28.12.1998

Das Puzzle des Philosophen

5000 Jahre alte Staudämme, künstliche Häfen, Goldpaläste - erstaunliche Grabungsfunde haben die Atlantis-Debatte neu entfacht. Steckt hinter der Legende doch ein „Faktenkern“? Im März will ein deutsches Forschungsinstitut eine große Atlantis-Mission starten.
Über 15 Stockwerke ragt der Glaskasten am Stadtrand von Hannover empor. "Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe" (BGR) steht in schwarzen Lettern auf dem Eingangsschild. Daneben prangt der Bundesadler.
Rund 800 Personen arbeiten in dem staatlichen Großinstitut: Geophysiker, Mineralogen, Bergbau-Experten. Ihr Hauptgeschäft ist die Erkundung von Erzlagerstätten in der Dritten Welt. Die Aufträge erteilt das Wirtschaftsministerium in Bonn.
Seit einigen Monaten bemühen sich die BGR-Forscher um einen Bodenschatz ganz anderer Art. Unter dem Namen "Rekonstruktion einer Paläolandschaft" läuft in der Bundesanstalt ein merkwürdiges Projekt: Die Experten dort wollen dem Geheimnis des versunkenen Urkontinents Atlantis nachspüren.
Für den 17. Dezember hatte der Leiter des Bereichs Aerogeophysik, Klaus-Peter Sengpiel, zum internen Arbeitstreffen eingeladen, um die Mission voranzutreiben. Aufgaben wurden verteilt, Details besprochen. Auch den anvisierten Zielkorridor ihrer Atlantis-Aktion können die Wissenschaftler exakt benennen. Er liegt im Nordwesten der Türkei, "westlich von Çanakkale", wie es im Projektdossier heißt.
Das Unternehmen basiert auf einer Idee des Geoarchäologen Eberhard Zangger, 40. Bereits im Jahr 1992 hatte der Einstein der Antike aus Zürich mit seiner Gleichung "Troja = Atlantis" für gewaltigen Wirbel in seiner Zunft gesorgt. Einige Experten halten das Szenario für unsinnig, andere sprechen von einer "genialen Hypothese". Die BGR will Zanggers Hypothesen nun mit schwerem Gerät überprüfen. Das Institut verfügt über bodendurchdringende Magnetometer und Gammastrahlen-Detektoren, in denen dicke Kristalle sitzen. In einem Hangar in Braunschweig steht der Spezialhubschrauber des Instituts. Der mit modernster Meßtechnik ausgestattete Flieger hat schon in Thailand und Pakistan nach Metallvorkommen gefahndet.
Bei den Späheinsätzen wird der Helikopter mit einem torpedoförmigen Instrument bestückt, das an einem 50 Meter langen Stahlseil herabhängt. "Dieses elektromagnetische Induktionsgerät ist weltweit einzigartig", sagt Sengpiel. Es erfaßt verborgene Bodenschichten bis zu 150 Meter Tiefe.
Diese High-Tech-Ausrüstung wird nun in den Dienst der Atlantis-Forschung gestellt. Ein Planquadrat von 13 mal 14 Kilometern, direkt um den Burghügel von Troja, wurde von den Bodenkundlern aus Hannover abgesteckt. Verborgen unter meterdicken Schwemmsanden, so Zanggers Verdacht, müßte der märchenhafte Riesenhafen von Atlantis liegen.
Der Workshop am vorletzten Donnerstag widmete sich bereits logistischen Einzelheiten. Kerosinfässer, Container, Auswertungscomputer und der vier Tonnen schwere Hubschrauber müssen nach Izmir verschifft werden. Im März will Sengpiel gemeinsam mit Zangger zur Vorerkundung in die Türkei reisen.
Atlantis, aufgespürt von Geophysikern, die sich sonst mit Entwicklungshilfeprojekten beschäftigen? Beamtete Wissenschaftler auf der Suche nach der "heiligen Insel"? Das klingt abenteuerlich.
Doch so erstaunlich ist das Projekt nicht. Auch unter Althistorikern, Archäologen und Philosophieprofessoren wird derzeit heftig über einen "historischen Kern" der Atlantis-Story spekuliert. Die schräge Geschichte, bislang als Urschrift aller Menschheitsutopien verstanden, erlebt in der Fachwelt eine spannende Renaissance.
Gegenstand der Debatte ist jener Papyrustext, den vor 2360 Jahren der griechische Philosoph Platon (427 bis 347 v. Chr.) abfaßte. In Passagen, die insgesamt 20 Druckseiten umfassen, beschrieb der antike Autor eine Supermacht, die Bronzewaffen, Thermen, Streitwagen besaß und plötzlich, an einem "einzigen schlimmen Tag" vor 11 500 Jahren, im Schlick versank.
"Speisen und Salböl", so Platon, lieferten die üppigen Böden der Insel, sie bargen Kupfer und Silbererz. Am "Tempel des Poseidon" ließen die Könige Stiere ausbluten und saßen zu Gericht. Das Volk besuchte die "Pferderennbahn" und labte sich im "Überfluß an ungerechtem Reichtum".
Mehr als zwei Jahrtausende währt nun schon die Kniffelei um dieses Venedig der Vorzeit, dessen Palastmauern in der Sonne funkelten und in dem Frachtschiffe, beladen mit Gewürzen, Keramik und kostbarem Erz, durch überdachte Kanaltunnel gerudert wurden.
Was sind Eldorado oder das Alexandergrab gegen dieses "irdische Ultimatum an Verdecktheit", wie es der Kasseler Philosoph Ulrich Sonnemann nannte? Heerscharen von Phantasten und Generationen von Altertumsforschern hat Atlantis beschäftigt, zumal Platon in seinem Text mehrmals auf der Wahrhaftigkeit seines Berichts besteht.
Es sei "keine erdichtete Sage", sondern eine "geschichtliche Überlieferung", "wirklich geschehen", "gar seltsam, aber durchaus wahr". Als Gewährsmann zitiert der Grieche niemand Geringeren als Solon, den Gesetzgeber und Erfinder der athenischen Demokratie (640 bis 560 v. Chr.). Der habe die Geschichte einst von einem Besuch aus Ägypten mitgebracht.
Die Wissenschaft traute diesen Beteuerungen lange Zeit nicht. Sie qualifizierte den Text als Imagination und politisch-philosophischen Mythos ab. "Die Erfindung von Atlantis war Platons genialster Coup", meinte der Tübinger Altphilologe Thomas Szlezák, "damit ist es ihm gelungen, in gewissem Sinne Homer auszustechen."
Ein Gebirge aus Mutmaßungen lastet auf der Legende. Kühn konstruierte in den fünfziger Jahren der Laienhistoriker Otto Muck einen "Urkontinent" rund um die Azoren, der am "5. Juni 8498 vor Christus, 13 Uhr" von einem Meteoriten zerfetzt worden sei. Oder flog das Eiland gar wegen einer "Atombombe" auseinander, wie jüngst Buchautor Martin Freksa schrieb?
In den Szenarien der Esoteriker führen die Atlanter längst ein weitverzweigtes Eigenleben. Schon vor 100 000 Jahren, in der Altsteinzeit, heißt es da, sei das quirlige High-Tech-Volk mit Hubschraubern umhergeknattert (Treibstoff: Pflanzensamen). Es habe Telefone, Sternwarten und Waschmaschinen besessen.
Nach dem Untergang ihrer Insel seien die Atlanter sodann bis zum Kaspischen Meer und nach Brasilien geflüchtet, wußte der Anthroposoph Rudolf Steiner (1861 bis 1925) zu berichten. Dort hätten die "Kulturbringer" der Restmenschheit Lesen und Schreiben beigebracht und den technischen Fortschritt angestoßen. Die Maya-Pyramiden, Stonehenge, die Sphinx - kaum ein Kulturdenkmal blieb von dem Verdacht verschont, ein Erbe dieser "Wurzelrasse" (Atlantis-Forscher Ignatius Donnelli) zu sein.
Zuweilen nahm die Schwarmgeisterei auch bösartige Züge an. Herman Wirth, 1935 zum Präsidenten des von Heinrich Himmler gegründeten Vereins "Deutsches Ahnenerbe" ernannt, verlegte Atlantis nach Grönland - dort habe die arische Rasse ihren Ursprung. In seinen Tischgesprächen, aufgezeichnet von Henry Pikker, bekannte sich Hitler als Anhänger des österreichischen Phantasten Hanns Hörbiger (1860 bis 1931). Der vertrat die Ansicht, Atlantis habe in den Anden gelegen und sei von herabfallenden Monden plattgehauen worden.
Über 50 Orte, verstreut auf der ganzen Welt, stehen mittlerweile zur Diskussion. Mal ist es Ostpreußen oder die Sargassosee (haben Aale Heimweh nach Atlantis?), wo das ominöse Lichtreich angeblich verschwand, dann wieder soll die Heimat der Atlanter vor der Küste Cornwalls liegen (siehe Grafik).
Unentwegt werden neue Lokalitäten ins Spiel gebracht. Erst im letzten Frühling kurvte Oberst John Blashford-Snell, 62, ehemals "königlicher Ingenieur" und Gründer der in Südengland ansässigen "Scientific Exploration Society", Richtung Titicacasee.
Dort bastelte sich der braungebrannte Brite drachenköpfige Schilfboote - traditionelles Vehikel der Tiwanaku-Indianer - und durchfuhr den Desaguadero-Fluß 300 Kilometer weit bis zum Poopósee.
Poopó - das klingt ein wenig abseits, nicht so für Blashford-Snell. Die Tiwanaku, ein ausgestorbener Indiostamm, meint er, hätten einst als Atlanter von den Anden aus einen transkontinentalen Schiffsverkehr betrieben und die Ägypter mit Tabak und Kokain versorgt. Einen Beweis für seine Behauptungen blieb der Abenteurer schuldig.
Doch es gab nicht nur Spinner - auch große Geister waren unter denen, die dem "göttlichen Platon" (Schopenhauer) Glauben schenkten. Charles Darwin und Alexander von Humboldt hielten den Atlantis-Bericht für authentisch. Anerkannte Archäologen wie Adolf Schulten, Entdecker der antiken Metropole Numantia, zogen sogar mit dem Spaten los, um das Fabelreich zu finden.
Alles vergeblich. Nicht eine Spur tat sich auf, nicht eine winzige Keramikscherbe wurde entdeckt. Und dennoch brüten die Forscher jetzt erneut über dem geheimnisvollen Papyrustext. Sie hegen die Hoffnung, Platon, den Großdenker aus Athen, doch noch vom Stigma eines Lügenbarons befreien zu können.
Immerhin "10 bis 50 Prozent Wahrheitsgehalt" billigt Jürgen Seeher vom Deutschen Archäologischen Institut in Istanbul der Legende zu. Platon habe "alte Geschichtsquellen angezapft", meint der Göttinger Althistoriker Gustav Adolf Lehmann. Und Herwig Görgemanns, klassischer Philologe aus Heidelberg, ist überzeugt: "Platon hat sich diese Geschichte nicht aus den Fingern gesogen."
Auftrieb bekommt die neue Atlantis-Euphorie durch Meldungen von der Grabungsfront. Unter den Spaten der Archäologen sind in jüngster Zeit bis zu 5000 Jahre alte technische Wunderwerke freigelegt worden, die der Schrift plötzlich einen Hauch von Realität verleihen.
Lange Zeit galt Platons Überlieferung schon deshalb als unglaubwürdig, weil sie die Atlanter als regelrechte Übermenschen erscheinen ließ. Die ganze Insel, behauptet der Grieche, sei künstlich bewässert worden. Minutiös beschreibt er einen Binnenhafen mit schiffbaren Gräben und ausgehobenen Becken. Um den Kunstport mit Süßwasser zu speisen, seien ganze Flüsse umgelenkt worden - hemmungslose Schwärmerei, so der bisherige Tenor der Gelehrten.
Nun wird deutlich, daß all dies keineswegs undenkbar ist. Forscher vom Leichtweiß-Institut der Universität Braunschweig haben im Kulturschutt des alten Orients Brunnen, Häfen und wassertechnische Kolossalbauten nachgewiesen, deren Größenordnung den Atlantis-Report noch übertrumpft.
Schon um 3000 vor Christus ließ Pharao Menes den Nil mit einem 400 Meter langen Damm aus weißen Quadersteinen absperren. Die Staumauer nahe Memphis zwang den längsten Strom der Erde, zur Südseite der Stadt einzubiegen. Der Mitarbeiter Günther Garbrecht: "Eine kaum verstehbare Ingenieursleistung."
Fast noch eindrucksvoller nehmen sich die Leistungen der Urartäer aus, Bewohner eines Königreichs in Ostanatolien. Wie Maulwürfe schlugen sie unterirdisch verlaufende Röhren durch den Felsboden, um über weite Distanzen Grundwasser heranzuführen. Einige der mannshohen Stollen sind 90 Kilometer lang. Das gesamte Labyrinth, so Garbrecht, "übertrifft die Entfernung Erde-Mond".
Ob in Ägypten, Sumer, Babylonien oder Mykene - überall stoßen die Ausgräber auf nahezu märchenhafte Großprojekte, die lange vor der Ära der klassischen Griechen, der Zeit Homers und Platons, errichtet wurden:
* Schon im "Mittleren Reich" ließen die Pharaonen die Wüstensenke Fayum (Fläche: 1800 Quadratkilometer) urbar machen. Das Frischnaß für die künstliche Oase floß über einen 100 Meter breiten Kanal vom Nil heran.
* Der babylonische König Hammurabi (1728 bis 1686 v. Chr.) überzog sein Herrschaftsgebiet mit Wehren und Bewässerungskanälen, gegen die sich "die Aquädukte der Römer wie Spielzeug ausnehmen" (so der Lübecker Wasserbauingenieur Henning Fahlbusch).
* Vor der Burg von Pylos entdeckte der Geoarchäologe Zangger ein künstlich ausgehobenes Schiffsbecken. Diese "älteste Hafenanlage Europas" (15. Jahrhundert v. Chr.) besaß einen Spülmechanismus gegen Verlandung.
Angesichts der Fülle neuer archäologischer Entdeckungen schlägt Jost Knauss, Leiter der Wasserbauversuchsanstalt in Obernach (Bayern), nun eine andere Lesart des Platon-Texts vor: "Die Hafenanlagen von Atlantis sind nicht irreal. So etwas hat wirklich existiert."
"Wir haben die Vorzeit gänzlich unterschätzt", faßt der Hydro-Fachmann Garbrecht die Grabungsergebnisse aus der Bronzezeit (bis 1200 v. Chr.) zusammen. "Es scheint, daß der Standard der wassertechnischen Infrastruktur auch 1500 Jahre später von den Römern nicht wieder erreicht wurde."
Es sind diese Heroentaten, die unter den Gelehrten Zweifel an der bisher verbreiteten Ablehnung schüren. Schildert die Atlantis-Sage doch Bruchstücke historischer Wirklichkeit? Ist es gar keine Utopie, sondern eine Legende mit "Faktenkern", wie der Philologe Görgemanns wähnt?
Auch beim Stichwort Metallurgie hat der Atlantis-Bericht inzwischen an Glaubwürdigkeit gewonnen. Als Beispiel überbordender Pracht schildert Platon den Haupttempel der Stadt: Auf seinem Dach prangen "Zinnen aus Gold". Um die Stadt zieht sich eine Mauer aus Metall, das, so Platon, "wie ein Salböl" aufgetragen sei - "reines Märchengepränge", spottet der Innsbrucker Althistoriker Reinhold Bichler in einem Buch, das letztes Jahr erschien.
Andere Experten sind mit ihren Urteilen jetzt vorsichtiger geworden. Denn auch bei der Metallverarbeitung besaßen die Menschen in bronzezeitlichen Kulturen bislang unbekannte Fertigkeiten.
Als Beweis dient eine Entdeckung, die dem Hildesheimer Archäologen Edgar Pusch gelang. Er gräbt in der Königsmetropole, die Pharao Ramses II. (1271 bis 1209 v. Chr.) im Nildelta aus dem Boden stampfen ließ. Ägyptischen Hymnen zufolge soll die Residenz mit Stadttoren aus Fayencekacheln und vergoldeten Straßen verziert gewesen sein.
Die überlieferten Hymnen übertreiben nicht. Vor wenigen Wochen, kurz vor Ende der Grabungskampagne, stieß Pusch auf den Zentralpalast des Gottkönigs vom Nil. Und in der Tat: Das Gebäude ist mit vergoldeten Fußböden verziert. 180 Quadratmeter des blinkenden Estrichs hat das Team mittlerweile freigelegt.
Das beim Vergolden angewendete Verfahren gibt zum Staunen Anlaß. Die pharaonischen Baumeister nahmen Goldstaub, fein wie Puderzucker, und mischten ihn mit frischem Kalk. Mit dieser Paste wurde sodann der Boden geglättet. "Eine sehr materialschonende Technik", sagt Pusch, "damit lassen sich riesige Flächen ohne viel Aufwand veredeln."
Platons Hinweis auf atlantische Glitzermauern mag der Mann aus Hildesheim nun nicht mehr als puren Unfug einordnen. "Im Prinzip stimmt Platons Hinweis auf das salbölartige Auftragen von Metallen mit unseren neuen Ergebnissen überein."
Und noch ein weiteres wichtiges Detail aus der Atlantis-Schrift kann jetzt entschlüsselt werden. In dem verschollenen Ur-Staat, so die Legende, verhütten Schmiede einen seltsamen Werkstoff mit "feuerähnlichem Glanz": das Orichalkos. "Für uns Heutige", schreibt Platon, "ist dieses Erz nur noch ein Name."
Zahllose Spinner haben nach der merkwürdigen Substanz gefahndet. Der Anthroposoph Steiner vermutete dahinter einen "Raketentreibstoff". Andere erblickten im Orichalkos glänzenden Bernstein - und verlegten Atlantis an die Ostsee.
Alles Humbug. Ernst Pernicka, Inhaber des neu eingerichteten Lehrstuhls für Archäometallurgie in Freiberg (Sachsen), hat das gesamte antike Schrifttum nach dem Stichwort "Orichalkos" durchforstet. Sein Fazit: "Das Material ist eindeutig Messing."
Pernicka geht davon aus, daß die Legierung etwa um 2500 vor Christus erstmals hergestellt wurde. Das Verfahren ist kompliziert: Das Zink muß in speziell konstruierten Brennöfen unter Luftabschluß mit Kupfer verbunden werden.
Berühmt waren die Orichalkos-Schmieden von Andeira, einem Ort 80 Kilometer südöstlich von Troja. Doch dann brach das Wissen ab. Die Griechen der Platon-Zeit konnten die Legierung nicht herstellen. "Erst die Römer", sagt Pernicka, "begannen um Christi Geburt erneut mit der Messingproduktion."
So fügen sich nun viele Einzelerkenntnisse zu einem Mosaik. Doch so spektakulär all diese neuen Befunde auch sein mögen, so plausibel sie die Schilderungen Platons erscheinen lassen, so wenig beantworten sie die zwei zentralen Fragen: Wo lag Atlantis? Und wann ging es unter?
Die ältesten Staudämme Ägyptens sind 5000 Jahre alt, die Kunst der Messingverhüttung begann vor rund 4000 Jahren. Platon aber datiert den Untergang von Atlantis in den Beginn der Jungsteinzeit - vor 11 500 Jahren. Zu der Zeit aber stromerten allenfalls primitive Nomaden über die Kontinente. Ackerbau und Hausbau waren noch nicht erfunden.
Auch die geographischen Angaben passen nicht. Bereits im Jahr 1947 meldete der schwedische Ozeanologe Hans Petterson: Platons Atlantis im Atlantik "ist eine geologische Leiche". Inseln wie die Azoren oder Kanaren sind nicht Reste eines Urkontinents, sondern durch unterseeische Vulkane vom Meeresboden hochgedrückt worden.
Es sind diese gravierenden Fehlaussagen in den Koordinaten Raum und Zeit, die die moderne Rezeptionsgeschichte der Atlantis-Schrift bestimmten. Vor allem die Geisteswissenschaftler fühlten sich in ihrer Skepsis bestätigt. Fast einstimmig erklärten sie die Geschichte zur "Kopfgeburt" (Bichler). Das Ganze sei ein elegant ausgeklügeltes Wolkenkuckucksheim.
Doch mittlerweile rumort es auch bei den Sprachwissenschaftlern und Text-Deutern. "Platons Erzählung ist die härteste Nuß der philosophischen Literatur", räumt Wolfgang Bernard von der Universität Rostock ein. Schon seit Monaten befindet sich der Altphilologe auf hermeneutischer Exkursion durch den Atlantis-Text. Abgründe tun sich dabei auf. "Am besten macht man einen weiten Bogen um dieses Werk", sagt Bernard zermürbt.
Hauptgrund der Unsicherheit beim Ausdeuten des Textes ist, wie Görgemanns formuliert, der "Wahrheitsbegriff", mit dem Platon operiert. Lügt der Grieche vorsätzlich? Setzt er voraus, daß der Leser die Erzählung als Unsinn durchschaut? Oder hielt er die Geschichte wirklich für authentisch?
Der Stellenwert, der den beiden Atlantis-Dialogen Timaios und Kritias im Gesamtwerk Platons zukommt, macht die Beantwortung dieser Fragen nicht einfacher: Zum Zeitpunkt der Niederschrift ist der bärtige Philosoph etwa 70 Jahre alt und ein gefeierter Mann. Seine Schriften, 30 geschliffene Dialoge, haben neue Maßstäbe für Sitte und Vernunft gesetzt.
Die nun geplante Trilogie soll Platons "naturkundlich-kosmologisches Hauptwerk" (Bichler) werden. Im Timaios-Dialog kompiliert der Grieche die Erkenntnisse der pythagoreischen Medizin und stellt den Kenntnisstand seiner Zeit auf den Gebieten der Physiologie, Psychologie und Astronomie wie in einem Lexikon zusammen.
Im Kritias, dem zweiten Teil, kommt der Gelehrte auf die Urgeschichte zu sprechen, eines seiner Lieblingsthemen. Kenntnisreich trägt er sein Wissen über Ur-Athen vor. Dann berichtet er über Atlantis. Mitten im Satz bricht der Dialog ab. Das Werk bleibt Fragment. Warum, ist unbekannt.
Platon hält sich in seinem Text an den nüchternen Tonfall des Chronisten. Sich selbst gibt er nur als Boten aus. Er gebe nur wieder, was Solon über Atlantis berichtet habe. Der habe den Report, im saitischen "Tempel der Neith", auf einer Steinstele vorgefunden und hernach, in einer ausführlichen Version, aus einem "heiligen Buch" abgeschrieben. Dieses Manuskript sei dann über vier Generationen bis zu Kritias, dem Sprecher im Platon-Dialog, weitergegeben worden (siehe Grafik).
Diese Rahmenhandlung, von den Zweiflern "Beglaubigungsfiktion" genannt, ist perfekt aufgebaut. Trotz vielfacher Anstrengungen konnten die Forscher nicht ausschließen, daß sie wahr ist:
* Der Stammbaumforscher John Davies ermittelte, daß Kritias tatsächlich ein Urahn von Solon war. Die Manuskript-Übergabe innerhalb der Familie wäre demnach möglich gewesen.
* Solons Ägypten-Besuch ist verbürgt. Um 560 vor Christus setzte der Staatsmann mit dem Schiff wahrscheinlich zum Freihafen Naukratis über, der im Nildelta lag. Von dort sind es nur noch 16 Kilometer bis zum ehemaligen Pharaonensitz Sais.
* Der Neith-Tempel, "Per-Anch" (Haus des Lebens) genannt, gehörte zu den berühmtesten Universitäten Ägyptens. Archäologen haben die Studierstube in Form von Ruinenresten nachgewiesen. Um Christi Geburt wurde das Gebäude von den Römern zerstört. Nur einige Tempelstatuen sind auf die Nachwelt gekommen.
Keine Frage, Platon schildert "eine denkmögliche Art des Informationstransports", wie der Hamburger Altertumsforscher Hartwig Altenmüller meint. "Das Anzapfen ägyptischer Weisheit war im klassischen Griechenland gang und gäbe."
Scharen von Gelehrten pilgerten damals ins alte Land am Nil, die einzige Kultur, die bruchlos seit Jahrtausenden überlebt hatte. Zu lernen gab es viel. Auf medizinischem Gebiet war der Pharaonenstaat Spitze. Auch in Sachen Mathematik und Bautechnik zeigten sich die Ägypter anderen Mittelmeervölkern überlegen.
Wer in Griechenland neue naturwissenschaftliche Entdeckungen propagierte, hatte sie meist in Memphis oder Sais abgekupfert. Das "Greek miracle", die Häufung der rationalen Wundertaten ionischer Aufklärer im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert, beruht vor allem auf einem "Wissenstransfer aus Ägypten" (Altenmüller).
Zudem kann man Platon leichtfertigen Umgang mit der Wahrheit nicht nachsagen. Er ist der erste Autor der Weltliteratur, der die Erde "rund" nennt. Auch der Atlantis-Text, der zugleich die Geschichte Ur-Athens erzählt, steckt voller kluger Beobachtungen.
Hellsichtig beschreibt der Philosoph etwa die Umweltzerstörung, die seine Vorfahren durch den Raubbau am Wald verursachten. Der Boden sei im Laufe der Zeit verkarstet, fruchtbare Erde weggeschwemmt worden. Übriggeblieben, jammert Platon, sei nur mehr ein "mageres Gerippe des Landes". Kommentar des Hydrologen Garbrecht: "Das ist die älteste und in jeder Hinsicht korrekte Beschreibung der Erosion durch Abholzung."
In diesem faktenreichen Kontext wird die Atlantis-Geschichte vorgetragen. Exakt wie in einem Baedeker schildert der Philosoph die Mutterstadt der Atlanter. Er nennt topographische Einzelheiten und quält den Leser mit ermüdenden Details über die Beschaffenheit von Fußbodenbelägen sowie Tiefe, Breite und Länge von schiffbaren Kanälen.
Bei einigen Anmerkungen stutzt der Erzähler. Solon zufolge soll die Ebene vor Atlantis 540 Quadratkilometer groß und mit Mauern umgeben sein. Platon gesteht, das klinge "unglaubhaft", dann aber erinnert er sich seiner Chronistenpflicht: "Ich muß darüber berichten, wie ich es gehört habe."
Gänzlich anders äußert sich Platon, wo er, wie etwa im Protagoras-Dialog, Göttersagen kolportiert. Dort ist "stets ein irrationales Moment spürbar" (Görgemanns) - entsprechend skeptisch wird kommentiert. Atlantis aber sei nicht "Mythos", sondern "Logos", wie der griechische Philosoph ausdrücklich festhält.
Kann dies alles nur Lüge sein? Wenn ja, dann ist sie wahrhaft akrobatisch vorgetragen. Die Anhänger der Humbug-These sprechen denn auch in Superlativen. Der Althistoriker Bichler stuft das Werk als "grandiose Fiktion" ein. Kollegen nennen es das "gerissenste Trugbild, das je geschaffen wurde".
Auch über das Motiv äußert sich die Fiktionsfraktion: Platon habe seinem 20 Jahre zuvor konzipierten Idealstaat "Politeia" gleichsam Leben einhauchen wollen, um nicht weiterhin als luftleerer Spekulant und Theoriekasper dazustehen.
So habe der Liebhaber der Weisheit seine Zeitgenossen ganz bewußt angeschwindelt und dafür eine völlig neue Form der Darstellung gewählt. Niemals vor ihm präsentierte ein Mensch Erfundenes vorsätzlich als Faktum. "Streng genommen", sagt Görgemanns, wäre der konservative Staatstheoretiker dann der Erfinder einer "neuen literarischen Gattung", des "utopischen Romans".
So verstanden ihn seine Nachfahren. Kurz nach Platons Tod griff der Schreiber Theopomp zur Feder und schwadronierte über ein fernes Fabelland namens Meropis. "Gewaltige Tiere", so der Autor, würden in dem Wahnland leben: "Die Menschen dort sind von doppelter Größe."
Auch der Grieche Jambulos (3. Jahrhundert v. Chr.) fühlte sich von der urtümlichen Sage angestachelt. Schon ganz Schriftsteller, schildert er in seiner "Reise zu den Sonneninseln" ein Eiland am Rande der Welt, auf dem die Menschen "mindestens 150 Jahre alt" werden. Bacon, Thomas Morus, Campanella spinnen die Utopien in der Neuzeit weiter fort.
Was für ein Elend - ausgerechnet Platon, der die Dichter haßte, weil sie wolkig und nicht wahr sprachen, muß nun als Erfinder der Romangattung herhalten. "Das", gibt der Forscher Bernard zu, "ist ein Problem, das der Philosophiegeschichte seit 2000 Jahren Kopfzerbrechen bereitet."
Vielen Fachleuten kommt die Vorstellung widersinnig vor. Sie rücken vom alten Illusionsdogma ab und stufen die Schrift als - bis zur Unkenntlichkeit vermurksten - Tatsachenreport ein.
Nach ihrer Lesart war es Solon, der die Tempelinschrift aus Sais beim Dolmetschen mißgedeutet hat. Sein Hauptfehler: Er verstand die geographischen Angaben der ägyptischen Priester nicht richtig und verlegte das Geschehen fälschlich in den Atlantik. Statt dessen könnte vom Schwarzen Meer die Rede gewesen sein (siehe Grafik Seite 163).
Beim Wort Insel wäre ein ähnliches Malheur denkbar. Die entsprechende Hieroglyphe bedeutet eigentlich nur "Küste, Sandstrand". Die Ägypter konnten die Ägäis, Kleinasien und das griechische Festland nicht genau unterscheiden. Wer, von Ägypten aus gesehen, im Norden lebte, bewohnte "die Inseln im großen Grün".
Auf dieselbe Weise ließe sich womöglich auch das Datum "vor 9000 Jahren" erklären, das Platon als Untergangstermin von Atlantis angibt. Vergleichbar hohe Jahreszahlen kursierten in der Antike über das angebliche Alter des Pharaonenlands. Herodot nennt 11 340 Jahre, der Historiker Manetho gar 11 985 Jahre.
Schuld an diesen Angaben war wohl die saitische Priesterschaft. Sie verfügte zwar über lange Regierungslisten, wie etwa den berühmten "Turiner Königspapyrus", der bis zum ersten Pharao Menes (2990 bis 2966 v. Chr.) zurückreicht. Doch ganz am Anfang dieser Herrschaftsliste werden Pharaonen genannt, die jeweils Hunderte von Jahren regiert haben sollen. Wahrscheinlicher Grund der Konfusion: Die Pfaffen hatten Sonnenjahre und Mondzyklen durcheinandergebracht.
Wurde auch Solon dieser Bär aufgebunden? Lag das Atlantis-Desaster nur 9000 Mondphasen zurück? Dann müßte die Zeitspanne durch 12,37 geteilt werden. Ergebnis: Das Eiland wäre erst um etwa 1200 vor Christus untergegangen, am Ende der Bronzezeit.
In dieser Epoche aber, das glauben viele Historiker, ergäbe die Geschichte tatsächlich einen Sinn. Die Schiffe von Atlantis ("Dreiruderer"), seine Streitwagen ("Zwiegespann ohne Sessel") und seine Speerwerfer - all das paßt gut in eine mediterrane Kultur der ausgehenden Bronzezeit.
Aber wo lag der Rätselstaat, wenn er schon wie von einer Zeitmaschine transportiert näher an die Gegenwart heranrückt? In den siebziger Jahren galt die Kykladeninsel Santorin als aussichtsreichster Kandidat. Drei Weltkongresse widmeten sich der Hypothese.
Im Zentrum der Insel liegt ein gewaltiger eingestürzter Vulkankrater, der um 1450 vor Christus die Insel in Stücke zersprengt haben soll. Einige Szenarien gingen davon aus, daß die Explosion eine bis zu 300 Meter hohe Flutwelle erzeugte, die bis nach Kreta raste und die gesamte minoische Kultur in einer Lawine aus Wasser ersäufte. Diese Katastrophe, so der Verdacht, könnte die Folie für Platons Erzählung gewesen sein.
Jüngere Untersuchungen ergaben jedoch, daß die Caldera von Santorin schon in geraumer Vorzeit in sich zusammengestürzt war. Die bronzezeitliche Eruption war nur ein Nachhuster mit kaum 20 Kubikkilometer Asche-Ausstoß. Die vermeintlichen Schreckens-Tsunamis kamen in Kreta allenfalls als Plätschern an. Die Hypothese ist damit vom Tisch.
Seitdem steht die Theorie von Eberhard Zangger um so bedeutsamer, als derzeit einziger konkreter Vorschlag für einen Atlantis-Ort zur Diskussion. Auf frappante Weise hat der in Zürich wohnende Geoarchäologe zwei Unbekannte in seiner Formel verknüpft: die Fama von Atlantis und die Geschichte vom sagenhaften Troja.
Beide Märchenstädte spiegeln sich in Berichten wortmächtiger Künder wider. Atlantis machte der Großdenker Platon bekannt. Troja wurde vom Dichter Homer besungen. Er ließ in seiner Ilias 100 000 griechische Soldaten gegen die Feste anrennen. Und beide Städte weisen unbezweifelbare Ähnlichkeiten auf:
* Platons Fabelstadt stützt ihre marine Macht auf "zwölfhundert Schiffe". Trojas Flotte umfaßte (laut Homer) 1186 Schiffe.
* In Atlantis bläst ein starker Nordwind. Solche Windverhältnisse prägen auch den sturmumtosten Eingang zum Schwarzen Meer, an dem Troja liegt.
* In Atlantis fließen eine warme und eine kalte Quelle. In Troja sprudeln zwei Brunnen, einer dampfte "wie loderndes Feuer", der andere war "kalt wie Hagel" (Homer).
Solche Parallelen mögen zufällig sein. Doch auch die Rahmenhandlung der Atlantis-Geschichte stimmt mit der realen Historie rund um Troja auf merkwürdige Weise überein. Einige Altgeschichtler gehen davon aus, daß die Legende ihren Ursprung in den "Seevölker-Angriffen" haben könnte - einem der dunkelsten, turbulentesten und blutvollsten Kapitel der Menschheitsgeschichte.
Aus ägyptischen Hieroglyphentexten sind Details dieses Desasters bekannt. Demnach wurden die Supermächte des Orients um 1200 vor Christus von "Nordleuten" bedrängt, seetüchtigen Fremdlingen, die das gesamte Machtgefüge der Region ins Wanken brachten.
Am Ende der Kriegswirren sind weite Teile des Mittelmeerraums verwüstet. Das Hethiter-Reich: ausradiert; Zypern: zerstört; das mykenische Festland: verkohlt; die stolzen Festungen in der Levante: zertrümmert. Anschaulich hat der Göttinger Althistoriker Gustav Adolf Lehmann die militärische Krisenlage beschrieben, die sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit zuspitzte:
Exakt kalkulierte Vorstöße und brutal vollzogene Zerstörungen - bis zur regelrechten Auslöschung von Dynastien und der die Palastzentren beherrschenden, relativ kleinen bürokratisch-administrativen Trägerschichten - kulminierten offenbar in einer Serie zielgenauer Enthauptungsschläge gegen die angegriffenen Reiche und Regime.
Nur Ägypten, das seine Kriegsmaschine anwirft, kann das heranrasende Unglück stoppen. 1180 vor Christus wehrt Ramses III. einen kombinierten Land- und See-Angriff der Fremden aus dem Norden ab. Großflächig ist der Bericht vom Sieg im Medinet-Habu-Tempel in Theben eingemeißelt. Die Barbaren sind mit beschnittenen Penissen dargestellt. Andere tragen federgeschmückte Sturmhauben.
Nach dem Gemetzel fällt der gesamte Ägäisraum kulturell zurück. Hungersnöte brechen aus, Überschwemmungen und Erdbeben sind für die Folgezeit archäologisch belegt. In den Grabungshorizonten taucht plumpe "Barbarenkeramik" auf. In Griechenland reißt sogar die Schrifttradition ab.
Nur in Mythen und Legenden bleibt die Erinnerung an die vergangenen High-Tech-Zeiten erhalten. Die Bibel und Homers Ilias, auch die Argonautensage und der Herakles-Mythos verweisen dunkel auf die einstigen Fabelstädte der Bronzezeit mit ihren gigantischen Talsperren und Flußumleitungen.
Viele Archäologen vermuten, daß auch der Atlantis-Bericht eine Brücke zu dieser ausradierten Superzivilisation schlägt. Der Historiker Lehmann: "Irgendwie hat Platon von der Seevölker-Invasion Wind gekriegt."
Wahr ist: Platon läßt in seinem Bericht auch Atlantis als wüsten Angreifer auftreten. Dargestellt als imperiale Seemacht, schart die Stadt Vasallen und Verbündete um sich, um die Großmacht Ägypten sowie weite Teile des Mittelmeerraums "in einem einzigen Ansturm zu unterjochen" (Platon). Schon sind die Angreifer bis zum Nil vorgerückt. Da springt "Ur-Athen" den Pharaonen bei und hilft, den Feind zurückzuwerfen.
Plötzlich fügen sich die platonischen Puzzlesteine zusammen. Eine faszinierende Deutungsmöglichkeit eröffnet sich. In einer flammenden Rede, die der Heidelberger Professor Görgemanns auf Fachtagungen hielt, sind die Parallelen formuliert: "Die Entsprechungen zwischen Seevölker- und Atlantis-Krieg sind signifikant."
Wie die Kunde von der bronzezeitlichen Katastrophe zu Platon gelangte, ist einstweilen strittig. Zangger favorisiert eine direkte Verbindung: Platon habe Solons Notizen in Händen gehalten. Nur deswegen habe er so genau Bescheid gewußt über das Rätselerz Messing, über Kanalbauten und längst untergegangene Zivilisationen.
Görgemanns hält einen anderen Übertragungsweg für wahrscheinlich. Seine Analysen ergaben, daß unmittelbar vor der
* Ägyptische Darstellungen.
Niederschrift der Atlantis-Geschichte eine dreiköpfige ägyptische Delegation in Athen vorstellig wurde. Das Nilland, damals schwer angeschlagen, bat um Waffenhilfe gegen die Perser. Der Feldherr Chabrias, ein Freund Platons, war bereits zu Sondierungsgesprächen in Ägypten gewesen.
Um für den geplanten Militärdeal Stimmung zu machen, so sinniert Görgemanns, hätten die Nil-Diplomaten vielleicht einen alten Seevölkertext mitgebracht, der an die uralte Waffenbrüderschaft von Sais und Athen erinnerte.
Alles Spekulation natürlich - doch mit Scherbenpulerei allein läßt sich Vergangenheit nicht rekonstruieren. Um das Atlantis-Rätsel zu lösen, ist Phantasie gefragt.
Schon mehrfach haben sich antike Überlieferungen, die von den Historikern als Hirngespinste abgetan worden waren, im nachhinein als verblüffend zuverlässig erwiesen. Ein Exempel dafür, wie gewissenhaft die antiken Schriftsteller vorgingen, bietet der Geograph Herodot. Er berichtet, daß der Pharao Necho II. im 6. vorchristlichen Jahrhundert phönizische Seeleute beauftragt habe, den afrikanischen Kontinent zu umschiffen.
Viele Forscher glauben, daß der 20 000 Kilometer lange Segeltörn wirklich gelang. Als Beleg dient eine astronomische Angabe des alten Herodot. Er schreibt (mit der Einschränkung: "Was ich zwar nicht recht glauben kann"), daß die Seeleute bei ihrer Rundreise die Sonne im Norden gesehen hätten. Diese Beobachtung ist nur auf der Südhalbkugel möglich.
Warum aber soll, was für Herodot gilt nicht auch für Platon möglich sein? Wenn sich in seinem Text der Schock der See
* Am Donnerstag vorletzter Woche: Geophysiker Weidelt, Projektleiter Zangger, Sengpiel, Geophysiker Kuhnke, Logistikchef Rehli.
völker-Attacke widerspiegelt, dann müs-
sen die Ruinen von Atlantis im östlichen Mittelmeer zu finden sein.
Denn sicher ist mittlerweile, daß die Machtbasen der heranstürmenden Piraten in der Ägäis und in Westanatolien lagen. Troja könnte bei dem Großangriff an vorderster Front mitgekämpft haben.
Doch ausgerechnet der Brennpunkt, auf den alle derzeit diskutierten Atlantis-Spekulationen hinauslaufen, ist archäologisch gesehen immer noch ein weißer Fleck. Fast unberührt liegt Kleinasien unter Bergen von Kulturschutt. Anatolien, die "Wiege der Metallurgie" (Pernicka), Heimat der legendären Goldprotze Krösus und Midas, birgt zahllose ungeklärte Geheimnisse.
Nicht viel besser sieht es am Hisarlik aus, jenem flachen Hügel, den vor 130 Jahren Heinrich Schliemann anstach - er entdeckte Troja.
Noch Anfang der neunziger Jahre wurde die Sagenmetropole als "Fischerdorf" eingestuft. Der Grund: Ausgräber Schliemann hatte nur in der Akropolis gebuddelt. Dieser Burghügel, Wohnsitz der Könige, mißt kaum 6000 Quadratmeter.
Erst durch die Arbeit von Chef-Ausgräber Manfred Korfmann kamen Teile der Unterstadt ans Licht. Mittlerweile hat sich die Festung zu einer Kapitale von mindestens 300 000 Quadratmeter Fläche ausgedehnt. Doch sie muß noch größer gewesen sein: Trotz intensiver Suche ließ sich die äußere Stadtmauer bislang nicht auffinden.
Volle Kassen brachte den Trojanern offensichtlich eine meteorologische Besonderheit. Für bronzezeitliche Seefahrer war es unmöglich, gegen den tosenden Nordwind in die Dardanellen einzufahren.
Einen Eindruck von der Schwierigkeit, in die wetterwendische Meerenge hineinzusteuern, lieferte jüngst der britische Abenteurer Tim Severin. Mit einer nachgebauten mykenischen Galeere (20 Ruder, einfaches Rahsegel, 16 Meter Länge) versuchte er, auf den Spuren der Argonauten die Dardanellen zu durchfahren.
Auf der Höhe von Troja wurden die Abenteurer mehrmals abgetrieben, bis sie es schließlich schafften, mit Wind und Muskelkraft der starken Gegenströmung zu trotzen.
An diesem Umstand müssen sich Könige wie der legendäre Priamos maßlos bereichert haben. Afghanischer Karneol, Bernstein, kaukasische Pferde - was auch an begehrten Ostgütern vom Schwarzmeer kam, Troja kontrollierte die Warenströme.
Doch die Dardanellenstadt hielt offensichtlich auch den Daumen auf dem Rohstoff Zinn. Dieses Metall, mit Kupfer legiert, ergibt Bronze. Alle Waffenschmieden der Antike waren von dem Rohstoff abhängig. Tausende von Tonnen Zinn wurden benötigt, um Kriegsgerät herzustellen: Schwerter, Dolche, Kampfäxte.
Wo die dafür nötigen Minen lagen, war bis vor kurzem unbekannt. Der Metallspezialist Pernicka hat nun auch dieses Rätsel gelöst. In einer noch unveröffentlichten Arbeit beschreibt er mehrere große Zinn-Bergwerke im heutigen Gebiet von Kasachstan und Usbekistan. In tiefe Stollen gebückt, klopften dort asiatische Dunkelvölker jenes Metallpuder aus der Erde, das die Kriegsmaschinen im Mittelmeerraum am Laufen hielt.
Am imposantesten ist das auf 3000 Meter Höhe liegende Bergwerk von Musiston im Pamirgebirge. Bei der Prospektion stieß Pernicka auf prähistorische Stollen und Verhaue. Von dort wurde das zinnhaltige Erz ans Schwarzmeer gebracht und durch die Meerenge der Dardanellen verschifft.
Die Bedeutung, die damit Troja zufällt, ist noch nicht abzuschätzen. Klar ist nur, daß die vor Reichtum strotzende Metropole für ihren transkontinentalen Warenverkehr einen monumentalen Hafen benötigte.
Atlantis wiederum hat - Platons Bericht zufolge - für diesen Zweck eine künstliche Binnenlagune hinter dem Küstengebirge eingerichtet. Auf Wasserringen und Kanälen tummeln sich dort "Kaufleute aus aller Welt" (Platon).
Troja-Gräber Korfmann will von solchen Spekulationen nichts wissen. Er hält die "Troja = Atlantis"-Formel für absurd. Sein Widersacher Zangger sei ein "Däniken".
Doch der kommt jetzt aus der Luft. Gemeinsam mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe will Zangger seine These prüfen. Mit Hilfe des Magnetometers und des am Helikopter baumelnden torpedoartigen "EM-Systems" soll die verlandete Ebene vor dem Hisarlik durchleuchtet werden. "Wenn dort Hafenanlagen im Boden verborgen sind", sagt der BGR-Mann Sengpiel, "dann werden wir sie finden."
Derzeit bemüht sich die Bundesanstalt um eine Fluggenehmigung für das Zielgebiet. Mit dem geologischen Dienst in Ankara sind Kontakte geknüpft. Bei seiner Vorprospektion im März will Sengpiel Gespräche mit den türkischen Behörden führen. Auch die Finanzierung soll dann festgezurrt werden.
Läuft alles glatt, wird im September eine fünfköpfige Crew Richtung Anatolien reisen. Direkt vor dem Hisarlik stationiert, wird der Helikopter dann täglich zu Meßflügen aufsteigen.
Wie über einem Schachbrett hin und herpendelnd, soll der Flieger 180 Quadratkilometer Boden systematisch ausspähen. Die Nachauswertung der Daten werden die Geophysiker Falko Kuhnke und Peter Weidelt von der TU in Braunschweig übernehmen.
Besonders interessiert ist der Spähtrupp an dem klaffenden Loch, das quer durchs Küstengebirge vor Troja geschlagen wurde. Der Durchstich ist 30 Meter tief
* Eberhard Zangger: "Die Zukunft der Vergangenheit". Schneekluth-Verlag, München; 344 Seiten; 44 Mark.
und 500 Meter lang. Die gleiche Herkulesarbeit schreibt Platon den Atlantern zu: Sie hätten den Küstenfels durchschlagen, um eine "Einfahrt" in ihre Hafenlagune herzustellen.
Archäologe Jablonka wehrt solche Parallelen ab. Der sogenannte Kesik-Kanal reicht nicht bis unter die Wasserlinie. Jablonka: "Schiffe konnten dort niemals durchfahren."
Zangger ficht das nicht an. In seinem neuen Buch, das letzten Monat erschien, hat der Geoarchäologe eine neue Deutung für den geheimnisvollen Kesik-Kanal entwickelt*. Der Felsdurchbruch sei als Treidelrampe genutzt worden: Schiffe wurden mit Seilen über die Rutschbahn geschleift (siehe Grafik).
Diese Idee hat Zangger der Phäaken-Episode in der Odyssee entnommen. Dort wird beschrieben, wie Schiffe über eine Rampe hochgezogen werden und in eine dahinter liegende Lagune plumpsen. Auch in der Wirklichkeit hat es solche Anlagen in der Antike gegeben: Die längste verlief quer durch die Landenge von Korinth.
Hydrologische Fachleute halten Zanggers kühnes Rutschbahn-Szenario für stimmig. "Die Baumeister der Bronzezeit haben phantastische wasserwirtschaftliche Anlagen hervorgebracht", sagt Ingenieur Garbrecht. Sein Kollege Knauss pflichtet ihm bei: "Vor dem Hisarlik liegen gewaltige Schiffsanlagen verborgen."
Eines jedenfalls zeichnet sich ab: Die These, Atlantis sei reine Fiktion, hat an Zugkraft verloren. "Die Seevölker-Kriege", sagt Lehmann, "bieten eine historische Folie, auf der die Geschichte ernsthaft diskutiert werden kann." MATTHIAS SCHULZ
[Grafiktext]
Fahndung nach dem Fabelland Spurensucher haben Atlantis an über 50 Stellen auf der Erde lokalisiert. Die Recherche begann bereits in der Antike. 300 v. Chr. Krantor von Soloi, Mitglied der Platonischen Akademie in Athen, reist in die ägyptische Stadt Sais, um Platons Angaben vor Ort zu überprüfen. Im "Tempel der Neith", so sein Bericht, stünden "Säulen" mit eingravierten Atlantis-Texten. um 50 n. Chr. Plinius der Ältere unter- nimmt einen ersten Lo- kalisierungsversuch. Er bringt Atlantis mit der in Südspanien gelegenen Handelsmetropole Ga- des (heute Cádiz) in Ver- bindung. 1475 Toscanelli, ein Renaissance-Karto- graph, entwirft in Anlehnung an Platon eine Weltkarte, auf der zahlreiche große Atlantikinseln eingezeichnet sind. Kolumbus be- nutzt das Werk bei seiner Über- fahrt nach Amerika. 1530 Girolamo Frascatoro, Arzt und Humanist, identifiziert den neu- entdeckten Kontinent Amerika mit dem - nicht untergegangenen - Hauptland Atlantis. 1638 Der britische Lordkanzler Francis Bacon vermutet Atlantis in Brasilien. um 1700 Olof Rudbeck, Rektor an der Universität im schwedischen Uppsala, führt die Gründung seiner Heimatstadt auf die At- lanter zurück. Die Goten seien Nachfah- ren der Atlantischen Rasse. 1779 Der französische Revolutionstheoretiker Jean Sylvain Bailly erhebt Sibirien zum "Ursprungsland der Kul- tur" und verknüpft es mit der Tradition von Atlantis. 1803 Bory de St. Vincent, ein Offizier Napoleons, deutet in seiner "Geschichte und Beschreibung der Kanarien-Inseln" die Kanaren als Reste des untergegangenen Inselkontinents. um 1870 Augustus Le Plongeon, ein Abenteurer und Phantast, sieht in den Mayas von Chichén Itzá Abkömmlinge der Atlanter. Es fol- gen Amateurgrabun- gen in Mexiko. 1882 Der US-Kongreßabgeordnete Ignatius Donnelly nennt in sei- nem Bestseller "Atlantis - die vorsintflutliche Welt" als Urhei- mat der Atlanter die Azoren. Py- ramidenbau, Eisenmetallurgie und Schriftkultur seien von der atlantischen Hochkultur ange- stoßen worden. Die Azoren- Theorie wird 1954 von dem Inge- nieur Otto Muck wiederbelebt. 1922 bis 1926 Der deutsche Archäologe Adolf Schulten führt in Südspanien Suchgrabungen an der Mündung des Guadalquivir durch. um 1930 Der Althistoriker Robert Graves vermutet Atlan- tis in Nordlibyen, am "Triton-See", einer riesigen Salzlagune, die vor 5000 Jahren austrocknete. 1931 Hitlerverehrer Heinrich Pudor erklärt Helgoland zum Standort eines - von Ariern bewohnten - atlantischen Reichs. SS-Chef Himmler läßt später vor der Insel unterseeische Messungen durchführen. 1935 Herman Wirth, Präsident des NS-Vereins Deutsches Ahnenerbe, ortet Atlantis in der nördlichen Arktis. 1939 Spyridon Marinatos, ein griechischer Archäologe, bringt Atlantis mit dem Untergang der minoischen Kultur in Verbindung. Auslöser des Desasters sei der - historisch verbürgte - Ausbruch des Vulkans Thera auf Santorin um 1450 v. Chr. Mehrere Expeditionsteams, darunter der Unterwasser- forscher Jacques Cousteau, überprüfen das Szenario. 1953 Von einem umgebauten Kutter aus taucht der Bordelumer Pastor Jürgen Spanuth vor Helgoland, um Spuren der Sagenstadt Basileia (=Atlantis) zu finden. um 1970 Gleich mehrere Autoren, darunter Charles Berlitz, verlegen Atlantis in die Karibik (Bermudas, Bahamas, Bikini-Atoll). Unter Wasser vermutete Artefakte entpuppen sich allerdings als natürliche Gesteinsformationen. 1984 Die sowjetischen Forschungsschiffe Witjas und Rift erkunden vor der Stra- ße von Gibraltar den Unterwasser- berg Mount Ampère - ohne Ergebnis. 1991 Nach Interpretation alter Sagen deutet Ior Bock, ein finnischer Historiker, die Atlanter als eine Art Frostvolk, das am Ende der letzten Eis- zeit nahe Helsinki aus den abtauenden Glet- schern kroch. Bocks etymologische Ableitung lautet: Atlantis = Altlandis = All land is ice. 1992 Der Geoarchäologe Eberhard Zangger stellt erstmals die Formel Atlantis = Troja auf. Hinter Platons Bericht ver- berge sich eine verzerrte Erinnerung an den Trojanischen Krieg. Dolmetscher im Tempel Die Herkunft der Atlantislegende (in der Schilderung von Platon) 1 In grauer Vorzeit ritzen ägyptische Priester den Atlantis-Bericht auf eine Hieroglyphensäule. Sie steht im Neith- Tempel in Sais. 2 um 560 v. Chr. Der Staatsmann Solon besucht Ägyp- ten und überträgt den Text ge- meinsam mit einem Priester aus Sais ins Griechische. Beim Dolmetschen entste- hen Probleme. Solon versteht die geo- graphischen Ausdrücke und Ortsnamen auf der Steinsäule nicht. Deshalb "forschte er nach der Bedeutung der Ei- gennamen", "suchte den Sinn wieder zu erfassen" und "über- setzte ihn in unsere Sprache zurück" (Platon). 3 360 v. Chr. Solons Fassung benutzt Platon als Grundlage für seinen Dia- log "Kritias", ein naturkundlich- historisches Werk, in dem der Atlantis-Bericht eine zentrale Stelle einnimmt. Stadt vor den Meeren Spekulationen um Atlantis Nach Angabe der ägyptischen Priester liegt Atlantis "vor einer Mündung", die zwei große Meere verbindet. Das Meer, in dem At- lantis liegt, wird als ein Binnenozean beschrie- ben, der "rings von Festland umkränzt" ist. So- lon identifiziert die angesprochene Meerenge mit Gibraltar und verlegt das Geschehen damit in den fernen Westen. Das aber würde bedeu- ten, daß das Meer hinter Gibraltar vollständig von einem jenseitigen Kontinent umschlossen sein müßte. Eine kuriose Idee, die der Dubliner Althistoriker John Luce auf einer Weltkarte skizziert hat. Die Luce-Version verträgt sich nicht mit dem gängigen Weltbild derAntike. Danach wird stets die bewohnbare Welt rings- um von Wasser umflossen, bei Herodot vom Okeanos. Da Platon seine völlig anders geartete Topographie als wahr ausgibt und sogar ins Zentrum einer naturwissenschaftlichen Schrift stellt, suchen einige Experten den Denkfehler bei dessen Gewährsmann So- lon. Der habe den Tempeltext aus Sais miß- deutet. In Wahrheit sei nicht Gibraltar, son- dern eine andere Meerenge gemeint: die Dardanellen. Bezogen auf diesen Isthmus, ergibt sich ein weniger phantastisches Bild: Wo Platon vom "Atlantischen Meer" spricht, wäre dann das Schwarze Meer ge- meint. Dieses ist in der Tat rings von der eurasischen Landmasse umgrenzt. Ansturm der Piraten Machtzentren im östlichen Mittelmeer um 1200 v. Chr. Viele Experten bringen das Kriegssze- nario, das Platon in seinem Atlantis- Mythos schildert, mit den realen Umbrü- chen am Ende der Bronzezeit in Verbindung. Um 1200 v. Chr. werden die damaligen Su- permächte Ägypten und das Hethiterreich von rätselhaften Seevölkern angegriffen. Anhand neuer Keilschriftfunde konnten die Invasoren nun erstmals lokalisiert werden. Demnach verbergen sich hinter den Piraten- reichen "Danaia" und "Ahhijawa" früh- griechische Machtbasen in der Ägäis. Auch einige Palastkulturen in Westanatolien be- teiligen sich an dem Ansturm. Nach den Kriegswirren - Dauer etwa 30 Jahre - liegt nahezu das gesamte östliche Mittelmeerge- biet in Schutt und Asche und versinkt in die "Dunklen Jahrhunderte". Die Rolle Trojas in diesem Weltkrieg der Antike ist einstweilen noch ungeklärt. Um 1180 v. Chr. wird die Seevölkerflotte im Nildelta von den Ägyptern besiegt, auch das Landheer kann bei Byblos ge- stoppt werden. Nach Ansicht des Geoarchäologen Zang- ger wurde Trojas Binnenhafen durch zwei Flüsse gespeist. Ein Absetzbecken bewahrte den Hafen vor der Verlandung durch sedimenthaltiges Flußwasser. Um den Zugang zum Hafen vor eindringen- dem Meersand zu schützen, lag die Sohle des Küstendurchbruchs (Kesik-Kanal) knapp über dem Meeresspiegel. Einlaufen- de Schiffe wurden auf diesem Schleifweg in den geschützten Binnenhafen gezogen.
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Fahndung nach dem Fabelland Atlantis
Die Herkunft der Atlantislegende (in der Schilderung von Platon)
Spekulationen um Atlantis
Machtzentren im östlichen Mittelmer um 1200 v. Chr.
Karte vom Hafen vor Troja
[GrafiktextEnde]
* Ägyptische Darstellungen. * Am Donnerstag vorletzter Woche: Geophysiker Weidelt, Projektleiter Zangger, Sengpiel, Geophysiker Kuhnke, Logistikchef Rehli. * Eberhard Zangger: "Die Zukunft der Vergangenheit". Schneekluth-Verlag, München; 344 Seiten; 44 Mark.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 53/1998
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