02.04.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ihr habt sie wohl nicht alle!“

Der Bassbariton Thomas Quasthoff über den Abschied von der Konzertbühne, sein Leben mit der Contergan-Behinderung und das Recht der Provinz auf Kultur
SPIEGEL: Herr Quasthoff, Sie haben Ihren Abschied vom Musikbetrieb verkündet. War das Ihrer Stimme oder Ihrem Körper geschuldet?
Quasthoff: Es war zweierlei. Vor eineinhalb Jahren habe ich meinen Bruder Michael verloren. Er war mein bester Freund und Vertrauter. Er starb mit 52 Jahren an Lungenkrebs, das war ein großer Einschnitt. Dann bin ich sehr krank geworden, ich bekam eine Stimmband- und Kehlkopfentzündung. Ich hatte mir immer gesagt, wenn ich wieder gesund werden sollte und mich technisch auf dem Niveau bewege, auf dem ich vorher war, dann werde ich noch weitermachen. Aber dem war nicht so.
SPIEGEL: Sie waren an der Spitze.
Quasthoff: Ich habe alles erreicht, was man erreichen kann als Konzertsänger. Sechs Klassik-Echos, drei Grammys, und ich habe meine Professur an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin. Jetzt kommen andere Dinge, Lesungen etwa oder Hörbücher.
SPIEGEL: Haben Sie Entzugserscheinungen?
Quasthoff: Überhaupt nicht. Ich habe meinen Schritt keine Sekunde lang bereut.
SPIEGEL: Hat es, als Sie anfingen, lange gebraucht, bis sich Ihr Publikum mit Ihrer Kunst und nicht mehr mit Ihrem Körper beschäftigt hat?
Quasthoff: Nicht lange. Mein Bruder hat mal gesagt, dass ich auf der Bühne zur Welt gekommen sein muss. In dem Moment, wo man wirklich etwas zu sagen hat, also nicht einfach nur abliefert, erreicht man sein Publikum. Darüber hinaus gibt es eine Ebene, die man nicht erlernen kann. Anneliese Rothenberger hat das mal so schön die "Träne im Ton" genannt. Ich glaube, dass ich das hatte. Das ist vielleicht angeboren, vielleicht hängt es auch existentiell mit meiner Behinderung zusammen. Ich habe sehr früh Kabarett gemacht, was hilft, schnell einen Kontakt zum Publikum zu kriegen.
SPIEGEL: Wann war das?
Quasthoff: Das war während meines Jurastudiums. Und ich sage Ihnen, Sie können mich wirklich auch heute noch zwei Stunden vor Leute stellen, und die unterhalte ich Ihnen, das kriege ich hin.
SPIEGEL: Ihre Liederabende waren für das Publikum emotionale Erfahrungen.
Quasthoff: Es gibt Unterschiede zwischen Sängern, die ich Stimmbesitzer nenne, und Menschen, die da oben stehen und denen die Leute abnehmen, was sie machen. Obwohl: Das Publikum ist heutzutage immer noch sehr leicht zufriedenzustellen, leider.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Quasthoff: Wenn ich in eine Opernaufführung gehe und sitze dann da und die Leute jubeln und schreien Bravo, frage ich mich manchmal, was da eigentlich bejubelt wird. Dabei zähle ich mich zu den Künstlern, die auch sehr genießen können. Ich erinnere mich an eine Aufführung der fünften Symphonie von Mahler in Salzburg mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Das war unfassbar, wie die dieses Adagietto gespielt haben - mit solcher Intensität und Hingabe. Ich bin tränenüberströmt aus dem Konzertsaal gekommen.
SPIEGEL: Musik ist Magie?
Quasthoff: Weiß ich nicht. Ich erzähle Ihnen lieber eine Geschichte. Wir waren mit dem Windsbacher Knabenchor das erste Ensemble, das nach dem Zweiten Weltkrieg eine vollständige "Matthäus-Passion" in Israel gesungen hat. Und in der Pause kam ein Mann zu mir. Er weinte. Auf dem Arm hatte er diese blaue Nummer tätowiert. Er umarmte mich und sagte auf Deutsch: "Das ist heute das erste Mal seit über 50 Jahren, dass ich Deutsch rede. Ich habe meine ganze Familie verloren." Frau, Kinder, Eltern, alle. "Ich habe Sie heute singen gehört und weiß, dass es wieder ein anderes Deutschland gibt." Zwei Wochen später hatte ich einen Liederabend in München, da kam er in meine Garderobe.
SPIEGEL: War es für Sie eine Befreiung, als Sie merkten, ich habe eine Stimme, etwas, das weit über die Behinderung hinausreicht?
Quasthoff: Meine Frau Claudia kommt aus Sonneberg in Thüringen. Sie ist Jahrgang 1970. Wir haben oft darüber gesprochen, wie die Wende für sie war. Ich habe immer gefragt: "Wie ist das, wenn man in so einem Land aufwächst und nicht reisen darf und so unfrei ist?" Und dann hat sie gesagt: "Ich habe es nicht anders gekannt." Mit meiner Behinderung ist es ähnlich. Ich hatte das große Glück, dass ich in der Familie nie besonders behandelt wurde. Wenn ich Fehlverhalten gezeigt habe, habe ich genauso einen hinter die Löffel gekriegt wie mein Bruder.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, dass Sie eine normale Kindheit hatten?
Quasthoff: Ich bin überallhin mitgenommen worden, wurde nicht versteckt und war dadurch natürlich auch gezwungen, sehr früh mit Blicken und sicherlich auch dummen Kommentaren umzugehen.
SPIEGEL: Sie haben eine große Klappe.
Quasthoff: Das war natürlich immer meine Waffe. Ich bin mittlerweile viel ruhiger geworden. Man kann Dinge sehr klar, prägnant und scharf formulieren, auch wenn man es leise tut.
SPIEGEL: Haben Sie gegen Ihr Schicksal gekämpft?
Quasthoff: Nein. Ich habe manchmal gehadert. Gerade in einer Zeit, in der das bei anderen mit Freundinnen losging, das war schon eine harte Zeit für mich.
SPIEGEL: Haben Sie als Kind gesungen?
Quasthoff: Dauernd. Schlager, Oper, alles. Ich bin mit Musik großgeworden. Wir hatten so eine Musiktruhe. Rechteckig und breit. Unten links war ein Radio. Rechts oben war der Plattenspieler drin, und da konnte man so zehn Singles übereinander einlegen. Wenn meine Mutter vom Einkaufen wiederkam, konnte ich die Stücke von den Singles singen.
SPIEGEL: Wie wurde die Stimme entdeckt?
Quasthoff: Mein Vater hatte auch mal Gesangsunterricht genommen, hatte also ein bisschen Ahnung und bemerkte dann irgendwann meine große Begabung. Mein Vater sagte: Ich möchte, dass Thomas irgendetwas hat, worauf er sich einmal in der Woche freut. So wie mein Bruder auf sein Tischtennis. Deswegen bekam ich Gesangsunterricht.
SPIEGEL: Wer unterrichtete Sie?
Quasthoff: Mein Vater ging zu Sebastian Peschko, der war damals ein ziemlich bekannter und berühmter Pianist und der Leiter der Abteilung Kammermusik und Lied beim Norddeutschen Rundfunk in Hannover. Peschko sagte, ja gut, wir machen ein Vorsingen. Aber als er hörte, ich sei Contergan-geschädigt, sagte er, 15 Minuten, länger habe ich nicht. Das Ganze dauerte dann über eineinhalb Stunden, und Peschko sagte, also der Junge ist nicht nur begabt, der besteht zu 100 Prozent aus Musik. Dann hat er mich an die Lehrerin Charlotte Lehmann verwiesen. Ich habe 17 Jahre mit ihr gearbeitet.
SPIEGEL: Die Musikhochschule in Hannover hat Sie abgelehnt.
Quasthoff: Nicht mal direkt, es geschah einfach stillschweigend. Die Hochschule wollte keinen Präzedenzfall schaffen, was man ja aus deren Sicht nachvollziehen kann. Die haben natürlich gedacht: Was passiert, wenn der das Studium nicht schafft. Man hat mich nicht mal vorsingen lassen. Wahrscheinlich hätte ich es sogar geschafft. Ich habe privat so viel Gesangsunterricht gehabt wie heute kein Student.
SPIEGEL: Wann war Ihnen klar, dass Singen Ihr Beruf werden kann?
Quasthoff: Nachdem ich 1988 diesen ARD-Wettbewerb gewonnen hatte. Vorher hatte ich um die 15 Konzerte im Jahr. Ganz viel Kirchenkonzerte. Bach rauf und runter. Ich kenne zwischen Flensburg und München fast alle Kirchen. Nach dem Wettbewerb hätte ich 300 machen können.
SPIEGEL: Wie haben Kollegen auf diesen Contergan-geschädigten Sänger reagiert?
Quasthoff: Es gab bei Wettbewerben manchmal so Neidkommentare. Einer hat mir das Wort "Krüppelbonus" ins Gesicht gesagt. Ich habe damals, glaube ich, cool reagiert und einfach geantwortet: "Du hättest ja die Chance gehabt, mich zu schlagen, hat nicht ganz gereicht." Ich sage heute ganz ehrlich: Da gab es sicherlich einen Behindertenbonus. Aber den hat man nur einmal. Wenn Sie zehnmal in München im Herkulessaal auftreten und vielleicht dreißigmal in der Philharmonie in München und zwanzigmal in der Carnegie Hall in New York, dann kommen die Leute nicht mehr, weil du behindert bist, sondern weil sie dich gern hören.
SPIEGEL: Sie haben in zwei Opernproduktionen gesungen, den Minister in Beethovens "Fidelio" und König Amfortas in Wagners "Parsifal". War das der Höhepunkt Ihres Sängerlebens?
Quasthoff: Es war absolut beglückend, besonders "Parsifal". Das war eine ganz phantastische Inszenierung von Christine Mielitz. Es wurde zwar gebuht bei der Premiere, aber das kennt man ja in Wien. Ein künstlerischer Meilenstein. Was soll danach kommen? Ein Wotan bin ich nicht. Rigoletto auch nicht, schon vom Stimmtyp her nicht.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich Kontakt zu anderen Contergan-Geschädigten?
Quasthoff: Bewusst nicht.
SPIEGEL: Warum?
Quasthoff: Jetzt frage ich Sie mal, was soll es denn bringen? Leid in Gemeinschaft? Nein. Das ist nicht mein Ding. Ich bin natürlich oft gefragt worden, ob ich nicht irgendwie als Fürsprecher und Repräsentant auftreten wolle. Wollte ich nicht. Den meisten geht es verständlicherweise ums Geld. Die Entschädigungen und Renten sind gering. Der Höchstsatz, den ich auch bekomme, liegt bei gut 1000 Euro im Monat. Wenn ich mich als C4-Professor und gefragter Sänger hingestellt und mehr Geld gefordert hätte, wäre ich mir schäbig vorgekommen.
SPIEGEL: Sind Sie wütend auf die Firma Grünenthal, die das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht hat?
Quasthoff: Natürlich war da auch eine Wut. Ich weiß, dass ich mal einen Anruf von Grünenthal bekam, mit der Bitte, auf ihrer Weihnachtsfeier zu singen. Da habe ich gesagt: "Ihr habt sie wohl nicht alle!"
SPIEGEL: Haben Sie besonders viele Fans unter Contergan-Opfern?
Quasthoff: Nein. Im Gegenteil. Ich glaube, dass da sogar auch Neid war. Und es hat mir manches auch nicht gefallen. Es gab Festivitäten, die sich "Krüppelfest" nannten oder so. Das ist nichts für mich. Ich habe auch meiner Mutter nie einen Vorwurf gemacht, dass sie dieses Mittel genommen hat. Ich denke, dass jeder Mensch im Leben seine Aufgabe hat. Vielleicht ist es bei mir, anderen Menschen zu zeigen, dass man auch mit einer sehr starken Behinderung im Leben viel erreichen kann. Ich bin kein verbitterter Mensch, war ich nie. Der Tod meines Bruders war schlimm, das Schlimmste, was mir passiert ist. Ich war stolz auf ihn und er auf mich.
SPIEGEL: Sind Sie stolz auf sich?
Quasthoff: Nein.
SPIEGEL: Haben Sie Ihr Talent voll ausgeschöpft?
Quasthoff: Ja, ich bin noch dabei. Es hört ja noch nicht auf. Es ist sehr viel Ruhe in mein Leben gekommen. Ich war 240 bis 300 Tage im Jahr unterwegs. Da ist es passiert, dass ich in meinen eigenen vier Wänden gegen einen Schrank gelaufen bin, weil ich nicht mehr wusste, wo das Bad war. Ich war mental noch in einem fremden Hotelzimmer.
SPIEGEL: Sie haben sehr viel Bach gesungen, den Evangelisten der Musik. Glauben Sie an Gott?
Quasthoff: Gar nicht. Ich glaube an eine höhere Macht, aber die würde ich eher als Glaube an die Liebe bezeichnen. An Gott glauben? Ach, wissen Sie, dafür passiert ein bisschen viel Schlimmes auf der Welt. Ich glaube, dass der Mensch eine Fehlkonstruktion ist. Diesen Satz aus der Bibel, dass er sich die Erde untertan machen solle, hat der Mensch wirklich falsch verstanden. Ich glaube aber an die Kunst. Gerade ist ja dieses Buch erschienen.
SPIEGEL: Sie meinen "Der Kulturinfarkt"?
Quasthoff: Ja. Das ist es. Die Autoren schlagen vor, 50 Prozent aller Theater und anderer Kultureinrichtungen zu schließen. Das finde ich falsch. Man muss auch die Möglichkeit haben, in Diepholz ins Theater zu gehen.
SPIEGEL: Ihnen ist eine schlechte "Carmen" in der Provinz lieber als gar keine?
Quasthoff: Allerdings. Ich habe mal eine "Carmen" gehört im Stadttheater in Hildesheim, davon kann sich die Deutsche Oper in Berlin, was manche Aufführungen angeht, eine Scheibe abschneiden. Ein kleines Theater wie in Hildesheim ist ein Dreispartenhaus. Die betreuen einen riesigen Landkreis, spielen von Operette über Musical und Schauspiel alles. Die haben einen Bildungsauftrag. Genauso wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Was machen die denn? Wo sind die ganzen Klassik-Sendungen geblieben? Da gibt es das grauenhaft moderierte Klassik-Echo-Preisträgerkonzert mit Herrn Gottschalk. Der hat dasselbe Interesse an klassischer Musik wie ich am Häkeln.
SPIEGEL: Herr Quasthoff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit Robert Holl an der Wiener Staatsoper.
Das Gespräch führte der Redakteur Joachim Kronsbein.
Von Kronsbein, Joachim

DER SPIEGEL 14/2012
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