02.04.2012

ANTHROPOLOGIEIch denke, also irre ich

Hirnforscher, Psychologen und Historiker stellen das Menschenbild der Aufklärung in Frage: dass es uns bessergehe, wenn wir unseren Verstand benutzen.
Herr R. liegt in einer Röhre, um fühlen zu lernen. Magnetresonanztomograf heißt das Gerät, es macht einen Höllenlärm, knattert und rattert und produziert Bilder aus dem Innersten des Gehirns. Herr R. trägt Stöpsel im Ohr, eine Brille auf der Nase, die aussieht wie eine Taucherbrille. Er spielt ein Computerspiel. Ganz allein ist er in dem Raum, in dem die Röhre steht. So soll Herr R. fühlen lernen?
Vor Jahren haben Ärzte das Asperger-Syndrom bei ihm diagnostiziert, das ist eine Form von Autismus. Herr R. ist sehr begabt, vor allem in der Mathematik, aber er traut sich nicht zu, einen Beruf auszuüben.
Das sei typisch, sagt die Psychologin Dorit Kliemann, die Herrn R. hier betreut: "Gefühle zu erkennen heißt ja, daraus die Intentionen anderer Menschen ableiten und einschätzen zu können. Wer das nicht kann, versteht die Welt um sich herum nicht immer und fühlt sich unsicher und unverstanden."
Während Herr R. in der Röhre liegt, sieht er sich Fotos von Schauspielern an. Er soll erkennen, ob sie gut gelaunt sind oder traurig, zerknirscht oder zuversichtlich. Herr R. muss auf einen Knopf in seiner Hand drücken, wenn der richtige Begriff erscheint: ein "fröhlich" für ein lachendes Gesicht. Die Röhre sendet auf einen Computer Querschnitte seines Gehirns.
Langfristig möchten die Forscher herausfinden, ob Menschen mit Asperger-Syndrom durch ein solches Training lernen können, Gefühle zu lesen, wie die Wissenschaftler das nennen. Sie wissen aber noch nicht, ob das wirklich funktioniert. Sie sind stolz, dass sich bei dieser Testreihe immerhin ihre Annahme bestätigt hat: Wenn es um das Erkennen von Gefühlen geht, zeichnet sich im Gehirn der Autisten etwas anderes ab als bei den Probanden der Kontrollgruppe.
Die Röhre, in der Herr R. liegt, gehört zu einem Berliner Forschungsprojekt. Es hat, wie alles, was international wirken soll, einen englischen Namen: "Languages of Emotion". Seit fünf Jahren denken hier 200 Wissenschaftler aus 23 Disziplinen über die Sprachen der Gefühle nach. Musikwissenschaftler legen Probanden in die Röhre und untersuchen, welche Gehirnregionen von Dur und Moll, Wagner und Mozart angeregt werden. Ethnologen beobachten bei entlegenen Volksgruppen, welches Verständnis sie von Liebe haben, von Scham, von dem, was als freundlich und was als unfreundlich gilt. Filmwissenschaftler analysieren, wie Kriegsfilme politische Botschaften über Appelle ans Gefühl transportieren.
Die Wissenschaftler wollen begreifen, warum der Mensch tut, was er tut, und welche Rolle die Emotionen dabei spielen. 80 Prozent unserer Entscheidungen, behaupten Neurowissenschaftler, basierten letztlich auf unseren Emotionen. Nimmt man diese Zahl ernst, und nimmt man ernst, was die Psychologin über Herrn R. sagt, steht ein jahrhundertealtes Menschenbild in Frage: dass es dem Menschen bessergeht, wenn er sich hauptsächlich auf seinen Verstand verlässt.
Seit der Aufklärung gilt der rationale Mensch als Ideal, ein Mensch, der mit seinem Verstand seine Gefühle und die dumpfen Triebe steuert. Der Verstand soll über die Gefühle herrschen, so war die Hoffnung der Aufklärer. Sie lösten damit eine Revolution aus. Sich auf die Vernunft zu besinnen sei der Ausweg aus "selbstverschuldeter Unmündigkeit", behauptete Immanuel Kant. Dadurch, dass der Mensch denken könne, wisse er überhaupt nur, dass er existiere, sagte René Descartes. Das Denken wurde somit zur Essenz des Menschlichen, die Vernunft zur entscheidenden Instanz. "Cogito ergo sum", lautete René Descartes' Lehrsatz: "Ich denke, also bin ich."
Was würde es bedeuten, wenn die Aufklärer doch nicht recht haben, sondern die Neurowissenschaftler mit ihren Hirnmessungen und ihrer 80-Prozent-Theorie? Und Psychologin Kliemann mit ihrer Behauptung, dass es dem Mensch nicht gut ergehe, wenn sein Verstand zwar tadellos funktioniere, die Gefühle ihm jedoch keinerlei Orientierung gäben? Welche Art von Gesellschaft wäre das, die von einem gefühlsbetonten Menschenbild ausgeht, welche Art Politik, Bildung, Kultur folgte daraus?
Mit diesen Fragen beschäftigen sich zurzeit die Berliner Forscher und etliche Sachbuchautoren auf der ganzen Welt. Eine Flut von Büchern erscheint, verfasst von Hirnforschern, Psychologen, Geisteswissenschaftlern. Der Historiker Jan Plamper möchte mit "Geschichte und Gefühl" die "Grundlagen der Emotionsgeschichte" (erscheint im Mai im Siedler Verlag) erklären. Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman wendet seine Erkenntnisse auf das Wirtschaftsleben an und behauptet in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" (Mai, Siedler Verlag), die Annahme, der Mensch handle rational, sei in ihren Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben geradezu gefährlich. Der Journalist David Brooks sieht den Menschen als "Das soziale Tier" (April, DVA) und beschreibt, wie stark unser Lebensweg von Gefühlen, Intuitionen und Beziehungen geprägt ist. Der Neurologe David Eagleman behauptet in "Inkognito" (Campus Verlag), die meisten Entscheidungen träfen die Menschen unbewusst (SPIEGEL 7/2012).
All diese Autoren wollen grundsätzlich klären, was Gefühle sind und was von der Ratio zu halten ist. Seit Jahrhunderten operieren die Menschen mit den Begriffen "Gefühl" und "Verstand", "Trieb" und "Ratio" - die Autoren aber glauben, dass die Menschen fast vergessen haben, was darunter zu verstehen ist.
Der portugiesische Hirnforscher Antonio Damasio hat sich vor ein paar Jahren mit dem Werk "Descartes' Irrtum" einen Namen gemacht. Er rechnete darin mit der Ratio-Gläubigkeit der Neuzeit ab, die ihre Rechtfertigung maßgeblich aus dem berühmten Ausspruch "Ich denke, also bin ich" bezieht. Wir sollten aufhören, so schrieb Damasio damals, ständig Trennungen vorzunehmen, zwischen Ratio und Gefühl, zwischen Körper und Geist, sondern das Ineinander verstehen lernen. In seinem neuen, preisgekrönten Buch "Selbst ist der Mensch" (Siedler Verlag) erklärt er, wie ein Gefühl entsteht.
Sein Beispiel: Angst. Ein Mensch allein im Wald, es knackt im Gebüsch, die Umrisse eines riesigen Mannes tauchen auf. Bei Angst produziert der Mensch das Stresshormon Adrenalin. Der Blutdruck steigt, die Atmung beschleunigt sich, die Blutgefäße in der Haut ziehen sich zusammen. In Sekundenbruchteilen ändert sich der Zustand mehrerer innerer Organe und der Muskulatur.
Wir bemerken die Veränderung in unserem Körper - ein Gefühl entsteht. Wir reagieren. Unser Unterbewusstsein hat Erfahrung mit Angst und verleitet uns zu einer Reaktion, die zu unseren Erfahrungen passt: flüchten oder stehen bleiben. Wenn wir stehen bleiben, wird die Atmung flach, der Puls wird langsamer. Der Mensch hat im Laufe der Evolution gelernt, dass es richtig sein kann, reglos zu bleiben, weil er damit der Aufmerksamkeit eines Angreifers entgeht. Wenn wir aber flüchten, was in diesem speziellen Fall sinnvoller wäre, steigt der Puls, die Beine werden besser durchblutet, weil wir für die Flucht gutversorgte Muskeln brauchen. Körper und Geist arbeiten perfekt zusammen.
Die Signale fließen vom Körper zum Gehirn und wieder zurück. Gefühl und Verstand, so will Damasio an diesem Beispiel erklären, sind somit tatsächlich nicht voneinander getrennt, sondern hängen miteinander zusammen. Es ist ja vernünftig, stehen zu bleiben oder wegzulaufen. Und wir können nur so schnell so richtig reagieren, erklärt Damasio, weil die Gefühle Träger unserer Erfahrungen sind. Wir sehen ein Bild - riesiger Mann tritt aus einem Gebüsch hervor - und erkennen darin ein bekanntes Muster: Uns ist beigebracht worden, dass wir uns vor riesigen Männern, die hinter Gebüschen kauern, fürchten sollen. Wäre uns das Bild neu, müssten wir erst mühsam alle Möglichkeiten durchdenken und hätten kaum Gelegenheit, richtig zu handeln.
Forscher wie Damasio wollen uns dazu bringen, dass wir das Gefühl als Erfahrungsspeicher verstehen, in dem ein Reservoir an Mustern gebildet wurde, auf die wir blitzschnell zugreifen können. Aus der Beziehung zwischen Eltern und Kind ergeben sich Muster, der Mensch verfügt aber auch über Erfahrungen und Muster, die von sehr weit herkommen, weil sie sich bereits bei unseren Vorfahren gebildet haben. Wir haben gelernt, uns bei Gefahren zu fürchten. Wir haben gelernt, uns vor Situationen zu hüten, die uns beschämen. Und das, behauptet Damasio, sei gut so. Wer keine Furcht kennt, übersieht Gefahren. Wenn das Schamgefühl nicht anspringt, blamieren wir uns. Dies sei die Hauptfunktion der Gefühle: uns Orientierung zu geben, uns zu einer Reaktion zu raten, von der wir hoffen, dass sie angemessen ist.
Folgt man Damasio und dem Tross von Forschern, die ihm vorrangingen und nachfolgen, ließe sich das Wort "Gefühl" ersetzen: Erfahrungsspeicher, Musterreservoir. Diese Worte klingen spröde. Aber sie machen deutlich, worum es offenbar wirklich geht, wenn wir von Gefühlen reden.
Ein Fußballer weiß, was das ist: "Ballgefühl". Er sieht einen Ball auf sich zukommen - ein ihm vertrautes Bild - und kann aufgrund seiner Erfahrungen berechnen, wie der Ball sich verhalten wird, und rasend schnell auf ein Muster zurückgreifen, wie er auf den Ball reagieren soll.
Und nicht nur zwischen einem Subjekt und einem Objekt entstehen solche Beziehungen, sondern gerade zwischen Subjekt und Subjekt. Ein Freund ist ein Freund, wenn ich mit ihm die Erfahrung verbinde, dass es nett ist mit ihm. Trauer basiert auf der Erkenntnis, dass ich mit demjenigen, mit dem ich schöne Erfahrungen geteilt habe, nie wieder so etwas erleben werde. Das vertraute Bild ist nicht mehr da. Die inneren Muster stehen bereit, um die Beziehung weiterzuführen, doch ihnen fehlt das Gegenüber.
Auch in der Liebe, so behaupten die Forscher, seien wir ständig mit Musteraustausch beschäftigt: Wenn Paare sich küssten, testeten sie den Leukozyten-Antikörper-Code des anderen. Wenn dieser gut zu dem eigenen passe, gebe es gesunde Nachkommen. Das scheinbar Irrationale: schnöde und rational.
Wissenschaftler fragen sich nun, ob das, was zwischen zwei Menschen gilt, auch auf größere Gruppen zutrifft. Haben die Gefühle eine spezifische Funktion für die Gemeinschaft, für die Entstehung einer Kultur? Also etwas Un- oder Halbbewusstes, das die Dinge besser funktionieren lässt? Wie nutzen größere Gemeinschaften Gefühle?
Sie nutzen Gefühle, um kulturelle Regeln zu vermitteln, kulturelle Muster zu prägen, über die alle Mitglieder der Gemeinschaft verfügen sollen, damit das Miteinander funktioniert, behauptet die Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler. Und auf ihre Weise legt das auch die Historikerin Ute Frevert in ihrem Buch "Gefühlswissen" (Campus Verlag) nahe.
Zusammen mit jungen Geisteswissenschaftlern hat Frevert jahrelang erforscht, wie Gefühle in der europäischen und vor allem in der deutschen Kultur definiert worden sind. Sie wollten wissen, wie Gruppen sich auf ein bestimmtes Verständnis der Gefühle einigten, und was passierte, wenn sie sich von diesem Verständnis lösen konnten.
Frevert und ihre Forschergruppe haben Lexika nach ihren Eintragungen zu Gefühlen durchforstet. Lexikoneintragungen waren oft moralisch bewertend, wenn es um Gefühle ging. Auf diese Weise gaben sie Orientierung darüber, was für die Gemeinschaft gut sei und was schlecht.
Das interessanteste Beispiel, das Frevert vorstellt, ist die Entstehung des Bürgertums. Das Bürgertum wurde im 18. und 19. Jahrhundert immer einflussreicher, was offenbar auch daran lag, dass es sich auf ein eigenes Verständnis der Gefühle einigte und sich dadurch von oberen und unteren Schichten abgrenzte.
In adligen Kreisen galt das Prinzip der arrangierten, aus dynastischen Erwägungen geschlossenen Ehe. Das war das Muster, das die Bürger vorfanden. Sie setzten diesem Muster ihr eigenes entgegen: das der Liebesheirat.
Zugleich aber grenzten sich die Bürger auch nach unten hin ab. Die Triebe, die Leidenschaften waren für das einfache Volk reserviert. Leidenschaften passten nicht in ein wohlgeordnetes bürgerliches Leben, sie konnten das gefährden, worum es ging: das Funktionieren der Gemeinschaft: "Die starken Leidenschaften verzehren den Leib, so wie die Motten ein Gewand", hieß es in der Krünitzschen Enzyklopädie aus dem 18. Jahrhundert.
Durch ihr eigenes Verständnis von Gefühlen konnten die Bürger eine funktionierende, tragfähige Gemeinschaft bilden und ihre Macht ausbauen. In Europas Staaten herrschen heute die Bürger.
So unterschiedlich die Interessen der Gefühlsforscher und Sachbuchautoren sind - sie alle berichten, dass Gefühle dafür da seien, die Handlungsweisen von Menschen zu steuern, Beziehungen herzustellen, Gemeinschaften zu bilden, dass es also in Wahrheit um sehr viel mehr geht als um Wut, Trauer, Liebe. In Gefühlen seien Erfahrungen gespeichert, erklären die Forscher, und deswegen falle es Menschen so schwer, gegen ihre Gefühle zu handeln - denn sie handelten dann gegen ihre Gewissheiten.
Doch was folgt daraus? Ändert sich das Zusammenleben, wenn wir beginnen, Gefühle so zu sehen, wie die Forscher sie sehen?
Der US-Journalist David Brooks hat sich jahrelang mit Gefühlsforschung beschäftigt. Er ist einer der bekanntesten politischen Journalisten des Landes und behauptet in seinem Buch "Das soziale Tier", die Erforschung der Gefühle sei eine große Chance (SPIEGEL 23/2011).
Es sei nicht schlimm, sich von einem rationalistischen Weltbild zu verabschieden. Sich auf die Ratio zu verlassen sei sogar gefährlich. "Der Mensch nutzt die Ratio, um seine eigenen Interessen zu kalkulieren." So laufe vieles schief. Sein Beispiel ist die Finanzkrise. Die Kapitalmärkte seien kollabiert, weil viele auf die Maximierung des eigenen Gewinns konzentriert waren und nicht auf die Balance verschiedener Interessen.
Gefühle aber seien immer auf andere gerichtet, egal ob wir jemanden liebten oder hassten. Und es sei immer eine Chance, den anderen im Blick zu haben - den anderen und dessen Interessen. Der andere verfüge über eigene Erfahrungen, sei Vertreter eines fremden Prinzips. Die Gefühle, so Brooks, treiben uns in die Auseinandersetzung. Und auf diese Weise - und zwar nur auf diese - könnten wir uns entwickeln.
Brooks sagt, die Geistesgeschichte der westlichen Welt habe uns dazu gebracht, in Auguste Rodins Plastik "Der Denker" das Abbild des idealen Menschen zu sehen: allein, in sich versunken.
Der Mensch sei anders, behauptet Brooks. Menschen seien wie geistige Hauptbahnhöfe, Anschlussstellen für Millionen Signale und Stimuli, die jede Sekunde eintreffen. Leben bedeute eine permanente Bewältigung dieser Stimuli und damit ständigen Austausch mit anderen Menschen.
Tatsächlich könnten wir erst durch die Verbindung mit anderen überhaupt existieren. Anders als die meisten Tiere brauchten Menschen Jahre, um für sich selbst sorgen zu können, und selbst das könnten sie nur im Austausch mit anderen. Die Verbindung zu anderen sei unser Potential. Und Gefühle erzeugten diese Verbindung. Brooks verweist auf Forschungen von Entwicklungspsychologen: Ob ein Leben gelingt oder nicht, kann davon abhängen, ob Eltern die Gefühle ihres Kindes erkennen.
Wenn ein Baby mit der Eigenschaft geboren wird, leicht irritiert zu sein, es aber eine Mutter hat, die es in den Arm nimmt, wenn es in den Arm genommen werden will, und es herunterlässt, wenn es allein sein will, dann lernt es, dass es im Dialog mit anderen existiert. Die Welt besteht für das Baby aus einer Ansammlung folgerichtiger Dialoge. Es lernt: Wenn es Signale sendet, werden sie verstanden. Es entwickelt eine Serie von Annahmen darüber, wie die Welt läuft. Solche Kinder können die Welt als einen Ort wahrnehmen, der sie willkommen heißt. Kinder, die in ein Netz von erschreckenden Beziehungen hineingeboren werden, sehen später oft Schrecken dort, wo keiner existiert. Sie hören auf, sich auf andere zu verlassen.
Natürlich gibt es auch hier keine Eins-zu-eins-Konstellationen. Doch die frühen Bindungen, so konstatieren Brooks und die Forscher, auf die er sich bezieht, eröffneten einen Pfad, lieferten ein Arbeitsmodell darüber, wie die Welt funktioniere.
David Brooks behauptet, dass sich die Politik die Erkenntnisse der Gefühlsforschung zunutze machen könne. Der Appell an die Ratio, das sei die kleine Chance. Andere Erfahrungen zu ermöglichen, das sei die große Chance. Gute andere Erfahrungen zu ermöglichen, das sei die ganz große Chance. Zum Beispiel in der Integrationspolitik oder beim Verhältnis zwischen zwei Staaten. Die Botschaft an die Vernunft, dass es besser sei, sich zu vertragen und dem anderen etwas zuzutrauen, sei notwendig, führe aber nicht immer zum Ziel. Man müsste die Muster verstehen, Gefühlsbotschaften lesen. Wenn wir versuchen, die Werte anderer zu verstehen, würden wir aufhören, die westlichen Werte als Exportschlager zu betrachten, den wir einfach überall implantieren können.
Brooks' Blick auf die Welt ist hoffnungsvoll. Der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman hingegen weist in seinem Werk "Schnelles Denken, langsames Denken" auf fatale Folgen hin, wenn wir uns nicht vom Selbstbild des rationalen Menschen lösen.
Kahneman unterscheidet zwischen zwei Systemen menschlichen Denkens, einem schnellen und einem langsamen. System 1 funktioniert intuitiv, automatisch und nahezu unkontrolliert. Sein Beispiel: Ein Mensch sieht das Bild einer Frau, die verärgert aussieht, und zieht sofort seine Schlüsse. System 2 ist sehr viel komplizierter, weil der Mensch hier überlegen muss. Kahnemans Beispiel: Die Multiplikationsaufgabe "17 mal 24".
Kahneman behauptet, die Menschen sähen sich selbst als rationale Wesen, deren Handlungen das Ergebnis genauen Nachdenkens sei. Da aber täuschten sich die Menschen. System 1 - das intuitive - sei viel mächtiger als System 2.
Psychologe Kahneman bekam 2002 den Nobelpreis für Ökonomie, und auch seine neue Studie zielt auf den in der Wirtschaft agierenden Menschen. Die weltweite Wirtschaft werde angetrieben von Menschen, die von sich annähmen, sie handelten nach System 2, also überlegt. In Wahrheit würden sie aber - wie alle Menschen - von System 1 dominiert. Diese Menschen hätten in den vergangenen Jahren von der Politik maximale Freiheit für ihr Handeln gefordert, in diesem Geist sei das neoliberale Denken entstanden, das den Weltmarkt ruiniert habe. Eben weil Entscheidungen zu schnell, zu unkontrolliert gefallen seien.
Kahnemans Forderung an Wirtschaftslenker und Politiker: sich selbst beobachten, die eigenen Entscheidungsprozesse analysieren. Nur wer wisse, wann er wie reagiere - nämlich meistens intuitiv -, könne sich selber Langsamkeit verordnen und somit System 2 stärken. Das Prinzip Vernunft. Endlich.
Wir brauchen ein neues Bild des Menschen, fordert Kahneman. Und bei ihm und bei Brooks und all den anderen klingt es so, als eile es, als sei dies unsere Chance, möglicherweise die letzte.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 14/2012
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