28.12.1998

SPIEGEL-GESPRÄCH

Ich habe auch geschossen

Von Sontheimer, Michael; Berg, Stefan; Schwarz, Ulrich

Der Schriftsteller Stefan Heym über sein Leben als Oppositioneller in drei deutschen Staaten

SPIEGEL: Herr Heym, in Ihrem gerade erschienenen Roman "Pargfrider" blickt ein alter Jude auf sein Leben zurück*. Sind Sie das selbst?

Heym: Ich gebe zu, daß es da gewisse Parallelen gibt. In den meisten meiner Bücher haben die Charaktere etwas von mir an sich. Woher sollte ich denn sonst nehmen, was ich schreibe?

SPIEGEL: Sie wurden 1913 in eine jüdische Familie hineingeboren. Wie hat das Jüdischsein Ihr Leben beeinflußt?

Heym: Vor allen Dingen dadurch, daß ich verfolgt wurde, weil ich Jude war. Ressentiments spürte ich schon im Gymnasium.

SPIEGEL: Hatte das Judentum Ihrer Jugend religiöse Wurzeln?

Heym: Es hat religiöse und traditionelle Wurzeln. Aber wir waren keine wirklich religiöse Familie. Man ging zu den hohen Feiertagen in die Synagoge, und das war so ziemlich alles. Man war nicht "freiwillig"

* Stefan Heym: "Pargfrider". Bertelsmann Verlag; 232 Seiten; 34,90 Mark.

Jude, sondern wurde zum Juden gestempelt und verhielt sich dann entsprechend.

SPIEGEL: Ihre Eltern waren assimilierte deutsche Juden?

Heym: Sehr deutsch sogar. Das Problem für die deutschen Juden in der Weimarer Republik war der Einfluß der Ostjuden. Die kamen aus Polen, aus Rußland, aus den Pogromgebieten und siedelten sich in Deutschland an, bildeten eigene Gemeinden, eigene Traditionen. Die deutschen Juden glaubten, daß es der Einfluß der Ostjuden war, der den Antisemitismus erregte und stärkte. Sie haben genau dasselbe Bild heute mit den Juden aus Polen und aus Rußland, die jetzt nach Deutschland kommen.

SPIEGEL: Schult es das kritische Denken, zu einer Minderheit zu gehören?

Heym: Ja. Man muß sich ja wehren - geistig. Das Wort "Daffke" ist Ihnen vertraut? Das steckt drin. Das ist ein Widerstand, den ich entwickelt habe, einfach weil ich ihn gebraucht habe. Sonst wäre ich zugrunde gegangen.

SPIEGEL: Haben Sie Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Berlin?

Heym: Ich hatte in der DDR-Zeit ein bißchen Kontakt und bin einige Male auch zu den hohen Feiertagen in die Synagoge gegangen. Aber ich habe kein inneres Bedürfnis danach.

SPIEGEL: Würden Sie sich selbst als religiösen Menschen bezeichnen?

Heym: Ja, religiös angekränkelt. Ich habe zwei religiöse Romane geschrieben: den "König-David-Bericht" und "Ahasver". In diesen Büchern habe ich versucht, eine religiöse Thematik zu entwickeln, die anfängt mit der Schöpfung und endet mit dem Ende der Welt. Ich glaube, es ist mir zu einem gewissen Grade gelungen. Jedenfalls habe ich für diese beiden Bücher den Ehrendoktor der Theologie der Universität Bern bekommen.

SPIEGEL: Glauben Sie an Gott?

Heym: Wenn ich sicher wäre, daß es ihn gäbe, würde ich an ihn glauben.

SPIEGEL: Wenn Sie es sicher wüßten, müßten Sie nicht glauben. Aber trägt der "wissenschaftliche Sozialismus" von Engels und Marx nicht auch religiöse Züge? Leo Trotzki, Rosa Luxemburg und etliche andere waren jüdische Intellektuelle, die sich mit der kommunistischen Arbeiterbewegung verbunden haben. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der jüdischen Messias-Erwartung und einer sozialistischen Heilserwartung?

Heym: Unbewußt gibt es den sicher. Ich glaube aber nicht, daß Trotzki und die Luxemburg sich darüber Gedanken gemacht haben.

SPIEGEL: Und Sie selbst?

Heym: Ich gestehe, ich hatte eine gewisse Heilserwartung an den Sozialismus, die habe ich noch immer. Deshalb glaube ich auch nicht, daß der Sozialismus für immer erledigt ist. Ich meine, daß wir eine Welt haben sollten, die menschlich ist, in der nicht der Ellenbogen wichtigster Körperteil ist, sondern das Herz und der Kopf. Diese Art von Gesellschaftsordnung können Sie "Sozialismus" oder "Humanismus" oder "demokratisch" nennen. All diese schönen Worte, all dieser Candy, all das zusammen macht das Bild, das ich mir vorgestellt habe von einer besseren Welt. Ich habe einige Jahre in meinem Leben geglaubt, daß sie sich über den Kommunismus erreichen ließe, bis ich dann doch sehr große Zweifel daran bekommen habe.

SPIEGEL: Wie lange hielt Ihr Glaube?

Heym: Ich war niemals Parteikommunist, weil ich mir gesagt habe: Eine Partei dieser Art verlangt absolute Disziplin, da muß ich stets ja sagen zu dem, was andere Leute mir vorschreiben; das kann ich nicht. Ich habe versucht, mir aus den Schriften von Lenin, von Marx ein Bild zu machen, wie so etwas gebaut sein könnte. Aber in der Praxis hat sich herausgestellt, daß diese Versuche, so wohlmeinend sie auch gewesen sein können, nicht gelungen sind. Ich habe noch geglaubt nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Bündnis Roosevelt-Stalin hat mich glauben gemacht, daß eine Kombination von der Rooseveltschen Humandemokratie - Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit durch den New Deal - mit dem, was die Russen versuchten, zu einer für alle akzeptablen Weltordnung führen könnte.

SPIEGEL: Haben Sie in den USA nichts von Stalins Verbrechen erfahren?

Heym: Ich habe davon erfahren, und ich habe es nicht geglaubt, nicht glauben wollen. Ich habe die Russen erlebt im Krieg und habe sie als Soldaten erlebt, die zum Teil tolle Kerle waren. Ich habe auch nach dem Krieg, in der DDR, wieder Russen kennengelernt; das waren die Leute um die von der sowjetischen Besatzungsmacht herausgegebene Zeitung "Tägliche Rundschau" und gewisse Kulturoffiziere, die mir den Eindruck gemacht haben, mit denen kann man arbeiten. Schließlich bin ich auch als Soldat der U. S. Army über die Elbe gegangen, habe die Russen drüben getroffen und habe sie umarmt. Das bleibt. Und ich wußte auch, wenn die nicht gewesen wären, hätte der Hitler gesiegt. Für mich war das aber die Kardinalfrage.

SPIEGEL: Und wann begannen die Zweifel?

Heym: Als ich merkte, was hier in der DDR alles schief und falsch war. Das muß schon Anfang 1953 gewesen sein. Am 17. Juni brach das alles wie aus einem Vulkan heraus. Ich erinnere mich: Ich bin damals in der Friedrichstraße gewesen. Ich hatte einen Telefonanruf bekommen, ich sollte zum Schriftstellerverband kommen. Da fragte ich mich plötzlich: Was ist das für ein Arbeiterstaat, in dem die Arbeiter gegen die Arbeiterregierung demonstrieren?

SPIEGEL: Sie haben mal sehr respektvoll über Stalin geschrieben.

Heym: Ich habe nur einmal über ihn lobend geschrieben, und das war nach seinem Tod, während seines Lebens nie. Ich glaube, da bin ich der einzige unter all diesen linken Intellektuellen. Ich habe immer eine Art Vorbehalt gehabt gegen das Lobpreisen von Lebenden.

SPIEGEL: War Ihre Distanz zur Person Stalin nur gegen den Personenkult oder auch gegen das Sowjetsystem gerichtet?

Heym: Ich sehe nicht, wie man das trennen soll, das Sowjetsystem und Stalin; das ist ja dieselbe Briefmarke. Natürlich, wenn es ein Sowjetsystem ohne Stalin gegeben hätte, wäre es anders gewesen. Ob es besser gewesen wäre, weiß ich nicht.

SPIEGEL: Würden Sie sich heute noch als Sozialisten bezeichnen?

Heym: Ja. Und ich glaube, daß die Mehrzahl der Leute allmählich sieht, daß das, was sie anstelle des doch sehr fragwürdigen SED-Sozialismus bekommen haben, auch nicht das Gelbe vom Ei ist.

SPIEGEL: Haben Sie sich deshalb 1994 von der PDS als Bundestagskandidat aufstellen lassen?

Heym: Mich hat vor allem eines gereizt - wenn ich gewählt würde, müßte ich als Alterspräsident die Eröffnungsrede des Bundestages halten. Daß so einer wie ich, mit so einem Lebensweg, da vorn stehen konnte, finden Sie nicht auch, das dies etwas ziemlich Einmaliges war?

SPIEGEL: Die PDS hat Sie doch aber instrumentalisiert.

Heym: Ich aber auch die PDS.

SPIEGEL: Herr Heym, Sie gehören zu der seltenen Spezies ...

Heym: ... der "Jahrhundertzeugen". Stimmt. Bewußt erlebt habe ich dieses Jahrhundert von der Mitte der zwanziger Jahre an, das sind immerhin drei Viertel.

SPIEGEL: Haben Sie sich als junger Mensch vorstellen können, daß Sie in Deutschland einmal als Jude brutal verfolgt würden?

Heym: Das konnte niemand.

SPIEGEL: Sie sind kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 nach Prag geflohen.

Heym: Da habe ich schon gewußt, was den einzelnen passiert.

SPIEGEL: Sie haben den sechsmillionenfachen Mord an den europäischen Juden vorausgeahnt?

Heym: Nein, solche Größenordnungen habe ich mir nicht vorstellen können. Ich habe neulich wieder darüber nachgedacht, wann ich mir das wirklich dreidimensional vorgestellt habe. Zum erstenmal in einer Turnhalle in Lüneburg im Frühsommer 1945. Dort wurde gegen die SS-Bewacher des KZ Bergen-Belsen verhandelt, eine Art Vorläufer der Nürnberger Prozesse. Ich war damals Sergeant in der Psychological Warfare-Abteilung der First U. S. Army und Mitarbeiter der von den Amerikanern herausgegebenen deutschsprachigen Presse. In dieser Eigenschaft wohnte ich dem Prozeß bei.

SPIEGEL: Was war für Sie selbst während der Nazi-Zeit der bedrohlichste Moment?

Heym: Das war in jener Nacht im Winter 1935, in der ich auf dem Weg nach Amerika von Prag nach Paris gefahren bin, mit dem Zug über Österreich. Plötzlich kam die Nachricht: Der Zug wird wegen einer Lawine umgeleitet, durch Deutschland. Das war der Moment, wo ich wirklich Angst hatte. Aber Sie können mich auch fragen: Was war der schönste Moment?

SPIEGEL: Was war der schönste Moment?

Heym: Das war, als ich ein Gewehr bekam als Soldat. Ich wurde zur U. S. Army eingezogen wie ein ganz gewöhnlicher Kerl. Dann, eines Tages, haben sie uns Gewehre in die Hand gedrückt - da hatte ich Tränen in den Augen. Zum erstenmal war ich in der Lage zurückzuschießen. Ich habe im Krieg mehr mit der Schreibmaschine und mit dem Mikrof+on gearbeitet. Gelegentlich habe ich aber auch geschossen.

SPIEGEL: Die Republik erregt sich derzeit über eine neue, von Ihrem Kollegen Martin Walser losgetretene Holocaust-Debatte. Haben die Nachgeborenen das Recht, den Judenmord 50 Jahre danach als Geschichte abzuhaken, mit der sie selbst nichts mehr zu schaffen haben?

Heym: Wenn ich mir vorstelle, mein Großvater hätte jemanden ermordet oder totgeschlagen oder grausam behandelt, würde ich mich dessen nicht freuen, sondern ich würde das bedauern. Aber wenn jemand zu mir kommt und sagt: "Jetzt mußt du erklären, daß du das bedauerst", würde ich ihm sagen: "Entschuldige, mein Lieber, ich war ja zu dieser Zeit gar nicht da, mich hat es noch gar nicht gegeben. Was wirfst du mir vor?" Das ist zur Zeit die Situation der Deutschen. Ich habe durchaus Verständnis dafür. Walser drückt eine Stimmung aus, die hat es hier immer gegeben. Wenn ich schon in Deutschland lebe, muß ich mich damit abfinden, daß diese Stimmung existiert, und ich kann nicht immerzu verlangen: "Entschuldige dich!"

SPIEGEL: Walser sprach von der "Moralkeule Auschwitz" und seinem Überdruß, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen.

Heym: Er hat sich nie wirklich damit beschäftigt in seinem Werk. Er liefert nur den Vorwand für viele Tausende und Zehntausende zu sagen: "Bitte, sogar Walser!"

SPIEGEL: Ignatz Bubis hat sehr gereizt auf Walser reagiert und die Grundstimmung in der deutschen Bevölkerung kritisiert. Haben Sie ähnliche Erfahrungen wie Bubis?

Heym: Ich habe dieselben Wahrnehmungen wie Bubis, aber ich reagiere nicht wie er. Sie können sagen, ich bin etwas weiser. Ich muß doch wissen, wo ich lebe. Wenn ich diese Haltung gegenüber den Deutschen hätte, wäre ich weggegangen.

SPIEGEL: Ängstigt Sie, was Sie wahrnehmen?

Heym: Ja. Ich sehe eine große Gefahr, daß sich hier eine neue, auch antisemitische Rechte entwickelt oder schon teilweise entwickelt hat und daß die, wenn eine wirtschaftliche oder politische Krise kommt, ähnlich erfolgreich agieren könnte wie in der Weimarer Republik. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht exakt, aber ich war ganz glücklich über das Resultat der Wahlen zum Bundestag; es war ein Sieg der Linken, ganz gleich, was für einer Linken und was für einen Sozialismus sie vertritt.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß ausgerechnet auf dem Boden des Staates, der sich einmal für den antifaschistischen deutschen Staat schlechthin hielt, so viele Jugendliche nach rechts tendieren?

Heym: Diese Tendenz hat es schon in der DDR immer gegeben. Ein großer Teil der SED bestand in den Anfangsjahren doch aus Nazis; woraus denn auch sonst? Wer waren denn die Arbeiter in den Betrieben? Frühere Nazis. Wer waren denn die kleinen und auch die großen Funktionäre? Frühere Nazis. Mit wem sollte man denn den Sozialismus in Deutschland aufbauen?

SPIEGEL: 40 Jahre hat der Sozialismus in der DDR Zeit gehabt, den Antifaschismus, den das Regime predigte, auch den Bürgern einzuimpfen.

Heym: Der Antifaschismus der SED gehörte zu den Märchen, die sie aufgetischt haben. Aber immerhin haben sie keine Nazi-Propaganda im Land geduldet, im Westen haben sie solche Propaganda sehr wohl geduldet.

SPIEGEL: Sind Sie dafür, daß in Berlin ein Holocaust-Mahnmal gebaut wird?

Heym: Ich bin nicht dafür, daß sie die von Peter Eisenman vorgeschlagenen Betonsäulen aufstellen und eine Riesenanlage für Hunde schaffen, die dann da hinkacken. Man sollte eine Schule schaffen, in der Geschichte gelehrt wird. Wenn ich schon ein solches Denkmal errichten würde, dann eines, von dem und in dem und durch das man lernen kann, wie es dazu gekommen ist und wie man vielleicht verhüten kann, daß noch einmal ähnliches geschieht. Aber mich hat man ja nicht gefragt. Man hat mich auch nicht gefragt, ob man aus Bonn nach Berlin umziehen soll.

SPIEGEL: Und was hätten Sie gesagt?

Heym: Berlin ist eine Stadt, die für Regierungen immer schlecht gewesen ist. Schauen Sie sich doch einmal an, was aus Kaiser Wilhelm II. geworden ist, aus Friedrich Ebert, aus Hitler, aus Ulbricht, aus Erich Honecker! Sogar aus Helmut Kohl, bevor er überhaupt nach Berlin gehen konnte: Kaum hat er den Grundstein für seinen Regierungspalast in Berlin gelegt, schon ist er weg.

SPIEGEL: Schlechte Aussichten für Gerhard Schröder.

Heym: Darum habe ich geschrieben: Wenn ich ein deutscher Regierungschef wäre, ich würde mich lieber auf dem Kyffhäuser

* Oben: im Dezember 1989 im Ost-Berliner Lustgarten; unten: mit Redakteuren Michael Sontheimer, Stefan Berg und Ulrich Schwarz in Heyms Haus in Berlin-Grünau.

ansiedeln wie derselbige Barbarossa als in Berlin.

SPIEGEL: Ihre eigenen Erfahrungen mit Berlin sind auch nicht die besten. Sie sind 1952 aus Überzeugung nach Ost-Berlin gegangen und trotzdem von der Stasi zum Regimefeind gestempelt worden.

Heym: Wie hat der neue Kanzler so schön gesagt? Wir wollen nicht alles anders machen, aber vieles besser. Das war auch meine Einstellung zur DDR. Ich dachte, ich könnte etwas verändern durch Bücher oder Artikel. Aber die haben das sehr übelgenommen. Wie haben sie mich genannt? Einen "feindlichen Stützpunkt", das war der Fachbegriff, den ich in den Stasi-Akten über mich fand. Es gab sehr wenige Stützpunkte dieser Art.

SPIEGEL: Die Stasi hat sogar die konspirative "Gruppe Heym" erfunden, das schlimmste Verdikt für einen DDR-Bürger.

Heym: Die Stasi hat vieles nicht verstanden.

SPIEGEL: Hat sich bei der Lektüre Ihrer Stasi-Akte Ihr Bild von der DDR noch einmal entscheidend verändert?

Heym: Die Lektüre der Akten hat mich dazu gebracht zu denken: was für ein sonderbarer Staat, der Leute wie mich derart wichtig nimmt. Wahrscheinlich war das berechtigt; denn in einem System, in dem jede oppositionelle Äußerung verboten ist, ist einer, der noch irgendwie ein Tönchen von sich gibt, ein Held. Aber der war ich nicht. Ich habe gewußt, in dem Moment, in dem die glauben, um mich herum entsteht eine Gruppe, wird es lebensgefährlich. Und das sollte ich lieber vermeiden. Die jungen Leute kamen immer zu mir und haben gesagt: "Das und das ist los, möchten Sie nicht ..." Ich habe gesagt: "Nee, ich möchte nicht."

SPIEGEL: In den Westen zu gehen war für Sie nie eine Option?

Heym: Ich habe mir das ein- oder zweimal überlegt. Aber dann habe ich mir gesagt: Sollen die doch gehen; ich habe schon als Sozialist gedacht, bevor es die DDR überhaupt gegeben hat.

SPIEGEL: So ist es ja dann auch gekommen: Die sind gegangen, und Sie sind geblieben.

Heym: Aber bequemer und schöner ist es auch nicht geworden.

SPIEGEL: Acht Jahre nach der offiziellen Einheit - wie sehen Sie dieses Land, in dem Sie leben?

Heym: Ich habe schon von Einheit geredet, lange bevor andere davon gesprochen haben, ich habe gesagt: Dies ist eine Nation, und sie wird irgendwann zusammenkommen.

SPIEGEL: Aber im Wendeherbst 1989 haben Sie sich öffentlich für den Erhalt der DDR eingesetzt.

Heym: Richtig. Aber das heißt doch nicht, daß beim Erhalt der DDR nicht ein einheitliches Deutschland hätte kommen können. Die Art, wie die Vereinigung zustande kam, paßte mir nicht. Die DDR ist verschlungen worden. Daher habe ich Ende ''89 den Aufruf "Für unser Land" unterstützt, der, soviel ich weiß, von Christa Wolf initiiert worden ist. Sie hat mich mitten in der Nacht angerufen, hat ihn mir vorgelesen, und ich habe ein paar stilistische Korrekturen vorgenommen, und dann habe ich ihn unterschrieben.

SPIEGEL: Und wie lebt es sich für Stefan Heym im Jahre neun der Einheit?

Heym: Ich meine, erst muß dieser Kapitalismus sich soweit entwickeln, daß ihm gar nichts anderes übrigbleibt, als eines nach dem anderen sozialistische Elemente einzuführen, um überhaupt ein gesittetes Staatswesen erhalten zu können.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß Sie das noch erleben werden?

Heym: Nein. So schnell geht das nicht. Auch den Weg, wie das laufen könnte, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Damals, als die Einheit kam, hatte ich gehofft, daß von den wenigen verhältnismäßig guten Sachen, die es in der DDR gegeben hat, einiges mit hinübergenommen werden würde.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Heym: Arbeit für alle, ein Dach über dem Kopf für alle, Bildung für alle und dazu Freiheit und Demokratie, Reisen können und all das - diese Kombination. Wenn das gekommen wäre, wäre ich viel glücklicher.

SPIEGEL: Aber die Dächer der DDR waren etwas löcherig.

Heym: Die waren nicht sehr schön, ja. Da hätte man einiges reparieren können. Die Kapazitäten dazu waren da und sind heute noch da. Auch die Kapazitäten dafür, daß es Arbeit für alle geben könnte.

SPIEGEL: Ist das nicht späte Verklärung?

Heym: Nein. Ich habe immer gewußt, was meiner Meinung nach schief und schlecht war in der DDR, und das bleibt. Deshalb ist der ganze Laden schließlich kollabiert. Daß nicht einmal die Leute, die davon gelebt haben und gut gelebt haben, ihn verteidigten, ist eine Tatsache, die mich heute noch dauernd beschäftigt: Wieso haben die SED-Genossen ihren Sozialismus nicht verteidigt und, wenn es hätte sein müssen, auch mit der Waffe?

SPIEGEL: Es gibt bis jetzt keinen großen Roman über die Wende.

Heym: Es gibt viele Romane, die fehlen. Der Wende-Roman ist nur einer.

SPIEGEL: Wird Stefan Heym ihn schreiben?

Heym: Mir gehen viele Projekte durch den Kopf, aber über meine Projekte rede ich nur mit meiner Frau und meinem Verleger. Im übrigen: Ich habe deutsche Literatur in dem Sinne nie geschrieben. Ein Teil meiner Bücher wurde auf amerikanisch geschrieben. Ich habe Literatur gemacht für Leser überall in der Welt und habe auch überall Leser gefunden. Ich hatte immer das Gefühl: Wenn ich irgendwie dazu beitragen könnte, daß die Leute anfangen zu denken oder weiterdenken oder in eine gewisse Richtung denken, dann sollte ich das schon tun. Das war mein Anspruch in der DDR, und er ist es noch heute.

SPIEGEL: Herr Heym, Ihr jüngster Roman, der Bericht des "Pargfrider", endet mit dem Satz: "Was ist Ruhm, und was sind die Werke der Menschen, alles ist eitel."

Heym: Da haben Sie meine Religiosität. Das glaube ich.

SPIEGEL: Ist "Pargfrider" eine Art literarisches Vermächtnis des 85jährigen?

Heym: Ja, darum habe ich dieses Buch geschrieben, als eine Art heiterer Auseinandersetzung mit dem Tod. Man macht sich schon Gedanken über den Tod, wenn man in meine Jahre kommt. Ich weiß nicht, was nach dem Exitus passieren wird. Ich habe eine große Befürchtung: gar nichts, und das wäre natürlich die langweiligste Lösung.

SPIEGEL: Herr Heym, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Stefan Heym: "Pargfrider". Bertelsmann Verlag; 232 Seiten; 34,90 Mark. * Oben: im Dezember 1989 im Ost-Berliner Lustgarten; unten: mit Redakteuren Michael Sontheimer, Stefan Berg und Ulrich Schwarz in Heyms Haus in Berlin-Grünau.

DER SPIEGEL 53/1998
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