16.04.2012

VERKEHR

Süßes Gift

Andreas Knie, 51, Soziologieprofessor und Geschäftsführer des Berliner "Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel", über den Sinn der Pendlerpauschale

SPIEGEL: Herr Knie, wie sind Sie heute ins Büro gekommen?

Knie: Mit einem Elektroauto und mit U- und S-Bahn. Ich habe mehrere Wege, weil ich mehrere Büros habe. Ich kombiniere jeden Tag verschiedene Verkehrsmittel.

SPIEGEL: Weil der Sprit immer teurer wird, fordern Politiker, die Pendler zu entlasten. Ist das richtig gedacht?

Knie: Nein, das ist ein Kurieren an Symptomen. Die Erhöhung der Pendlerpauschale ist ein süßes Gift, das die Ursache der Schmerzen nicht bekämpft; sie müsste abgeschafft werden.

SPIEGEL: Was ist denn die Ursache der Schmerzen?

Knie: Ende der sechziger Jahre fand der damalige Verkehrsminister Georg Leber, jeder Deutsche habe ein Anrecht auf eine Autobahnzufahrt. Dahinter steckt der alte sozialdemokratische Traum von der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen - und eine veraltete Auffassung von Mobilität.

SPIEGEL: Wie lässt sich unsere Auffassung von Mobilität modernisieren?

Knie: Die eigentliche Frage ist doch: Wie will ich künftig leben? Wir wollen einerseits den ländlichen Raum, wollen für die Kinder die beste Landschaft. Aber wir wollen auch gut verdienen, wir wollen zum Fußballspiel, in die Oper. Also müssen wir weite Distanzen überbrücken. Wenn ich diesen Lebensstil haben will, muss ich wissen, dass ich den bezahlen muss.

SPIEGEL: Müssen wir anders leben?

Knie: Wir können uns diese Art zu leben doch nur leisten, weil wir auf das Auto so fixiert sind. Wenn es stimmt, dass die Überwindung von Distanzen immer teurer wird, dann müssen wir die Städte kinderfreundlicher machen, damit junge Familien dort leben können. Ich sage: Wenn ich an einer prosperierenden Ökonomie teilnehmen will, dann muss ich dort auch hinziehen.

SPIEGEL: Besitzen Sie ein Auto?

Knie: Nein. Ich nutze natürlich Car-Sharing. Das exklusive Auto, das 90 Prozent der Zeit nur herumsteht - das kann sich unsere Gesellschaft nicht mehr leisten.


DER SPIEGEL 16/2012
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