02.04.2012

Geh doch zu den Linkshändern!

SACHBUCHKRITIK: Die australische Psychologin Cordelia Fine und ihre erfrischend amüsante Analyse „Die Geschlechterlüge“
Mann & Frau: vielleicht keine gute Idee, aber auf jeden Fall ein gutes Geschäft.
Das Reden über den kleinen oder großen Unterschied und seine Folgen auf allen Gebieten nimmt unaufhörlich zu, seit in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erst der Beziehungsberater John Gray ("Männer sind anders …"), dann das Autorenehepaar Pease ("Warum Männer nicht zuhören …") den Alltag der westlichen Gesellschaften durch die Genderbrille betrachteten. Vom Einparken bis zum Pazifismus blieb seither kaum ein Phänomen von der Geschlechtermusterung verschont, so dass auch die Konsumwirtschaft jubeln darf: Das Terrorregime einer Prinzessin Lillifee hat längst auch die Lebenswelt eigentlich Erwachsener unter seiner rosafarbenen Fuchtel.
Wo aber Blödsinn ist, wächst das Rettende auch. Cordelia Fine, 37, fährt nun mit Fakten, Spott und Furor der eigenen Zunft an den phantastisch geölten Karren; also jenen Kollegen, die in immer neuen Untersuchungen über den Testosteronlevel beim Fötus, die Anzahl entsprechender Rezeptoren im Gehirn, freie Hormonmoleküle und dergleichen Expertengeraune ein Bild vom Menschen kreieren, das ohne die Unterscheidung von Mann und Frau gar nicht mehr denkbar ist. Die Weiber sind sensibel, die Kerle besser in Mathematik, die Mädchen verhalten sich sozial, während die Jungen gern raufen, und wenn es um analytische Fragen geht, sind die Männer den intuitiv veranlagten Frauen selbstverständlich, leider, überlegen …
Neu ist das alles nicht. Früher hinderten die energiefressenden Eierstöcke die Frauen am Denken, dann war die obere Hälfte der weiblichen Wirbelsäule für ein aktives politisches Leben zu leicht; Ende
des 19. Jahrhunderts hieß es im "Quarterly Journal of Science": "Die Naturwissenschaftlerin ist ebenso wie die Athletin eine Anormalität, eine Ausnahmeerscheinung, die eine Stellung zwischen den beiden Geschlechtern einnimmt. Im einen Fall hat sich das Gehirn, im anderen die Muskulatur abnormal entwickelt."
Inzwischen übernehmen der Mangel an Testosteron und ein vermeintlich anders strukturiertes Gehirn die Rolle des Schicksals. Die abnorme Kollegin Fine geht nun den populärsten Irrtümern der neuen Ontologie-Bewegung nach; eine "wissenschaftliche Studie" nach der anderen zerpflückt sie mit Amüsement. Was sich derzeit überhaupt halten lässt, sind nach Fine unter Laborbedingungen ermittelte Differenzen im Spurenelementbereich - und selbst die sind nur von Interesse, wenn man die Frage, ob 49 oder 51 Prozent einer messbaren Substanz ausschlaggebend für das menschliche Verhalten seien, uneingeschränkt bejaht.
"Biologie ist Faschismus" hieß ein Slogan der sechziger Jahre, an den man sich bei der Lektüre von Fines Studie aufs Lebhafteste erinnert fühlt. Was die Autorin umtreibt, ist die demütige Bereitwilligkeit eines wachsenden Publikums, die Sicht auf sich selbst und die Praxis wie die Normen des Zusammenlebens von der populären Bewirtschaftung naturwissenschaftlicher Spezialfragen abhängig zu machen.
Mit sardonischem Vergnügen spielt sie durch, wie unsere äußeren und inneren Welten beschaffen wären, wenn wir die Menschheit statt nach Geschlechtern in Rechts- und Linkshänder teilen würden: Familienanzeigen, die "voller Freude die Geburt unseres Rechtshänders" melden, Rufe auf dem Spielplatz à la: "Geh doch zu den Linkshändern an der Schaukel!", getrennte Kabinen beim Sport, unterschiedliche Kleidung und ein Kosmos von Attributen wie Harmoniebedürfnis, Durchsetzungskraft, Empathiefähigkeit, Bewegungsbedarf, Fürsorglichkeit, die jeweils der einen oder anderen Gruppe zugeschrieben werden - wie würden wir uns verhalten? Wie intensiv würden vor allem die nachwachsenden Generationen aufsaugen, was ihnen als die wichtigste Differenz alltäglich vorgelebt wird?
Die uralte Unterscheidung von Sein und Sollen, so bedeutsam wie unbequem, macht Fine wieder produktiv. Aus der Tatsache, dass die meisten Ingenieure männlich sind und das Grundschulpersonal mehrheitlich weiblich, entsteht, auch ganz ohne eigenen Willen, ja sogar gegen die bewussten Überzeugungen, die normative Vorstellung, das müsse wohl so sein. Schließlich sind Frauen, siehe oben, eher fürsorgliche Naturen, während Männer, na ja, man kennt es. Es ist eine traurige, aber nicht unveränderliche Tatsache, dass sogar die meisten Wörter unserer Sprache intuitiv schon mit männlichen oder weiblichen Assoziationen behaftet sind (von Aktentasche bis Zartheit), so wie es eben auch eine Tatsache ist, dass wir Menschen eher danach trachten, in Übereinstimmung mit den allgemeinen Überzeugungen zu leben, als der Idiot der Familie zu sein.
Die Mühe höret nimmer auf. Mit Fines Erkenntnissen allerdings macht sie wieder Freude.
Cordelia Fine: "Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann". Aus dem Englischen von Susanne Held. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 480 Seiten; 21,95 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 14/2012
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