02.04.2012

ZUWANDERERParadies Neukölln

Sie beten für Angela Merkel, für die Freiheit in der EU, für ein Leben im Wohlstand: Ein rumänisches Dorf zieht nach Berlin. 700 sind schon da, viele weitere wollen folgen. Die Geschichte einer Armutswanderung in den deutschen Sozialstaat.
Das Gotteshaus der Pfingstgemeinde von Fântânele liegt am Ende einer langen Dorfstraße, ein kahles Backsteingebäude, drinnen hängen rote Plastikrosen an der Wand, ein Steinofen wärmt die knapp 60 Menschen, die sich auf den Kirchbänken drängeln.
Der Älteste in Fântânele hält die Predigt, dann beten sie gemeinsam für ihre Familien in der Ferne, in Berlin-Neukölln, und für die deutsche Kanzlerin. Ein Mann mit Pelzmütze schickt Luftküsse: "Angela, du bist die Mama Europas, wir lieben dich." Gott möge sie segnen, weil sie die Roma aufnimmt und nicht "wegschmeißt" wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy.
Nach dem Gottesdienst rennen Schulkinder durch die Straßen, sie grüßen auf Deutsch, rufen "tschüs" und "Neukölln" und können es kaum erwarten, endlich auch dorthin zu kommen.
In Deutschland gilt Neukölln als eines der ärmsten Viertel der Republik. In Fântânele, einem Roma-Dorf 35 Kilometer nordwestlich von Bukarest, nennen sie es: das Paradies.
Eine Straßenecke weiter streichelt eine Frau im Bademantel ihre Schweine. Einer ihrer Söhne war gerade in Berlin, in jenem Wohnblock in der Harzer Straße, in dem schon so viele ihrer Freunde leben. Die Berichte aus dem Paradies machten ihnen Hoffnung, jetzt spart die Großfamilie für den Umzug. Sie wollen nach Neukölln, mit zehn Kindern und vielleicht auch dem Großvater. "Hoffentlich für immer", sagt die Frau.
Ein Dorf zieht um. Gut 500 Menschen aus Fântânele leben bereits in der Harzer Straße, 200 weitere sind über Berlin verstreut. Ein Viertel der Gemeinde ist dem Lockruf bislang erlegen, und viele mehr wollen folgen. Sie wollen das Versprechen auf Wohlstand einlösen, das mit dem EU-Beitritt in ihr Land gekommen war: das Versprechen auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder.
Die kleine Völkerwanderung von Fântânele nach Neukölln ist ein Umzug in den deutschen Sozialstaat, in eine Welt, in der Kindergeld und Hartz IV mehr einbringen als die Schweinehaltung in der Walachei. Seit dem EU-Beitritt ihres Landes 2007 hat sich die Zahl der Rumänen in Deutschland auf 127 000 fast verdoppelt.
Begonnen hat der große Treck der Hoffnungsreisenden mit Volker P., heute 35 und Hartz-IV-Empfänger. Ende der neunziger Jahre aus einem kleinen sächsischen Dorf nach Berlin gekommen, versuchte er als Maurer seinen Anteil zu bekommen am Reichtum, den das neue Deutschland in Aussicht stellte. Er malochte auf etlichen Baustellen, für verschiedene Firmen, doch entweder war der Lohn mies oder die Zahlungsmoral der Arbeitgeber. Frustriert und desillusioniert kehrte er oft in einer Dönerbude in Neukölln ein - und lernte dort einen jungen Mann aus Rumänien kennen.
Sein neuer Freund lud ihn in seine Heimat ein, nach Fântânele. Volker P. traf in diesem Dorf ohne Kanalisation und Straßenlampen auf Roma, die sesshaft waren, kein Wandervolk, sondern fromme Christen, die seit Generationen einer Pfingstgemeinde angehören und nach strengen Regeln leben: nicht betteln, nicht klauen, nicht fluchen, nicht spucken. Und keine Verhütung, manche Familien haben zehn Kinder, manche noch mehr.
Volker P. mochte die Menschen in Fântânele, besonders mochte er die Schwester seines Freundes. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt er. Er heiratete die junge Frau und nahm sie mit nach Berlin.
Als Rumänien Mitglied der EU wurde, vergrößerte sich auch Volker P.s Familie. Erst kam Marian nach Berlin, sein ältester Schwager, dann reisten die Schwiegereltern an. Es folgten sieben weitere Geschwister seiner Frau und deren Kinder. Dazu Cousins und Cousinen, Nachbarn, Freunde, Bekannte.
Hinter sich ließen sie ein altes Musikantendorf, von dem aus die Männer einst mit Kapellen übers Land gezogen waren, um auf Hochzeiten ihr Geld zu verdienen. Sie verkauften ihre Schweine und handelten mit Gebrauchtwagen. Zuletzt waren die meisten arbeitslos.
Mit dem EU-Beitritt kam die Hoffnung nach Fântânele zurück. Und mit der Reisefreiheit die Freiheit zur Flucht.
Ihr neues Leben begann in einer komplizierten Welt, die einerseits verlockend war, andererseits eher abweisend gegenüber rumänischen Bürgern. Eine Arbeitserlaubnis war in dieser Welt schwer zu bekommen, und nach drei Monaten sollte man sie auch wieder verlassen.
Doch Volker P., der in Berlin mit seiner Frau von Hartz IV lebte, hatte inzwischen einiges gelernt über den deutschen Sozialstaat. Er holte sich Rat bei einer wohlmeinenden Sozialarbeiterin, wie seiner angeheirateten Verwandtschaft zu helfen sei. "Sie hat mir die Hintertürchen erklärt", sagt er heute.
Eines dieser Hintertürchen ist das Recht aller EU-Bürger, in jedem Mitgliedstaat als Selbständiger tätig zu werden. Volker P. meldete seine Verwandten als Gewerbetreibende an, als Schrotthändler. Damit erhielten sie eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis.
Die Geschäfte liefen, wohl nicht unerwartet, eher schlecht; zum Leben reichten die Einkünfte nicht aus. Doch in solchen Fällen greift in Deutschland das Zweite Sozialgesetzbuch. Es garantiert auch wenig verdienenden Selbständigen einen Anspruch auf Grundsicherung: das sogenannte aufstockende Hartz IV.
Die Roma waren verwundert, solche Wohltaten kannten sie aus Fântânele nicht. Viele von ihnen leben nun von der Unterstützung des Jobcenters. Und vom Kindergeld, das in Deutschland gut 20-mal höher ist als in Rumänien. Sie wissen nicht, dass ein Sozialstaat an seine Grenzen kommt, wenn es zu viele Menschen gibt, die Ansprüche erheben. Sie haben das Prinzip Deutschland nicht verstanden oder wollen es nicht verstehen.
Die deutschen Sozialgesetze sprachen sich herum in Fântânele. Und so wagten immer mehr Familien den weiten Weg nach Berlin. Volker P., ihr Lotse durch den deutschen Sozialstaat, hatte viel zu tun, und auf der Suche nach Unterkünften landete er irgendwann in der Harzer Straße. Nach zwei Großbränden standen dort die meisten Wohnungen leer.
Volker P. und der Vermieter kamen schnell ins Geschäft. Der eine hatte den am Markt wenig attraktiven Wohnraum, der andere hatte die anspruchslose Kundschaft. Und schon bald waren 90 Prozent der Wohnungen an Roma vermietet. So entstand auf 7500 Quadratmetern die Berliner Außenstelle von Fântânele, ein eigener Kosmos in der Migrantenhochburg Neukölln - und absehbar ein neuer sozialer Brennpunkt, wie er von den Politikern erst bemerkt und beklagt wird, wenn er nicht mehr zu heilen ist.
Die Zugewanderten lebten in der Harzer Straße, als hätten sie ihr Dorf nie verlassen. Sie klopften ihre Teppiche im Innenhof, sie liefen im Bademantel über die Straße und hielten sich von ihren deutschen Nachbarn fern. In den Kellerräumen hatten sie Matratzenlager eingerichtet, im Hof wuchsen die Abfallberge, weil niemand wusste, wohin damit. Die Berliner Lokalpresse entdeckte die Harzer Straße schon bald als das Zuhause der "Müllkinder von Neukölln".
Volker P. hatte zwar einen Kurs absolviert, um sich gegenüber den Behörden als "Integrationslotse" ausweisen zu können. Doch in Wahrheit hatte er selbst längst die Orientierung verloren. "Es war so, als hätte man den Stöpsel in der Badewanne gezogen", beschreibt er den Ansturm aus Fântânele. Er fühlte sich überrollt. Volker P. zog sich zurück aus der Erstversorgung, die Roma in der Harzer Straße waren jetzt auf sich selbst gestellt.
Doch die Rumänen hatten ein zweites Mal Glück. Im August 2011 kaufte die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft den Wohnblock in Neukölln. Die Firma gehört der katholischen Kirche und legt Wert auf soziales Engagement. Als Projektleiter setzte das Unternehmen einen Mann ein, der in gleichem Maße Güte und Autorität ausstrahlt: Benjamin Marx. Für die Roma ist er ihr neuer Dorfvorsteher.
Marx, 57, trägt einen weißen Schal, glänzende Lederschuhe und Parfum von Hugo Boss. Wenn er die Harzer Straße entlanggeht, stehen die Rumänen Spalier. 750 Kubikmeter Müll ließ Marx aus dem Innenhof entfernen, Fenster und Heizungen wurden repariert, ein Kammerjäger löste das Rattenproblem. Weihnachten gab es Mandarinen und Geschenktüten für alle. "Wenn die Stadt keine richtige Integrationsarbeit leistet, dann müssen wir es eben tun", sagt Benjamin Marx.
Er und seine Mitarbeiter leisten diese Arbeit vor allem in der Mietersprechstunde. Im Vorzimmer des Büros der Aachener Wohnungsgesellschaft warten Frauen in Bademantel, Männer mit dunklem Hut. Menschen, die aus Angst drei Tage nicht schlafen konnten, weil sie die Werbung eines Telefonanbieters für Ausweisungspapiere deutscher Behörden halten. Menschen, die zehn Kinder haben, aber nur fünf anmelden, weil sie nicht unverschämt sein wollen und befürchten, aus dem Land zu fliegen, wenn sie zu viel Kindergeld beziehen.
Einer der Mieter, Avram S., 38, zeigt eine Krankenhausrechnung. Seine Frau hat in einer Klinik Zwillinge entbunden. Doch seine Krankenkasse ist pleitegegangen, jetzt hat er Angst, weil er nicht weiß, wie er die 3000 Euro bezahlen soll. Avram S. spricht kein Deutsch.
Der Bezirk Neukölln hat vor ein paar Monaten einen "Roma-Statusbericht" vorgelegt. Die Pfingstgemeinde aus der Harzer Straße wird darin als löbliche Ausnahme eines sonst schwierigen Milieus bezeichnet. Sie zählten zu jenen Familien, so steht es in dem Papier, "die sich anmelden, für ihre Kinder eine bessere Schulbildung wünschen und hier ankommen wollen".
Das Bemühen wird auch in der wöchentlichen Deutschstunde deutlich. Jeden Mittwoch sitzen die Männer im freiwilligen Unterricht und schreiben in rosafarbene Schulhefte, die sie aus ihrem Dorf mitgebracht haben. "Ich möchte Arbeit", diktiert ihnen die Lehrerin. "Ich habe Hunger." "Ich habe Sehnsucht nach Fântânele." In der Ecke sitzt Benjamin Marx und schaut zu. Manchmal stürzt ein Rumäne verspätet ins Klassenzimmer, sagt Verzeihung - "Skuze" - und verneigt sich vor ihm. Wenn Marx nicht da ist, führen die Männer freiwillig eine Anwesenheitsliste. Ihr Dorfvorsteher soll sehen, dass sie da waren. Sie nennen ihn "Patron".
Marx ist stolz auf seine Roma. Im Keller lässt er gerade einen Theaterraum einrichten, das arabische Café im Nachbarhaus würde er am liebsten zu einem Künstlercafé umbauen. Für die Frauen plant er einen Nähkurs.
Der Patron hat den neuen Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki in die Harzer Straße geholt, er diskutiert mit am Runden Tisch im Bezirk, und demnächst soll Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister, sein Projekt besuchen.
Wahrscheinlich werden dann auch Medienvertreter dabei sein, und es werden große Reden gehalten werden auf die Integration von Zuwanderern. Dabei fremdeln die Pfingstler merklich mit den Usancen des freizügigen Westens. Erkennbar wird das, wenn sich einmal pro Woche die Frauen aus Fântânele im Gemeindezentrum treffen. Dann sitzen sie im Stuhlkreis und reden über ihr Leben. Sie haben Angst vor deutschen Erzieherinnen mit Piercings im Gesicht, denen sie ihre Kinder anvertrauen sollen. Sie fragen sich, warum ein halbnackter, tätowierter Fußballprofi Werbung für Unterhosen macht - wenn sie an den großen David-Beckham-Plakaten vorbeikommen, schauen sie weg.
Und sie verstehen nicht, dass es einen Staat gibt, der Geld verschenkt, ohne etwas dafür zu verlangen. "Dieses Geld ist ein Segen, jeden Morgen, wenn ich meine Augen öffne, denke ich, heute hört es auf. Irgendwann hört es wieder auf", sagt eine Mutter.
Eine andere Frau erzählt von früher. Sie vermisst ihr Dorf, die Kirschbäume, die Schweine im Hof, gern würde sie wieder Zwiebeln pflanzen im Garten. Nun sitzt sie mit Mann und Kindern in einer winzigen Wohnung und denkt voller Sehnsucht an ihr altes Haus. "Aber Häuser kann man nicht essen", sagt sie.
Fântânele wirkt heute, drei Jahre nach Beginn des großen Fortziehens, wie ein dem Tode geweihter Ort. Die Berichte aus Berlin, vom Paradies in Germania, lassen die Menschen wieder träumen.
Im Winter fiel für mehrere Wochen der Schulunterricht aus, weil die Heizung in dem rosafarbenen Betonklotz nicht funktionierte. Allein im vergangenen Jahr haben etwa hundert Kinder die Dorfschule verlassen, viele von ihnen gehen jetzt auf die Hans-Fallada-Schule in der Harzer Straße. "Wir können sie nicht aufhalten", sagt eine Lehrerin, "hier im Dorf haben sie keine Zukunft."
Die nächsten Kinder, deren Zukunft womöglich in Berlin-Neukölln liegt, sind die beiden Töchter und der Sohn von Leonard Cibilian. In Fântânele gehört die Familie zu den Ärmsten. Zu fünft leben sie in einem Zimmer auf 15 Quadratmetern, statt Betten gibt es durchgelegene Matratzen, die Toilette ist ein überdachtes Erdloch im Hof. Geld verdienen die Cibilians mit selbstgegossenen Aluminiumpfannen, und seit einiger Zeit sparen sie jeden Leu für den Umzug nach Berlin. "Ich will auch eine eigene Küche. Und eine Toilette. Bring mich endlich nach Berlin", sagt Cibilians Frau.
Mitte der neunziger Jahre war Cibilian schon einmal in Berlin, als Asylbewerber. Er spricht Deutsch, kennt die Fantastischen Vier und Rudi Völler. Und er glaubt, in spätestens einem Monat sei er in Berlin.
Seine Kinder sollen dann den Zoologischen Garten besuchen, sie sollen in einem deutschen Schwimmbad toben und auf Klassenreise fahren. Und nach dem Abitur sollen sie studieren. "Warum nicht in Oxford oder Cambridge", sagt Cibilian, "so wie andere Europäer."
Von Gezer, Özlem

DER SPIEGEL 14/2012
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