16.04.2012

GEHEIMDIENSTE

Wir müssen als Erste rein

Von Gude, Hubert; Hornig, Frank; Zand, Bernhard

Der neue BND-Präsident Gerhard Schindler, 59, über bürokratische Agenten und den wachsenden Einfluss von al-Qaida in Nordafrika

SPIEGEL: Lesen Sie Gedichte?

Schindler: Gelegentlich.

SPIEGEL: Nobelpreisträger Günter Grass hat gerade eines veröffentlicht, in dem er behauptet, Deutschland liefere mit seinen U-Booten die Plattform für einen möglichen israelischen Vernichtungsschlag gegen Iran.

Schindler: Das halte ich für absurd!

SPIEGEL: Wann rechnet der Bundesnachrichtendienst (BND) mit einem Angriff auf die Atomanlagen am Persischen Golf?

Schindler: Dazu werde ich mich angesichts der politisch brisanten Situation sicherlich nicht im SPIEGEL äußern.

SPIEGEL: Seit Anfang des Jahres sind Sie Chef des Bundesnachrichtendienstes. Was wollen Sie ändern?

Schindler: Jedenfalls nicht die Haltung der Mitarbeiter. Noch nie habe ich in meiner Laufbahn so viele hochmotivierte Kollegen getroffen wie hier. Allerdings ist mir auch noch nirgends so viel Bürokratie begegnet. Manchmal dauert es Monate, bis eine Operation in Gang gebracht ist, das kann so nicht bleiben. Der Dienst muss risikofreudiger werden.

SPIEGEL: Und zwar wie?

Schindler: In den Krisengebieten der Welt darf es kein Zögern geben. Wir müssen die Ersten sein, die reingehen, und als Letzte wieder raus.

SPIEGEL: War Ihr Vorgänger Ernst Uhrlau zurückhaltender?

Schindler: Meinen Vorgänger kann und will ich nicht beurteilen. Außerdem möchte ich eigene Spuren im BND hinterlassen. Ich glaube zum Beispiel, dass wir die Arbeit von Agenten und Quellen noch ausbauen können. Bei allen Möglichkeiten, die moderne Überwachungstechniken etwa im Internet oder über Satelliten heute bieten: Es reicht nicht aus, sich darauf zu verlassen. Klassische Nachrichtendienstarbeit ist damit nicht zu ersetzen.

SPIEGEL: Was berichten Ihre Leute denn vom Hindukusch, wo al-Qaida zuletzt massiv unter Druck geraten ist? Gilt die Terrorgruppe noch als handlungsfähig?

Schindler: Natürlich ist die Situation für al-Qaida im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet schwierig geworden. "Geht nach Somalia", hat ein Kommandeur der Terrororganisation Islamisten aus dem Westen zugerufen, weil es in den pakistanischen Lagern inzwischen zu gefährlich sei. Hintergrund sind die militärischen Erfolge der westlichen Truppen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich die Gefahr damit erledigt hätte.

SPIEGEL: Vor einem Jahr tötete ein US-Spezialkommando Osama Bin Laden. Welche Folgen hatte dies für al-Qaida?

Schindler: Das war sicherlich ein Einschnitt in die Struktur der Kerngruppe. Wir haben aber nicht den Eindruck, dass das Terrornetzwerk und seine Strukturen deutlich schwächer geworden wären.

SPIEGEL: Die Nachfolge Bin Ladens hat der Ägypter Aiman al-Sawahiri offiziell für sich reklamiert. Ist der Arzt nun die unangefochtene Nummer eins?

Schindler: Nach unseren Erkenntnissen ja. Sawahiri hatte bereits zu Bin Ladens Lebzeiten sehr großen Einfluss innerhalb des Netzwerks. Dessen Aufbau hat sich seither nicht verändert: mit Kern-al-Qaida an der Spitze und vielen Filialen etwa im Irak, im Jemen oder im Maghreb. Sie sind nach wie vor eng miteinander verbunden.

SPIEGEL: Die Fragmentierung von al-Qaida ist keine Schwäche, sondern eine Stärke?

Schindler: Dieses Netzwerk ist hochflexibel. Wo der Druck zu groß wird, zieht sich al-Qaida zurück. Wo die Bedingungen günstiger sind, weitet es seine Aktivitäten aus. Gerade in Nordafrika ist die terroristische Bedrohung in den vergangenen Monaten sicherlich gewachsen. In Nigeria hat sich die Terrorgruppe Boko Haram al-Qaida angeschlossen. In Somalia sind es die Schabab-Milizen.

SPIEGEL: Demnach hat sich die islamistisch-terroristische Szene verlagert?

Schindler: Es ist in der Tat eine Absetzbewegung in Richtung Somalia und in den Jemen festzustellen. Daneben beobachten wir, dass sich al-Qaida in Nordafrika derzeit neu orientiert. Ich glaube, dass es dort für eine Terrororganisation gute Rahmenbedingungen gibt: Wir haben in diesen Ländern eine hohe Arbeitslosigkeit, bisweilen ist die Grundversorgung der Bevölkerung nicht gesichert, und es gibt wenig ausgeprägte rechtsstaatliche Sicherheitsstrukturen.

SPIEGEL: Welche Folgen hat das für deutsche Islamisten, die es in den bewaffneten Kampf zieht?

Schindler: Früher war Waziristan im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan das wohl wichtigste Ziel deutscher Konvertiten. Jetzt wird Somalia zu einem neuen Hotspot.

SPIEGEL: Bildet sich nach dem Aufstand in Mali in Westafrika nun der nächste Krisenherd?

Schindler : Mali ist knapp viermal so groß wie Deutschland, mit einer heterogenen Bevölkerungsstruktur. Dass sich Nordmali nun vom Rest des Landes abzuspalten droht, ist in der Tat besorgniserregend. Denn Nordmali könnte zu einer weiteren Basis für al-Qaida werden. Schon jetzt operieren dort mehrere Rebellengruppen, darunter eine islamistisch orientierte, die an Einfluss und Bedeutung gewinnt.

SPIEGEL: Was bedeutet das für die Menschen in Deutschland? Al-Qaida scheint derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Hat die Terrorgefahr nachgelassen?

Schindler: Nein. Die Zielwahrnehmung der Terrororganisation hat sich nicht geändert. Al-Qaida plant Anschläge auch in Deutschland.


DER SPIEGEL 16/2012
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