02.04.2012

ZEITGESCHICHTEHerbergers Held

Ein Eklat um die Einladung des jüdischen DFB-Rekordtorschützen Gottfried Fuchs belegt, wie mächtig braune Seilschaften an der Verbandsspitze noch 1972 waren.
Sepp Herberger war nach eigenen Worten "ein kleiner Schulbub" gewesen, als er 1909 sein "Fußballidol" zum ersten Mal spielen sah: Gottfried Fuchs, den Stürmer des Karlsruher FV. Der Angreifer erzielte beide Tore beim 2:2 gegen Phoenix Mannheim, und Herberger schwärmte noch über ein halbes Jahrhundert später von Fuchs' Auftritt wie von einem Erweckungserlebnis: "Nie werde ich jenes Spiel vergessen!"
Fuchs, 1889 in Karlsruhe geboren, war einer der besten Fußballer seiner Zeit. Bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm gelang ihm im Trikot des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) beim 16:0 gegen Russland eine Leistung, die bis heute unerreicht ist: Er schoss zehn Treffer in einem Länderspiel.
Beim DFB tilgten sie den Namen des Rekordtorschützen nach 1933 aus ihrer Historie. Denn Fuchs war Jude. Die Nationalsozialisten zwangen den Geschäftsmann, der nach seiner Fußballerkarriere als Holzhändler zu Wohlstand gekommen war, vier Jahre nach der Machtübernahme in die Emigration. Über die Schweiz und Frankreich gelangte Fuchs nach Kanada. Er nannte sich nun Godfrey E. Fochs.
Nach dem Untergang des "Dritten Reichs" tauchte Fuchs in den Statistiken des DFB zwar wieder auf. Sein Schicksal als Vertriebener schwiegen die braunen Seilschaften an der Verbandsspitze indes noch bis in die siebziger Jahre hinein tot. 1972 kam es deshalb zwischen Fuchs-Verehrer Herberger und dem DFB-Präsidium zum Eklat. Dies geht aus dem Briefwechsel zwischen Herberger und Fuchs hervor, den der Publizist Werner Skrentny in der Biografie des nach Auschwitz deportierten jüdischen Fußballers Julius Hirsch nun erstmals veröffentlicht(*).
Herberger und Fuchs waren seit 1955 Brieffreunde. Vom ersten Länderspiel in Moskau gegen die Sowjetunion zehn Jahre nach Kriegsende schickte Herberger dem Stürmer eine Karte, die er
die Spieler seiner Weltmeistermannschaft unterschreiben ließ. Fuchs antwortete auf ein folgendes Schreiben: "Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich Ihr natürlicher und herzlicher Brief gefreut hat."
Fortan pflegten beide regelmäßige Korrespondenz. Der Ton war herzlich, manchmal rührend. So legte Herberger seiner Weihnachtspost 1965 "mit der Absicht, Ihnen eine Freude zu bereiten", ein Foto der DFB-Auswahl bei, das er besorgt hatte. Es zeigte die Elf, die Russland 1912 in Stockholm 16:0 geschlagen hatte - Fuchs' Sternstunde. Oft endeten seine Briefe mit dem Wunsch, den vertriebenen Fußballer einmal persönlich zu treffen.
Am 24. Mai 1972 schien die Gelegenheit gekommen, das neue Münchner Olympiastadion sollte mit einem Spiel gegen die Sowjetunion eingeweiht werden. Herberger schlug dem damaligen DFB-Vize Hermann Neuberger in einem Schreiben vor, Gottfried Fuchs als Ehrengast auf Verbandskosten einzuladen. Dies würde "als ein Versuch der Wiedergutmachung willfahrenen Unrechtes sicherlich nicht nur im Kreis der Fußballer und Sportler, sondern überall in Deutschland ein gutes Echo finden". Er hoffe, so schloss Herberger, auf Billigung des Vorstands. Herberger, der auch ein Interview mit Fuchs im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF organisieren wollte, war sich seiner Sache so sicher, dass er Fuchs umgehend über seine Initiative informierte: "Halten Sie sich diesen Termin schon einmal frei."
Die Antwort des DFB an Herberger war perfide. Es bestehe "keine Neigung, im Sinne Ihres Vorschlages zu verfahren", schrieb der damalige Schatzmeister Hubert Claessen. Das Präsidium sei der Ansicht, "dass ein Präzedenzfall geschaffen würde, der auch für die Zukunft noch erhebliche Belastungen mit sich bringen könnte". Es folgte ein dürrer Hinweis auf die "angespannte Haushaltslage".
Präzedenzfall? Gottfried Fuchs war 1972 der einzige lebende jüdische Fußballer, der jemals für Deutschland gespielt hatte.
Angespannte Haushaltslage? Der DFB zahlte im Sommer 1972 jedem Nationalspieler für den Sieg bei der Europameisterschaft 10 000 Mark. Ein Hin- und Rückflug mit der Lufthansa von Montreal nach Frankfurt kostete zu jener Zeit in der Economy-Klasse 1760 Mark.
Im Vorstand des DFB saßen damals 13 Männer. Zwei, der Schweinfurter Hans Deckert und der Kölner Degenhard Wolf, waren Mitglieder der NSDAP gewesen. Ein Präsidiumsmitglied, der Frankfurter Rudolf Gramlich, später Träger des Bundesverdienstkreuzes und der Goldenen Ehrennadel des DFB, hatte unmittelbar nach Kriegsbeginn einem SS-Totenkopfverband angehört, der in Polen mordete. Noch Ende 1944 nahm Gramlich an der SS-Junkerschule in Bad Tölz an einem "Lehrgang für germanische Offiziere" teil.
Herberger, der selbst der NSDAP beigetreten und 1936 Reichstrainer geworden war, hatte der Affront spürbar aufgewühlt. Die Absage des DFB-Präsidiums sei "eine einzige Enttäuschung", schrieb er Fuchs am 22. März 1972 entschuldigend, "und ein Anlass, wieder einmal mehr festzustellen, dass auf dieser heute so verdrehten Welt auf niemanden mehr Verlass ist". Das Wort "niemanden" schrieb er in Großbuchstaben.
Diese Nachricht erreichte den Rekordtorschützen des DFB nicht mehr: Gottfried Fuchs war vier Wochen zuvor in Montreal an einem Herzinfarkt gestorben.
(*) Werner Skrentny: "Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet. Biografie eines jüdischen Fußballers". Verlag Die Werkstatt, Göttingen; 352 Seiten; 24,90 Euro.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 14/2012
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