07.04.2012

ALTER„Schriftlich erarbeitet“

Alt-Bundespräsident Walter Scheel war zuletzt in der Presse präsent wie lange nicht. Doch viele seiner Äußerungen werden dem greisen Politiker offenbar in den Mund gelegt.
Kein Politiker wirft gern den ersten Stein auf einen Bundespräsidenten, schon gar nicht einer, der selbst einmal dieses Amt innehatte. Umso mehr erstaunte, dass im vergangenen Dezember - nur wenige Tage nachdem die ersten Vorwürfe gegen Christian Wulff wegen dessen Hauskredit laut geworden waren - einer seiner Vorgänger mahnende Worte fand: "Sitten und Gebräuche", so wurde Walter Scheel, 92, von "Bild am Sonntag" zitiert, hätten sich seit Gründung der Bundesrepublik "leider auch in der Politik sehr geändert"; er sei deshalb "besorgt um das Amt des Bundespräsidenten".
Neun Wochen später, kaum war Wulff zurückgetreten, legte Scheel im selben Blatt nach: Er "wünsche" sich, dass Wulff "klug genug" sei und "auf seinen Ehrensold verzichtet"; damit könne er "beim deutschen Volk verlorenes Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen".
Scheels Zitate drücken aus, was viele Deutsche dachten. Aber dachte, sagte und überblickte er auch, was da unter seinem Namen veröffentlicht wurde?
In Berlin wie im südbadischen Bad Krozingen, wohin Scheel vor drei Jahren mit seiner dritten Ehefrau Barbara gezogen ist, mehren sich die Zweifel: Will und kann sich der Altliberale wirklich noch so aktiv mit den Vorgängen der Tagespolitik befassen, wie seine zahlreichen Interviews, Gastbeiträge und Schirmherrschaften den Anschein erwecken?
Vom SPIEGEL auf die Zitate in "Bild am Sonntag" angesprochen, betont Barbara Scheel, 70, "das hat er zu mir persönlich gesagt". Doch was sowohl Scheels Büro als auch seine Ehefrau bisher sorgsam vor der Öffentlichkeit verbargen: Die geistige Leistungsfähigkeit des Alt-Bundespräsidenten ist offenbar seit längerem eingeschränkt. "Dass Herr Scheel Gedächtnisstörungen und -schwächen hat, ist nicht zu leugnen", teilt Scheels Büro mit. Seit etlichen Monaten lebt der ehemalige FDP-Politiker auch nicht mehr permanent zu Hause, sondern alternierend in einem Seniorenstift in Bad Krozingen, nur wenige hundert Meter von seinem Büro entfernt.
"Auch Bundespräsidenten werden alt", lautete ein Gastbeitrag Scheels am 4. Februar in der "Süddeutschen Zeitung". Die Gesellschaft, vor allem die Politik, heißt es dort, habe "die Pflicht, sich der Würde der Alten anzunehmen". Wie man mit alten Menschen umgeht, wenn irgendwann einmal die Gedächtnisschwächen sich offensichtlich als Demenz erweisen, ist ein schwieriges Thema, egal ob jemand zuvor in der Öffentlichkeit stand oder nicht.
Gerade am Beispiel von Prominenten kommt das Thema immer wieder hoch. Tilmann Jens hat ein Buch geschrieben über seinen dementen Vater, den großen Gelehrten Walter Jens. Gunter Sachs, Fotograf und Playboy, nahm sich das Leben, weil er dem Abdriften in die geistige Dämmerung zuvorkommen wollte. Und erst kürzlich machte der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer seine Krankheit publik. Das Outing verband der 67-Jährige mit einer Botschaft an Fans und Medien: Es ist traurig, aber ich kann nicht mehr für euch da sein.
Einer der Auftritte, bei denen man Scheel zuletzt noch beobachten konnte, war im vergangenen Mai die Verleihung des nach ihm, dem ersten Entwicklungshilfeminister der Bundesrepublik, benannten "Walter-Scheel-Preises" für besonderes Engagement in der Entwicklungsarbeit. Offiziell hat Scheel den Preis überreicht. Tatsächlich wurde Scheel von seiner Frau - neben deren imposanter Erscheinung, im grauen Hosenanzug und mit einem mächtigen Hut, er noch kleiner und filigraner wirkte, als er ohnehin schon ist - zwar auf die Bühne geleitet. Doch dort verbeugte er sich nur gekonnt, schüttelte Hände und begab sich, auf seinen Stock gestützt, für Erinnerungsfotos in Positur.
Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit man den Gesundheitszustand eines Politikers öffentlich ausbreiten darf. "Das geht Sie überhaupt nichts an", beginnt Barbara Scheel das Telefonat, als der SPIEGEL mit ihr über ihren Mann reden will, "das ist rein privat." Auch Scheels Büroleiter Christoph Höppel bittet, "die Berichterstattung über Gesundheit und Agieren" Scheels "maßvoll und möglichst positiv zu erfüllen". Der SPIEGEL respektiert dieses Anliegen.
Allerdings wäre der Zustand Scheels nur dann völlig privat, wenn es von Scheel keine öffentlichen Äußerungen mehr gäbe, zumindest keine zum aktuellen Politikgeschehen; wenn er in Würde schwiege. Doch so ist es nicht.
Dabei blockt sein Büro persönliche Kontakte zu Scheel erst mal ab. Wegen dessen "Wortfindungsschwierigkeiten", erklärt Höppel, könne man mit dem Alt-Bundespräsidenten leider nicht telefonieren, auch "Sprechinterviews" gebe er seit längerem nicht mehr. In jüngerer Zeit war aber nur die "Neue Zürcher Zeitung am Sonntag" so ehrlich, ihr Scheel-Interview mit dem Hinweis zu versehen, man habe es "aufgrund des Gesundheitszustands Scheels schriftlich geführt".
Menschen außerhalb des Büros, die Scheel in den vergangenen Monaten gesprochen haben, berichten, er habe Mühe, ein ordentliches Gespräch zu führen. Höppel bestreitet, dass dies "generell" so sei, räumt aber ein, dass "es solche Tage gibt". Scheels geistige Leistungsfähigkeit "schwankt" und hänge sehr "von der Tagesform" ab, so Höppel. Wenn Scheel aber einen guten Tag habe, sei es "die größte Freude".
Solche guten Tage zu erleben ist nicht einfach. Dem SPIEGEL wurde ein persönliches Treffen in Aussicht gestellt, innerhalb von 14 Tagen kam es nicht zustande. Man müsse Scheel "vorbereiten", hieß es aus dem Büro, das sei "schwierig" und kurzfristig "absolut unmöglich".
Auch wenn "sein Alter ihm doch zu schaffen macht", so Höppel, versuche Scheel "mit aller Kraft, die Dinge zu erledigen. Das Büro und seine Frau helfen ihm dabei, so gut es geht".
Schwierig wird es für Scheels Büroleiter offenbar dann, wenn sich journalistische Anfragen nicht mit der Tagesform des Bundespräsidenten von 1974 bis 1979 in Einklang bringen lassen. Es sei "nicht zu leugnen", erklärt Höppel, "dass in der Eile des Tagesgeschäfts auch Äußerungen autorisiert worden sind, die nicht hätten erfolgen dürfen oder die Herrn Scheel nicht vorgelegt werden konnten".
Zwar wird Scheel "grundsätzlich" (Höppel) immer noch von einem Fahrer oder seiner Frau in die Büroräume im Krozinger Rathaus gebracht. Scheel signiert, empfängt gelegentliche Besucher, schaut in Zeitungen oder "beschäftigt" sich mit Büchern - wie viel er von solcher Lektüre aufnimmt, ist aber offen. "Er will an einem gewissen Geschehen nicht mehr teilhaben", sagt Barbara Scheel, "er hat ja sein ganzes Leben Politik gemacht."
Scheels Büro ist voller Erinnerungsstücke an sein Leben als Außenminister, Vizekanzler und Staatsoberhaupt. An den Wänden hängen Fotos mit persönlicher Widmung von der Queen und Kaiser Haile Selassi, dazu das Fell eines Bären, geschossen auf der Jagd mit Rumäniens früherem Diktator Nicolae Ceauşescu.
Auf Vergangenes versucht sich auch der Büroleiter zu stützen, wenn er als Ghostwriter tätig wird. Seit sieben Jahren ist er Scheel vom Bundespräsidialamt zugeteilt, ein "guter, lieber Freund", wie man im Krozinger Rathaus weiß, ein begnadeter Golfer, der mit Scheel in früheren Zeiten auch etliche Bälle schlug.
Bei Presseanfragen, erklärt Höppel, bemühe er sich, "möglichst wenig Tagesaktuelles" zu sagen und sich auf "Quellen-
material", also ältere Stellungnahmen des Freidemokraten, zu stützen: "Unsere Arbeit basiert auf Äußerungen, wie Scheel sie früher getan hat, und unsere Entscheidungen ergehen größtenteils auf Basis seines früheren Handelns."
Die gedruckte Realität weicht von diesem Credo aber nicht selten ab. Da stößt sich Scheel am 8. Januar in der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag" an der "schleppenden Aufklärungstaktik" Wulffs, nimmt am 12. März in der Wochenzeitung "Das Parlament" Stellung zu den "wichtigsten Aufgaben des neuen Bundespräsidenten" und äußert sich am 18. März gegenüber der "B. Z. am Sonntag" zu der Frage, ob ein Bundespräsident Joachim Gauck seine Lebensgefährtin heiraten müsse.
Dass jedenfalls das Interview in der "B. Z. am Sonntag" an Scheel vorbeilief, gibt Höppel zu: "Der Text ist ihm in den Mund gelegt." Auch wenn der Bundespräsident a. D. etwa ein Vorwort für ein Buch schreibe, sei klar, "dass Herr Scheel sich damit nicht mehr richtig beschäftigen kann und will".
So hat Scheel auch zu einem Text, der jüngst unter seinem Namen in der Rubrik "Fremde Federn" in der "Frankfurter Allgemeinen" erschien, bestenfalls karge Stichworte geliefert. "Ein Weggefährte", so Höppel, habe Scheel gebeten, zu dem Buch "Das Amt und die Vergangenheit" Stellung zu nehmen, das sich mit der Geschichte des Auswärtigen Amtes befasst. "Machen Sie mal was dazu", habe Scheel gesagt und noch gebeten, dass zwei Personen positive Erwähnung fänden. Im Übrigen aber sei es Scheel "relativ egal" gewesen, "was da an Füllmaterial reinkommt".
Im Fall eines Interviews mit Viertklässlern für eine Schülerseite der "Badischen Zeitung" ging die Inszenierung noch weiter: Das Blatt druckte am 19. November ein Gespräch, in dem Scheel lebhaft Gegenfragen stellt und das Wissen der Schüler lobt, ein Foto zeigt die beiden Schüler mit Scheel in dessen Büro. Auch dieses Interview sei "schriftlich erarbeitet" worden, räumt Höppel ein. Das Foto entstand bei einem gesonderten, auf Plauderei beschränkten Termin.
Höppel wirbt um Verständnis dafür, dass Scheels Umfeld nach außen das Bild des präsenten Altpolitikers aufrechterhalte. Es sei "natürlich ein Leichtes", zu sagen, "der alte Mann kann nicht mehr". Man könne aber auch zum Schluss kommen, dass Büro "dem Alter entsprechend ganz vernünftig damit umgeht".
(*) Am 9. Juli 2011 bei der Feier seines 92. Geburtstags.
Von Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 15/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ALTER:
„Schriftlich erarbeitet“

Video 02:41

Plasmablitze in der Mikrowelle Das Weintrauben-Experiment

  • Video "Unfall bei Flugshow: Kampfflieger kollidieren in der Luft" Video 01:11
    Unfall bei Flugshow: Kampfflieger kollidieren in der Luft
  • Video "Daytona 500: Massenkarambolage bei US-Rennen" Video 00:55
    Daytona 500: Massenkarambolage bei US-Rennen
  • Video "Flugplatz Courchevel: Crash in die Schneewand" Video 01:06
    Flugplatz Courchevel: Crash in die Schneewand
  • Video "Hirnforschungs-Selbstversuch: Gefangen im Labyrinth" Video 04:40
    Hirnforschungs-Selbstversuch: Gefangen im Labyrinth
  • Video "Auf Grund gelaufen: Havarie mitten in der Donau" Video 01:08
    Auf Grund gelaufen: Havarie mitten in der Donau
  • Video "Legendärer Modedesigner: Karl Lagerfeld im Interview (1997)" Video 25:57
    Legendärer Modedesigner: Karl Lagerfeld im Interview (1997)
  • Video "Gehörnter Beutelfrosch: Forscher entdecken totgesagte Art" Video 01:53
    Gehörnter Beutelfrosch: Forscher entdecken totgesagte Art
  • Video "Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters" Video 02:49
    Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters
  • Video "Bayern-Gegner Liverpool: Die Meisterschaft ist der heilige Gral" Video 04:05
    Bayern-Gegner Liverpool: "Die Meisterschaft ist der heilige Gral"
  • Video "Plastikmüll: Taucherin rettet Fisch aus Tüte" Video 01:09
    Plastikmüll: Taucherin rettet Fisch aus Tüte
  • Video "Russland: Schwarzer Schnee in Kohleregion" Video 01:41
    Russland: Schwarzer Schnee in Kohleregion
  • Video "Regisseur erklärt Szene: Alita - Battle Angel" Video 04:44
    Regisseur erklärt Szene: "Alita - Battle Angel"
  • Video "Videoreportage aus der Lausitz: Was kommt nach der Kohle?" Video 02:49
    Videoreportage aus der Lausitz: Was kommt nach der Kohle?
  • Video "Weltraumschrott: Harpune soll Müll im All aufspießen" Video 02:17
    Weltraumschrott: Harpune soll Müll im All aufspießen
  • Video "Wagemutige Piloten: Heftige Stürze beim Cresta-Rennen" Video 00:59
    Wagemutige Piloten: Heftige Stürze beim Cresta-Rennen
  • Video "Plasmablitze in der Mikrowelle: Das Weintrauben-Experiment" Video 02:41
    Plasmablitze in der Mikrowelle: Das Weintrauben-Experiment