02.04.2012

FRANKREICH Der Philosoph und der Krieg

Ein Film offenbart die Rolle des Intellektuellen Bernard-Henri Lévy im Libyen-Feldzug.
Was will der Mann in Anzug und aufgeknöpftem Hemd bloß von mir? Das ist die Frage, die sich Mustafa Abd al-Dschalil, Anführer der libyschen Rebellen, zu stellen scheint, als er zum ersten Mal dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy gegenübersitzt.
Die surreale Szene spielt am 5. März 2011 in Bengasi, nur Stunden bevor der libysche Nationale Übergangsrat sich offiziell konstituiert, zwei Wochen bevor französische Kampfjets erstmals libysche Panzer bombardieren. Sie zeigt den Anfang einer beispiellosen Geschichte: Ein Intellektueller greift in die Weltpolitik ein, ohne höheren Auftrag, angetrieben nur von sich selbst. Das Verrückte ist, dass er damit durchkommen wird.
Die Bilder entstammen einem Film, der in diesen Tagen fertiggestellt wird: einem Werk über Bernard-Henri Lévy von Bernard-Henri Lévy. Und von Marc Roussel, dem Pariser Fotografen, der ihn während seiner Libyen-Reisen im vergangenen Jahr begleitet und gefilmt hat.
Der Mann, der in Frankreich unter dem Kürzel BHL bekannt ist, gehört zu den umstrittensten Figuren seines Landes, seine Eitelkeit ist legendär. Aber es ist auch unbestritten, dass er im Libyen-Krieg eine zentrale Rolle spielte. Lévy überzeugte Präsident Sarkozy, sich mit den Anführern der Rebellen zu treffen, als der Aufstand vor der Niederschlagung stand. BHL drängte den Politiker, die Aufständischen militärisch zu unterstützen. Und so zogen ein linker Intellektueller und ein konservativer Präsident gemeinsam in den Krieg. Das ist so wohl nur in Frankreich möglich.
Bernard-Henri Lévy, 63, hat einen Teil seiner Erlebnisse im Herbst als literarisches Tagebuch veröffentlicht, nun liefert er die Bilder dazu. "Dieser Film ist die Geschichte eines Typen, der einen Knopf gedrückt hat", sagt Lévy im Café eines Fünf-Sterne-Hotels in Saint-Germain, am linken Seine-Ufer. Der Typ ist Marc Roussel, sein Fotograf, der die Geistesgegenwart besaß, in entscheidenden Momenten die Videofunktion seiner Kamera einzuschalten.
Der Film ist noch nicht fertig produziert, aber schon ein Ausschnitt offenbart, mit welchem Wahnwitz Lévy vorging. Einer dieser Momente, absurd, komisch und historisch zugleich, ist das erste Treffen Lévys und Abd al-Dschalils.
Der Franzose wirkt neben Abd al-Dschalil so fehl am Platz wie ein gutgekleideter Philosoph mit wallender Mähne in einem Kriegsgebiet nur wirken kann. Der Libyer schaut skeptisch, er hat keine Ahnung, wer da vor ihm sitzt.
"Herr Abd al-Dschalil", sagt Lévy in feierlichem Ton, auf Französisch. "Ich bin kein Politiker. Ich bin kein Mann der Tat. Ich bin nur ein Schriftsteller. Aber wie Sie glaube ich, dass es besser ist, zu handeln als zu reden." Ein Mann aus dem Off übersetzt, ein weiterer fragt ungeduldig dazwischen: "Haben Sie einen Brief von der internationalen Gemeinschaft?" - "Geben Sie mir fünf Minuten!", ruft Bernard-Henri Lévy.
Dann fährt er auf Englisch fort: "Seit meiner Ankunft habe ich verstanden, dass wir Ihnen drei Dinge verschaffen können." Er zählt auf: erstens eine Flugverbotszone, zweitens die Bombardierung der Flughäfen von Sabha, Sirt und von Gaddafis Bunker in Tripolis. Drittens könne Gaddafi Libyen nicht mehr international repräsentieren, das sollten künftig Abd al-Dschalil und der Übergangsrat tun.
Abd al-Dschalil hört regungslos zu. Lévy improvisiert die Rede seines Lebens. "Ich habe einen Freund", ruft er, "in Frankreich. Das ist Herr Sarkozy. Ich bin kein Anhänger von Sarkozy, aber wir sind Freunde. Persönliche Freunde. Und Präsident Sarkozy wird Sie und die anderen im Elysée empfangen. Das wird der erste Schritt sein zur Anerkennung. Frankreich wird Sie als erstes Land offiziell empfangen."
Marc Roussel, der Fotograf, der diese Szene damals gedreht hat, ist heute noch hingerissen von ihr: "Das war der entscheidende Moment, in dem ich merkte: Da passiert gerade etwas Unglaubliches. Also fing ich an zu drehen." Er lacht. "Was für ein monumentaler Bluff", sagt er. "Was für einen Mumm muss man haben, dieses Angebot zu machen, ohne mit Sarkozy gesprochen zu haben. Ich weiß noch, dass ich zu Bernard sagte: Und was machen wir jetzt? Er antwortete: Ganz einfach. Wir rufen jetzt Sarkozy an."
Roussel filmte auch die Gespräche, die Lévy danach vom Satellitentelefon aus mit Sarkozy führte: Er sei in Bengasi, erzählte BHL seinem Freund, dem Präsidenten, und die Rebellen hätten soeben einen Rat gebildet - ob Sarkozy bereit sei, sie zu empfangen?
Der Präsident bat sich Bedenkzeit aus. Nach zwei Stunden rief er zurück und gab bekannt, dass er Abd al-Dschalil in Paris empfangen werde. Danach ging alles sehr schnell: Die Libyer kamen in den Elysée, Außenminister Alain Juppé tobte, weil er erst nachträglich davon erfuhr. Frankreich erkannte den Übergangsrat als Regierung an und überzeugte die Amerikaner und die Briten. Am 19. März, kaum 48 Stunden nach dem Beschluss des Uno-Sicherheitsrates, griffen französische Jets Gaddafis Panzer an. Ein Philosoph in weißem Dior-Hemd hatte den Westen in den Krieg geführt.
Bernard-Henri Lévy strahlt, wenn man ihn auf dieses erste Treffen mit Abd al-Dschalil anspricht. Sein Pokerspiel amüsiert ihn heute noch. "Es war eine Wette", sagt er. Er hatte zu diesem Zeitpunkt seit Jahren keinen Kontakt mehr zu Sarkozy.
Die beiden Männer kennen sich seit 1983, als Lévy im Pariser Reichenvorort Neuilly wohnte und Sarkozy dort gerade Bürgermeister wurde. Dass ein linker Intellektueller und ein konservativer Politiker sich freundschaftlich verbunden sind, ist nichts Ungewöhnliches in der kleinen Pariser Welt. Die beiden zerstritten sich aber im Wahlkampf 2007, als Lévy mit der Sozialistin Ségolène Royal sympathisierte. Sarkozys Berater Henri Guaino nannte den Philosophen "ein kleines eingebildetes Arschloch".
Zwischen Lévy und dem Präsidenten ist seit ihrem gemeinsamen Krieg eine eigenartige Nähe entstanden. "Ich habe bei ihm eine Ernsthaftigkeit festgestellt, die mir gefiel, eine Hartnäckigkeit, die ich nicht kannte, einen Sinn für den Staat und die Geschichte, der mich überrascht hat", sagt Lévy. Es werde ihm schwerfallen, sich bei diesen Präsidentschaftswahlen gegen Sarkozy zu entscheiden: "Aber ich werde nicht für ihn stimmen, nicht bei dem Wahlkampf, den er jetzt führt." Er erträgt nicht, wie Sarkozy Stimmung macht gegen Muslime und Ausländer.
Die beiden Männer bleiben sich aber verbunden, sie haben sich gegenseitig einen Dienst erwiesen: Lévy ermöglichte Sarkozy den größten außenpolitischen Erfolg seiner Amtszeit. Und der Präsident ließ Lévys alten Wunsch wahr werden, die Weltpolitik zu beeinflussen.
Das hatte Lévy schon mehrmals zuvor versucht. Während des Bosnien-Kriegs fuhr er zu Alija Izetbegović, dem Führer der bosnischen Muslime. In Afghanistan traf er einst General Ahmed Scheich Massud. Beiden hielt er eine ähnliche Rede: Ich möchte, dass Sie nach Paris kommen und den Präsidenten treffen. Aber weder Mitterrand noch Chirac waren interessiert. "Ich bin ein Mensch, der versucht. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, etwas zu versuchen", sagt Lévy.
Er sieht sein Engagement für die libysche Revolution, nicht unbescheiden, in der Tradition des französischen Obersts Leclerc. Der schwor nach dem afrikanischen Siegeszug der Freien Französischen Streitkräfte 1941 in Libyen den "Eid von Kufra": nicht eher zu ruhen, bis die französische Flagge über Straßburg flattere. Darum soll der Film "Le serment de Tobrouk" heißen, der Eid von Tobruk.
Auch Bernard-Henri Lévy hielt es nicht in Paris, nachdem die Nato im vergangenen März eingriff. Er unternahm fünf Reisen durch Libyen, eine Tour durch den Krieg, begleitet von Marc Roussel, einem Assistenten und einem Bodyguard. Sie fuhren nach Misurata, in die Nafusa-Berge, und nach dem Sturz Gaddafis feierten sie in Tripolis.
Es entstanden unzählige Fotos von Lévy in der Wüste, vor Panzern und inmitten von Trümmern, sie erschienen in Zeitungen weltweit. Sein Anzug saß darauf immer perfekt, und man liegt sicher nicht falsch, wenn man sich den Dokumentarfilm so ähnlich vorstellt. Der Protagonist spricht selbst den Off-Kommentar. Auch Nicolas Sarkozy und David Cameron kommen vor und blicken in Interviews auf den Feldzug zurück.
Ein gutes Jahr nach Lévys erstem Besuch in Bengasi ist Libyen noch immer kein richtiger Staat. Wahlen sind ungewiss, das Land hat keine Führung, Milizen ringen um Macht. "Die Leute phantasieren. Es geht Libyen viel besser, als ich überall lese", sagt Lévy. "Die Milizen machen nicht das Gesetz, die Entwaffnung ist fortgeschritten. Das Leben in Bengasi und Tripolis hat wieder begonnen, die Islamisten sind schwächer als in Ägypten." Es wirkt, als nehme er die Kritik am Fortschritt in Libyen persönlich.
Er will sich seinen Feldzug nicht von Pessimisten kaputtreden lassen. Damals, als er bei Abd al-Dschalil saß, wusste er nicht, wie seine Wette ausgehen würde, sagt er: "Heute bin ich glücklich und besorgt, aber vor allem glücklich. Ich glaube tief und fest, dass ich recht hatte. Daran habe ich nicht den Schatten eines Zweifels."
Von Rohr, Mathieu von

DER SPIEGEL 14/2012
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