26.03.2012

NIGGEMEIERS MEDIENLEXIKON

Digitalsender

der: Nische, in der Fernsehsender ihre besonders guten Programme vor dem Publikum verstecken können

RTL hat ein Frauenproblem: den ganzen Schrank voller Sachen, aber nichts anzuziehen. Beinahe versehentlich ist der Sender über ein großes Filmpaket an eine wunderbare Serie gekommen. Die Komödie heißt "Modern Family" und schildert den chaotischen Alltag von drei Familienkonstellationen: Es gibt die halbwegs klassische Variante mit Vater, Mutter und drei Kindern; ein schwules Paar, das ein vietnamesisches Baby adoptiert hat, und einen alternden Mann (gespielt von dem als "Al Bundy" bekannten Ed O'Neill), der mit seiner viel jüngeren zweiten Frau aus Kolumbien und ihrem Sohn zusammenlebt. Es ist ein Programm, nach dem sich, sollte man denken, Sender reißen: warmherzig, witzig, ein bisschen bösartig, aber am Ende immer versöhnlich, mit Preisen überhäuft und beim Publikum höchst erfolgreich. Und bei RTL hängt es seit zweieinhalb Jahren im Schrank rum.

Das RTL-Programm ist aber natürlich auch schon randvoll mit Highlights wie den "25 spektakulärsten TV-Momenten der Welt" und Wiederholungen von "Monk" und lange auch "CSI: Miami". Vor allem aber: Wer weiß, ob das Publikum, das auf das real existierende RTL-Programm konditioniert ist, mit so einer gleichermaßen leichten wie undoofen Comedy überhaupt umgehen könnte.

Nun ist endlich die Lösung gefunden: Am 1. April geht RTL Nitro auf Sendung, ein frei empfangbarer digitaler Satellitenkanal, wo neben "Modern Family" auch gleich noch die ebenso feine Serie "Nurse Jackie" über eine tablettensüchtige Krankenschwester untergebracht wird, deren Rechte auch schon seit zwei Jahren ungenutzt bei RTL rumlagen. Auch das ZDF zeigt seit einiger Zeit auf seinen drei Digitalkanälen Sendungen, die das Stammpublikum des ZDF-Hauptprogramms möglicherweise durch Wecken verschrecken könnten. Es traut sich hier, Programme zu machen, die nicht jedem gefallen müssen und deshalb denen, denen sie gefallen, richtig gefallen. Erstaunlich, dass der Ausbruch aus dem Immergleichen im Fernsehen anscheinend nur in solch winzigen Nischen stattfinden kann. Aber Hauptsache, er findet statt.


DER SPIEGEL 13/2012
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