02.04.2012

ESSAYKollaps der Kontexte

In der Digital-Ära wird der Kontrollverlust zur Alltagserfahrung - und der Skandal allgegenwärtig. Von Bernhard Pörksen und Hanne Detel
Die letzten zwei Bundespräsidenten haben Erfahrungen mit der modernen Medienwirklichkeit gemacht, die extrem sind, aber doch typisch, Zeichen der neuen Zeit. Horst Köhler trat, verletzt und schockiert, zurück, weil er die Sprengkraft von ein paar zunächst gänzlich unbeachtet gebliebenen Sätzen eines Radiointerviews unterschätzt hatte, die einige Blogger ausgruben, um sie dann, unterstützt von klassischen Massenmedien, zu skandalisieren. Die spontan auf einem Rückflug aus Afghanistan geäußerten Sätze fanden auf einmal ihr Publikum - und wenig später stand der erste Mann des Staats am Pranger als jemand, der in Unkenntnis des Grundgesetzes womöglich Wirtschaftskriege rechtfertigt.
Sein Nachfolger Christian Wulff schuf mit der Drohnachricht auf der Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs ein ebenso leicht recycelbares Dokument von gnadenloser Beweiskraft und strauchelte in einem endlosen Reigen von sagenhaft peinlichen Teilgeständnissen und Halbwahrheiten, die stets in Rekordgeschwindigkeit wieder dementiert und erneut korrigiert werden mussten. Die Salami-Taktik, so muss man kühl konstatieren, passt nicht zu den Geschwindigkeitsverhältnissen des digitalen Zeitalters. Niemand kann mehr auf Zeit spielen.
Und auch der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck schließlich geriet schon vor Dienstantritt ins Visier. Kaum nominiert, wurde er im Netz als Verteidiger der Vorratsdatenspeicherung und als ein Reaktionär attackiert, der den Holocaust verharmlose - meist belegt durch einige hastig auf den Eklat hin frisierte Vortrags- und Interviewfetzen. Auch dies gewiss ein Extrembeispiel der Erregungsgier, das aber doch die Alltäglichkeit des Kontrollverlustes im digitalen Zeitalter offenbart. Denn was sich am Beispiel der drei Staatsoberhäupter zeigt, bedroht aus guten oder schlechten Gründen jeden, der Spuren hinterlässt, und zwar unabhängig von politischer Macht, gesellschaftlichem Status und Prominenz.
Niemand kann sagen, welche seiner Äußerungen oder Handlungen schon morgen einen Skandal auslösen oder ihn womöglich weltweit zum Gespött machen werden. Niemand vermag sich die Eventualität eines öffentlichen und im Extremfall global vernehmbaren Echos auch nur annähernd vorzustellen - und schon heute dementsprechend zu handeln.
Menschliches Bewusstsein und mediales Sein haben zu keinem Moment der Menschheitsgeschichte wirklich zueinander gepasst. Es ist das Wesen von medialer Kommunikation, über sich selbst hinauszuweisen und zuverlässig Überraschungen zu produzieren, kalkulierbare Unkalkulierbarkeit. Aber noch nie klafften die moderne Medienwelt und das Gespür für die öffentlichen Fernwirkungen eigener Äußerungen und Handlungen in derart dramatischer Weise auseinander wie heute.
Möglichkeitsblindheit, so könnte man das fehlende Gespür für extreme Kommunikationseffekte nennen, die prinzipiell unbeherrschbar sind. Dabei handelt es sich nicht um einen Defekt, der sich kurieren ließe, weil niemand, der redet, schreibt, bloggt, twittert oder unter den Augen einer Kamera tanzt, pöbelt oder flirtet, kurzum: lebt, auch nur ahnen kann, was mit den eigenen Daten und Dokumenten passiert und in welchen merkwürdigen und beschämenden Kontexten sie womöglich eines Tages zu ihm zurückkehren und sich unauflösbar mit dem eigenen Ich verbinden.
Wir alle sind unvermeidlich blind für die mögliche Zukunft unserer Sätze, Fotos, Filmchen, Mailbox-Nachrichten. Und die digitalen Überall-Medien haben, dies ist für jeden erfahrbar geworden, eine mediale Allgegenwart erzeugt - das Universum einer neuen Sichtbarkeit, in welcher der plötzliche Reputationsverlust zum Dauerrisiko geworden ist.
Kleinere und größere Normverletzungen, echte und falsche Skandale, Missverständnisse, Provokationen und Peinlichkeiten verwandeln sich, einmal digitalisiert, in leicht revitalisierbare Zombie-Informationen, stetig wiederkehrende Realitätskürzel und Chiffren der persönlichen, nun auf Dauer demolierten Existenz. Das eigene Image wird zur Summe der Treffer, die eine Suchmaschine prominent platziert.
Da landet der tschechische Staatschef Václav Klaus einen unfreiwilligen YouTube-Hit, der ihn beim Diebstahl eines Kugelschreibers zeigt. Da sorgt der Sportler Tiger Woods oder der daraufhin zurückgetretene finnische Außenminister Ilkka Kanerva mit höchst privaten SMS- und Sex-Botschaften für Amüsement. Da spricht der Dior-Designer John Galliano komplett besoffen den auf einem Handy-Video verewigten Satz "Ich liebe Hitler" - und verliert seinen Job.
Kann man hier noch ernsthaft von fehlender Medienkompetenz sprechen? Gewiss nicht, denn auch die Mitglieder der Piratenpartei, offenkundig in der Mehrzahl Technik-Aficionados, haben mit satirisch gemeinten Porträtfotos (ein Berliner Abgeordneter schnupft eine Prise Salz), versehentlich verschickten E-Mails oder antisemitischen Twitter-Meldungen für das eine oder andere Kommunikationsdesaster gesorgt. Selbst Julian Assange, Zentralfigur von WikiLeaks, blamierte zuerst eine Weltmacht - und dann seine eigene, angeblich doch gegen den Kontrollverlust strikt geschützte Organisation. Durch seine Nachlässigkeit und die später folgenden Durchstechereien einstiger Weggefährten wurde offenbar, dass die sogenannten Diplomaten-Depeschen gänzlich unbearbeitet im Netz kursieren - eine für die hier Genannten und nun Identifizierbaren im Extremfall lebensgefährliche Variante der Möglichkeitsblindheit.
Assanges mutmaßlicher Zentralinformant Bradley Manning verriet sich, nach allem, was man weiß, in einem dusselig-unvorsichtigen Chat selbst. Und Charles Graner, Hauptverbrecher im Foltergefängnis von Abu Ghuraib, dokumentierte die Gewaltexzesse seiner Gruppe gleich mit der eigenen Kamera und gab die CDs mit den Fotos aus einer Laune heraus dem Sergeant Joseph Darby, der ihn eigentlich nach anderen Bildern gefragt hatte. Darby fertigte eine Kopie an, zeigte sie anderen - und löste einen Weltskandal aus, der selbst den amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu so etwas wie einer Entschuldigung nötigte.
Diese und viele andere zwischen Bestialität und Banalität angesiedelten Beispiele zeigen, dass die Digitalisierung selbst die Möglichkeitsblindheit unvermeidlich macht. Denn die Verwandlung von allem Möglichen in einen Strom aus Bits und Bytes hebt die störenden Beschränkungen und Begrenzungen der Materialität auf. Sie überführt all die Folterfotos, die Kriegs- und Schandbilder, aber auch die satirischen Spielereien und die intimen Botschaften in einen "neuen Aggregatzustand" (so der Netzphilosoph Peter Glaser), stattet sie mit einer bis dato unbekannten Beweglichkeit und Leichtigkeit aus und erlaubt es, die Dokumente der Blamage und der Demontage rasch zu speichern, blitzschnell zu versenden, endlos zu kombinieren und vor einem Riesenpublikum auszubreiten.
Sie macht einst schwer zugängliche Archive zum Allgemeingut und verwandelt den Kollaps der Kontexte zur Alltagserfahrung. Nun wird es mit einem Mausklick, einem einzigen Link, einer sekundenschnell abgesetzten Twitter-Meldung möglich, räumliche, kulturelle und zeitliche Kontexte aufzusprengen und zu verschieben, für den Moment Gesprochenes zu fixieren und eine neue Zeitstufe zu kreieren - eine ewige, seltsam eingefroren wirkende Gegenwart permanenter Präsenz.
Und mit einem Mal erscheinen der Folterer aus Abu Ghuraib und der Spaßvogel von den Piraten in einem anderen Licht. Die Technologien des Web 2.0 erlauben es schließlich, den Akt der Enthüllung zu demokratisieren - mit vier fundamentalen Konsequenzen, die in ihrem Zusammenspiel bislang unbekannte, nicht mehr eingrenzbare Erregungszonen in der Sphäre der Öffentlichkeit entstehen lassen.
Es tauchen, erstens, neue Enthüller auf. Mal sind es Einzelne, mal regiert der Mob, mal sind es kluge Blogger oder Freiheitsaktivisten des Arabischen Frühlings, mal Schwärme von wütenden Doktoranden, die die Dissertation eines betrügerischen Verteidigungsministers vor aller Augen auseinandernehmen.
Es gibt, zweitens, neue Opfer - eben weil auch ganz und gar Ohnmächtige und komplett Unschuldige und vor allem bislang vollständig Unbekannte zum Objekt kollektiver Empörung und unerwünschter Aufmerksamkeitsexzesse werden können.
Es werden, drittens, neue Themen wichtig, denn das klassische Spektrum der Inhalte wird, vorsichtig formuliert, erweitert, weil das massenmediale Diktat der Relevanz von dem universalen Diktat der Interessantheit abgelöst wird. Bedeutsame Information und private Narration, echte Missstände und abstruse Behauptungen, das Merkwürdige und das Ekelhafte, die entscheidende Enthüllung und die hingerotzte Banalität sind gleichermaßen vorhanden.
Und es zeigen sich, viertens, neue Formen der Ungewissheit. Man weiß nie, was andere über einen wissen, wie sie zu diesem Wissen gelangt sind, welchen digitalen Spuren sie folgen, welche Fotos sie durch Zufall bekommen haben - und was sie mit ihnen anfangen, wie sie diese verändern, kombinieren, streuen. Im Extremfall entstehen so äußerst intime Bilder des eigenen Selbst - ohne dass man auch nur eine Ahnung davon hat.
In dieser Situation, in der das Skandalrisiko allgegenwärtig wird, lässt sich der Imperativ des digitalen Zeitalters nur noch resignativ formulieren: "Handle stets so", so könnte er lauten, "dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt." Allerdings führt auch ein solches Eingeständnis nicht weiter, deutet es doch eigentlich nur die Tatsache der Möglichkeitsblindheit zu einer Gewissheit höherer Ordnung um und beschwört die vollendete Hilflosigkeit als letzten Halt.
Sinnvoller, hilfreicher, wenn auch unendlich viel schwieriger wäre es, die Perspektive grundsätzlich zu drehen - und auf die riesenhafte Zahl all derjenigen zu blicken, die senden, schreiben, publizieren, Daten verbreiten, Dokumente verlinken, die spotten, wüten, hassen. Die Publizisten der neuen Zeit, also wir alle, müssen nicht nur, wie Buchautor Viktor Mayer-Schönberger meint, die "Tugend des Vergessens" trainieren, sondern Schritt für Schritt ein journalistisches Bewusstsein entwickeln, die Mentalität eines moralisch sensiblen, an Nuancen und Kontexten interessierten und hier selbstverständlich offensiv idealisierten Gatekeepers, der Wichtiges und Unwichtiges voneinander unterscheiden lernt, gleichsam von Kindesbeinen an.
Jeder Mensch ist heute ein Sender, zumindest potentiell. Und Zensur, das ist die gute und die schlechte Nachricht, funktioniert nicht mehr. Oft sind es gerade die Versuche der Informationskontrolle, die den Kontrollverlust provozieren. Wer damit droht, einmal veröffentlichte Daten wieder aus dem Netz zu bannen, der macht sie in der Regel erst so richtig bekannt, sorgt für jede Menge Aufregung und eine Fülle von blitzschnell angefertigten, begeistert verbreiteten Kopien. Es bleibt also nur die Arbeit am Bewusstsein des Einzelnen, der sich im digitalen Zeitalter in die entscheidende Instanz und einen Gatekeeper eigenen Rechts verwandelt. Dieser Einzelne muss so handeln, als wäre er ein wirklich guter Journalist, den Idealen der Verantwortung und der Aufklärung verpflichtet.
Es mag utopisch klingen, aber ähnlich wie das demokratische Prinzip müssen journalistisches Bewusstsein und eine Mentalität des empathischen Abwägens heute zu einem universellen Wert und zur Lebensmaxime des digitalen Zeitalters werden.
Sonst entsteht eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich aus Angst vor dem Kontrollverlust und dem grausamen Ad-hoc-Spektakel permanent selbst kontrollieren, sich allenfalls noch flüsternd verständigen und möglichst keimfrei austauschen. Ganz so, als würde man sie ausspionieren und als würde jeder, der ihnen zuhört, eigentlich nur ihre baldige Hinrichtung planen. Es wäre eine Gesellschaft, die an der eigenen Transparenz erstickt.
Bernhard Pörksen, 43, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen; Hanne Detel, 28, arbeitet dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Anfang Mai erscheint ihr gemeinsames Buch "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" (Herbert von Halem Verlag).
Von Bernhard Pörksen und Hanne Detel

DER SPIEGEL 14/2012
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