02.04.2012

ZEITGESCHICHTEGehörnte Böcke

Die Stasi überwachte jahrelang DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann. Die Akten offenbaren byzantinische Zustände in der Führung der ostdeutschen Armee.
Die Tagung war öde, die Kaserne trist, der Durst groß. Und so griffen DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann und seine Entourage am Abend des 9. Februar 1964 zur Flasche. Als die Truppe ordentlich angetrunken war, bekam ein Oberstleutnant Order, Frauen "heranzuschaffen". Es brauchte eine Weile, bis der Mann im nahen Prora fündig wurde. Der angeschickerte Hoffmann begrüßte die Damen mit dem Satz: "Ich bin der Minister Hoffmann, und wie heißt du mit Vornamen?"
Die folgende Nacht sei "sehr anstrengend" gewesen, vertraute der verkaterte General Werner Fleißner am nächsten Morgen einem anderen Offizier an. Bald darauf wurde das Gelage aktenkundig, denn Fleißners Gesprächspartner war ein Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit. Und so findet sich ein Vermerk in den Ordnern, die die Stasi über Hoffmann anlegte. Der Politikwissenschaftler Siegfried Suckut, ein ehemaliger Mitarbeiter der Behörde für die Stasi-Unterlagen, hat sie nun ausgewertet(*).
Schon die Existenz der Akte überrascht. Bislang glaubten Experten, dass die Stasi SED-Spitzenfunktionäre nur mit Sondergenehmigung der Parteiführung bespitzeln durfte, und eine solche lag nicht vor. Hoffmann wäre damit tabu gewesen, er war ein Vierteljahrhundert lang, bis zu seinem Tod 1985, oberster Militär des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Der großgewachsene, breitschultrige Vier-Sterne-General saß im Zentralkomitee und von 1973 an im SED-Politbüro, der Machtzentrale der DDR.
Auch der Umfang der Akte erstaunt, knapp tausend Blatt. Stasi-Chef Erich Mielke hatte auf den Kollegen mehr Spitzel angesetzt als auf manchen Oppositionellen. Er ließ in Notizbüchern von Hoffmanns Mitarbeitern schnüffeln und sogar den Briefwechsel zwischen dem Minister und dessen Mutter überwachen.
Dabei war der 1910 geborene Hoffmann ein beinharter Altstalinist, der DDR-Flüchtlinge als "Ratten" schmähte. Sein Lebenslauf wies den Schlosser aus Mannheim als lupenreinen Kommunisten
aus: mit 20 Jahren in die Partei eingetreten, mit 23 Jahren im Widerstand gegen Hitler aktiv, mit 26 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg, dabei schwer verwundet.
Den Zweiten Weltkrieg überlebte Hoffmann in der Sowjetunion. Dort versuchte er im Auftrag des sowjetischen Innenministeriums NKWD, deutsche Kriegsgefangene vom Kommunismus zu überzeugen. Er wurde Oberleutnant der Roten Armee und sowjetischer Staatsbürger. 1946 ging er im Auftrag Moskaus nach Berlin, um bei der Stalinisierung Deutschlands zu helfen.
Vielleicht liegt in diesen Lebensstationen der Grund dafür, dass es Hoffmann später nach dem leichten Leben drängte. Er selbst befand jedenfalls 1952, im Alter von 41 Jahren, dass er "schwere Jahre" hinter sich habe und nun "noch etwas" erleben wolle. Und das tat der gutaussehende Mann mit den dunklen Augen und dem mächtigen Haarschopf dann auch.
Sein Ministerium führte er den Stasi-Akten zufolge wie ein barocker Fürst, weshalb ihm die Schnüffler "moralische Verkommenheit" und eine "ausschweifende Lebensweise" vorwarfen. Schon bei der Planung militärischer Übungen habe Hoffmann darauf geachtet, dass attraktive Soldatinnen in seiner Nähe weilten. Notfalls ließ er "Mannequins" oder "Künstlerinnen" herbeischaffen.
Möglicherweise überschritt er sogar die Grenze zur Vergewaltigung. Während einer Stabsübung im Juni 1964 kam es laut einem Stasi-Spitzel zu einer "regelrechten Orgie" im Sonderzug des Ministers. Die Frauen seien erst abgefüllt worden, dann hätten Hoffmann und Genossen sie "unmöglich betastet, abgeknutscht" und ihnen "teilweise die Kleider zerrissen". Die Männer seien "geil wie ein paar gehörnte Böcke" gewesen.
Den Etat des Ministeriums nutzte Hoffmann als Privatschatulle. Er zweigte D-Mark für seine in Mannheim lebende Mutter ab und ließ sich im Westen Geschenke besorgen. Ein Soldat musste seinen Kindern Nachhilfeunterricht erteilen und wurde im Gegenzug für "ausgezeichnete Ergebnisse im Rahmen der Gefechtsausbildung" belobigt.
Und dann die "Saufgelage", wie die Stasi schrieb. Hoffmann und seine wichtigsten Generäle tranken "oftmals, bis es nicht mehr" ging. Die Offiziere erkannten einander dann nicht wieder und sprachen sich mit falschen Dienstgraden an. Ein General setzte sich im Suff neben seinen Stuhl, ein anderer fiel hin und kam nicht wieder hoch - Slapstick-Szenen in der Militärführung. Meinungsverschiedenheiten drohten regelmäßig in Schlägereien zu enden.
Bei offiziellen Veranstaltungen erschien Hoffmann zugedröhnt. Vor aller Augen beförderte er spontan eine Kellnerin zum Stabsfeldwebel und behauptete später, er habe deren Leistung "prämiert". Nach einem Empfang musste ein Admiral die üblichen Dankesworte an das Begleitkommando der Volkspolizei übernehmen; Hoffmann war zu betrunken. Er lallte dazwischen: "Ich danke euch auch!"
Immerhin war der Mann selbstkritisch. Er sei "kein so großer militärischer Fachmann" und wisse manchmal selbst nicht, wofür er sein Geld bekomme, räumte er einmal intern ein.
Natürlich sind Stasi-Unterlagen mit Vorsicht zu lesen. Wissenschaftler Suckut aber zweifelt nicht am Wahrheitsgehalt der kritischen Berichte. In der Truppe kursierten sogar Witze über den Wodka-Konsum der Leitungsebene. Die Führung der ostdeutschen Armee war in den sechziger Jahren allenfalls bedingt abwehrbereit.
Mielke strebte denn auch den Sturz des Kollegen an, mit dem er zugleich einen persönlichen Strauß ausfocht. Der furchtlose Hoffmann hatte ihm einmal offen vorgeworfen, "besonders überheblich" zu sein. Doch der Kreml hielt seine schützende Hand über Hoffmann. Als dessen Abberufung 1964 unmittelbar bevorzustehen schien, intervenierten die Sowjets bei DDR-Gründer Walter Ulbricht.
Dessen Nachfolger Erich Honecker traute sich an Hoffmann gar nicht mehr heran. Dieser zählte - wohl aufgrund seiner sowjetischen Vergangenheit - zu dem kleinen Kreis Unantastbarer in der DDR-Führung. 1971 scheint das auch Mielke begriffen zu haben; die Stasi-Akte bricht jedenfalls ab.
Über die letzten Jahre von Hoffmanns Amtsführung kann daher nur spekuliert werden. Der Minister starb 1985 an einem Herzleiden.
Im Rückblick erscheint nicht alles verwerflich, was die Stasi notierte. Die Sittenwächter mokierten sich auch darüber, dass der Lebemann bei Feiern im Ministerium das Twist-Tanzen erlaubte und zu Hause gern Rockmusik aus dem Westen hörte.
(*) Siegfried Suckut: "Mielke contra Hoffmann. Wie die Stasi die Entlassung des DDR-Verteidigungsministers betrieb". In: "Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012". Aufbau Verlag, Berlin; 480 Seiten; 38 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 14/2012
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