26.03.2012

NAHOST

Die Boxer im Bunker

Von Mittelstaedt, Juliane von

Drei Meter unter der Erde trainieren Israelis und Palästinenser in Jerusalem in einem gemeinsamen Club. Es geht um alles - nur nicht um Politik.

Die beiden Männer stehen sich gegenüber, ihre Fäuste tippen aneinander. Jehuda Luxemburg, 24, bis vor kurzem Soldat in einer Spezialeinheit, und Ismail Dschafri, 38, Lastwagenfahrer. Der eine ein Israeli aus Westjerusalem, der andere ein Palästinenser aus Ostjerusalem, auf ihren Trikots steht: Israel Boxing. Dann geht es los, drei Meter unter der Erde, die Luft schwer wie Blei; es geht jetzt darum, wer der beste Boxer von Jerusalem ist.

"Ismail, vorwärts", kreischen die Jugendlichen auf Hebräisch, mit russischem Akzent. Die Füße der Kämpfer fliegen über die Matte, schnell und leichtfüßig, wie ein Tanz. Der Israeli treibt den Palästinenser vor sich her, ein, zwei schnelle Schläge, er weicht zurück, dann umgekehrt, der Israeli federt in die Seile, der Palästinenser schlägt. So geht es weiter, drei Minuten, die erste Runde. Pause. Drei Minuten, die zweite Runde. Der Ringrichter läutet eine Glocke. Es ist vorbei.

Jehuda Luxemburg und Ismail Dschafri fallen sich in die Arme. "Das war ein Spaß", sagt Luxemburg. "Und wie", keucht Dschafri. Und Gerschon Luxemburg, 67, Onkel von Jehuda, Trainer, Besitzer, gute Seele des Jerusalem Boxing Clubs, reißt die Arme der beiden hoch, er überreicht zwei Medaillen. Zwei Sieger für eine geteilte Stadt: Es geht hier schließlich nicht nur ums Boxen.

Der Jerusalem Boxing Club ist der einzige gemischte Club der Stadt. Es gibt nicht viele Orte, wo Israelis und Palästinenser sich treffen und dabei Spaß haben können. Ausgerechnet Boxen, der härteste Sport; ausgerechnet in Jerusalem, der umstrittenen Stadt. Vielleicht gerade deshalb: Es zählt hier nicht, wo einer herkommt, es zählen nur Stärke, Schnelligkeit, Strategie. Und Fairness.

Der Club: oben nur eine Tür in einem Betonquader, mitten auf einem Parkplatz in Alt-Katamon, Westjerusalem. Eine steile Treppe führt hinunter in einen Luftschutzbunker, gebaut in den sechziger Jahren, als das Überleben des Staats noch weniger selbstverständlich war. Neonlicht, zwei Ringe, aus Metallabfällen gebaut, die Wände gepflastert mit Plakaten und Postern, von Muhammed Ali bis Wladimir Putin. Auf einem Ehrenplatz im Büro das berühmte Foto: die israelische Luftwaffe beim Flug über Auschwitz.

Ein Zeichen der Stärke, darum ging es immer im Leben Gerschon Luxemburgs und seiner drei Brüder, schon damals in Usbekistan. In Taschkent schickte der Vater sie zum Boxen, noch bevor sie lesen konnten. 1972 wanderten die Brüder aus nach Israel, ein Jahr später zogen sie in ihren ersten Krieg. Alle vier boxten im israelischen Nationalteam. Gerschon Luxemburg war fünfmal Meister in Usbekistan, siebenmal in Folge Meister in Israel, Halbschwergewicht. Zwischendurch schrieb er zwei Gedichtbände. 1981 gründete er den Boxclub, es kamen vor allem aus Russland eingewanderte Juden.

Nach zehn Jahren kam der erste Palästinenser. Er sah die Werbung an Luxemburgs Auto und fragte, ob er teilnehmen dürfe. Ja, sagte der Boxer und meinte eigentlich: lieber nicht. 1987 war Luxemburg verurteilt worden: ein halbes Jahr Gefängnis, drei Jahre Hausarrest. Illegaler Waffenbesitz, "Antipanzergranaten und so. Ich glaubte, ich müsste meine Familie schützen". Vor den Palästinensern.

Plötzlich war einer von ihnen im Boxclub. Er brachte Freunde mit. "Mit einem Mal waren wir ein gemischter Club." Sie sind es noch immer: mehr als 200 Mitglieder, die meisten Kinder, dazu israelische Siedler, Religiöse, Soldaten, aber auch Christen und Muslime. Nur wenige Palästinenser, es trauen sich nicht viele in einen israelischen Boxclub. Wer es tut, erzählt es oft nicht seinen Freunden. Er könnte als Verräter angesehen werden.

Aber es gibt im Osten der Stadt keine guten Boxclubs, deshalb kommen sie doch. Erst vorsichtig, später begeistert. Der Club der Luxemburg-Brüder ist einer der besten Israels. Einige Boxer schafften es von hier bis zu den Olympischen Spielen, bis zur Weltmeisterschaft.

Was mit einem Zufall begann, ist für die Brüder zur Mission geworden. "Dieser Club bringt Juden und Araber enger zusammen", sagt Gerschon Luxemburg, grauer Stoppelbart, Jogginghose, auf dem Kopf eine Kipa, gehalten von einem Haarclip. Auf den Lippen immer ein Lächeln, aber eine Stimme, die bellen kann. "Am Anfang waren wir alle sehr vorsichtig, wir mussten lernen, miteinander umzugehen. Aber jetzt gehören die Araber mit zur Familie."

Vor allem Ismail Dschafri, seit 15 Jahren im Club. Er hat sich nach dem Kampf umgezogen, weiße Jeans, weißes Hemd, jetzt sitzt er am Ring und verteilt Punkte. Er lebt in Dschabel Mukaber in Ostjerusalem, nur fünf Autominuten entfernt und doch in einer anderen Welt: mit schlechten Schulen, Müll auf den Straßen; ein Stadtviertel im Niemandsland, nicht richtig Israel, nicht richtig Palästina.

Er nennt den Trainer seinen besten Freund, den Club eine zweite Heimat. "Ich arbeite hart, zwölf Stunden am Tag. Den Rest der Zeit bin ich hier." Er coacht die Kinder, oft zusammen mit Jehuda Luxemburg, dem Soldaten, Offizier der Golani-Brigade, seit kurzem Wachmann. Der eine Kipa trägt und über sich selbst sagt: "Ich bin religiös, ich bin rechts, ich war Kämpfer in der Armee."

Aber Ismail Dschafri stört das nicht. "Ich beurteile die Menschen nach ihrem Verhalten, nicht nach dem, was sie sind." Ein Israeli hat ihm mal den Kiefer gebrochen, das war bei der israelischen Meisterschaft. Dschafri lacht darüber. Er will sich nicht in eine Kategorie zwingen lassen, er will nicht immer über den Konflikt reden. Oben, auf der Straße, geht es ständig um Politik, hier, unter drei Meter Beton, soll es um Sport gehen, nicht mehr.

"Es war eine große Veränderung, hier plötzlich Araber zu haben", sagt Gerschon Luxemburg. Er steht am Rand des Rings, er feuert an, manchmal wirft er zwischendurch ein Handtuch auf die Matte. "Aber ich bin sehr froh darüber, das zeigt mir das Licht am Ende des Tunnels. Wenn wir im Club Freunde sein können, warum dann nicht auch da draußen?"

Auf den Bänken am Ring hocken Jungs von der Technikschule der Luftwaffe, in Uniform, orthodoxe Mütter, russische Teenager. Ein boxender Jeschiva-Student aus den USA sitzt da, ein bärtiger Ultraorthodoxer mit Schläfenlocken, neben ihm ein Armenier aus der Altstadt, zusammen mit seinem Vater und Bruder, er wird später antreten und siegen.

Auch Ramzi Srour ist da, 19, Palästinenser, mehrfacher Jerusalem-Champion. Morgens arbeitet er auf dem Bau, abends studiert er Medizinische Verwaltung, auch er lebt in Dschabel Mukaber. Er hat die ganze Zeit auf der Bank gehockt, eine Jacke über dem Trikot. Zu kalt, sagt er. Neben ihm sitzt sein Bruder, anders als Ramzi spricht er kaum Hebräisch, er schaut sich unwohl um. Es ist ein neues Gefühl für ihn, fast allein unter Israelis. "Ich kenne hier keinen", sagt er leise. Erst kurz bevor er dran ist, zieht Ramzi seine Jacke aus, darunter das blaue T-Shirt: Israel Boxing. Sein Bruder schaut irritiert.

Kampf 18: Ramzi tritt an gegen Nikita, Israeli, aus Russland eingewandert. Ein paar Haken, eine Gerade, und Nikitas Nase blutet. Der Bruder macht Fotos, er ist jetzt stolz auf Ramzi, vergessen ist das israelische Trikot. Ramzi Srour gewinnt, Luxemburg überreicht ihm einen Pokal aus Blech, aber der Palästinenser hält ihn hoch, als wäre er aus Gold.

Der Club macht nicht viel Geld, eigentlich gar keins. Wer zahlen kann, der zahlt. Wer kein Geld hat, darf trotzdem bleiben. Auch Alt-Katamon ist arm, obwohl es in Westjerusalem liegt, viele Kinder kommen aus schwierigen Verhältnissen. Seinen Lebensunterhalt verdient Gerschon Luxemburg daher als Hausmeister. Er hätte längst schließen sollen, sagt er lächelnd. Aber er kann einfach nicht aufhören.


DER SPIEGEL 13/2012
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