07.04.2012

GESUNDHEIT„Gedankenlosigkeit mit einem Preis versehen“

Hartmut Kliemt, 62, Professor für Philosophie und Ökonomik an der Frankfurt School of Finance, über Organspenden und die Grenzen der Nächstenliebe
SPIEGEL: Die Bundesregierung will im Sommer das Transplantationsgesetz ändern, damit sich mehr Menschen als Organspender registrieren lassen, setzt aber weiterhin auf Freiwilligkeit. Also auf Nächstenliebe. Reicht das?
Kliemt: Nein, es ist keine gute Idee, die Motive exklusiv vorschreiben zu wollen. Ich sage: Wer spendenbereit ist, soll eine gewisse Bevorzugung erhalten, wenn er selbst bedürftig wird. Das ist die alte Idee des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit.
SPIEGEL: Was spricht für Ihre Idee?
Kliemt: Dass sie viel gerechter ist. Nehmen Sie an, Sie haben zwei gleich- geeignete und gleichbedürftige Personen. Beide brauchen ein Organ. Warum soll ausgerechnet die Person ein Organ erhalten dürfen, die selbst nicht spenden will? Ich finde, das widerspricht elementaren Gerechtigkeitsvorstellungen.
SPIEGEL: Frank-Walter Steinmeier hat im Bundestag gesagt, eine Organspende müsse eine selbstlose Spende bleiben.
Kliemt: Selbstlosigkeit an sich ist aus meiner Sicht kein Wert. Selbstlosigkeit für die richtigen Dinge ist ein Wert.
SPIEGEL: Was fordern Sie konkret?
Kliemt: Eine Art Solidaritätsmodell: Wer sich frühzeitig zur Organspende bereit erklärt, bekommt einen Bonus - und genießt Vorrang beispielsweise vor jemandem, der die Spende für sich selbst ablehnt. Es ist doch eine Illusion zu glauben, wir könnten ein knappes Gut kostenfrei verteilen.
SPIEGEL: Warum braucht Altruismus überhaupt einen Belohnungsanreiz? Warum birgt er seinen Wert nicht in sich selbst?
Kliemt: Natürlich wollen Menschen das Gute tun, aber sie wollen sich nicht dadurch, dass sie das Gute tun, ausnutzen lassen. Deshalb braucht der Beitrag zu kollektiven Gütern doch einen Anreiz.
SPIEGEL: Haben Sie selbst einen Organspendeausweis?
Kliemt: Ja klar, aber ich finde, dass das nicht ausreichend ist. Ich finde, dass ein Zentralregister hermuss, um zu dokumentieren, wer spenden will und wer nicht. Ich spende für die Solidarischen, das würde ich gern eintragen. Ich bin dafür, Gedankenlosigkeit wenigstens mit einem gewissen Preis zu versehen.

DER SPIEGEL 15/2012
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