nicht auf ein Vorstellungsgespräch, sondern fuhren über 2000 Kilometer quer durch Europa, um die vermeintliche Chance ihres Lebens zu ergreifen.
"Da wurden unverantwortlich Sehnsüchte geweckt", findet Clemens Miola, ein Direktor der Evangelischen Heimstiftung aus Baden-Württemberg. Das sei wohl eher eine Marketing-Maßnahme von Schwäbisch Hall als ein gezieltes Angebot gewesen. Auch die Evangelische Heimstiftung, mit 73 Altenheimen der größte Altenhilfeträger in Baden-Württemberg, sucht in Portugal Fachkräfte. Miola muss sich nun auf der Jobmesse in Porto mit Gehaltsforderungen der Krankenschwestern auseinandersetzen, die mindestens so viel wie der Durchschnitt der Schwäbisch Haller verdienen wollen.
Die Heimstiftung bildet zurzeit in Deutschland 570 Leute aus und kann doch ihren Bedarf nicht decken. "Wir müssen uns auf den demografischen Wandel einstellen", sagt Miola. Er hofft auf junge Portugiesen und Spanier, die mit ihren christlichen Wertvorstellungen schnell integriert werden könnten. Nach sechs Monaten Sprachkurs auf Kosten des Hauses werden sie genauso viel wie ihre deutschen Kollegen verdienen. 30 Monate sollen sie dann laut Vertrag für die Heimstiftung arbeiten. "Hoffentlich länger", sagt Miola.
César Ferreira, der Direktor der Region Nord des portugiesischen Arbeitsamts, hat 2000 Krankenschwestern und viele tausend Ingenieure im Angebot. "Es ist wie eine Welle", sagt der intellektuelle Portugiese mit den lichten Haaren und der randlosen Brille achselzuckend, irgendwann kämen die Leute mit reichlich internationaler Erfahrung nach Portugal zurück.
Manche Experten bezweifeln das. Denn dieses Mal sind es nicht wie in den sechziger Jahren schlechtausgebildete Landarbeiter, die sich nach Westeuropa aufmachen. Continental, Bosch und Volkswagen sprechen gezielt portugiesische Ingenieure an, um sie nach Deutschland zu verpflanzen.
Auch die anderen europäischen Krisenländer eignen sich zur Rekrutierung. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist auch in Spanien extrem hoch. Sieben von zehn jungen Spaniern sind nach einer neuen Umfrage der EU-Kommission bereit, ins Ausland zu wechseln. "Eine noch nie dagewesene Flucht von Talenten", beklagt die spanische Arbeitsministerin Fátima Báñez.
Konzerne wie BMW oder der Autozulieferer Ferchau beteiligen sich an Jobmessen in Spanien. Die Wirtschaftsförderung Baden-Württemberg hat mit Hilfe der deutschen Arbeitsagentur 100 spanische Ingenieure nach Stuttgart einfliegen lassen. 36 deutsche Firmen, die händeringend gutausgebildete Leute suchen, beteiligten sich an der Aktion.
Überall in Südeuropa steigt die Nachfrage nach Deutschkursen spürbar an. Trotzdem sind die mangelnden Deutschkenntnisse der Südeuropäer immer noch das größte Hindernis. Krankenschwestern oder Altenpfleger müssen mindestens das Sprachniveau B2 erreichen, wenn sie in ihrem Beruf und nicht nur als Helfer arbeiten wollen.
Zwei Frankfurter Krankenhäuser bezahlen zurzeit acht jungen Portugiesen einen sechsmonatigen Sprachkurs am Goethe-Institut in Porto. Vor zwei Wochen entschieden die acht Krankenschwestern spontan, auf eigene Kosten nach Frankfurt zu fliegen. Sie trafen sich mit ihren künftigen Kollegen und inspizierten ihre Zimmer im Schwesternwohnheim. "Wir verlieben uns in Frankfurt", sagt Barbara Sousa, 23. Die Krankenhäuser hoffen, dass diese Begeisterung noch möglichst lange anhält.
Doch die Konkurrenz um den Nachwuchs ist hart. Auf der Jobmesse in Porto hat auch Elsa Lagoaceiro von einem der deutschen Arbeitgeber einen Vertrag bekommen. "Ich muss erst mit meiner Familie sprechen", sagt die junge Frau mit der schwarzen Löwenmähne zweifelnd.
Natürlich sei Deutschland "ein stabiles, faszinierendes Land", meint die Portugiesin. Aber sie sei als Erasmus-Studentin in Spanien gewesen und mache gerade einen Französischkurs. Da gäbe es mehrere Optionen. Einige ihrer Freundinnen arbeiten in einer französischen Privatklinik.
Nur im eigenen Land zu arbeiten ist für die junge Portugiesin keine wirkliche Alternative mehr.
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 13/2012
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