07.04.2012

FORTPFLANZUNG

Papa Ed

Von Hardinghaus, Barbara

Ed Houben ist ein privater Samenspender aus Maastricht, der auch in Deutschland tätig ist. 82 Kinder hat er schon, 10 sind unterwegs. Er möchte kinderlose Frauen glücklich machen - und sich selbst.

Auf dem Weg zu Kind Nummer 83 tritt Ed Houben in die Ankunftshalle D im Flughafen Berlin-Schönefeld. Er trägt eine Outdoor-Hose mit Seitenklappen, einen Fleecepullover und einen Rucksack, in dem eine Trinkwasserflasche steckt. "Hallo", sagt er mit vierfach betontem "l", seinem niederländischen Akzent. Er marschiert gerade auf die Bushaltestelle zu. Er will sich beeilen, die "Wunschmama" geht früh schlafen, und sie haben noch etwas vor.

Eigentlich reist Ed Houben schon lange nicht mehr zu den Frauen. Eigentlich kommen die Frauen zu ihm. Aber es gibt Notfälle wie diesen, 11. Zyklustag, also zwei Tage vor dem Eisprung, und die Wunschmama hat niemanden für die Katzen.

Sie wartet in einer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt. Sie hat das Luftbett im Wohnzimmer aufgeblasen und schöne Unterwäsche angezogen.

Ed Houben sitzt oben im Doppeldeckerbus, Linie X7, vorn. Drei Kinder hat er schon in Berlin, die anderen 79 leben in anderen Städten, anderen Ländern, in den Niederlanden, in Belgien, Spanien, Italien und Neuseeland. Ihre Namen, Geburtsdaten und Geschlechter hat Houben zu Hause in eine Excel-Tabelle eingetragen. Das älteste Kind ist fast neun Jahre alt, das jüngste Kind zwei Monate. Er wirft noch ein Pfefferminzbonbon nach, gähnt. "So langsam kommt das Schlafhormon durch", sagt er, "aber schlafen geht noch nicht."

In Rudow steigt er um in die U-Bahn. Am Hermannplatz stoppt der Zug, er muss wieder in einen Bus, Schienenersatzverkehr. Das kostet Zeit. Er sieht auf die Uhr, kurz vor 23 Uhr. "Da ist gleich keine Gelegenheit mehr für Romantik."

Für den Abend ist noch ein Versuch geplant, für den Morgen ein zweiter. "Versuch" heißt Geschlechtsverkehr mit einer Frau, die er aus dem Internet kennt, von spermaspender.de. Ed Houben ist Samenspender, er schenkt Frauen seinen Samen, in 80 Prozent der Fälle, sagt er, auch ein Kind. "Das ist meine Erfolgsquote."

Zehn der Frauen, die er schon zu Müttern gemacht habe, seien Ärztinnen. Gebildet, das findet Ed Houben, Historiker, 42, wichtig. Und gesund, das auch.

Keine Drogen, kein HIV. Keine Hepatitis B und C, keine Syphilis, keine Gonorrhö oder sonstige Geschlechtskrankheiten. Keine Chlamydien, also Bakterien. "Das sind meine Bedingungen." Als Beweis verlangt er ein Gesundheitszeugnis und schickt selbst auch eins. Und ein Spermiogramm vom Arzt.

Das Spermiogramm zeigt seine Spermadichte. Weniger als 20 Millionen pro Milliliter Ejakulat bedeuteten "keine guten Chancen". Bei 80 bis 100 Millionen sind die Chancen besser. Er selbst hat 100 Millionen, "oder 110 Millionen", er lächelt. Er spricht laut, frei durch den Bus, wie über ein gutes Backrezept, und er ist der Meisterbäcker. In seinen Augen sind die Regeln einfach. Aber eigentlich sind sie komplizierter. Es ist kein einfacher Weg, der Weg für kinderlose Frauen zum Kind.

"Donogene Insemination" heißt das, was offiziell in deutschen Arztpraxen und Fruchtbarkeitskliniken praktiziert wird, also "das direkte Einbringen von Samenzellen eines unbekannten Spenders in die Gebärmutter einer Frau mit dem Ziel, ungewollte Kinderlosigkeit zu überwinden".

Ein Heft mit Richtlinien "zur Qualitätssicherung in Deutschland" umfasst 36 Seiten. Es stammt von Ärzten, die meisten sind Inhaber einer Samenbank, etwa ein Dutzend gibt es in Deutschland.

Die Praxis dort ist kurz gesagt so: Die Wunscheltern sind heterosexuell, am besten verheiratet, sie bleiben dem Spender unbekannt. Der Spender, so wollen es die Richtlinien, ist nicht älter als vierzig, er wird mehrfach untersucht, sein Sperma entspricht den "Mindestanforderungen" in zehn Punkten. Die "praktische Durchführung" wird dokumentiert, das Dokument 30 Jahre aufgehoben.

Die Samenbanken verlangen 3000 bis 4000 Euro pro Behandlung und zahlen den Spendern, meist sind es Studenten, knapp hundert Euro pro Portion.

Ein halbes Jahr dauert es bis zum ersten Versuch. 1400 Frauen werden, so Schätzungen, jedes Jahr in Deutschland durch offizielle Samenspenden schwanger.

Andere reisen ins Ausland, zu Kliniken in Spanien oder England, wo es einfacher ist, wo es weniger Anforderungen gibt, wo die Samenbanken gern auch lesbische Paare als Kundinnen annehmen oder alleinstehende Frauen.

Wieder andere schreiben eine Mail nach Maastricht, zu Ed Houben, wo es so gut wie keine Anforderungen gibt. Er ist die Lösung für diejenigen, die kein Geld, keine Zeit, keine Chance haben, den offiziellen Weg zu gehen.

Es interessiert den Gesetzgeber nicht, wie in Deutschland ein Kind gezeugt wird. Wie viele Kinder jemand bekommen darf, ist nicht beschränkt. Ed ist der Erzeuger einer Großfamilie, was er tut, ist nicht strafbar. Trotzdem lebt er mit einem Risiko.

Zwischen ihm und den Frauen gibt es Vereinbarungen, die besagen: keine Rechte, keine Pflichten. Keine Unterhaltszahlungen. Sollte es aber eine Frau geben, die sich das anders überlegt, warum auch immer, hätten diese privaten Abmachungen vor einem Richter keinerlei Wert. Ed Houben müsste zahlen für das Kind, in den ersten drei Jahren sogar für die Mutter. Der Nachwuchs selbst kann Unterhalt einfordern, irgendwann, wenn er älter ist, wenn er eine Stimme hat.

Ed Houben selbst sagt, was er mache, sei das Natürlichste der Welt, in der Landwirtschaft nennt man es "Natursprung", also Nachzucht auf die biologisch vorgesehene Art.

Aus dem Bus steigt er wieder in eine Bahn, er fährt noch ein paar Stationen und verschwindet dann mit strammem Schritt über einen Gehweg in die Berliner Nacht.

Am nächsten Tag sitzt er zu einer Art Mittagspause in einem Café und trinkt eine heiße Schokolade. Er ist noch müde. "Ach, das war eine kurze Nacht", sagt er. Er ist 1,90 Meter groß, schwer und schläft nicht gut auf Luftbetten. Der erste Versuch am Abend musste ausfallen. Er ist eine halbe Stunde zu spät angekommen, durch den Schienenersatzverkehr.

"Da war die Wunschmama nicht froh", sagt Houben. "Also versuchen wir es heute tagsüber zweimal."

Den ersten Versuch, sagt Ed, hatten sie am Morgen. Houben musste früh aufstehen. Die Wunschmama fütterte die Katzen und machte Frühstück. Es gab frische Brötchen und Kaffee. "Wollen wir dann mal rübergehen ins Schlafzimmer?", sagte sie dann.

Wie viele Versuche er in seinem Leben schon hinter sich hat, weiß Ed Houben nicht. Er trifft jeden Monat 10 bis 15 Frauen. Es fing an, als er 29 war, keine Freundin hatte und sich eine Familie wünschte. Er hörte, dass es anderen auch so ging, Paaren sogar. Denen, sagt er, wollte er helfen.

Ed Houben fuhr in eine niederländische Fruchtbarkeitsklinik und gab Samen ab. Er gab nach und nach so viel davon, dass es, nach vier Jahren, genug war für 25 Kinder. Danach musste er aufhören, so wollte es das Gesetz. Aber so wollte er es nicht. Er wollte weitermachen. Er reiste in eine andere Klinik, nach Belgien. Am Abend beschäftigte er sich weiter mit seiner neuen Mission, er saß vor dem Computer, und im Internet fand er eine Seite für Lesbenpaare mit Kinderwunsch.

Was war eigentlich mit denen?

In Kleinanzeigen boten sich ihnen Männer an. Hans, 28, sportlich. Ed Houben fand das plump. Die meisten Männer wollten Geld, sie wollten anonym bleiben. Er hingegen fand, dass jedes Kind das Recht habe, schon früh zu erfahren, wer sein Vater sei, und nicht erst, wenn es volljährig ist und sein Recht einklagen kann. Er schrieb den Frauen lange Briefe.

Vor fast neun Jahren, so erzählt er in dem Berliner Café, wurde er das erste Mal Vater, ganz bewusst. Um das Kind zu zeugen, war er in die Nähe von Amsterdam gereist. Er nehme kein Geld von den Wunscheltern, sagt er, nur das Geld für die Fahrt. 130 Euro zahlt ihm die Wunschmama aus Berlin für den Bus und die Flüge, plus Kreditkartenaufschlag. Sie verpflegt ihn auch. Während er erzählt, macht sie zu Hause Champignoncreme-Suppe und strammen Max mit Salat, zum Mittagessen.

Um 14 Uhr muss er wieder da sein. Er zieht seine Uhr an einer silbernen Kette aus der Seitentasche seiner Outdoor-Hose. Etwas Zeit hat er noch.

Er erzählte damals seinem Bruder vom Kind bei Amsterdam. Auch seiner Schwester. Sie waren älter, "Alt-Hippies", "Anarchos", so nennt er sie. Sie beglückwünschten ihn. Er tue etwas Gutes, sagten sie ihm, etwas wie Blutspenden. Er, Ed, verhalf anderen zum Leben.

"Am Anfang hatte ich nur niederländische Frauen mit Bechermethode", sagt er.

Er unterbricht seine Erzählung, die Zeit ist um. Nach dem Mittagessen ist der zweite Versuch eingeplant.

Einen Tag später kommt eine blonde Frau in ein anderes Berliner Café, die Wunschmama. Sie setzt sich und bestellt einen Tee.

Die Frau ist blond, hat große braune Augen, schmal, sie trägt eine dicke Strickmütze, weil sie schnell friert. Sie ist zu einem Gespräch bereit, solange ihr Name nicht bekannt wird.

Sie wirkt leicht, beschwingt. Ob es geklappt hat, ob sie schwanger ist, weiß sie natürlich noch nicht, "man hat kein Gefühl", sagt sie. In zwei Wochen weiß sie mehr, an Zyklustag 28, wenn ihre Regel eintritt oder nicht. "Die Zeit bis dahin ist immer wie fliegen", sagt sie.

Sie sieht dann hoch, lächelt scheu und sagt: "War gestern noch echt stressig."

Der erste Versuch am Morgen, sagt sie, sei ganz gut verlaufen. Aber am Nachmittag, beim zweiten Versuch mit Ed, sei es gar nicht mehr gelaufen. Sie sagt ein paar Sätze, sie alle sollen beschreiben, was schiefgelaufen ist. Zuletzt sagt sie: "Er ist halt nicht mehr in Form gekommen."

Seit fünf Jahren wünscht sie sich ein Kind. Im Laufe der Zeit ist sie zur Expertin geworden. "Manche sagen, man solle ja auch nicht zweimal am Tag. Aber zweimal bedeutet, das Sperma ist fünf Stunden länger im Körper." Das erhöhe die Chancen.

Sie tut vieles, von dem sie glaubt, dass es die Chancen erhöhe. Nach jedem Versuch bleibt sie 15 Minuten auf dem Rücken liegen, sie trinkt keinen Alkohol, isst besser, mehr Fett, auch mal ein Eis. Sie wählt die "natürliche Methode", also Sex, mit Männern, die Samen spenden wollen.

"Das sehe ich ganz pragmatisch", sagt sie. Sie hat Regeln für den Sex. Sie küsst den Mann, das ja. Sie zieht schöne Unterwäsche an, aber keine sehr schöne. "Und ich wichs ihm keinen und blas ihm auch keinen", sagt sie. Am Ende unterhält sie sich noch mit dem Mann, in den 15 Minuten auf dem Rücken.

Sie kennt die Zeiten und Wege. Sie ist Molekularbiologin, mit Doktortitel, sie arbeitete lange in den USA. Sie hat in ihrem Leben schon kompliziertere Abläufe erforscht, an Proteinen, sie kennt sich aus mit Codierungen und DNA-Sequenzen.

Sie hatte einige Freunde, aber sie wollte früher nie Kinder. Dann war sie 30 Jahre alt, wollte Kinder, hatte aber keinen Freund. "Wartest du jetzt, bis der Richtige vorbeikommt?", fragte sie sich.

Sie forschte im Internet, sie erwischte zunächst nur Sexseiten. Dann stieß sie auf die Seite spermaspender.de und klickte sich durch die Profile der Männer.

Gerhard, 1,83 Meter, 40, Haarvolumen: voll; Brillenträger: ja; Spende überregional möglich: ja; Methode: natürlich; Familienstand: gebunden. Anzeigentext: Hallo ich helfe sehr gerne und unkompliziert.

Oder: markus1976, 1,72 Meter, 35, Haarvolumen: voll; Körperform: Bauchansatz.

Sie entschied sich für einen Polizisten, höhere Laufbahn, zwei Kinder, Gesundheitszeugnis. Aber der wollte immer, auch an Tagen, an denen sie nicht fruchtbar war, auf Parkplätzen. Das machte sie skeptisch.

Sie traf noch einen Architekten, der schwitzte zu stark. Und einen Salsa-Tänzer, der war nicht zuverlässig. Sie machte ein Jahr Pause und legte schließlich ihr eigenes Profil an, "Kleopatra". Es meldete sich Ed Houben aus Maastricht, mit einem langen Brief.

Ed war anders. Ihn traf sie das erste Mal im Dezember, seitdem alle vier Wochen. Ed war zuverlässig, Ed war warmherzig, Ed sprach gut über die Liebe. Das kannte sie nicht, nicht von anderen Spendern, nicht von früheren Freunden und nicht einmal von ihren Eltern.

Seit sie Ed kennt, geht sie in keine Discos mehr und sucht keinen Lebenspartner im Internet. Sie sucht einen neuen Job oder wartet auf Ed. Sie lebt ihr Leben im Rhythmus ihrer fruchtbaren Tage.

"Ed ist so problemlos, den merkt man gar nicht", sagt sie. Nur gestern, am Nachmittag, gab es dann doch das Problem. Sie wusste, er würde den Flug zurück um 18 Uhr nehmen müssen, sie hörte die Kirchturmglocken schlagen, es war 16 Uhr. Sie entschied sich um, für den Becher, das ging schneller. Sie wickelte den vollen Becher in ein Handtuch, stellte ihn warm, auf die Heizung, fuhr mit dem Fahrrad in die Apotheke, kaufte eine Spritze "für die Aufzucht von Hamstern", sagte sie. Sie fuhr zurück, "ich habe mir das ganz langsam eingeführt und zugesehen, dass ich selbst noch einen Orgasmus bekomme".

Auch das erhöhe die Chancen.

Da war Ed längst weg, zurück zum Flughafen, nach Maastricht, in seine kleine Siedlung mit den Backsteinhäusern, wo er die Treppen hinaufstieg bis ins dritte Obergeschoss links, Wohnung 8 C. Er erwartete am Abend noch Gäste, ein Lesbenpaar aus Aachen. Die Methode: nach Absprache.

Zwei Tage später öffnet er die Tür. Das Lesbenpaar aus Aachen ist noch da, Ed läuft vor ins Wohnzimmer und legt sich zurück auf die Chaiselongue vor den Fernseher.

Auf einem Sideboard steht ein digitaler Fotorahmen. Im Zweisekundentakt wechseln die Gesichter seiner 82 Kinder.

"Doris, Elias, Emily, Emily, Finn", spricht Ed mit.

In die Wohnung ist er 1979 mit seiner Mutter gezogen, da war er zehn. Sein Vater, ein Schuhverkäufer, hatte seine Mutter gerade verlassen. Sein Bruder war gestorben, mit 22, er hatte Multiple Sklerose. Als sie ihn bestattet hatten und alle weg waren, ging Ed noch einmal zurück zu ihm an den Sarg und schwor sich, nie wieder diesen Schmerz fühlen zu wollen.

Es waren die Menschen, die in ihm Schmerz auslösen konnten, weil er sie verlieren könnte. Also versuchte er von nun an, andere Menschen zu meiden.

Er schwänzte die Schule, er wollte zu Hause bleiben, seine Mutter schrieb ihn krank. Er war ein dickes Kind, Realschüler, er ging zum Militärdienst und machte die Buchhaltung für die Reparatur von Lastwagen. Er wurde Zeitsoldat, war stationiert in Deutschland, kehrte zurück nach Maastricht, studierte Geschichte, arbeitete als Fremdenführer für die Stadt und lebte weiterhin bei seiner Mutter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Ed Houben noch nichts in seinem Leben getan, womit er aufgefallen war.

Und wenn er Frauen traf, waren sie für ihn wie aus einer anderen Welt, Bedrohung und Ikone zugleich. Frauen wollten gutaussehende, sportliche Jungs, keinen wie ihn.

An der Uni hatte Ed manchmal auf Partys im Vollrausch geknutscht, mehr nicht.

Eigentlich hatte er also keine Erfahrungen, als er sich im Jahr 2002 auf den Weg zu den Frauen machte, die sich nach einem Kind sehnten, wie er sich nach den Frauen sehnte.

Seiner Mutter erzählte er nichts. Nach dem Abendessen fuhr er zu den Frauen, zuerst lebten sie in der näheren Umgebung, er verschwand in einem Zimmer, kam mit einem gefüllten Becher heraus, übergab den Becher, fuhr wieder zurück und legte sich stumm in sein Zimmer.

2004 dann traf er auf ein Paar, er Niederländer und unfruchtbar, sie Südamerikanerin. Die beiden machten ihm klar, dass sie keinen Becher wollten. Sie wünschten sich Intimität und Gefühle für ihr Kind, wenn es entstehen würde, das sagte ihm der Ehemann. Dessen Frau lehrte Ed, damals 34, was Leidenschaft ist.

Von nun an war es für Ed Houben auch gut ohne Becher. Es verblüffte ihn, denn auch andere Wunschmamas wollten Sex mit ihm, Lesben und heterosexuelle Frauen, deren Männer einverstanden waren, die zusahen, spazieren gingen oder fernsahen, während es geschah.

2005 erzählte er es dann auch seiner Mutter, sie entgegnete ihm nicht viel, 2007 zog sie aus, in ein Haus mit Fahrstuhl. Seitdem kommen die Frauen zu Ed Houben nach Hause und schlafen im Gästezimmer, seinem alten Kinderzimmer.

Er wäscht jetzt selbst die Wäsche, seine Mutter bügelt nur noch die Hemden und kommt zum Putzen. Zwei- oder dreimal in der Woche fährt er zu ihr zum Essen, er hatte sie früher nie umarmt, mittlerweile kann er es. An den anderen Tagen hat er meist Besuch von den Frauen oder Paaren.

In der Küche steht Christiane aus Berlin. Sie macht Wirsing mit Hackfleisch. Sie ist 42, ihre Frau, 32, wartet im Gästezimmer, sie will sich nicht zeigen.

Die beiden sind das erste Mal nach Maastricht gekommen. Sie waren spät dran, Zyklustag 13, letzter Tag, letzte Chance. Sie haben nur einen Versuch unternommen, am ersten Abend.

Christiane hackt Zwiebeln. Sie war schon einmal verheiratet, sie hat bereits ein Kind. Seit fünf Jahren versuchen sie und ihre Frau es mit einem gemeinsamen Kind. Sie haben ein schönes Zuhause, sie würden gern ein Kind adoptieren, sagt Christiane, aber die Chancen für lesbische Paare sind schlecht.

Eine Samenbank wollten sie nie. Auch sie wollen, dass das Kind früh weiß, wer sein Vater ist. Sie haben zuerst im Freundeskreis nachgefragt, in der Schwulenszene, im Schwul-lesbischen Verein. Sie fanden auch Männer, aber es war schwierig. Sie bezahlten Medikamente, Vitamine für sie. Zuletzt trafen sie einen schwulen Mann, 45, "der wirklich auch Vater sein wollte", sagt Christiane. Eineinhalb Jahre versuchten sie alles mit ihm, Bechermethode, Arztmethode, Reagenzglas. Zuletzt stellte sich heraus, dass sich nur noch 20 Prozent seiner Spermien bewegten.

Sie und ihre Frau sind jetzt schlauer, aber auch pleite. 20 000 Euro haben sie ausgegeben für den Wunsch, ein Kind zu haben. Also bleibt nur noch Ed Houben. Der hat sich von seiner Chaiselongue in sein Arbeitszimmer bewegt. Im Regal stehen Geschichtsbücher, auf dem Schreibtisch kleine Figuren, eine schwangere Frau in Miniatur.

Er fährt den Rechner hoch. Er liest aus der Excel-Tabelle mit den Namen vor. Für jedes Jahr hat er die Gesamtzahl neu ermittelt. 2011: elf Geburten. Gesamt: 45 Mädchen, 35 Jungs. Das ist seine Bilanz.

Von zwei Kindern kennt er das Geschlecht nicht. Die Mütter haben es nicht mitgeteilt. Ihr Vater fragt auch nicht nach. Das ist der Deal, mündlich vereinbart. Es gibt keine Ansprüche, auf beiden Seiten.

Die meisten Mütter wollen Kontakt. Sie schicken Briefe und Fotos zu Weihnachten. Ed Houben schreibt nicht zurück, das wäre zu teuer. Auf dem Klo hängen zwei Kinderkalender. Für den digitalen Fotorahmen hat er einen Trick entwickelt, um sich die Namen der Kinder besser zu merken, und die Bilder alphabetisch sortiert.

"Im Moment sind zehn Frauen schwanger", sagt er und schließt die Tabelle. Er geht noch schnell auf die Internetseite spermaspender.de. Er findet ein neues Gesuch. Er setzt den Namen in eine leere Mail, kopiert seinen Brief hinein und drückt auf "Senden", während er spricht. Er schließt den Browser, schließt alle Fenster in seinem Computer. Auf der Oberfläche flackert nur noch das Bild einer jungen Frau mit langen braunen Haaren, einer hübschen Spanierin, "meine Freundin", sagt Ed.

Er betrachtet sie eine Weile und sagt: "Ja, die war auch mal eine Wunschmama."

Ed kennt sie seit drei Monaten. Sie ist seine dritte Freundin. Auch die beiden Freundinnen davor waren Wunschmamas. Die erste kam nicht klar mit dem, was er tut. Die zweite hat ihn verlassen, einfach so. Da hatte Ed das erste Mal Liebeskummer.

Seitdem er Samenspender ist, erlebt Ed Houben Dinge, die sonst Teenager erleben. Den ersten echten Sex, die erste Leidenschaft, die erste Trennung. Und er lernt, dass es nach dem Schmerz weitergeht. Als 42-Jähriger holt er nach, was er früher verpasst hat.

"Meine Freundin sagt, dass mich das, was ich tue, nur interessanter mache", sagt er. Sie besuche ihn bald wieder. Noch hat es bei ihr mit einem Kind nicht geklappt.

Denkt er daran aufzuhören? Für sie?

"Nein", sagt Ed, zögert, "vielleicht."

Er sieht im Moment kein Ende. Im Moment steht er noch in Kontakt mit einer Vietnamesin, und es gibt Frauen, die wollen ein Geschwisterkind, so wie Pia, die schon ein Kind hat von Ed. Max ist zweieinhalb Jahre alt, Kind Nummer 59.

Sie heißt nicht wirklich Pia, auch sie möchte anonym bleiben. Sie ist 40, sie lebt in einer großen Stadt in Deutschland, sie hatte nur kurze Beziehungen, nach spätestens acht Monaten rastet sie immer aus. In den Kreißsaal ging sie mit ihrem Bruder und ihrem Vater. Sie besuchte Geburtsvorbereitungskurse, extra für Singles. Den Schwangerschaftstest kaufte sie bei Schlecker. Zu Ed Houben nach Maastricht war sie nur ein einziges Mal gereist. Sie wollte den Becher und allein sein. Im Gästezimmer legte sie sich ein Kissen unter den Po, sie machte sich Musik an und Kerzen. "Ich wollte mir selbst ein Kind machen", sagt sie. Dieses Kind holt Pia jetzt jeden Tag von der Kita ab.

Seit Max' Geburt hat sie allerdings auch fast jeden Tag mit dem Jugendamt zu tun. Sie bezieht Arbeitslosengeld, und den Unterhalt, den eigentlich der Vater zahlen müsste, bekommt sie vom Jugendamt. Wenn herauskäme, dass ihre Angaben nicht richtig sind, müsste sie das Geld zurückzahlen, und ihr würde eine Strafanzeige drohen wegen "Leistungsbetrugs".

Die Ämter prüfen das. Pia musste angeben, mit wem sie alles Sex hatte in dem Jahr vor Max' Geburt. Mitarbeiter aus der Unterhaltsstelle nehmen Kontakt auf zu den Männern. Sie arbeiten wie Detektive.

Pia lebt mit dieser Lüge, weil sie das Geld braucht, aber auch das Kind. Sie sagt, sie sei glücklich wie noch nie. Es störe sie nicht, dass das Kind 82 Halbgeschwister hat. Es störe sie auch nicht, dass Ed so viele Frauen hatte. "Er gibt jeder einzelnen das Gefühl, einzigartig zu sein", sagt Pia. Wenn ein anderes Kind Max fragt, wo sein Papa sei, antwortet er nicht.

Zu Hause hat Pia ein Buch für Max, ein Aufklärungsbuch für Kinder ab vier Jahren, sie sehen da ab und zu schon mal hinein. Das Buch handelt von einer Mama, die keinen Mann hatte, die aber einen freundlichen Mann kannte, der der Mama seinen Samen gab.

Einmal im Jahr besuchen Pia und Max ihren freundlichen Mann. Der freundliche Mann hat dann ein Lokal in Maastricht gemietet und all seine Kinder eingeladen.

15 Kinder kamen beim letzten Treffen, im Mai saßen sie alle auf einer Terrasse zusammen. Ed hatte ein Geschenk für jedes Kind, einen kleinen Ball.

Pia sagt, Max sei einmal zu Ed gegangen, mit langsamen Schritten, dabei sei er eigentlich gar kein mutiges Kind. Max hat sich für einen kurzen Augenblick zu Ed auf den Schoß gesetzt, zu "Papa Ed". Dann sind sie wieder gefahren.

Max hat das Kinn wie Ed, rund und mit einer Delle, wie alle seine Kinder. Er hat die Füße wie Ed, groß, auch wie alle Kinder. Die Augen sind meistens die der Mutter. Die Kinder sind noch klein. Sie werden wachsen, mit jedem Jahr mehr Fragen stellen, und sie werden Antworten wollen. Vielleicht wollen sie mehr Nähe irgendwann, mehr Liebe. Oder Unterhalt.

Hat er nie Angst?

"Wovor?", fragt er.

Dass sie eines Tages alle vor der Tür stehen?

"Dann hätte ich das so gewollt", sagt er. Und wenn sie alle Geld wollten von ihm, dann hätte er es gar nicht. Hat er ja auch nicht, für 84 Kinder. Oder mehr.

Ed sitzt am Abend in einem Grillrestaurant im Zentrum von Maastricht, er trägt ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift "POLIZEI", vor ihm liegt ein Ein-Kilo-Steak, er schneidet zufrieden daran entlang, "Mmmmmh", sagt er und nimmt einen Schluck Rotwein. Er wischt sich die Hände an einer Stoffserviette ab, er kratzt sich mit dem Daumen flüchtig über den dicken Bauch. Sein Gewicht störe ihn nicht, sagt er, nicht mehr. Victoria, Johanna, sie alle sagten, er sei schön, wie er ist. Von den Frauen, die ihn besuchen, wünscht er sich mittlerweile, dass sie seine Leibspeise kochen, Fleisch auf jeden Fall, das ist neu.

Es ist auch neu, dass er den Frauen nicht mehr die Stadt zeigt. Er ist nicht mehr die ganze Zeit zu Hause, wenn sie da sind. Er lässt sich Fotos schicken, er will neuerdings keine dicken Frauen mehr, keine zu großen. In 75 Prozent der Fälle hat er Sex mit den Frauen.

"Meine Freundin meint, ich sei ein Macho", sagt er. Er spricht als Nächstes über Stellungen, die "Missionarsstellung" und das "Chinesische Puzzle". Es gibt Betreiber von Internetforen, die ihn einladen, in die USA, als Experten für privates Samenspenden.

Er redet, schneidet Fleisch, redet. "Mmmmmh", sagt er. Er wirkt wie im Rausch. Als er aufgegessen hat, sieht er auf sein Handy. Er findet eine Antwort von der Website spermaspender.de. Die Frau, der er am Nachmittag eine Nachricht geschickt hat, hat geantwortet. Sie schreibt, sie würde ihn gern besuchen.

"Gerhard, 1,83 Meter, Brillenträger: ja, Methode: natürlich" - so werben Männer für sich im Netz.

20 000 Euro haben sie für ihren Kinderwunsch schon ausgegeben. Jetzt bleibt nur noch Ed Houben.

Er lässt sich jetzt vorher Fotos schicken, er will neuerdings keine dicken Frauen mehr.


DER SPIEGEL 15/2012
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