26.03.2012

FRANKREICH

Der Präsident und der Terrorist

Von Rohr, Mathieu von

Die Anschläge auf Soldaten muslimischen Glaubens, auf jüdische Kinder und ihren Lehrer haben nicht nur das Land er-schüttert, sondern auch den Präsidentschaftswahlkampf verändert.

Es gibt ein Fernsehbild, in dem sich die ganze unwirkliche Jagd auf Mohamed Merah, den Mörder und Attentäter von Toulouse, verdichtet. Der Nachrichtensender BFM TV hatte seinen Bildschirm am vergangenen Mittwoch zweigeteilt, um die Dramatik der Ereignisse angemessen wiederzugeben.

Links war die aus der Ferne gefilmte Belagerung der Wohnung von Mohamed Merah zu sehen, eine Katastrophenzone mit Absperrungen, Polizisten, Feuerwehr und Kameras, in der sich irgendwo der Täter versteckte. Es war eine Einstellung, die sich in mehr als 30 Stunden kaum veränderte.

Rechts davon war Nicolas Sarkozy zu sehen, auf der Beerdigung der drei Soldaten, die Merah umgebracht hatte. Hinter ihm flatterte die französische Flagge, vor ihm standen die Särge. Sarkozy sagte: "Dieser Mann wollte die Republik auf die Knie zwingen, aber die Republik hat nicht nachgegeben."

Der Kandidat war wieder zum Präsidenten geworden, zu einem, den es vorher nur selten gab: einem würdevollen Vater aller Franzosen, der an die Einheit der Nation appellierte. Sarkozys Herausforderer, der Sozialist François Hollande, stand währenddessen in der Reihe der Trauergäste, zum Schweigen verdammt.

Die Geschichten der beiden Franzosen Mohamed Merah und Nicolas Sarkozy trafen in der vergangenen Woche geradezu schicksalhaft aufeinander. Der Mann auf dem rechten Bild schützte die Nation vor dem Mann auf dem linken Bild und beschwor das republikanische Ideal der "unité", der Einheit.

Auf der einen Seite war da Mohamed Merah, 23, ein Kleinkrimineller aus den Sozialwohnungsbauten von Toulouse, der mit unfassbarer Grausamkeit drei Soldaten maghrebinischer Herkunft erschoss sowie einen Rabbi und drei jüdische Kinder im Alter von vier, fünf und sieben Jahren.

Auf der anderen Seite stand Nicolas Sarkozy, der Präsident, für den sich in dieser Woche die Gelegenheit bot, die Stimmung vor dem ersten Wahlgang am 22. April noch einmal zu drehen. Er durfte es sich nur nicht anmerken lassen.

Am Donnerstagabend, nachdem ein Scharfschütze Merah nach 32 Stunden Belagerung in den Kopf geschossen hatte, wurde der Wahlkampf auch offiziell wieder aufgenommen. Sarkozy sagte: "Dieser Mörder war kein Verrückter, sondern ein Monster."

Die Taten von Mohamed Merah waren monströs, daran gibt es keinen Zweifel. Aber das Unheimliche an diesem Fall ist ja gerade, dass der Täter, anders als der Präsident behauptet, kein Monster war. Auf den wenigen Bildern, die es von ihm gibt, sieht er aus wie ein Jedermann der Vorstädte, ein kahlgeschorener, grinsender hübscher Junge, der Autos und Motorräder mochte. Seine Biografie liest sich in ihren Anfängen geradezu klassisch für die Welt, aus der er stammt. Und in der es Tausende junger Männer gibt wie ihn, Einwanderer in der zweiten und dritten Generation, die in den Vorstädten Frankreichs leben, oft abgeschnitten vom Rest der Gesellschaft und damit auch von Bildung und Arbeit. Männer, deren Wut sich irgendwann gegen das System wendet, wenn auch kaum so radikal wie bei Merah.

Merahs Eltern kamen aus Algerien, er wuchs mit vier Geschwistern und ohne Vater auf in den Cités, den Sozialbauten von Toulouse. Die tragen Namen wie Bellefontaine und Les Izards, riesige Wohnblocksiedlungen der Großstädte, von denen sich der Rest der Franzosen seit je bedroht fühlte.

Die Geschichte von Mohamed Merah ist deshalb auch eine über die französische Gesellschaft, die bis heute keine Antwort gefunden hat auf die Probleme

in den Vorstädten. Die Politiker kümmern sich nicht um die Cités, außer wenn es darum geht, Punkte bei der Mehrheit der Wählerschaft zu sammeln.

Als Innenminister hatte Nicolas Sarkozy 2005 noch gegen das "Gesindel", das Autos anzündete, gewettert, und wollte die Vororte "mit dem Kärcher" säubern. Als Präsident kündigte er einen "Marshallplan für die Banlieues" an, aus dem auch nichts wurde.

Die Vorstädte machen Schlagzeilen, wie schon seit Jahrzehnten: In Marseille liefern sich seit einiger Zeit Banden auf offener Straße Feuergefechte mit Kalaschnikows. Eine Studie des Soziologen Gilles Kepel kam vor wenigen Monaten zu dem Schluss, bei den Einwanderern und ihren Kindern schwinde das Zugehörigkeitsgefühl gegenüber der Republik, sie empfänden das Versprechen, mit Anstrengung alles erreichen zu können, als Illusion. In den Banlieues finde der Islamismus immer stärkeren Rückhalt.

Mohamed Merah war so ein "petit arabe", ein kleiner Araber, wie das postkoloniale Frankreich die Kinder und Enkel seiner Einwanderer heute noch nennt.

Merah glitt schon früh ab, es begann mit Steinwürfen gegen einen Bus, dann Diebstähle, Raubüberfälle. Seine Kumpels dealten mit Drogen, er machte zwar eine Lehre in einer Autowerkstatt. Aber dann musste er für anderthalb Jahre ins Gefängnis, weil er einer Frau in einer Bank die Handtasche geraubt hatte.

Dort unternahm er einen Selbstmordversuch, wurde für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, die Ärzte befürworteten eine längere Psychotherapie, aber es blieb bei dem kurzen Aufenthalt. In dieser Zeit fing er offenbar an, den Koran zu lesen, es begann ein Prozess, den der Staatsanwalt später "eine untypische salafistische Selbstradikalisierung" nennen wird.

Als er aus dem Gefängnis kam, begannen die Probleme erst. Er wollte sich bei der Armee verpflichten und wurde wegen Vorstrafen abgewiesen, er meldete sich bei der Fremdenlegion und machte einen Rückzieher. Er lebte nicht sonderlich religiös, besuchte weiterhin Discos, bandelte mit Mädchen an, prahlte mit einem BMW.

Im November 2010 fuhr er nach Kabul, wurde aber schon neun Tage später von der afghanischen Polizei in Kandahar aufgegriffen. Zurück in Frankreich, fiel er Nachbarn auf, weil er mit einem Säbel durch die Straße ging. Im Herbst 2011 unternahm er eine Reise nach Pakistan, blieb zwei Monate und kehrte zurück, weil er an Hepatitis A erkrankt war. Selbst als Dschihadist bekam er nichts auf die Reihe.

Am 11. März begann er mit seinen grausamen, rätselhaften Taten, die er mit einer kleinen Kamera filmte und sich dabei wie in einem Actionfilm inszenierte. Er erinnerte dabei mehr an den norwegischen Attentäter Anders Breivik als an einen Qaida-Terroristen. Aber er hatte irgendwo zwischen Toulouse und Pakistan zum ersten Mal in seinem Leben ein Mittel gefunden, seine eigenen Taten zu überhöhen. Er nutzte die Ideologie des Terrornetzwerks wie die Gebrauchsanweisung zu einem Computerspiel, er tötete Juden und muslimische Soldaten, die für Frankreich gekämpft haben.

Einer Journalistin und der Polizei erzählte er später, er habe damit palästinensische Kinder rächen wollen. Er war auf einmal ein politischer Terrorist, kein Handtaschenräuber mehr. Nichts deutete bis vergangenen Freitag darauf hin, dass Mohamed Merah im Auftrag einer Terrorgruppe handelte, vieles sprach für die These, dass er ein Einzeltäter war.

Die Frage, was die Geschichte dieses jungen Mannes über Frankreich erzählt, stellte vergangene Woche kaum jemand. Obwohl sie so offensichtlich belegt, dass es die vielbeschworene "unité" , ein geeintes Frankreich aller Franzosen, nicht gibt.

Die rechtspopulistische Kandidatin des Front national, Marine Le Pen, die Einzige, die den Wahlkampf nach den Attentaten nicht unterbrach, begab sich umgehend ins Fernsehen, als bekannt wurde, dass es sich beim Täter um einen Islamisten handelte. Ich hab's euch ja schon immer gesagt, lautete ihr Mantra.

Wenige Wochen vor den Schüssen auf die Soldaten und die jüdischen Kinder hatte eine absurde Debatte den Wahlkampf beherrscht, es war einer der Tiefpunkte dieser Kampagne: Das gesamte Fleisch im Großraum Paris, so hatte sich Marine Le Pen beschwert, sei "halal", also nach islamischem Ritus geschlachtet.

Anstatt zu schweigen, setzte Präsident Sarkozy die Diskussion fort, korrigierte zwar die Prozentzahlen, aber forderte eine Kennzeichnungspflicht für das Halal-Fleisch. In einer Fernsehsendung Anfang März sagte er: "Es gibt auf unserem Territorium zu viele Ausländer."

Es ist nicht zu erwarten, dass sich die Politik nach Toulouse mehr um die Banlieues und ihre Bewohner kümmern wird. Sarkozy würde am liebsten noch vor den Wahlen ein Gesetz beschließen, das den Besuch von islamistischen Websites verbietet. Das wird zwar keinen Attentäter wie Mohamed Merah verhindern, aber vielleicht ein paar Wähler beeindrucken.

Ende vergangener Woche gab es erste Umfragen, die zeigten, dass sich der Abstand zwischen den Kandidaten verringert. Einige sahen den Präsidenten im ersten Wahlgang sogar vorn. In einer wahrscheinlichen Stichwahl wäre Hollandes Vorsprung aber immer noch groß.

Zum Vorgehen der Behörden gibt es nun diverse Fragen: Wie konnte es sein, dass der Inlandsgeheimdienst nicht schon früher gegen Mohamed Merah vorging? Weshalb ging der Zugriff der Sondereinheit, die den Täter lebend fassen sollte, tödlich aus?

Doch Sarkozy scheint nach den Ereignissen der vergangenen Woche wieder selbstgewiss. Nach einem Wahlkampfauftritt am Freitag wandte er sich breit grinsend an einen Journalisten der linken Tageszeitung "Libération".

Und fragte ihn einfach nur: "Immer noch zuversichtlich?"


DER SPIEGEL 13/2012
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