26.03.2012

FILM„Nie Mallorca, immer DDR“

Der Regisseur Christian Petzold über seine hoch gelobte Ost-Liebesgeschichte „Barbara“, Erotik in einem Zwangssystem und die plötzliche Renaissance des Begriffs Freiheit
Petzold, 51, ist einer der renommiertesten deutschen Regisseure ("Die innere Sicherheit", "Yella"). Für die Regie seines neuen Films "Barbara" wurde er mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Am Freitag vergangener Woche wurde "Barbara" in acht Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert, unter anderem für Regie und Drehbuch. Die Titelrolle ist mit Nina Hoss besetzt - es ist der fünfte Film Petzolds mit der Schaupielerin. "Barbara" spielt 1980 in der DDR und zeigt das Drama einer von der Stasi drangsalierten Ärztin, die ihre Flucht vorbereitet.
SPIEGEL: Herr Petzold, Ihr Film "Barbara" handelt von einer Ärztin in der DDR, die ihre Freiheit in einem Zwangssystem verteidigt. Sie sind in Haan, einer kleinen Stadt in der Nähe von Solingen, groß geworden. Haben Sie sich während der Arbeit an "Barbara" mal die Frage gestellt, ob es nicht anmaßend ist, wenn ausgerechnet Sie einen Film über die DDR drehen?
Petzold: Es gibt im Theater und im Kino - bei Johann Nepomuk Nestroy genauso wie in Francis Ford Coppolas "Rumble Fish" - die Tradition eines Erzählers, der sich die Geschichte von außen ansieht. Das ist eine interessante Erzählposition. Auch Homer beobachtet das Schlachtgeschehen von Troja in seiner "Ilias" nur von weitem. Der Zugereiste kann wahrscheinlich besser etwas erzählen als derjenige, der mitten- drin ist. Dieser Reihenhaus-Wahnsinn, aus dem ich stamme, dieser irre LBS-Traum, kleines Eigentum, Gartenparzelle - wer da einmal mit dem Auto durchfährt, versteht diese Welt wahrscheinlich besser als derjenige, der darin aufgewachsen ist. Übrigens kannte ich die DDR ganz gut. Meine Eltern sind Ende der Fünfziger von dort geflohen, ich war das Kind von Flüchtlingen. Und obwohl ich in meiner Heimatstadt Haan Freunde hatte und im Fußballverein war, hatte ich nie das Gefühl, zu Hause zu sein.
SPIEGEL: Was verband Sie mit der DDR?
Petzold: Jedes Jahr in den Ferien sind wir zu unseren Verwandten gefahren, niemals Mallorca, immer DDR.
SPIEGEL: Ostdeutsche werfen Ihnen vor, dass Sie sich der DDR über eine Protagonistin nähern, die von der Stasi überwacht wird. Die Gleichung DDR gleich Stasi nervt viele Ostdeutsche.
Petzold: Das verstehe ich. Aber was mich interessierte, war nicht die Stasi als Moloch, sondern als Alltag. Ich wollte nicht die Mikrofone in den Wohnungen zeigen, sondern die Angst vor den Mikrofonen. Es gibt Gesellschaften, die die Angst besser von sich fernhalten können, aber wir Deutsche können das nicht gut. Rainer Werner Fassbinder hat in seinen Filmen eine Art Untersuchung der BRD gemacht - ich glaube, so etwas Ähnliches versuche ich auch.
SPIEGEL: Eine filmische Untersuchung Gesamtdeutschlands?
Petzold: Ja. Für "Barbara" habe ich jetzt mal einen Sprung über die Grenze gewagt.
SPIEGEL: Warum können sich Ost- und Westdeutsche so schlecht über die Stasi verständigen?
Petzold: Es ist sehr schwer, weil es so kompliziert ist, und für diese Kompliziertheit gibt es im Westen keine Zeit. Wir haben die Dinge gern einfach und schnell.
SPIEGEL: Sie zeigen in Ihrem Film die Kompliziertheit und erzählen trotzdem eine klare Geschichte. Eine Liebesgeschichte.
Petzold: Ja, dass die Liebe politisch sein kann, das gab es in der BRD nicht so stark. In der DDR hat sich das Mikro- und Makropolitische durchkreuzt.
SPIEGEL: Ihr Film vermittelt eindrucksvoll, wie unfrei sich Menschen fühlen, wenn sie ihren eigenen Gefühlen nicht trauen und jedem Menschen mit Vorsicht begegnen.
Petzold: Ich mag es nicht, wenn ein Film ein paranoides, menschenverachtendes System zeigt, wie die DDR es war, aber die Menschen darin unschuldig sind. Das ist mir eine zu einfache Position. Was ich mir aber angucken kann, ist, wie sich innerhalb so eines Systems eine eigene Sprache entwickelt. Der Mann und die Frau in meinem Film wissen voneinander nicht genau, wo sie politisch stehen. Sie müssen die ganze Zeit auf die Gesten und auf den Körper des anderen achten. Dass ein Liebespaar diese Angst, diese gegenseitige Beobachtung nutzt, um die Liebe würziger zu machen, das hat mich interessiert. Der Kitzel, der dabei entsteht, ist übrigens auch eine Form von Freiheit.
SPIEGEL: Innerhalb eines repressiven Systems gibt es zwischen zwei Menschen eine eigene Form der Freiheit?
Petzold: Der Mann und die Frau in meinem Film schaffen am Ende so etwas wie ein eigenes Land, kein Ost und kein West, nennen wir es ein Körperland. Und da sind sie frei.
SPIEGEL: Was ist für Sie Freiheit?
Petzold: Freiheit ist ja erst mal ein toter Begriff. Die FDP mit ihrem Freiheit-Flexibilisierungs-Scheiß - das ist doch ein Witz. Wenn die Freiheit darin besteht, ob ich zu Saturn oder zu Media Markt gehe, habe ich ein Problem. Niemand fühlt etwas, wenn davon die Rede ist. Wenn in Südafrika während der Apartheid das Wort "Freedom" fiel, da bedeutete es etwas. Freiheit ist kein feststehender Wert, Freiheit muss immer erarbeitet werden. Freiheit ändert sich auch ständig. Deshalb wollte ich in diesem Film nicht mit einem übergeordneten Begriff kommen.
SPIEGEL: "Barbara" ist mehr eine Reflexion über Freiheit. Im Film spielt auch Arbeit eine große Rolle. Die Hauptfigur definiert sich über ihre Arbeit als Ärztin.
Petzold: Wir tun in Filmen oft so, als ob es keine Arbeit gäbe. Aber Arbeit stiftet Identität. Auf Partys sagen Leute lieber, sie schreiben gerade an einem Roman, auch wenn sie es nicht tun, als zu sagen, sie seien arbeitslos. Das hat mich interessiert: die Freiheit, die man hat, dadurch, dass man tätig ist. Wenn man den anderen bei der Tätigkeit beobachtet, sieht man, was das für ein Typ ist: Wie der eine Spritze hält zum Beispiel. Und Tätigkeit bringe ich viel mehr mit der DDR in Verbindung als mit uns im Westen.
SPIEGEL: Waren die Frauen in der DDR freier in dem Sinne, dass sie unabhängiger von Männern waren?
Petzold: In dem Sinne schon. Meine Mutter ist ein Opfer des bundesrepublikanischen Ideals der Hausfrau geworden. In der DDR war sie Chemielaborantin, in der BRD hatte sie dann drei Söhne und war nicht berufstätig, darunter hat sie zeitlebens gelitten. Es gab in den siebziger Jahren diese Werbung von Jacobs- Kaffee, in der ein Mann morgens die Wohnung verlässt und zu seiner Frau sagt: "Dein Kaffee schmeckt mir nicht. Ich trinke lieber den im Büro." Meine Cousins im Osten haben das nicht verstanden. Frauen, die stolz waren auf ihre häuslichen Fähigkeiten, gehörten nicht zu deren Weltbild.
SPIEGEL: Die Bundesregierung plant, Eltern Geld zu geben, die zu Hause bleiben, um ihre Kinder zu erziehen. Das Argument lautet: Die Frauen hätten dann Wahlfreiheit.
Petzold: Das ist der größte Schwachsinn und typisch für den westdeutschen Freiheitsbegriff. Solche Fragen werden monetär gelöst, statt Strukturen zu bauen. Das ist keine Freiheit. Die Frauen gehen kaputt in den Vorstädten.
SPIEGEL: Wir reden über einen Begriff, der zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehört. Jeder dachte, er wisse, was darunter zu verstehen sei. Plötzlich ist er aber wieder aktuell, und in der Debatte um Joachim Gauck als Bundespräsidenten zeigt sich, dass es unterschiedliche Auffassungen von Freiheit gibt.
Petzold: Ich bin da ein Anhänger der Französischen Revolution. Da hat der Freiheitsbegriff allein auch nicht gereicht. Da gehört noch die Gleichheit dazu und die Brüderlichkeit, und kein Begriff ist von dem anderen zu trennen. Im Westen ist die Freiheit durch die Werbung völlig entwertet. Schon die Entscheidung, an welcher Tankstelle ich tanke, wird ja zu einer Frage der Freiheit stilisiert.
SPIEGEL: Gauck meint aber die Freiheit, sich äußern zu dürfen, das politische System mitgestalten zu dürfen. Diese Art Freiheit hatte er in der DDR vermisst, und die genießt er jetzt.
Petzold: Das soll er gern tun.
SPIEGEL: Gefällt er Ihnen als neuer Präsident?
Petzold: Ich fand den Satz von seinem Vorgänger Christian Wulff über den Islam, der zu Deutschland gehört, richtig. Er war ja eigentlich ein selbstverständlicher Satz - aber meine Frau ist Türkin, und die hat das gern gehört, die hat 30, 40 Jahre darauf gewartet. Freiheit und Verantwortung, dieses Begriffspaar von Gauck, damit kann ich nicht so viel anfangen. Das klingt für mich nach Weihnachtsansprache. Die Leute mögen Gauck, auch weil er präsidial aussieht. Der hat Zeichen im Gesicht. Von ihm bekommen wir bestimmt eine Briefmarke.
SPIEGEL: "Barbara" spielt 1980, trotzdem glaubt man, einen Film von heute zu sehen, woran liegt das?
Petzold: Ich habe bei meinen Reisen in die DDR um 1980 schon klar gespürt, dass sich das Land auflöst. Und immer, wenn Gesellschaften entstehen oder sich auflösen, wenn Zeitalter zu Ende gehen, entsteht Raum für Erzählungen, für Romane oder eben für das Kino. An so einem Wendepunkt befinden wir uns auch im Moment, in der Finanzkrise.
SPIEGEL: Ist Barbara am Ende frei?
Petzold: Je näher der letzte Drehtag rückte, desto nachdrücklicher stellten wir uns diese Frage. Und wir gierten nach Antworten. Doch irgendwann wusste ich, dass der Film mit genau dieser Frage aufhören muss. Noch am Schluss muss es diesen Druck geben: Was ist das überhaupt - Freiheit? Der Druck dieser Frage ist notwendig. Damit muss der Zuschauer entlassen werden. Das ist ein gutes Ende.
Von Susanne Beyer und Claudia Voigt

DER SPIEGEL 13/2012
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