07.04.2012

AUTOMOBILEZwitter des Zeitgeists

Mit dem spartanischen Strom Mobil „Twizy“ präsentiert Renault das bislang drolligste Resultat einer toll kühnen Elektroauto-Strategie.
Die Idee des maximal reduzierten Automobils führte in den neunziger Jahren zur Erschaffung des Smart. Der kugelige Zweisitzer des Daimler-Konzerns gilt seither als das Stadtauto schlechthin.
Dass es noch um einiges kleiner geht, stellt nun der französische Hersteller Renault unter Beweis. In diesem Frühjahr wird er ein Großstadtgefährt in den Handel bringen, das deutlich weniger Verkehrsfläche in Anspruch nimmt. Auf einem Standard-Parkplatz sollen drei davon quer zur Fahrtrichtung abgestellt werden können.
Der Wagen heißt "Twizy", hat auch zwei Sitze, allerdings hintereinander, freistehende Räder wie manche Kabinenroller der Nachkriegsjahre, und er könnte der Phantasie eines Comic-Zeichners entsprungen sein.
Twizy fährt rein elektrisch. Es gibt eine starke Version mit 13 Kilowatt, die 80 km/h erreicht und einen Autoführerschein erfordert, sowie eine auf 45 km/h begrenzte, die schon 16-Jährige mit entsprechender Lizenz fahren dürfen.
Das Renault-Management bezeichnet Twizy als "völlig neues Fahrzeugkonzept"; die Zulassungsbehörden ordnen den Wagen in der Fahrzeuggattung "Quad" ein, einer Mischform aus Auto und Motorrad, in der auch diverse Spaßtraktoren amtlich beheimatet sind. Die Einstufung in diese Fahrzeuggattung erspart es dem Hersteller, jegliche Form von Crash-Sicherheit nachzuweisen. Renault stattete den Twizy immerhin freiwillig mit Airbag und Gurten aus und verweist auf eine Rohrrahmen-Struktur, welche die Insassen "nach Art eines Sturzhelms" abschirmen soll.
Anders als andere Quads hat der Wagen ein Dach und auf Wunsch auch Türen, wenngleich ohne Seitenfenster. Vollständiger Witterungsschutz mit Heizung und Lüftung, erklären die Konstrukteure, hätte zu viel Aufwand bedeutet und die Kosten gesprengt. Twizy soll ein zeitgeistreicher Zwitter aus Auto und Motorroller sein, wobei vorerst offenbleibt, ob er eher die Vor- oder die Nachteile beider Fahrzeugtypen vereinigt.
Unabhängig von seinem Nutzwert taugt das Gefährt jedenfalls als Gradmesser für die Chancen und Grenzen der Elektromobilität - einer Antriebsform, welcher sich der Firmenverbund aus Renault und Nissan kategorisch verschrieben hat wie kein anderer Automobilproduzent.
Konzernchef Carlos Ghosn, einst als Nissan-Sanierer zur Lichtgestalt aufgestiegen, hat den baldigen Durchbruch des Stromantriebs in die Großserienproduktion zur Schicksalsfrage gemacht. Mit einem Entwicklungsbudget von vier Milliarden Euro will er Renault und Nissan zu führenden Anbietern von Elektroautos machen. Im Jahr 2015, so sein Versprechen, werde der Konzern über eine halbe Million solcher Fahrzeuge produzieren können.
Der Finanzfachmann definierte dieses Ziel offenbar in Unkenntnis der naturwissenschaftlichen Rahmenbedingungen seines Vorhabens. Die Elektromobile, die Renault und Nissan inzwischen auf den Markt gebracht haben, sind batteriebewehrte Standardautos, die trotz teurer und schwerer Akkus nur bescheidene Reichweiten erzielen und obendrein derart viel Strom fressen, dass auch der Ökosegen ausbleibt.
Ghosn hielt es für unnötig, auf dem Weg über die Hybridtechnik den Elektroantrieb gründlich verstehen zu lernen. Nun hat er Produkte wie den Nissan Leaf im Angebot, die zum Preis reisetauglicher Mittelklassewagen den Aktionsradius der städtischen U-Bahn bedienen.
Das Stadtmobil Twizy dagegen illustriert bescheidener und glaubwürdiger, wozu der Elektroantrieb bei heutigem Entwicklungsstand sinnvollerweise taugt. Es fährt 60 bis 100 Kilometer weit, was für ein solches Spaßmobil durchaus ausreichend ist. Dafür genügt ein Lithium-Akku mit gut sechs Kilowattstunden Ladekapazität.
Die schweren, aus konventionellen Autos abgeleiteten E-Mobile verbrauchen mehr als das Doppelte an Strom und hängen beim Nachtanken acht Stunden lang an einer Ladestation, die zudem über eine robuste Sicherung verfügen muss. Dem Twizy genügen dreieinhalb Stunden, auch an einer üblichen Steckdose. Er ist entsprechend eine weit geringere Belastung für das Netz.
So ernüchternd es auch sein mag: Rein physikalisch ist der Elektro-Kabinenroller das überzeugendere Konzept, verglichen etwa mit einem Strom-Sportler vom Typ Tesla. Renault muss nun der Kunstgriff gelingen, das Verzichtmobil als elitäres Trendgefährt in Szene zu setzen. Denn auch dieses Elektrofahrzeug ist, gemessen an seiner Transportleistung, kein billiges Produkt.
Im Grundpreis von 7690 Euro für die 80-km/h-Version sind weder die halbhohen Türen noch die Batterie inbegriffen. Renault wird den Akku wie bei anderen Modellen vermieten, je nach Vertrag zu Monatsraten zwischen 50 und 72 Euro.
Auf ein zehnjähriges Autoleben hochgerechnet kostet der Twizy damit mehr als manch vollwertiger Kleinwagen.
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 15/2012
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