28.12.1998

KINO

Das gute Alte, das beste Neue

Von Weingarten, Susanne und Jenny, Urs

Immer häufiger werden erfolgreiche und also erfolgversprechende Stoffe neu verfilmt. Hollywood hat geradezu eine Strategie daraus gemacht - das jüngste, auch paradoxeste Beispiel ist die Neufassung von Hitchcocks legendärem Thriller "Psycho".

Die biblische Weisheit, daß es nichts wirklich Neues unter der Sonne gebe, hat Kunstmacher, Show-Unternehmer oder Filmproduzenten nicht daran gehindert, unentwegt das Nochniedagewesene, das durch und durch Originale und Originelle zu fordern und anzupreisen. Ausgenommen von diesem Novitätszwang sind, auf dem Terrain des Kinos, jene vom Fachmann "Remakes" genannten Filme, die erklärtermaßen als Neufassungen eines früheren daherkommen: Play it again, Sam! Es gibt Remakes beinahe so lange, wie es das Kino gibt, und der stets wachsende, unstillbare Stoffhunger des Mediums erzwingt geradezu naturgemäß das Recycling guter Ideen.

Gott mag die Welt nur einmal erschaffen haben und Moses nur einmal auf dem Berge Sinai erschienen sein, aber schon Cecil B. DeMille hat "Die zehn Gebote" zweimal verfilmt, 1923 und 1957, und ein taufrisches Zeichentrick-Remake derselben steinalten Geschichte ist nun eben als "Der Prinz von Ägypten" in die Kinos gekommen.

In den letzten Monaten hat die Remake-Welle insbesondere Alfred Hitchcock wieder in die Titelzeilen gebracht. Zuerst kam sein eher biederer Thriller "Bei Anruf Mord" von 1954 aufgepeppt als "Ein perfekter Mord" in die Kinos. Dann fand in den USA eine neue TV-Version von "Rear Window" ("Fenster zum Hof") Beachtung, die den besonderen Möglichkeiten des querschnittgelähmten Schauspielers Christopher Reeve angepaßt war.

Nun wird, Anfang Januar, auch hierzulande Gus van Sants "Psycho"-Remake herausgebracht, das als besondere Originalität seine besondere Treue zum Original hervorkehrt. Weitere Hitchcock-Neufassungen sind angekündet, doch der Meister hat auch dafür selbst Maßstäbe gesetzt: Er drehte seinen 1934 entstandenen Schwarzweißfilm "Der Mann, der zuviel wußte" 1956 noch einmal, nun in Farbe.

Am seltensten sind Remakes von Flops. In der Regel ist das Ziel ja nicht, eine schlechte Sache besser zu machen, sondern schlicht aus einem Erfolg noch ein zweites, drittes, viertes Mal Kapital zu schlagen. Meistens nimmt das Publikum auch nicht zur Kenntnis, daß es sich bei einem "neuen" Film um den aktualisierten Aufguß eines alten handelt, weil der längst vergessen ist, und auch die Kritik schreit nur in jenen Fällen laut "Aua!", wo ein verehrenswertes Meisterwerk durch schnöden neuen Zugriff verhunzt oder gar geschändet erscheint.

Gemeinhin verfliegt diese Empörung rasch, denn große Originale beweisen angesichts der Kopie allemal ihre Unverwüstlichkeit. Dem Ruhm des japanischen Meisters Akira Kurosawa war kein bißchen abträglich, daß man aus seinen "Sieben Samurai" den Western "Die glorreichen Sieben" machte und, weil die Rechnung aufging, noch weitere Kurosawa-Klassiker wie "Rashomon" einer Verwesternung unterzog. Was Rang hat, bleibt: Marlene Dietrich ist berühmter denn je, während das Hollywood-Remake ihres "Blauen Engels" samt der Hauptdarstellerin längst in Vergessenheit versunken ist.

Grundsätzlich ist aller Filmstoff recycelbar. Ein paar Faustregeln für das Gängige lassen sich empirisch fassen. Zum Beispiel: Mit absehbaren Abständen werden die volkstümlichen großen Romane aus der guten alten Zeit fürs Kino frisch herausgeputzt; letztes Jahr war es "Anna Karenina", nun eben läuft "Les Misérables", demnächst kommen "Das Phantom der Oper" und "Der Graf von Monte Christo".

Verschärft gilt diese Regel für jene vergilbten Trivialschmöker, die eigentlich erst in der Traum- und Schreckenskammer des Kinos ihr Medium gefunden haben. Der berühmteste ist natürlich Bram Stokers "Dracula", der von F. W. Murnaus "Nosferatu" (1922) mit Max Schreck über Werner Herzogs "Nosferatu" (1979) mit Klaus Kinski bis zu Coppolas "Dracula" mit Gary Oldman (1992) weit über die Remakes hinaus ein ganzes Genre stimuliert hat. Als ähnlich fruchtbar kann der Horror-Chirurg Frankenstein gelten oder der Mantel-und-Degen-Held Zorro, der seit seinen glamourösen frühen Verkörperungen durch Douglas Fairbanks (1920) und Tyrone Power (1940) viele Reinkarnationen erlebt hat - bis hin zur jüngsten Erscheinung von Antonio Banderas.

Kluge Drehbuch-Rezeptbuchschreiber haben für ihre Lehrlinge die tröstende und stets als Alibi taugliche Feststellung bereit, daß es im Grunde überhaupt nur 24 oder vielleicht 36 oder allerhöchstens 48 originale Plots gebe, alles weitere sei nur möglichst geschickte Umbiegung, Abwandlung, Maskierung und Frisierung - im Zweifelsfall also nur eine Frage des Muts zum Plagiat.

Aus europäischer Sicht erscheint das ganze Remake-Business als wesentlich amerikanisches Phänomen, und dies insbesondere, weil die großen US-Firmen ja aus Selbstschutz geradezu grundsätzlich keine fremdsprachigen Filme synchronisiert in ihre Kinos bringen, sondern sich, wenn ihnen eine Sache lukrativ scheint, die Rechte an einem Film aus Europa zum Zweck eines amerikanisierten Remakes sichern und dieses dann natürlich auch auf unseren Kinomarkt zurückkatapultieren. Als besonderer Überlegenheitsbeweis Hollywoods gilt es dabei stets, wenn die Kopie auch im Ursprungsland des Originals dessen Erfolg übertrifft. Das gelang gelegentlich in Frankreich ("Nikita", "Drei Männer und ein Baby"), jüngst auch in Deutschland: Mehr als dreimal so viele Zuschauer wie "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders fand dessen heftig verschnulzte US-Version "Stadt der Engel".

Erklärte und ehrenwerte Skrupel vor Remakes stellen traditionsbewußte Filmemacher zur Schau, indem sie, wenn sie doch mal das Sakrileg wagen, ihre Kopie durch Zitate und dergleichen zur "Hommage" an das Vorbild machen - so Coppola in seinem "Dracula", Spielberg in "Always" oder Scorsese in "Kap der Angst". Niemand aber ist in dem paradoxen Anspruch, ein Remake solle zugleich ganz Kopie und ganz Original sein, so weit gegangen wie nun Gus van Sant mit seiner Hitchcock-Neuverfilmung "Psycho".

Das normale Remake tut - wenngleich meist vergebens - sein Bestes, um den Originalfilm vergessen zu machen. Seine Bilder sollen die alten Bilder aus dem Kopf der Zuschauer löschen: Es ist immer zugleich Liebes- und Kriegserklärung an seinen Vorläufer. Gus van Sants "Psycho" hingegen tut sein Bestes, um den Zuschauern das Original schmackhaft zu machen.

Denn der Amerikaner van Sant, 46, haßt Remakes. Sein "Psycho" sei eigentlich "ein Anti-Remake-Film", sagt er: "Warum schnappen sich die Leute einen wirklich guten Film - und fummeln dann an den Dialogen und Einstellungen herum und nennen es immer noch denselben Film?"

Er hat nicht daran gefummelt oder jedenfalls kaum. Na gut, aus den 40 000 Dollar, die 1960 im Originalfilm geklaut wurden, sind jetzt, inflationsbereinigt, 400 000 Dollar geworden, eine Nebenfigur redet von ihrem Walkman, und der Killer darf sich einen handgemachten Orgasmus verschaffen. Auch einige Kameraeinstellungen sind im Detail anders geraten, und ein paar sekundenkurze Traum- oder Wahnblitze illustrieren die Sterbeszenen. Aber sonst: Alles wie bekannt, van Sant hält sich - mit Anne Heche als Opfer und Vince Vaughn als Täter - peinlich genau an den Ablauf von Hitchcocks Thriller.

Ein solches Eins-zu-eins-Imitat hat es in der Filmgeschichte noch nie gegeben. Aus dem einfachen Grund: Es hat nie jemand einen Sinn darin gesehen. Was soll es bewirken, einen Film derart nachzuäffen? Auf diese Grundfrage gibt auch der neue "Psycho" keine einleuchtende Antwort. Erstens ist es bei aller Detailtreue doch eindeutig ein anderer Film - auch van Sant ist der Herumfummel-Falle nicht entkommen. Sein "Psycho" hat andere Darsteller, die ihren Dialogen einen anderen Dreh geben, andere Frisuren und andere Kleidung tragen; er hat eine andere Ausstattung und einen neubearbeiteten Soundtrack - und obendrein ist das Ganze in Farbe.

Auch wenn der Neo-"Psycho" heute spielen soll, hat van Sant ganz offenbar versucht, den Geist der sechziger Jahre durch ihn spuken zu lassen. Das verrät sich in den knappen Retro-Jäckchen, die Anne Heche tragen muß, und den Wagen, die sie auf ihrer Flucht fährt. Eine irritierende zeitliche Unbestimmtheit stellt sich dadurch ein, so als schlingere der Film haltlos durch die Leinwandgeschichte, weil er seinen eigenen Platz nicht finden kann.

Das kann er schon deshalb nicht, weil er so tun muß, als gäbe es das Original in seiner Welt nicht. Anne Heche handelt, als hätte sie "Psycho" nie gesehen. Welche normale junge Frau würde 1998 frohen Mutes im Bates-Motel absteigen? Und welche junge Frau dächte nicht an Janet Leighs grausames Ende, wenn sie spätabends den Heißwasserhahn aufdreht?

Was der neue "Psycho" bewirkt, ist jedoch mehr als ein Déjà-vu-Effekt. Es ist eine "Psycho"-Analyse. Durch den neuen Film denkt man über den alten nach. Und vermutlich ist es genau das, was Gus van Sant wollte. Denn ihm gab sein Remake die Chance, sich als Norman Bates des Filmemachens zu betätigen: So wie sich Norman in seine tote Mutter verwandelt, um Dinge zu tun, die er selbst nicht fertigbringt, so konnte van Sant sich als Regisseur in seinen Vorgänger verwandeln. Um "Psycho" so zu drehen wie Hitch, mußte er so denken und so handeln wie Hitch.

Wie sagt Norman noch gleich, ehe er Marion ersticht? "We all go a little mad sometimes." In diesem Fall waren es die Universal-Produzenten, die ein wenig durchknallten. Denn eigentlich konnte von Anfang an niemand einen Erfolg dieses Experiments erwarten. Cineasten reagierten schon im voraus derart entsetzt auf van Sants Idee, als wolle er den Gral schänden - "Psycho" ist immerhin eines der meistanalysierten Werke der Filmgeschichte und hat schon einigen Interpretationsunfug unbeschadet überstanden.

In der Tat hat der Film in den USA bislang nicht einmal 20 Millionen Dollar eingespielt. Ältere Zuschauer, die sich an das Original erinnern, sind offenbar nicht neugierig auf ein Remake, wo erklärtermaßen doch alles beim alten bleibt. Und den Teenagern, die in hellen Scharen in Horrorschocker wie "Scream" und "Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast" stürmen, ist mit dem verklemmten, mutterfixierten Norman und seinem Messer längst nicht mehr bange zu machen. Den Sumpf des verdrängten Begehrens, in dem der Schmuddel-Erotomane Hitchcock noch kräftig planschen konnte, hat die sexuelle Revolution ziemlich trockengelegt, deshalb wirkt die Story von "Psycho" nicht mehr gewagt und skandalös, sondern antiquiert.

Aber die Story war schon Hitchcock ziemlich schnuppe. Er hat "Psycho" stets als seinen reinsten, seinen filmischsten Film gesehen, in dem er die technischen Zaubereien des Kinos - Kamera, Licht, Schnitt - am konsequentesten in eine Katz-und-Maus-Jagd mit den Zuschauern verwandelt hatte. "Psycho" gehöre, "mehr als alle anderen Filme, die ich gedreht habe", den Filmemachern dieser Welt, sagte Hitchcock im Gespräch mit seinem Kollegen François Truffaut, also "Ihnen und mir". Darauf war er stolz.

So ist die Tatsache, daß sich Gus van Sant ausgerechnet "Psycho" für sein Anti-Remake ausgesucht hat, durchaus einleuchtend: Es ist eine Hommage an das Medium. Ganz abgesehen davon, daß "Die Vögel", die van Sant angeblich vielleicht noch lieber kopiert hätte, unvergleichlich viel teurer geworden wären.

Als letzte Faustregel mag gelten: Es gibt immerhin ein paar Filme, die so berühmt und auf ihre Art unübertrefflich sind, daß wohl noch lange niemand ein Remake wagen wird, dazu gehören gewiß "Casablanca" und "Manche mögen's heiß" - wobei dieser Film selbst das Re-Remake einer Geschichte ist, die schon 1935 in Frankreich und 1951 in Deutschland verfilmt wurde. Ansonsten heißt es: Das nächste Remake kommt bestimmt, nämlich zum Beispiel, hierzulande Mitte Februar, Ernst Lubitschs Liebesbrief-Romanze "Rendezvous nach Ladenschluß" von 1940, mit Meg Ryan und Tom Hanks ins Zeitalter des Internet verpflanzt als "E-mail für Dich". Vielleicht gilt dann: Das Alte ist noch immer das beste Neue. SUSANNE WEINGARTEN, URS JENNY


DER SPIEGEL 53/1998
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