28.12.1998

II. DAS JAHRHUNDERT DER ENTDECKUNGEN: 2. Freud und die Erforschung des IchDer neue Irrationalismus

Von Colin Goldner
Übersinnliches hat Hochkonjunktur. Kein Wunder, denn - um mit Robert Musil zu sprechen - "in Zeiten der Pleite bevorzugt die Seele das Jenseits". In Okkult-Zirkeln sonder Zahl wird das Herandämmern eines "Neuen Zeitalters" beschworen, eines "New Age", in dem die Menschheit auf eine höhere Stufe des Bewußtseins katapultiert werden soll.
Atavistische Namen und Begriffe durchwabern die Szene: Von Kabbala, Runen und Pyramidenenergie ist da die Rede, von schamanischem Geheimwissen und magischen Kräften, von Astrologie, Chiromantie, Tarot und I-Ging. Germanische und keltische Vorstellungen werden aus ihrem Kontext gebrochen und willkürlich vermengt mit Fragmenten buddhistischer, taoistischer oder indianischer Herkunft: ein schier undurchdringlicher Wirrwarr anthropologischer, religiöser und kultureller Versatzstücke.
Hinzu kommen Kontakte mit Verstorbenen oder mit Schutzgeistern aus höheren Sphären, bevorzugt auch mit intergalaktischen Wesen, die in Ufos die Erde umkreisen oder von irgendwelchen Planeten ihre Botschaften senden.
Über 10 000 Zentren, Institute und Heilpraxen bieten im deutschsprachigen Raum ihre Dienste an. Neben Auralesern, Bachblüten- und Edelsteintherapeuten, Rebirthern, Neu-Heiden und Rosenkreuzern vor allem auch Reiki-Meister, die durch Handauflegen "reine göttliche Heilkraft" aus dem Kosmos zu "channeln" vermögen.
Das Ganze als harmlose Spinnerei einiger Durchgeknallter abzutun, griffe indes zu kurz; es trüge ebensowenig zu dessen Erklärung bei wie die in aufgeklärteren Kreisen häufig anzutreffende wohlwollende Toleranz, jeden noch so abwegigen Firlefanz als zumindest auf persönlicher Ebene ernst zu nehmenden Versuch spiritueller Sinnfindung gelten zu lassen.
Nahezu sämtliche Lebensbereiche sind heute von "Übersinnlichem" durchzogen, Esoterik ist en vogue. Gänzlich ungeniert werden abstruseste Hirngespinste in Umlauf gebracht, Stars wie Tina Turner, Harrison Ford oder Richard Gere führen ihre Schlagseite zum Okkulten in aller Öffentlichkeit vor; selbst Franz Beckenbauer deliriert von Karma und Wiedergeburt.
Auch die Politik bleibt nicht verschont: Hans-Dietrich Genscher liest astrologische Horoskope, und zu den Bundestagswahlen trat eine Partei an, die ihren Wählern versprach, sie könnten kraft transzendentaler Meditation die "Kunst des Fliegens" erlernen.
Die Obskuranten des New Age wähnen sich gern als Avantgarde eines noch nie dagewesenen Denkens. Ihre Ideen sind freilich keineswegs neu: Sie entstammen im wesentlichen der Theosophie, einer Mixtur mystischer und okkulter Traditionen, zu finden schon bei den Neuplatonikern des zweiten Jahrhunderts. Theosophisches Gedankengut zieht sich quer durch Mittelalter und Neuzeit. Als Gegenbewegung zu den gesellschaftlichen Umwälzungen in Europa erreichte der Spiritismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts seine höchste Blüte.
Zu den berühmtesten Geisterklopfern ihrer Zeit zählte die gebürtige Russin Helena Blavatsky (1831 bis 1891), derzufolge ein Rat galaktischer Wesen beschlossen habe, die "evolutionär fortgeschrittene Rasse" der Menschheit in ein "Goldenes Zeitalter" zu führen: die der "germanisch-nordischen" Arier. Das "Verlöschen" der "niederen Rassen", "Rothäute, Eskimos, Papuas, Australier, Polynesier und so weiter" sei insofern "karmische Notwendigkeit". Die 1875 von Blavatsky in New York gegründete "Theosophische Gesellschaft" lieferte mit derlei Ideologemen eine willkommene Rechtfertigung für den Imperialismus in der Dritten und Vierten Welt.
Auch in Deutschland gab es eine ganze Reihe spiritistischer Gruppierungen, die den Rückzug ins Irrationale suchten. In München formierte sich bereits 1893 ein Esoterik-Quartett - Ludwig Klages, Stefan George, Alfred Schuler, Karl Wolfskehl -, das sich "Die Kosmiker" nannte.
Evolutionistische und aristokratische Abstammungslehren verspannen sie mit Germanentum und deutschem Romantizismus zu einem wilden Konglomerat aus mystischer Vergangenheitssehnsucht und reaktionärem Eliteanspruch.
Die Kosmiker wurden zur Attraktion der Münchner Kulturszene. Alles, was Rang und Namen hatte, traf sich dort: der Philosoph Oswald Spengler, die Schriftstellerin Ricarda Huch, die Maler Paul Klee und Franz Marc.
Während Lenin ab 1901 in Schwabing an seiner Schrift "Was tun?" arbeitete, spannen ein paar Ecken weiter die Kosmiker von vorantiken Mysterien, faselten von "Wiedereinkörperung" und "schwelender Seele". Schuler hatte 1895 in einem Schmöker über prähistorisches Mutterrecht ein altindoeuropäisches Zeichen entdeckt: das Hakenkreuz, dem er als "strahlendem Symbol heidnischer Wiedergeburt" herausragende Bedeutung zusprach bei der "Befreiung der Menschheit von der Last judäo-christlicher Kultur".
Im Winter 1903/04 zerbrach der Kreis der Kosmiker. Ihre kruden Phantasien aber waren längst nach Wien geschwappt. Dort gab ab 1905 der frühere Zisterziensermönch Adolf Lanz, der als "Baron Jörg Lancz de Liebenfels" einen "Orden des Neuen Tempels" gegründet hatte, ein ario-germanisches Esoterikblatt namens "Ostara" heraus. Leser dieses Blattes war auch der Postkartenmaler Adolf Hitler.
Lanz' Ordensmänner mußten blond und blauäugig sein und sich zur "Reinzucht" verpflichten. 1908 hißte Lanz auf seiner Ordensburg Werfenstein an der Donau eine Fahne mit dem Hakenkreuz.
Schon zu Zeiten Wilhelms II. hatten sich reaktionäre Kreise aus Industrie, Adel und Militär zu esoterischen Geheimbünden, etwa dem "Germanen-Orden für Deutsche Art", zusammengefunden. Großmeister der "Bayerischen Loge" des Germanen-Ordens wurde ein gewisser Rudolf Glauer, der sich "Freiherr von Sebottendorf" nannte und sein Geld mit Astrologie, Alchimie und Wünschelrutengehen verdiente.
Inspiriert von Lanz' Geschwafel, kam Hitler 1913 nach München. Nach seiner Rückkehr vom Kriegsdienst an der Westfront schloß er sich dem Dunstkreis der esoterischen "Thule-Gesellschaft" an, die Glauer 1918 gegründet hatte und der auch spätere Nazi-Größen wie Streicher, Heß und Rosenberg angehörten.
1919 formierte sich aus der Thule heraus die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), die kurz darauf in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannt wurde. Man verfolgte ein klares Ziel: spirituell-politische Weltherrschaft der arischen Rasse. Dem Anbruch des neuen Zeitalters, des "Dritten Reiches", standen vor allem die "Dunkelrassen", die Juden, im Wege, die es zu beseitigen galt. Unbestreitbar wurde der Nationalsozialismus aus solch esoterisch-okkulten Quellen mitgespeist.
Nicht zu vergessen als Wegbereiter des heutigen New Age ist Rudolf Steiner, der seine esoterische Karriere als Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland begann. 1913 trennte er sich von den Theosophen und gründete die "Anthroposophische Gesellschaft", die deren Lehre mit ein paar sozialen und humanen Untertönen versah. An der rassistischen Ideologie der Theosophen hielt Steiner jedoch unbeirrbar fest.
Die heutigen Vertreter des "neuen Bewußtseins" führen die Ideologie der Theosophen und Anthroposophen ungebrochen fort. Sie sagen es nur nicht mehr laut, daß die Slums, Elendsviertel und Kriegsschauplätze dieser Welt Tummelplätze für niedere Seelen sind, denen nur Recht widerfährt. Nur ab und zu erfährt man, was sich tatsächlich hinter der biederen Fassade von Meditationszirkeln verbirgt: wenn etwa New-Age-Führer wie David Spangler oder Sir George Trevelyan, Träger des Alternativen Nobelpreises und "spiritueller Berater" von Prinz Charles, über "Euthanasie minderwertigen Lebens" schwadronieren.
Oder wenn der Berliner "Reinkarnationsexperte" Tom Hockemeyer, bekannt als Trutz Hardo, den millionenfachen Mord an den Juden als "karmischen Ausgleich" für irgendwelche Verfehlungen verklärt, deren diese sich in früheren Leben schuldig gemacht hätten. Der Holocaust sei das "Bestmögliche" gewesen, was den Juden habe zustoßen können.
Woran liegt es, daß aufgeklärte Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts all den Irrwitz für bare Münze nehmen, der ihnen da von Astrologen und Hellsehern verkauft wird? Jeder zweite Deutsche glaubt an außerirdische Wesen, jeder dritte an Ufos, jeder siebte an Magie und Hexerei; zwei von drei Bundesbürgern fürchten sich vor Erdstrahlen, über 35 Prozent halten die Zukunft für vorhersagbar, 20 Prozent glauben, es ließen sich Kontakte zum Jenseits herstellen. Wie ist es möglich, daß, wie im Falle der "Teneriffa-Sekte", intelligente und gebildete Menschen davon überzeugt sind, sie könnten dem bevorstehenden Ende der Welt durch Suizid entgehen, woraufhin ihre Seelen von Ufos auf den Sirius verbracht würden?
Der Schlüssel zum Verständnis für das Massenphänomen des neuen Irrationalismus ist in erster Linie ein psychologischer: In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, in denen tradierte Werte und Normen zunehmend ihre Geltung verlieren und zugleich reale ökonomische Probleme unüberwindbar werden, suchen viele Menschen, vor allem der Mittelschicht, ihr Heil in vermeintlich höheren Autoritäten, in Lebenslehrern und Gurus samt ihren jeweiligen Doktrinen, die, hergeleitet vorgeblich aus "kosmischen" oder "universellen" Gesetzen, sich als ewig gültig und verläßlich darstellen; als bestes Beispiel hierfür gilt die moderne Volksseuche der Astrologie.
In solcher Regression in frühkindliche Abhängigkeitsverhältnisse ist es nicht wichtig, ob die jeweilige Lehre irgendwelchen kognitiven Sinn macht; ganz im Gegenteil: je abstruser, desto attraktiver, da sie das ersehnte bedingungslose Vertrauen zugleich voraussetzt wie auch erzeugt. Gerade wenn das Verrückteste und Unsinnigste geglaubt wird, fühlen sich die Anhänger und Anhängerinnen eins mit ihrem Führer, und die leidvoll erlebten Zweifel, Selbstzweifel und Existenzängste lösen sich auf.
Es ist dies der Schlüssel, den Erfolg der in der Regel faschistoid angehauchten Gurus zu begreifen, von Baghwan Shree Rajneesh über San Myung Mun hin zu L. Ron Hubbard, David Koresh oder auch Shoko Asahara, der - mit Hilfe des Dalai Lama! - zu einem der potentiell gefährlichsten Massenmörder dieses Jahrhunderts aufstieg: Die Giftgas-Attentate in der Tokioter U-Bahn waren nur das Vorspiel auf dem Weg der AUM-Sekte zur "Weltherrschaft". Auch die etablierten Kirchen sind keineswegs frei von derartigen Strömungen: Exorzismushysterie und Engelwerk unterscheiden sich in nichts von den Praktiken, die im Zeichen des Wassermanns betrieben werden.
Die politischen Implikationen des fortschreitenden Irrationalismus liegen auf der Hand: Die einzige Möglichkeit, die Menschen haben, sich gegen inhumane gesellschaftliche Verhältnisse zur Wehr zu setzen - Verstand und Vernunft -, werden gezielt zerstört. Übrig bleibt ein Volk von Karma-, Schicksals- und Vorsehungsgläubigen.
Goldner, 45, ist klinischer Psychologe und Leiter des Forums Kritische Psychologie, einer Beratungsstelle für Therapiegeschädigte in München.
Von Colin Goldner

DER SPIEGEL 53/1998
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