07.04.2012

GESUNDHEITDioden in der Nase

Wenn im Frühjahr die Pollen fliegen, haben dubiose Wunderheiler Saison. Mit fragwürdigen Therapien gegen Heuschnupfen scheffeln sie Millionen.
Romina Rösch war 14, als die Birke zu ihrem Feind wurde. Von einem Tag auf den anderen ließ der feine gelbe Pollenstaub ihre Augen zuschwellen, die Nase juckte, der Hals kratzte. "An manchen Tagen war es so schlimm, dass ich nicht mehr aus dem Haus gehen konnte", sagt die Medizinstudentin aus Mainz.
Jahrelang testete sie diverse Nasensprays, Augentropfen und ein Dutzend verschiedener Tabletten. Es wurde nicht besser. Rösch stieg auf Naturheilkunde um, gab Hunderte Euro für Alternativmedizin aus. Sie schluckte täglich drei Esslöffel Öl, ließ sich in der Apotheke Tees mischen und suchte einen Homöopathen auf. Der verschrieb ihr Globuli, kleine Kugeln in der Glasflasche. "Danach ging es mit dem Asthma los", sagt sie.
Mittlerweile lässt sich die 23-Jährige im Frühjahr eine Cortison-Spritze geben. Das lindert die Symptome. "Aber gut für den Körper ist das nicht", sagt sie. Deshalb ist Rösch weiter auf der Suche nach der perfekten Therapie, nach dem kleinen Wunder, das den Heuschnupfen killt.
Schätzungen zufolge leiden mehr als 15 Millionen Deutsche an Pollenallergien. Während für sie ab März die große Qual beginnt, brechen für Wunderheiler und Geschäftemacher herrliche Zeiten an. Zwar zahlt keine Krankenkasse die Behandlung mit Heilpilzen oder Nasenlampen, weil deren medizinische Wirkung nicht nachgewiesen ist. Aus Verzweiflung greifen viele Patienten trotzdem zur Esoterikmedizin. Die Kosten tragen sie selbst.
Seriöse Ärzte sehen den Markt für Wunderlichkeiten mit großem Missfallen. Denn die Allergiker geben nicht nur unnötig Geld aus, sie gehen zudem unkalkulierbare Gefahren ein. Den Medizinproduzenten hingegen bringen die allergischen Reaktionen der Deutschen Gewinne, die so sicher sind wie der Frühlingsanfang. Allein eine "Vorteilspackung" von Reishi-Pilzen, die als Wundermittel aus der chinesischen Medizin gelten, kostet rund 70 Euro. Andere Pilzsorten, für deren Wirksamkeit es ebenfalls keine wissenschaftlichen Belege gibt, sind schon für 30 Euro zu haben.
Wer seine Hoffnung hingegen in eine sogenannte Bioresonanztherapie setzt, muss tiefer in die Tasche greifen. Dafür bekommt der Leidende von seinem Heiler eine ausgeklügelte Theorie serviert. Nachzulesen etwa auf der Internetseite der Naturheilpraxis am Wald, die nahe Kiel sitzt: Körperzellen unterhalten sich demnach "in Form von Lichtblitzen". Sei diese Zell-Kommunikation gestört, könne es zu Allergien kommen. Die Therapeuten legen den Patienten deshalb Elektroden an. Die sollen Therapieinformationen an ein Bioresonanzgerät weiterleiten und das Problem beheben.
Die meisten Anbieter nehmen für einen "Bioresonanz-Grundtest" etwa 100 Euro, Nachfolgebehandlungen kosten bis zu 50 Euro. Den wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass die Therapie wirkt, konnte bisher keiner erbringen.
Nicht weniger fragwürdig ist der Einsatz sogenannter Allergie-Nasenlampen. Im Internet werden Exemplare zwischen 30 und 100 Euro vertrieben. An einem Gerät, das aussieht wie ein Babyphone, sind zwei Dioden angebracht, die sich der Käufer in die Nase stecken muss. Diese strahlen "sichtbares kaltes Rotlicht" auf die Schleimhaut. "Keiner weiß bisher, welche Nebenwirkungen das langfristig mit sich bringt", sagt Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung. Die Innenseite der Nase sei sehr empfindlich. "Es ist nicht auszuschließen, dass dadurch bösartige Wucherungen entstehen können."
Nebenwirkungsträchtig sind auch Darmspülungen gegen Allergien, wie etwa die Colon-Hydro-Therapie. Wendet ein Naturheiler die Behandlung falsch an, kann die Darmwand verletzt werden, zudem ist die Methode nichts für Menschen mit schwachem Kreislauf.
Viele Heiler schwören trotzdem auf die Methode, die etwa in der Talkshow von TV-Pfarrer Jürgen Fliege vorgestellt wurde. Der Darm des Pollenopfers wird mehrmals wöchentlich mit rund zehn Liter Wasser ausgespült, die Einläufe haben abwechselnd eine Temperatur von 21 und 41 Grad Celsius. Kosten: zwischen 60 und 90 Euro pro Sitzung.
"Es gibt leider viel zu viele obskure Angebote in diesem Bereich, bei denen Vorsicht angebracht ist", klagt Hans Merk, Präsident des Ärzteverbands Deutscher Allergologen. Nach seiner Auffassung gibt es nur wenige Rezepte, die bei Heuschnupfen nachweislich helfen. Allgemein empfohlen wird die Behandlung mit Medikamenten wie Antihistaminika. "Diese können die Beschwerden zwar lindern, aber nicht heilen", sagt Merk.
Ansonsten rät er zu einer sogenannten Hyposensibilisierung. Dabei spritzt der Arzt den Betroffenen in regelmäßigen Abständen ein Allergenpräparat unter die Haut. Zum Einsatz kommen auch Tabletten oder Tropfen. Im Idealfall reagiert das Immunsystem irgendwann nicht mehr mit einer Abwehrreaktion auf die Pollen.
Vielen Patienten geht es Studien zufolge danach besser - bei anderen versagt aber auch diese Therapie. Allergikerin Rösch hatte es jahrelang damit versucht. Die Behandlung half genauso wenig wie die Globuli des Homöopathen.
Nun überlegt Rösch, eine Anti-IgE-Therapie zu machen. Durch Spritzen sollen dabei die Antikörper im Organismus zerstört werden, die die allergische Reaktion auslösen. Die Optimisten unter den Heuschnupfen-Forschern machen der Medizinstudentin Mut. Einen Haken gibt es trotzdem: Je nach Dosis kostet die Therapie zwischen 6000 und 60 000 Euro.
Von Katrin Elger und Catalina Schröder

DER SPIEGEL 15/2012
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