07.04.2012

BESTATTUNGEN

Feuerwehr am Sarg

Von Hanke, Ulf

Die Fettleibigkeit der Deutschen überfordert die Krematorien: Die Anlagen werden ruiniert, Abgase ungefiltert in die Luft geblasen.

Der Mitarbeiter des Krematoriums in Hameln warf noch einen letzten Blick in den Sarg, bevor er die Holzkiste in den Ofen schob. Es war der dritte Leichnam am Morgen des 13. Januar, und der wog mehr als 200 Kilogramm. Nur rund zwei Kilogramm Asche sollten übrig bleiben. Doch 15 Minuten später schlugen Flammen aus dem zehn Meter hohen Schornstein des Krematoriums, Teile des Doppelrohr-Edelstahlschlots schmolzen durch. Der Angestellte bekam den Brand nicht mehr unter Kontrolle, er rief die Feuerwehr.

Die Helfer kühlten den rauchenden Schlot von der Seite. Durch eine Wärmebildkamera beobachteten sie, wie sich die Hitze im Gebäude ausbreitete: Das Kaminrohr glühte bei 600 Grad Celsius. Erst nach vier Stunden war der Leichnam zu Asche geworden.

Deutschlands Übergewichtige machen den Feuerbestattern zu schaffen. Mittlerweile wird rund die Hälfte aller Verstorbenen eingeäschert. Die Zahl der fettleibigen Deutschen liegt bei 15 Prozent, Tendenz zunehmend. Die Branche hat sich zwar darauf eingestellt, Särge werden in Übergrößen geliefert, Ofentüren für die extragroßen Kisten umgebaut. Aber ein Problem bleibt: Adipöse Körper brennen wegen ihres hohen Fettgehalts oft so heiß, dass sie die Anlagen überlasten. Ursache für den Schornsteinbrand in Hameln war wohl "extreme Hitze durch hohe Fettverbrennung", so Carl Schmidt, Betriebsleiter des Krematoriums.

Wie häufig so etwas vorkommt, weiß niemand genau. Dabei gelten schwere Leichen seit langem als eine Ursache für Schadstoffspitzen im Abgas, die Experten bei gelegentlichen Untersuchungen feststellen. Das Bayerische Landesamt für Umwelt ermittelte, dass der erlaubte Mittelwert von 50 Milligramm Kohlenmonoxid pro Kubikmeter Abgas und Stunde oft überschritten wird, wenn der Holzsarg einfällt und sich der Leichnam entzündet. Im September 2009 beispielsweise überforderte ein 150 Kilogramm schwerer Leichnam das Krematorium von Kempten im Allgäu, der Schlot glühte, Rohrteile schmolzen. Die Feuerwehr ging schließlich mit Löschpulver gegen die Glut im Kamin vor.

"Unvorhergesehene Brände passieren in vielen Krematorien", sagt der niedersächsische Anlagenbauer und Sicherheitsgutachter Jochen Sembdner. In solchen Notfällen öffnen sich Klappen hinter den Öfen. Im sogenannten Bypassbetrieb lenken sie den Qualm samt Dioxinen und Furanen, Quecksilber aus Zahnfüllungen, anderen Schwermetallen und Feinstaub direkt in die Außenluft - an Messinstrumenten und am Filter vorbei. Bypassbetriebe kommen nur ein- bis zweimal im Jahr pro Anlage vor, sagen die Betreiber. Aber ob dies stimmt, kontrollieren die Behörden nicht.

Die Branche steht im harten Wettbewerb. Die Zahl der Krematorien ist rasant gewachsen. 2000 gab es nur rund 100 öffentliche Anlagen, derzeit werden 159 gezählt, ein Drittel davon privat betrieben, weitere sind in Planung. Dabei sei der Bedarf an Krematorien eigentlich gedeckt, so Aeternitas, eine Verbraucherinitiative für trauernde Angehörige. Der Preis für eine Einäscherung ist wegen der Konkurrenz auf rund 300 Euro gesunken. Nur im Süden vermuten Investoren noch Potential. Dort müssen sie sich allerdings gegen Bürgerinitiativen durchsetzen, die auch mit dem Problem zu schwerer Leichen argumentieren.

Der Ingenieur Hubert Kerber führt im baden-württembergischen Sinsheim-Reihen den Protest gegen ein neues Krematorium an. Er hält Anlagen im Bypassbetrieb für "Dreckschleudern". Beruflich hat Kerber als TÜV-Prüfer mit vielen Verbrennungsanlagen zu tun, auch mit Krematorien. Kerber hat Normen und Grenzwerte verglichen und sagt: "Jede Müllverbrennung ist strenger reglementiert."

Im Krematorium Hamburg-Öjendorf mussten die Feuerwehrleute im Januar 2008 sogar Atemschutzmasken anlegen. Bei der Verbrennung eines schwergewichtigen Mannes war es zu einer Verpuffung gekommen. Dann klemmte auch noch die Bypassklappe, und der Qualm konnte nicht über den Schlot entweichen. Bräunliche Schwaden waberten durchs Gebäude, die Feuerwehr maß erhöhte Werte giftigen Kohlenmonoxids. Das defekte Bypassventil sei sofort ausgetauscht, die Ofenanlage runderneuert worden, sagt der Betriebsleiter.

Um Schadstoffspitzen zu vermeiden, empfiehlt das Bayerische Landesamt für Umwelt in einer Studie, Särge besonders schwergewichtiger Leichname "mit leicht geöffnetem Deckel" in den Ofen einzufahren und "anlagenspezifische Gewichtsobergrenzen" einzuführen. Letztere sollen noch in diesem Jahr in die Branchen-Richtlinien aufgenommen werden. Die Hersteller sollen das Maximalgewicht der Leichname festlegen, die in ihren Öfen verbrannt werden dürfen.

Doch was passiert dann mit den schweren Toten? Die Suche nach einem geeigneten Krematorium könnte zur Odyssee im Leichenwagen werden. In Frankreich haben gleich mehrere Krematorien die Einäscherung einer 140 Kilogramm schweren Frau abgelehnt. Deren Tochter klagte daraufhin in der Zeitung "Le Parisien" über die postmortale Diskriminierung ihrer Mutter.


DER SPIEGEL 15/2012
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