26.03.2012

KARRIERENAus dem Zuchthaus zu den Sternen

Er war ein Hochstapler, Lügner und Dieb und einer der meistgelesenen Autoren der Deutschen. Vor 100 Jahren starb Karl May, der seine Biografie genauso phantasievoll ausschmückte wie die Szenarien seiner Abenteuerromane.
Einmal war er dann doch in der Ferne, in jenen wilden Ländern, die er zuvor von seinem Schreibtisch aus so furchtlos bereist hatte. Im April 1899 schiffte sich Karl May von Genua nach Port Said ein, um endlich den Orient zu sehen. 50 000 Mark hatte May zur Verfügung, um samt Diener angemessen logieren zu können, eine für damalige Zeit ungeheure Summe. Er war 57 Jahre alt und einer der berühmtesten Schriftsteller Deutschlands, ein reicher Mann.
Die Reise war ein Desaster. May vertrug das fremde Essen nicht, Gestank, Lärm und der allgegenwärtige Schmutz setzten ihm zu - alles schlug ihm auf Magen und Seele. Dazu kamen die Touristen, die mit dem Baedeker die Sehenswürdigkeiten von Kairo abliefen, "den roten Führer krampfhaft in der Hand", wie der Autor klagte.
Er hielt tapfer durch, von Ägypten ging es nach Ceylon und Sumatra, als müsse er nachträglich mit Leben füllen, was er zuvor nur vorgegeben hatte zu sein: ein Abenteurer und Weltenbummler. Als May nach 16 Monaten, gezeichnet von zwei Nervenzusammenbrüchen, wieder die sächsische Heimat erreichte, schwor er, so schnell kein zweites Mal auszurücken. Amerika, der andere Abenteuerschauplatz seiner Bücher, musste warten.
Eine Welt im Kopf zu erschaffen ist das Wesen der Schriftstellerei. Kaum ein Autor hat diese Disziplin so konsequent betrieben wie Karl May, die eigene Biografie eingeschlossen. Zum 100. Mal jährt sich in dieser Woche sein Todestag. Was den Erfolg der Phantasieproduktion angeht, ist der Mann aus dem sächsischen Radebeul bis heute in Deutschland unerreicht.
Über 200 Millionen Bücher beträgt die Gesamtauflage, solche Dimensionen erlangen sonst eher Diktatoren und Religionsstifter - oder Joanne K. Rowling mit ihrem Harry Potter. Die Hälfte von Karl Mays Auflage wurde im deutschsprachigem Raum verkauft. In den angelsächsischen Ländern ist May so gut wie unbekannt, nur in Osteuropa hat er vergleichbaren Ruhm erreicht. Die Zahl der Fans, die ihm über die Jugendjahre hinweg die Treue hielten, ist groß; sie reicht von Albert Einstein und Karl Liebknecht bis zu Ernst Bloch und Martin Walser.
Man kann in May den ersten Grünen sehen, mit seiner Zivilisationskritik und naiven Naturbegeisterung, einen romantischen Erweckungsprediger, der dem Pazifismus zum Durchbruch verhelfen wollte, oder auch, wie einige christliche Zeitgenossen, einen gefährlichen Jugendverderber. Der DDR war er nicht geheuer. Bis in die achtziger Jahre herrschte im SED-Staat für sein Werk Publikationssperre, dann wurde der Sachse wieder eingemeindet, zusammen mit Luther und dem alten Fritz. Klaus Mann hielt May für einen frühen Nazi, gar "Hitlers literarischen Mentor", aber mit diesem Urteil stand er eher allein.
Keine Frage, May hat Helden geschaffen, die in den kollektiven Mythenschatz eingegangen sind; Häuptling Winnetou natürlich, "Der Rote Gentleman", wie es einst im Untertitel seines berühmten Romanzyklus hieß, Old Shatterhand, der unverwüstliche Kara Ben Nemsi, der noch zu Lebzeiten alle anderen Phantasiegestalten Mays an Popularität übertraf. Erst nach dem Tod des Autors holte Winnetou auf und setzte sich an die Spitze, auch dank der beliebten Filme mit Pierre Brice und Lex Barker, die von 1962 an in die Kinos kamen.
Aber es bleibt eben doch Abenteuerliteratur, getrieben von dem Wunsch, sich aus der Enge des wirklichen Lebens hinauszuträumen, eine eigenartige Mischung aus Genie und Trivialität. May machte sein Publikum mit Völkern und Landschaften bekannt, von denen es bis dahin allenfalls die Namen gehört hatte. Fernweh kannte man auch schon im ausgehenden 19. Jahrhundert.
May beließ es nicht beim Träumen, er transformierte durch die Literatur das eigene Leben. Schreiben war für ihn erst Selbstfindung, dann Selbstrettung; damit erweist er sich als ein früher Vertreter der Moderne.
Was für ein Aufstieg, was für ein Stoff: Mehrfach vorbestrafter Betrüger schreibt sich aus seinen Umständen frei und wird Auflagenkönig. Aus dem Zuchthaus zu den Sternen - das hätte May nicht besser erfinden können. Aber diesen Roman zu schreiben blieb lange anderen vorbehalten. Tatsächlich war May, einmal respektabel geworden, eifrig bemüht, die Spuren zu seinem ersten Leben zu verwischen. Als es ihn doch einholte, auf der Höhe seines Erfolgs, war es ein Skandal, der ihn die Ruhe des Lebensabends kostete und ein gutes Stück seiner Gesundheit.
So vieles an diesem Leben war zurechtgebogen, erschummelt und erdacht. Nur 1,66 Meter war May groß, ein Mann von eher zarter Figur, vor dessen Faustschlag sich allenfalls eine Fliege fürchten musste. Aber wenn er auf seinem Rappen saß, in der Hand den Bärentöter, dann nahm er es mit allen auf, auch den größten Schurken. May war ein Pionier im Spiel mit den Identitäten, das heute zu jeder besseren Künstlerbiografie gehört.
"Grundriss eines gebrochenen Lebens" hat Hans Wollschläger seine bekannte Studie über Karl May genannt, und in der Tat: Schlechter konnten die Voraussetzungen für einen künftigen Weltschriftsteller kaum sein. Alles in dem Elend, in das May im Jahr 1842 hineingeboren wird, spricht für ein kurzes, niedergedrücktes Dasein. Von seinen 13 Geschwistern kommen 9 nicht über das Säuglingsalter hinaus.
Das Erzgebirge mit Mays Geburtsort Ernstthal ist Weber-Gegend, aber das Handwerk liegt darnieder, Schmuggel und andere Nebenberufe müssen aushelfen. Wenn das nicht reicht, kommen Unkrautsuppe und Kartoffelschalenabsud auf den Tisch, davon gedeiht nur ein "Kellerkeim von Jungen", wie Arno Schmidt, ein anderer May-Enthusiast, es später beschrieben hat. Einmal macht die Mutter eine unverhoffte Erbschaft. Es reicht für eine Hebammenausbildung, aber bald ist das Geld schon wieder durch die Hände geronnen, vom Vater für alle möglichen Unternehmungen verplempert. Heinrich August May ist ein Träumer wie der Sohn.
Karl ist begabt, das zeigt sich früh, alle Hoffnungen ruhen auf ihm. Nach der Schule muss er stundenlang aus Lexika, Gebetbüchern und Naturgeschichten abschreiben, die der Vater in der Nachbarschaft zusammengeklaubt hat. Wenn es der Sohn wagt, das aufgegebene Pensum nicht pünktlich zu erledigen, erwartet ihn die Züchtigung mit dem "birkenen Hans".
Der Junge wird mit Fakten vollgestopft, völlig unsystematisch, den konfusen Bildungsvorstellungen des Familienoberhaupts folgend, eine "Verfütterung und Überfütterung sondergleichen", wie Karl im Rückblick schreibt. Dennoch lagert sich über die Zeit ein Wissenshumus ab, von dem sich zehren lässt.
Die zweite große Bildungsstätte ist das Gefängnis. May ist 20 Jahre alt, als er das erste Mal vor einem Richter steht. Er hat ein Diplom als Schulamtskandidat in der Tasche, das ein karges, aber stetiges Einkommen verspricht. Er versucht auch, als Erzieher sein Brot zu verdienen, aber es gibt eine Seite in ihm, die sich nicht abfinden will mit der Begrenzung der Verhältnisse.
Ein gewisser Hang zur Großtuerei scheint angeboren. Schon in der Akte des jungen Seminaristen ist von "arger Lügenhaftigkeit" die Rede. May wird später von einem dunklen Sehnen sprechen, das ihn beherrschte: "Es wimmelte von Gestalten in mir, die mitsorgen, mitarbeiten, mitschaffen, mitdichten und mitkomponieren wollten."
Was harmlos beginnt, wächst sich aus. May posiert als Augenarzt "Dr. med. Heilig", stellt als solcher auch Rezepte aus. Einem Steckbrief zufolge trug er eine Brille und war von "freundlichem, gewandtem und einschmeichelndem Benehmen". Dann mietet er sich als "Seminarlehrer Lohse" in Chemnitz ein, bestellt beim Kürschner zwei Bisampelze und entschwindet mit der Beute durch die Hintertür.
Im März 1865 wird er bei Leipzig gefasst, die Strafe ist schnell gefällt: vier Jahre und einen Monat Arbeitshaus. Das ist hart, aber für die Zeit nicht unverhältnismäßig. Er war schon bei ein paar Gaunereien aufgefallen, einige entwendete Kerzen im Internat, eine Uhr, die er nicht zurückgegeben hatte. Es sind Bagatellen, aber jetzt addiert sich das, fügt sich zum Bild eines Gauners und Kleinkriminellen, den man besser wegsperrt.
May hat Glück, er landet im Schloss Oberstein bei Zwickau, einem Reformknast, der sich dem Gedanken der Resozialisierung verpflichtet sieht. Und er wird in der Gefängnisbibliothek eingesetzt. Das ist das zweite Glück. 4000 Bände sind im Bestand, neben Belletristik mit ethischem Anspruch in der Hauptsache historische, naturgeschichtliche und geografische Werke, reichlich Stoff also für die kommenden Jahre. May entwirft sich eine Zukunft als Schriftsteller. Ein sogenanntes Repertorium C. May, das sich im Nachlass erhalten hat, listet 137 Titel und Skizzen für künftige Bücher auf. Was May anfasst, das hat er mit Richard Wagner gemeinsam, geht ins Grandiose.
Kaum entlassen, setzt er seine Harlekinaden allerdings fort, konfisziert als "Polizeileutnant" im März 1869 bei einem Krämer angebliches Falschgeld. Im Mai klaut er aus einer Gastwirtschaft Billardkugeln, im Juni stiehlt er ein Pferd. Als ihn die Polizei erneut festsetzt, nennt er sich Albin Wadenbach, Sohn eines Plantagenbesitzers aus Martinique.
Einige May-Forscher spekulieren über eine psychische Erkrankung des Autors. Der Neurologe und Psychiater Edgar Bayer kommt 2003 in einem nachträglichen Gutachten zu dem Urteil, May habe an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gelitten. Typisch für dieses Krankheitsbild seien ein "grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit", ein übermäßiges "Verlangen nach Bewunderung" sowie "Phantasien grenzenlosen Erfolgs".
May ist 32 Jahre alt, als er, von den Behörden mit dem Vermerk "etwas entkräftet, sonst arbeitsfähig" versehen, das Zuchthaus Waldheim verlässt. Ein Drop-out, der sein halbes Leben unter Aufsicht verbracht hat, unselbständig, "ein sehr altes Kind", wie der May-Biograf Rüdiger Schaper schreibt. Er wolle nach Amerika auswandern, gibt May als Ziel an, stattdessen veröffentlicht er im "Deutschen Familienblatt" des Verlegers Heinrich Gotthold Münchmeyer die erste Folge "Aus der Mappe eines Vielgereisten".
Münchmeyer ist einer der Großen im Handel mit Fortsetzungsromanen, die nach der Verbreitung von Druckmaschinen ihre Blüte haben. Rund 20 Seiten umfasst ein Heftchen, das man im Abonnement bezieht. May erweist sich als begabter Zulieferer, der schon bald zum festangestellten Redakteur aufsteigt. Das Pensum des Trivialliteraten ist gewaltig: Mehr als 20 000 Druckseiten werden es nach fünf Jahren sein. Wer im Kolportagegeschäft steckt, kann sich Schreibhemmungen nicht leisten. Manchmal verliert May den Überblick, dann verschwinden einfach Figuren, oder es verknoten sich die Handlungsstränge so sehr, dass er einige fallenlassen muss.
May empfindet die Auftragsproduktion zuerst als "Himmelsgeschenk", später als Fluch. Er wechselt zu seriöseren Auftraggebern. 1892 erscheint bei Fehsenfeld in Freiburg der erste Band von "Carl May's gesammelten Reiseromanen", schon damals mit dem grünen Rücken, der in vielen Lesern bis heute Erinnerungen an selig durchwachte Nächte weckt.
May erfasst intuitiv das Bedürfnis des Publikums nach Authentizität. Am Anfang belässt er es bei Andeutungen, dass er nicht nur Erfundenes schreibt, sondern Selbsterlebtes. Auf eine Anfrage nach dem Aufenthaltsort des Autors ergeht die Antwort: "Gegenwärtig reist er in Rußland und beabsichtigt, bald wieder einen Abstecher in's Zululand zu machen." Einige Monate später erfahren die Leser, May liege "krank darnieder in Folge einer wieder aufgebrochenen alten Wunde".
Aber mit jeder weiteren Geschichte verschwimmen die Grenzen zwischen fiktiven Helden und Autor ein wenig mehr. Irgendwann sind Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi nicht mehr nur auf dem Papier Verlängerungen der Schreibtischexistenz.
May staffiert sich das Haus als exotische Schatzkammer aus. Die Möbel bezieht er über einen Händler in Dresden, die Orientbegeisterung ist in der Zeit groß, so dass es keine Lieferprobleme gibt. An die Wände kommen Teppiche, neben den Schreibtisch ein ausgestopfter Löwe.
Bei einem Studiofotografen in Linz gibt May Porträtfotos in Auftrag, die ihn im Old-Shatterhand-Kostüm vor exotischer Landschaftskulisse zeigen. Ein Büchsenmacher in Dresden fertigt nach seinen Angaben die Silberbüchse, den Bärentöter und den Henrystutzen, die berühmtesten Waffen aus seinen Büchern. Sie bekommen einen Ehrenplatz in der "Villa Shatterhand", die sich der Autor 1896 von den nun reichlich fließenden Tantiemen kauft. Nur schießen darf man nicht mit ihnen, die Gewehre wären dabei vermutlich explodiert.
Dem Hochstapler ist das Vorgegaukelte ganz natürlich. Weil er an das glaubt, was zu sein er vorgibt, entwickelt er Überzeugungskraft. Das unterscheidet ihn vom Lügner, der sich der Verstellung immer bewusst ist. Wie schon bei den Scharaden, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, wird May mit der Zeit immer verwegener. Ist die Rolle als Abenteurer einmal eingenommen, kennt die Phantasie keine Grenzen mehr.
Bei einer Lesung in München berichtet May dem Publikum, dass er nur "noch zwei große Lebenszwecke zu erfüllen" habe, "eine Mission bei den Apatschen, deren Häuptling ich bin", und eine Reise zu "meinem Halef, dem obersten Scheik der Haddedihn-Araber". Danach werde er Seiner Majestät, dem Kaiser, den Henrystutzen vorführen, um ihn zur Standardwaffe in der deutschen Armee zu machen. Als er zu einer Audienz an den Hof in Wien eingeladen ist, lässt er anfragen, ob er als "cow-boy" oder als Schriftsteller erscheinen solle. Die Erzherzogin entscheidet sich für das Letztere.
Es gibt immer wieder Irritationen, aber die erklärt May einfach, piff-paff, weg. Ein Leser wundert sich über die Ausstellung der Silberbüchse, schließlich hatte der Autor im dritten Band seiner Winnetou-Reihe beschrieben, dass er den toten Freund "mit seinen sämtlichen Waffen" begraben habe. Alles ganz einfach, erklärt May, er habe bei einem Grabbesuch Räuber in der Nähe erspäht und deshalb das teure Andenken an sich genommen. Einmal steht ein Besucher vor der Tür und erbittet eine Strähne von Winnetous Haar; glücklich zieht er von dannen, als ihm der Autor ein wenig schwarzes Pferdehaar überreicht.
May weiß, was er seinen Fans schuldig ist, auch darin ist er seiner Zeit voraus. In Briefen klagt er über den endlosen Strom an Besuchern, aber es passiert selten, dass er sich verleugnen lässt. Fanpost beantwortet er pünktlich, für hartnäckige Bewunderer hat er eine Selbstauskunft verfasst, die den "Bravo"-Starschnitt vorwegnimmt: "Ich trage Schnurrbart und Fliege; beide waren, wie auch das Kopf-
haar, sehr dunkelblond; jetzt beginnt eine zwar ehrwürdige, mir aber gräuliche Färbung überhandzunehmen, denn ich zähle 54 Jahre, sehe aber 10 Jahre jünger aus. Meine Augen sind graublau. Ich tanze alle Tänze, doch nur, wenn ich muss. Meine Lieblingsspeise ist Brathuhn mit Reis, mein liebstes Getränk Magermilch."
In seiner Prahlsucht ist May auch Epochenmensch. Rüdiger Schaper stellt ihn in seiner sehr schönen Biografie wohl zu Recht in die Genealogie des Wilhelminismus, dieser überhitzten Endphase in der Geschichte des Kaiserreichs, die ebenfalls ganz von Selbstüberhebung und Großmannssucht geprägt ist. Der Monarch Wilhelm II. posiert in täglich wechselnden Uniformen, die Träume deutscher Weltherrschaft greifen weit aus, mit der Marine als Phantasievehikel. Das Überspannte und das Illusorische führen in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, bei May nehmen sie am Ende den entgegengesetzten Weg, in einen mystischen Pazifismus, mit dem Apatschenhäuptling Winnetou als einer Art roter Christus.
Im Alter von 56 Jahren ist May auf dem Höhepunkt seines Ruhms angekommen. Er spricht jetzt angeblich 40 Sprachen, darunter Malayisch, Kurdisch und Suaheli; verstehen tut er noch ungleich mehr, "über 1200 Sprachen und Dialekte", wie er dem entzückten Publikum in München erklärt. Die Verehrung nimmt solche Ausmaße an, dass die Feuerwehr erscheinen muss, um die Bewunderer zu zerstreuen.
Dann holt ihn, mit Verspätung, die Lüg-nerei doch noch ein. Es ist eine merkwürdige Allianz aus Skandalpresse und christlichen Eiferern, die sich ab 1899 gegen May zusammenfindet. Zu den Vorwürfen, er habe die Öffentlichkeit über seine Vergangenheit getäuscht, kommt die Kritik an seinem Werk. Vor allem in den frühen Kolportageromanen haben die selbsternannten Aufklärer "abgrundtief Unsittliches" ausgemacht, einer will gar "pornografische Leistungen schlimmster Art" entdeckt haben.
Panisch versucht der Autor, die Spuren der Täuschung zu beseitigen, doch es sind vergebliche Versuche. Er lässt die Platten mit den von seinem österreichischen Atelierfotografen gemachten Aufnahmen in der Donau versenken, dabei sind die Abzüge der kompromittierenden Negative längst zu Tausenden verbreitet. Ab Band 14 liegt den "Reiseromanen" bei Fehsenfeld ein Porträt des Autors bei, mit der Versicherung: "Old Shatterhand (Dr. Karl May) mit Winnetou's Silberbüchse".
Alles wird jetzt ans Licht gezerrt und breitgetreten: die angemaßten Doktortitel (Universität Rouen), die unterschlagenen Vorstrafen. Es ist ein großes Medienspektakel. May verkauft immer, auch als in die Tiefe gezerrter Scharlatan.
Beinahe zehn Jahre wogt der Kampf vor den Gerichten. Es gibt ständig neue Anschuldigungen, Verleumdungen, gegen die sich May juristisch zur Wehr setzt. Darf man ihn ungestraft als "geborenen Verbrecher" bezeichnen, oder übersteigt dies das Recht der Kritik? Der Schriftsteller versinkt in Depressionen, der Schreibfluss versiegt, in der Brust nistet sich ein stechender Schmerz ein, der ihm fast den Atem raubt. Am Ende steht der erlösende Satz, dass einem Literaten ein anderes, freieres Wahrheitsempfinden zustehe. "Ich halte Karl May für einen Dichter", befindet 1911 der Berliner Landgerichtsdirektor Theodor Ehrecke, die verlorene Gesundheit kann dieses abschließende Urteil nicht mehr herstellen.
Wenige Jahre vor seinem Tod am 30. März 1912 fährt May dann doch noch nach Amerika. Mit dem Baedeker in der Hand, den er in Kairo noch verspottet hatte, geht es über New York und Boston zu den Niagarafällen. Der Mann, der den Wilden Westen seine Heimat nennt, absolviert brav das Programm des Amerika-Neulings, kauft Souvenirs für sich und seine Frau und schreibt Postkarten nach Deutschland.
Trauriger Höhepunkt der Reise ist ein Besuch im Reservat, wo 400 Nachfahren des einst mächtigen Irokesenstamms der Tuscarora in Rindenzelten hausen. Ein Foto zeigt den Autor neben dem Häuptling in Hosenträgern. May wusste schon, warum er lieber vom Schreibtisch aus die Welt umreiste. Gegen die Phantasie kommt die Wirklichkeit nur selten an.
(*) Mit Marie Versini, Pierre Brice, Lex Barker.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 13/2012
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