02.04.2012

PARTNERVERMITTLUNGit(wert 1 == wert 2){

Fast ein Drittel aller Beziehungen in Deutschland beginnt im Internet. Die Kuppelbörse Parship hat schon Ehen gestiftet, aber auch Suchende einsam gemacht. In der Zentrale geht es weniger um Gefühle, sondern mehr um Mathematik. Von Dialika Neufeld
Das ist das Ende der Romantik", sagt der alte Mann, der die Liebesformel erfunden hat.
"Ein Produkt unserer Zeit", sagt die Frau, die die Liebesformel getestet hat.
"Für den normalen Menschen völlig unverständlich", sagt der Mann, der die Liebesformel ins Weltnetz bringt.
Sie sitzen in Hamburg, in einem Bürohaus, Blick Richtung HafenCity, zwei Wissenschaftler, ein Programmierer. Was sie verbindet, ist ein Geheimnis, eine Reihe von Zahlen, Klammern und Gleichheitszeichen, deren Funktionsweise nur diese drei kennen; was sie verbindet, ist der Glaube daran, eine Lösung zu haben für das Problem von Millionen Deutschen. Für Menschen, die allein sind, wenn sie abends das Licht löschen, und einsam, jetzt, wenn das Leben draußen erwacht.
Der alte Mann, die Frau und der Programmierer sind Teil einer Gemeinde, die glaubt, dass man das Glück solcher Menschen beeinflussen kann. Sie arbeiten für Parship, eine der größten und ältesten Online-Partnervermittlungen im Land. Millionen Menschen bezahlen Geld, um ihre Abende auf dieser Seite verbringen zu dürfen. Weil sie es leid sind, der letzte Single auf einer Hochzeit zu sein oder den Einzelzimmerzuschlag im Hotel zu zahlen.
Inzwischen wird fast ein Drittel aller Partnerschaften in Deutschland über das Internet geschlossen. 16 Millionen Single-Haushalte gibt es in der Republik, 7 Millionen Menschen suchen einen Partner über das Internet.
Wer bei Parship, dem Marktführer, auf die Suche geht, der macht erst mal einen Persönlichkeitstest, erstellt dann ein Profil über sich und seine Vorlieben, lädt ein paar Fotos hoch und erscheint schließlich auf der Internetseite von Parship als neuer Suchender. Er bekommt einen Codenamen, der aus Buchstaben und Zahlen besteht, und kann jetzt mit anderen, die bei Parship angemeldet sind, in Kontakt treten. Oder hoffen, dass sich ein Mitglied bei ihm meldet. Weil sein Foto gut angekommen ist oder sein Persönlichkeitsprofil.
So hofft Undine Seela, 168 Zentimeter groß, Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, Codename KK2YVCVW, "passionierte Langschläferin, manchmal ungeduldig, meist sage ich recht direkt, was ich denke, ich nehme mich selbst nicht zu ernst und bin meist pflegeleicht", das schrieb sie in ihr Profil.
Wie daraus, im besten Fall, eine Partnerschaft wird, hat mit Mathematik und Psychologie zu tun, mit Übereinstimmung und Ergänzung. Mit der Frage, welcher Partner mit welchen Testergebnissen am besten zu einem passt.
Um solche Fragen kümmern sich 140 Menschen, die jeden Morgen mit dem Fahrstuhl in den sechsten Stock eines Geschäftshauses in der Hamburger Innenstadt fahren, Wissenschaftler, Werber, Empfangsdamen. "Working for Love" steht dort auf großen, roten Plakaten. Die Menschen, die hier arbeiten, sind die Heiratsvermittler unserer Zeit.
Menschen wie Ronald Böhling, Informatiker, schwarzes Brillengestell, ein Mann, der leise redet. Er ist neben den zwei Wissenschaftlern der dritte bei Parship, der die geheime Formel kennt, den "Parship-Algorithmus". Er hantiert mit Begriffen, die wenig mit Gefühlen zu tun haben, spricht von "Datenmigration" oder "Matchingalgorithmus".
Wer bei Parship einen Partner sucht, kann in einem Suchprofil angeben, wie der andere sein soll, Wohnort, Hobbys, Körpergröße. Es ist, als würde man sich im Netz einen passenden Einbauschrank zusammensetzen. Die Wünsche des Kunden übersetzt Böhling in die Sprache eines Parship-Programmierers. Auf seinem Computerbildschirm steht etwa: "person.minheight > 0, person.maxheight < 200". Gemeint ist, dass der gesuchte Partner unter zwei Meter groß sein soll.
Früher hat Böhling in einer Werbeagentur gearbeitet, später auch mal für Airbus programmiert. "Das macht einen Riesenunterschied, so emotional zu arbeiten", sagt er. Es ist der Versuch, die Liebe, diese mythische, unberechenbare Kraft, in eine mathematische Formel zu übersetzen. Sie kalkulierbar zu machen, planbar.
"Der User füllt den Fragebogen aus", sagt Böhling, "die Antworten werden in der Datenbank gespeichert und aufbereitet. Und daraus berechnen wir am Ende seine Persönlichkeit." Die werde dann nach einem hochkomplexen System mit der Persönlichkeit von anderen Usern verglichen.
Wie das geht?
"Also zum Beispiel so", sagt Böhling, nimmt ein Post-it und schreibt: "it(wert 1 == wert 2){".
Es ist Teil einer Formel, die zwei Menschen zu einem Paar machen soll. Sie ist in etwa so geheim wie die Coca-Cola-Formel.
Die User, die Liebesuchenden, von denen Böhling spricht, sind irgendwie auch mit dabei in der Firmenzentrale. Sie sind meist 30 bis 55 Jahre alt, "niveauvoll mit einem gehobenen Bildungs- und Einkommensstand", so behauptet es die Firma. Die User sind in diesem Moment winzige, grünlich leuchtende Punkte auf einem gigantischen Monitor. Punkte, die aufscheinen wie Himmelskörper. Die Grafik zeigt den Programmierern, wie viele Menschen gerade auf parship.de unterwegs sind.
Auch Undine Seela ist so ein Punkt, die Deutschlehrerin, die seit einigen Monaten einen Partner sucht. Wenn sie in ihr Profil schreibt: "Dinge, die mir wichtig sind: ein großer Kaffee am Morgen und Weltfrieden (*)g(*)", dann leuchtet es auf dem Monitor in der Parship-Zentrale. Jetzt, an diesem Dienstagmorgen um 10.15 Uhr, ist dort, wo "Partner suggestions" steht, ziemlich viel Grün zu sehen, und das bedeutet, dass sich gerade besonders viele Menschen jene Partnervorschläge ansehen, die Parship ihnen geschickt hat.
Grün leuchtet auf dem Monitor auch der Bereich "Questionnaire": Das sind die Leute, die gerade den Fragebogen ausfüllen, um sich bei Parship anzumelden. Ohne den Fragebogen würde es kein Parship geben. Mit dem Fragebogen fängt die Geschichte der Partnervermittlung an.
Der Vater dieses Fragebogens ist inzwischen 80 Jahre alt, er hat weiße Haare und ist emeritierter Professor der Psychologie. Hugo Schmale hat den Test erfunden, die geheime Liebesformel, und angefangen hat er damit vor mehr als 40 Jahren. Inzwischen besteht der Test aus 74 Fragen mit mehr als 400 Antwortmöglichkeiten, die auf 32 Persönlichkeitsmerkmale zulaufen und nach 136 Regeln mit denen eines anderen Menschen verglichen werden.
Fragen wie: "Wenn Ihnen ein Buch oder Zeitschriftenartikel besonders gut gefallen hat, wünschen Sie dann, dass Ihr Partner es auch liest?" Mögliche Antwort: "Ja, dann habe ich noch mehr Freude daran." Oder: "Das ist mir egal."
Fragen wie: "Wie muss ein Wohnraum temperiert sein, damit Sie sich richtig wohlfühlen?" Antwort: "Gut warm (21°C oder etwas mehr)" oder "Eher kühl (19°C oder etwas weniger)".
Was sagt das über einen Menschen aus?
"Es sind nicht nur Persönlichkeitsmerkmale, sondern auch Verhaltensmerkmale und Gewohnheiten, die übereinstimmen oder zusammenpassen müssen", sagt Schmale. "Wenn Partner unterschiedliche Schlaftemperaturen haben wollen, dann gibt es Schwierigkeiten."
An manchen Tagen kommt er noch in die Parship-Zentrale, im Anzug und mit einer braunen Ledermappe unterm Arm. Die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung begleitet ihn zum Chef, das Klickern der Tastaturen wird leiser, als er an den Schreibtischen der Mitarbeiter vorbeigeht. Ohne ihn gäbe es diesen ganzen Laden nicht. Ohne ihn wären in Deutschland mehr Menschen allein.
Heute soll er neuen Mitarbeitern im Konferenzraum "Germany" das "Parship-Prinzip" beibringen. Schmale wirkt hier wie ein Fremder, ein Mann, der Opern liebt und einen Weltkrieg erlebt hat. Er bewegt sich mit langsamen Schritten durch einen Ort, an dem Besprechungsräume "Braincells" heißen und die Mittagspause manchmal "Working Lunch".
Wer Schmale in seinem natürlichen Umfeld erleben will, der muss ihn in seiner Wohnung besuchen, in einer bonbonroten Stadtvilla, an einem Park in Hamburg-Harvestehude.
Dort sitzt er dann in einem Ledersessel, serviert Tee aus einer silbernen Kanne mit Horngriff und Füßen. Die Wände sind mit rotem Stoff bezogen und von weißen Stuckleisten eingefasst, ein Computer ist nicht zu sehen. In der Mitte des Raums steht ein Billardtisch. "Da lasse ich ein paar Kugeln rollen, wenn's im Kopf nicht richtig rollt", sagt Schmale, ein freundlicher Mann mit halbmondförmiger Brille. Fast alles in seinen Räumen scheint eine Geschichte zu haben, die Skulpturen, die surrealen Zeichnungen an den Wänden, überall Spuren eines langen Lebens.
Als er selbst anfing, auf Mädels zu schauen, wie er sagt, da habe er Schwierigkeiten gehabt mit dem Kennenlernen, "das war eher schlimm". Ihm gefiel Humphrey Bogart. "Also zog ich mich an wie Humphrey Bogart, machte seine Bewegungen nach, weil ich dachte, dann kriege ich so was wie Lauren Bacall. Das ist so was Dummes, wie nur irgendwas."
Die Probleme, die Menschen beim Versuch haben, andere Menschen kennenzulernen, sind heute die gleichen wie damals. "Wir nennen das soziale Erwünschtheit", sagt Schmale. "Wenn sich jemand bei einer Firma vorstellt, dann überlegt der sich: Was muss ich sagen, damit ich genommen werde, und nicht: Wer bin ich?" Das sei gefährlich, im Beruf genauso wie privat: Man trifft jemanden und verstellt sich, um zu gefallen. Der andere verstellt sich auch. Man wird ein Paar. Und am Ende sind beide erschrocken, weil sie feststellen, dass sie eigentlich gar nicht zusammenpassen.
23.25 Uhr: "Hallo KK2YVCVW, PSLZWLH1 hat Sie angelächelt und möchte Ihnen ein Kompliment machen: PSLZWLH1 findet Ihr Profil sympathisch, insbesondere Ihre Beschreibung unter: Das sollte mein Partner über mich wissen", so fängt für Undine Seela eine neue Kontaktaufnahme über Parship an.
Undine Seela ist 30 Jahre alt, "unabhängig, einfühlsam, nachdenklich, warmherzig, unkompliziert". Sie trägt ihr Haar kurz und schwarz und hört gern Heavy-Metal-Musik. Eine Frau, die viel lacht, die auf Konzerte geht und für ihr Patenkind da ist. Vergangenen Sommer hat sie sich auf der Internetseite von Parship angemeldet, seit drei Jahren lebt sie allein.
Sie unterrichtet am Gymnasium, ausgehen kann sie nur am Wochenende. Aber in der Disco gibt es nur Studenten- oder Ü-40-Partys, so erzählt sie, da passe sie nicht rein. Ein paarmal habe sie sich mit einer Freundin in die Kneipe gestellt, aber bisher sei dabei nicht viel Gutes rausgekommen. "Ganz lange hat mir nichts gefehlt als Single", sagt sie, "aber jetzt bin ich an einem anderen Punkt angekommen und fänd's schön, mein Leben mit jemandem zu teilen."
Wie kann Parship Undine Seela helfen?
"Ich muss erst mal wissen, wer ich bin, bevor ich jemanden suchen kann, der zu mir passt", sagt Hugo Schmale, deshalb stehe bei Parship am Anfang der Persönlichkeitstest. 32 Merkmale und "eines der wichtigsten ist Nähe und Distanz, finde ich. Diese beiden Merkmale müssen unbedingt zueinander passen". Also entweder 100 Prozent Nähe oder vielleicht auch nur ein Viertel davon. Hauptsache, es treffen sich zwei identische Bedürfnisse, "sonst wird sich das Paar im Alltag auseinanderdividieren".
Wichtig, sagt Schmale, sei auch, dass Männlichkeit und Weiblichkeit im richtigen Verhältnis zueinander stehen: "Zwei machöse Personen, also eine harte Frau und ein harter Mann: Das funktioniert nicht, gibt es auch nicht. Ein Boxer wird sich nie eine Muskelbuilderin aussuchen, und eine männlich geprägte Frau sucht eher einen Softi." Ergänzung sei in dem Fall wichtiger als Übereinstimmung.
"Es gibt nur zwei basishafte Entscheidungen im Leben", sagt Schmale, "und zwar: Welchen Beruf wähle ich und welchen Partner?"
Die Geschichte der romantischen, der freien Liebe war historisch gesehen eher eine kurze. Bis zur sexuellen Revolution Ende der sechziger Jahre diktierte die Gesellschaft, was eine gute Liebe war und was nicht. Vorehelicher Sex war tabu, gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern stand mit dem Paragrafen 175 unter Strafe, eine Ehe galt als erfolgreich, wenn der Mann ein guter Versorger und die Frau eine gute Hausfrau war. Die Regeln waren klar.
Dann wurde die Liebe frei, und mit der Freiheit wurde es schwieriger, sich für eine Partnerschaft zu entscheiden. Millionen Menschen blieben ungebunden, galten als modern, individuell, genossen ihre Unabhängigkeit, bis sie anfingen, sich einsam zu fühlen, und feststellten, wie kompliziert es war, jemanden fürs Leben zu finden.
Später suchten sie Hilfe im Internet, es wurden Millionen, und so entstand ein hartumkämpfter Markt mit einem geschätzten Jahresvolumen von 200 Millionen Euro. Neben Parship gibt es inzwischen Dutzende anderer Partnervermittlungen. Da ist Elitepartner, ein Portal für "Akademiker & Singles mit Niveau", gegründet von einem ehemaligen Parship-Mitarbeiter. Er hat das Fragebogenkonzept von Parship übernommen und ist mittlerweile zu dessen härtestem Konkurrenten geworden. Auch in der Chefetage von eDarling sitzt ein ehemaliger Parship-Manager. Hinzu kamen Flirtportale, Dateportale, Seitensprungportale, und von Jahr zu Jahr gingen die Umsatzzahlen nach oben. Allein bei Parship stieg der Umsatz in acht Jahren von 0,2 Millionen auf 55 Millionen Euro. Seit drei Jahren allerdings treten die Umsätze auf der Stelle, immer mehr Geld muss für das Markteting aufgebracht werden.
Das Parship-Geschäft funktioniert ähnlich wie ein Probe-Abo für Zeitschriften: Erst wird der Nutzer geködert, dann muss er zahlen. Angelockt wird mit Werbung, dann folgt die kostenlose Anmeldung. Man macht den Test, bekommt erste Partnervorschläge und Kontaktanfragen. Will man Fotos sehen oder Nachrichten verschicken, braucht man eine Premium-Mitgliedschaft. Die kostet bei Parship für drei Monate 180 Euro.
Was der Nutzer dafür bekommt, ist eine Einschätzung seiner Persönlichkeit, Tipps zur Gestaltung des eigenen Profils und mehrere hundert Partnervorschläge. "So gut passen Sie zusammen" steht dann neben jedem Vorschlag, dahinter steht eine Zahl. Je höher die Zahl, desto höher ist angeblich die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen im wirklichen Leben zueinander passen. In der Parship-Sprache heißen diese Zahlen "Matchingpunkte". Aus Matchingpunkten können Beziehungen werden, aus Beziehungen Ehen. Wie haltbar sie sind, darüber gibt es keine Zahlen.
"Der Beratungsbedarf war noch nie so groß wie jetzt", sagt Hugo Schmale. "Die Menschen sind vor lauter Möglichkeiten überfordert."
Anfang der sechziger Jahre fing es an, so erzählt Schmale. Für die Zeitschrift "Twen" entwickelten er und ein Team von Redakteuren etwas, was damals neu und revolutionär war: den Psychotest für Leser, mit anschließender Verkupplung.
Schmale holt einen Stapel alter Hefte hervor, Ausgaben von 1964 bis 1971, er blättert darin, bis er ein rotes Papier gefunden hat. Das Ur-Parship, analog, aber dennoch, ein Verkupplungstest.
"Seien Sie kein Rendezvous-Muffel! Machen Sie mit!", steht dort in großen Lettern. Und dann: "Der ,Twen'-Computer sucht für Sie den idealen Partner." Schmale blättert weiter: ein seitenlanger Persönlichkeitstest auf rosafarbenem Papier, teilweise identisch mit jenem, den heute die Parship-Nutzer im Internet machen.
Die Leser schickten ihre Testergebnisse ein, die wurden dann auf Lochkarten übertragen, ins Rechenzentrum gekarrt und dort von Studenten ausgewertet. "Und wir suchten dann aufgrund der theoretischen Basis die zehn idealen Paare." Auf Wunsch wurden die sogar verheiratet, in Salzburg, mit weißem Kleid und mit weißer Kutsche. Schon damals machten bis zu 60 000 Singles mit.
Das war der erste Schritt zur errechneten Liebe, die zuerst noch verpönt war und heute Alltag ist. "Die Menschen wollen ihr Leben rationalisieren, kontrollieren", sagt Schmale, "sie wollen sich nicht verlieben und nach 14 Tagen wieder in den Keller fallen, dafür haben sie heute gar keine Zeit mehr."
Auf der Seite von Parship können sie deshalb den Wohnort ihres potentiellen Partners bestimmen, sie können entscheiden, ob er lieber Golf spielen oder musizieren soll. Kann es da noch so etwas wie Schicksal, Zufall, Romantik geben?
"Ich glaube, heute ist überhaupt das Ende der Romantik", sagt er dann. "Die Romantik sehen sich die Menschen im Film bei ,Rosamunde Pilcher' an."
Was findet er heute noch romantisch?
Schmale lächelt, er geht zu einem alten Tonträger hinüber und legt Opernmusik auf. Er horcht den Tönen hinterher, legt den Kopf etwas schräg, "das hier", sagt er. "Meine Frau war Opernsängerin."
Eine Oper kann ein romantischer Beginn einer Beziehung sein, ein Beginn jedenfalls aus der Wirklichkeit, nicht aus Matchingpunkten. Schmale kennt die Argumente der Kritiker, die Stimmen, die sagen, dass sich im Netz keine Gefühle ausbilden können, dass Liebesalgorithmus ein Wort ist für etwas, was es im richtigen Leben nicht gibt. Dass schon kleinste Abweichungen, ein merkwürdiges Hobby oder eine zu niedrige Raumtemperatur dazu führen können, dass die große Liebe einfach weggeklickt wird. Dass viele Beziehungen aus der wirklichen Welt so niemals zustande gekommen wären - und dennoch funktioniert hätten.
Wer sich bei Parship einloggt, begibt sich in ein Meer der Möglichkeiten. Und setzt sich damit der Gefahr aus, abzusaufen. Weil die Auswahl scheinbar unendlich ist, weil die Ansprüche mit der Masse wachsen, weil jedem Date der Gedanke folgt, dass das nächste vielleicht noch besser werden könnte. Wahrscheinlich ist es manchmal wie in der Spielbank, man verpasst den Zeitpunkt, an dem man den Gewinn mitnehmen sollte.
Sie kennen diese Einwände bei Parship, und sie wissen, dass sie nicht falsch sind. Im Raum "Austria" sitzt Christiane Schnabel, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung, an einen weißen Tisch, neben ihr sitzt ein Produktmanager. Sie arbeiten an dem Problem.
Der Produktmanager sagt: "Wenn ein Nutzer dieses relativ teure Produkt kauft, dann erwartet der auch entsprechend viele Vorschläge."
"Nee, also da widerspreche ich", sagt Christiane Schnabel. "Was versprechen wir dem Kunden? Wir versprechen nicht: Du kriegst die volle Auswahl. Sondern wir versprechen den passenden Partner."
Schnabel ist 38 Jahre alt, eine Frau mit lauter Stimme, hohen Stiefeln über engen Jeans, neben Schmale und Böhling, dem Programmierer, ist sie die Einzige, die die geheime Formel kennt.
Schnabel ist Soziologin. Über die Profile der Nutzer gelangt sie heute an eine Unmenge anonymisierter Daten, mit denen sie zum Thema Partnerschaft forschen kann. Sie weiß zum Beispiel: Frauen bevorzugen Architekten, Ärzte, Unternehmer, Anwälte; Größe im Durchschnitt 1,85 Meter; Verdienst: mehr als sie; Haarfarbe: braun. Männer bevorzugen: Ärztinnen, Krankenschwestern, Unternehmerinnen; Größe im Durchschnitt: 162,4 Meter; Verdienst: weniger als er; Haarfarbe: blond.
Wenn Schnabel von Parship spricht, dann spricht sie nicht von einer Internetsite, sondern von einem Ort, einem inneren und einem faktischen. Der innere Ort sei der Raum, in dem man sich selbst kennenlernen könne, sagt sie. Der faktische Ort sei der Raum, in dem man andere kennenlernen könne, so real wie jede Kneipe, wie Kino oder Sportverein.
Kann es im Netz so etwas wie Schicksal, Zufall, Romantik geben?
Schnabel sagt: "Von Anfang an ist Parship für mich ein Weg des Briefeschreibens gewesen. Ich kriege Partnervorschläge, und dann schreibt man sich Briefe. Und dann trifft man sich." Das könne durchaus romantisch sein. Sie hat es an sich selbst getestet: Christiane Schnabel hat ihren Ehemann auf Parship kennengelernt, sagt sie, und wenn das stimmt, ist sie auch noch die perfekte Werbefigur.
17.57 Uhr, eine neue Nachricht auf dem Parship-Profil von Undine Seela: "Hey ;) Hey Unbekannte :) Mist, hätte ich mal die ersten beiden Fragen direkt aus meinem Bauchgefühl heraus beantwortet :) aber wie so oft, denkt man zu viel über gewisse Sachen nach (ein vielleicht bekanntes Problem) (*)smile(*) LG, Martin."
Martin, Geophysiker, 32, ledig, 191 Zentimeter, 100 Matchingpunkte, ist nicht der Einzige, mit dem Seela zurzeit auf Parship korrespondiert; es gibt noch einen Lehrer, 38, ledig, 188 Zentimeter, aus NRW, obwohl sie eigentlich keinen Lehrer will.
Deshalb scheint Martin aussichtsreicher. Ihm hat sie die sogenannten Spaßfragen gestellt, von Parship vorgefertigte Fragen, mit denen man die Kommunikation ankurbeln kann, virtueller Small Talk.
Fragen, die lauten: "Besonders unangenehm fände ich es …" Und Antwortmöglichkeiten, die heißen: "nachts allein über einen Friedhof zu gehen", "im Flugzeug Sitz Nummer 13 zu haben", "bei einer Herz-OP zusehen zu müssen".
Seela klickt jetzt durch die Fotos auf seinem Profil, Martin im Urlaub mit Rucksack, Martin auf einer Messe.
Sie sagt, sie könne sich vorstellen, mal mit diesem Martin zu telefonieren, "ich schreib dem jetzt noch mal, und wenn sich das weiter nett entwickelt, dann schlage ich das vor".
Sie müssten gut zusammenpassen, sagt die Liebesformel. Ob sie sich lieben werden, sagt sie nicht.

DER SPIEGEL 14/2012
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