16.04.2012

STREITGESPRÄCH„Abschalten, Digger“

Der Musiker Jan Delay und der Abgeordnete der Piratenpartei Christopher Lauer ringen um den Wert der Kunst im digitalen Zeitalter und die Frage, ob Musik im Internet kostenlos zur Verfügung stehen sollte.
Jan Delay ist einer der erfolgreichsten Popmusiker in Deutschland. Wie viele seiner Kollegen fühlt er sich von der Forderung der Piratenpartei, die Musik-Tauschbörsen im Internet zu legalisieren, bedroht, weil dann kein Musiker mehr von seiner Arbeit leben könne. Am vergangenen Dienstag traf er sich im Hamburger SPIEGEL-Haus mit dem Piratenpolitiker Christopher Lauer, um eine Diskussion weiterzuführen, die der Musiker und Schriftsteller Sven Regener (Element of Crime, "Herr Lehmann") vor vier Wochen losgetreten hatte: Die Weigerung, Musik als ein zu bezahlendes Gut anzuerkennen, sei "eine Unverschämtheit".
Delay, 35, ist gebürtiger Hamburger, seine letzten beiden Alben (darunter "Wir Kinder vom Bahnhof Soul") standen auf Platz eins der deutschen Charts; im Mai erscheint die Konzert-DVD "Hamburg brennt". Lauer, 27, ist Abgeordneter der Piratenpartei im Berliner Parlament und kulturpolitischer Sprecher der Fraktion.
SPIEGEL: Herr Lauer, die Piratenpartei fordert die Legalisierung von Musik-Tauschbörsen im Internet. Das bedeutet, dass nie wieder jemand nur einen Cent für ein Lied von Jan Delay bezahlen müsste. Wie erklären Sie ihm, dass Sie seine Arbeit offenbar für wertlos halten?
Lauer: Ich sage nicht, dass seine Arbeit wertlos ist. Wir Piraten sagen, dass es keinen Sinn hat, Menschen, die sich Musik im Netz herunterladen, zu kriminalisieren. Es geht doch um den 15-Jährigen, der kaum Geld hat. Jan, du solltest schon genug Phantasie haben, dir vorzustellen, dass dieser 15-Jährige, der sich heute dein Album herunterlädt oder sich etwas von dir umsonst auf YouTube ansieht, denkt: Okay, das ist gute Musik, und später, wenn ich einmal Geld habe, kaufe ich mir eine CD oder gehe zu einem Konzert von Jan Delay.
Delay: Ach ja? Komisch. Die CD-Verkäufe haben sich in den letzten zehn Jahren fast halbiert. Und jetzt kommt einer von
der Piratenpartei und sagt, das soll Werbung für die Musiker sein? Ich verstehe jeden 15-Jährigen, der kein Geld hat. Es ist trotzdem eine komische Argumentation. Wenn der 15-Jährige sich im Supermarkt eine Flasche Wodka klaut, soll man das dann auch erlauben, weil der Junge kein Geld hat?
Lauer: Es gibt einen Markt von Konsumenten. Die bezahlen Geld für kulturelle Güter. Durch das Internet verteilt sich das Geld nur anders. Unbekanntere Künstler bekommen die Möglichkeit, eine Aufmerksamkeit zu erlangen, die sie im klassischen Plattenfirmen-System nie bekommen hätten. Angebot und Nachfrage - das regelt der Markt nun direkt.
SPIEGEL: Wie denn?
Lauer: Indem die Künstler direkt von den Konsumenten Geld erhalten - durch direkte Bezahlsysteme, durch Verkäufe auf Internetplattformen, durch Konzerte. Was eben nicht mehr funktioniert, ist das alte System zwischen Künstlern, Labeln und Konsumenten. Ich verstehe, dass man sich darüber aufregt. Aber das ist der Ist-Zustand. Findet euch damit ab.
Delay: Ich finde mich sicherlich nicht damit ab, weil ihr unsere gesamten Urheberrechte abschaffen wollt.
Lauer: Ein Künstler soll seine Urheberrechte natürlich behalten. Der soll nicht arm werden. Wir sagen, wenn ein Urheber einen Vertrag mit einem Verwerter abschließt, dann bekommt der Verwerter die exklusiven Nutzungsrechte nur noch für maximal 25 Jahre. Das heißt, wenn du, Jan, einen Vertrag mit Universal abschließt, hat Universal die Nutzungsrechte nur noch maximal 25 Jahre - und auch nur für Vertriebswege, die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses bekannt waren. Das stärkt dich als Künstler.
Delay: Ich glaube, ich muss euch Piraten dringend mal ein paar Dinge erklären. Vieles, was du sagst, ist hart gefährliches Halbwissen. Ihr strickt euch eure Meinungen aus irgendwelchen Blog-Posts und Wikipedia-Einträgen zusammen. Aber keiner von euch hat sich 20 Jahre lang im Musikgeschäft bewegt, weder als Schaffender noch als Verkaufender. Bei euch sind die Plattenfirmen immer die Bösen, aber das ist ein Klischee. Was ihr immer vergesst, ist die komplette Infrastruktur, die da dranhängt: Videoproduktionen, Studios, all die Zulieferbetriebe, die seit zehn Jahren nur noch sterben, sterben, sterben.
Lauer: Für 95 Prozent der Musiker lief es auch ohne das Internet, auch ohne die Piratenpartei nicht gut. Die Urheberrechtsdiskussion lenkt den Blick auf die Bedingungen, unter denen die meisten Künstler arbeiten. Die in der Künstlersozialkasse versicherten Musiker verdienten im letzten Jahr durchschnittlich nicht einmal 12 000 Euro.
Delay: Sorry, aber ihr wollt euch jetzt nicht wirklich zum Rächer der schlechtverdienenden Künstler aufschwingen?
Lauer: Ich will nur nicht die Behauptung gelten lassen, die Piratenpartei wolle die Urheber alle arbeitslos machen. Nach unserer Vorlage bleibt das Urheberrecht beim Urheber. Wir ändern lediglich die Spielregeln zwischen Urheber und Verwerter.
Delay: Nee, Digger. Ihr ändert bitte überhaupt keine Spielregeln. Was du da gerade erzählst, verhandelt ein Künstler mit seinem Label. Wenn er einen schlechten Anwalt hat, kriegt er einen schlechten Vertrag. Wenn er schlechte Musik macht, wird er abgezockt. Wenn er gute Musik macht, hat er bessere Chancen, weil man ihn unbedingt signen will. Das hat euch überhaupt nicht zu interessieren, welche Verträge ein Künstler unterschreibt.
Lauer: Es geht doch um die Frage, wie man Künstler und Konsumenten zusammenbringt.
Delay: Nein. Kannst du gar nicht. Denn dazwischen sind immer die Verwerter, also die Plattenfirmen, über die ihr so schimpft. Und die brauchen wir auch. Denn wir machen Musik und Kunst. Wir können uns nicht darum kümmern, wie etwas verkauft wird, wie etwas abgerechnet wird, wie etwas geschützt wird. Dafür brauchen wir die Verwerter.
Lauer: Wir wollen nicht die Verwerter verbieten. Aber die Rolle des Verwerters verändert sich.
Delay: Ich werfe denen in der Plattenindustrie seit zehn Jahren vor, dass die nicht auf so etwas wie iTunes gekommen sind. Dass die das verpennt haben. Mag alles sein. Aber die Versäumnisse der Plattenindustrie sind kein Argument für die Legalisierung der Tauschbörsen. Allein der Begriff ist falsch. Hört sich so harmlos an. Aber da wird nichts getauscht. Da werden meine Lieder für umsonst dupliziert.
Lauer: Ja. Aber wir haben eine Bevölkerung, die benutzt Tauschbörsen. Deswegen sagen wir: Tauschbörsen ja. Nur: Wie gehen wir damit um? Kriminalisieren wir einen Großteil der jungen Bevölkerung? Etwa mit der Two-Strikes-/Three-Strikes-Regelung, die gerade im Gespräch ist und bedeutet, dass man nach zwei oder drei Vergehen den Internetanschluss verliert? Es sind Netzsperren im Gespräch, und es gibt Anwälte, die Abmahnungen über 1500 Euro rausschicken.
Delay: Da sind wir zum ersten Mal einer Meinung. Diese Abmahnungen sind so, als würde man mit einem Baseballschläger jedem auf die Fresse hauen, der ein Kaugummi klaut. Das schürt nur den Hass auf die Plattenindustrie. Es ist ein windiges Geschäftsmodell, das sich ein paar Anwälte ausgedacht haben, die von der Notlage der Künstler und Plattenlabel profitieren und richtig Asche machen. Die holen sich Niedriglöhner, die für fünf Euro die Stunde in Sweatshops sitzen und IP-Adressen rausfiltern.
SPIEGEL: Wird dieses eingeforderte Geld eigentlich an die Künstler ausgeschüttet?
Delay: Peinlicherweise habe ich auf meiner letzten Abrechnung auch einen solchen Posten entdeckt. Das ist eklig. Ich will dieses Geld nicht und spende es. Und ich glaube, es gibt Bands und Labels, die damit inzwischen richtig Geld machen.
Lauer: Mit der Zahlungsaufforderung kommen auch meist Unterlassungserklärungen, und die werden uns noch richtig um die Ohren fliegen. Wenn man die unterschreibt, verpflichtet man sich, beim nächsten Vergehen bis zu 250 000 Euro zu bezahlen. Wir sagen: Es gibt jenseits der Tauschbörsen genügend Möglichkeiten, wie man den Künstlern Geld zukommen lassen kann.
SPIEGEL: Welcher 15-Jährige, der kaum Geld hat, bezahlt für etwas, das er auch legal umsonst haben kann? Was Sie vorschlagen, ist eine Art Almosenwirtschaft.
Lauer: Verstehen Sie doch: Tauschbörsen kriegt man nicht weg.
Delay: Doch. Abschalten, Digger.
Lauer: Wie willst du ein Peer-to-Peer-Netzwerk, das auf tausend Rechner verteilt ist, ohne Deep Packet Inspection abschalten?
Delay: Ey, Alter, was?
Lauer: Also: Wie will man ein solches Netzwerk abschalten, ohne in die Netzstruktur massiv einzugreifen? Zum Beispiel Jan Delays Lied "Klar", das ich toll finde, obwohl ich ihn sonst eigentlich nicht höre …
Delay: Ich hör euch auch nicht.
Lauer: Dieses Lied habe ich jetzt auf meiner Festplatte und öffne ein sogenanntes Torrent-Programm. Damit kann sich das jeder von mir runterladen. Die Rechner fangen also an, die Dateien zu kopieren. Eine Kontrollinstanz, die das verhindern wollte, müsste nun in jedes Datenpaket, das meinen Computer verlässt, hineingucken, um festzustellen, was da hin und her geschickt wird. Ein Musikstück von Jan Delay oder eine Liebes-E-Mail an meine Freundin? Tauschbörsen zu legalisieren ist gesamtgesellschaftlich einfacher als der Aufbau einer Überwachungsinfrastruktur.
Delay: Websites wie Megaupload von Kim Schmitz oder kino.to sind doch auch abgeschaltet worden.
Lauer: Das sind keine Tauschbörsen. Da werden Musik oder Filme auf eine Website geladen, und Geld verdienen die durch Porno-Werbung. Das ist Mafia. Torrent-Tauschbörsen funktionieren anders: Da lade ich mir eine Torrent-Datei auf meinen Rechner. Das ist nicht das Lied oder der Film selbst, sondern nur die Information, wo es zu finden ist. Im Grunde so etwas wie die Gelben Seiten. Das Programm sucht sich von allen Rechnern und Servern, auf denen die Musikdatei liegt, die Informationen und kopiert sie auf meinem Rechner zusammen. Gleichzeitig stellt mein Rechner die Musikdatei wieder anderen Rechnern zur Verfügung.
Delay: Und das findest du in Ordnung?
Lauer: Auf Tauschbörsen wie Pirate Bay gibt es auch Angebote, die ich legal eben nicht kaufen kann. Ich gucke zum Beispiel gerade die amerikanische Zeichentrickserie "Family Guy". Bei iTunes kann man sich die aktuellen Folgen im Original nicht herunterladen, also gehe ich zu Pirate Bay, wo ich die aus dem amerikanischen Fernsehen aufgenommenen Folgen finden kann. Tauschbörsen ermöglichen es den Menschen, Kulturgut auszutauschen. Damit helfen sie unbekannteren Künstlern, ihre Kunst zu verbreiten.
Delay: Das hat Kim Schmitz mit Mega-upload auch getan. So kannst du nicht argumentieren.
Lauer: Aber dort steckt ein kommerzielles Interesse dahinter.
Delay: Bei den Tauschbörsen wie Pirate Bay gibt es auch Bannerwerbung. Wieso ist das eine okay, das andere nicht?
Lauer: Pirate Bay ist eine Suchmaschine für Torrents. Megaupload oder kino.to stellen die Dateien für Geld zur Verfügung.
Delay: Nein. Dort gibt es die Sachen auch umsonst.
Lauer: Aber kino.to ist ein kommerzielles Angebot, weil sie Werbebanner schalten.
Delay: Das tun deine Torrent-Börsen auch. Da hast du immer noch nicht drauf geantwortet.
Lauer: Gut. Jetzt hast du mich.
Delay: Um ehrlich zu sein: Bei den meisten Punkten, die du bisher hier gemacht hast, habe ich dich. Ist jetzt nicht böse gemeint, aber auch unabhängig von der Urheberfrage erscheint mir das ganze Piratenpartei-Ding, als käme da jemand um die Ecke und sagt: Ey, wir sind hier eine Partei und es gibt Schokolade für alle umsonst. Und ein paar Nichtwähler sagen: Geil, Schokolade umsonst, das ist doch mal Politik. Aber, Leute, habt ihr Lösungen? Wisst ihr überhaupt, wovon ihr redet? Ich glaube euch, dass ihr Ahnung von Computern habt, das ist dann aber auch schon alles.
Lauer: Wir machen zumindest Vorschläge.
Delay: Nee, Digger, die Vorschläge, die du bisher hier gemacht hast, kann ich alle in der Luft zerreißen. Soll ich dir mal ein paar Vorschläge machen?
Lauer: Bitte.
Delay: Du sagst einerseits, man soll die Kids, die sich Songs oder Filme bei Pirate Bay oder kino.to besorgen, nicht kriminalisieren. Finde ich auch, aber: Wenn du in einen Laden gehst und ein Duplo klaust und erwischt wirst, bekommst du eine Strafe. So ist das nun mal. Ich fahre seit Geburt schwarz. Wenn ich erwischt werde, zahle ich 60 Euro, und das ist okay. "Superman"-Film runtergeladen, erwischt worden, 60 Euro. Dieses Geld sollte dann nicht den großen Musikern zugutekommen, sondern denen, die unter dem Runtergelade wirklich leiden. Dieter Bohlen und ich bekommen davon nichts.
SPIEGEL: Die Leute sollen ruhig versuchen, Sie zu bestehlen, Sie dürfen sich nur nicht erwischen lassen?
Delay: Ja. Ich bin doch nicht Lars Ulrich von Metallica, der ständig sagt, Klauen ist doof. Ich bin HipHopper. Wir malen nachts Züge an! Wir klauen Musik und machen daraus neue Musik! Das ist unsere Kunst.
SPIEGEL: Und trotzdem pochen Sie jetzt auf Einhaltung ganz bürgerlicher Grundprinzipien: Bitte bezahlt mich, wenn ihr etwas von mir haben wollt.
Delay: Mir ist es egal, ob die ganze schlechte Musik aus dem Netz gesaugt wird. Aber bei den guten Sachen, die mit Herzblut gemacht sind, möchte ich, dass die Leute bezahlen. Und ich finde es nicht uncool, das laut auszusprechen.
SPIEGEL: Offensichtlich befürchten Musiker genau das: als uncool zu gelten, wenn sie darauf beharren, dass illegales Kopieren verhindert werden soll.
Delay: Alter, das finde ich so schwanzlos. Die sollten sich lieber Sorgen darum machen, keine uncoole Musik zu machen.
SPIEGEL: Der Berliner Musiker Sven Regener hat durch ein Radio-Interview die Diskussion um die Urheberrechte und die Pläne der Piraten neu entfacht. Er hat auch gesagt, dass sich viele Musiker nicht trauen würden, ihre Meinung zu sagen.
Delay: Ich fand die Wutrede von Sven Regener super. Aber ich verstehe nicht, warum er die Sorge äußert, dass seine Haltung uncool sein könnte.
SPIEGEL: Möglicherweise hat er ja recht? Der Gestus des Pop war immer eher kapitalismuskritisch. Da ist es schwierig, zu sagen: Ich will, dass die Leute bezahlen.
Delay: Ich finde nicht, dass Pop per se antikapitalistisch ist. HipHop schon gar nicht.
Lauer: Als ich Regener gehört habe, dachte ich, die Forderung nach dem Verbot von Tauschbörsen klingt, als wollte man die Schwerkraft verbieten. Wir leiten viele unserer Forderungen aus den technischen Gegebenheiten des Netzes ab. Die stehen für uns wie Naturgesetze. Deswegen fällt es Ihnen und vielen anderen manchmal schwer, uns zu verstehen.
SPIEGEL: Uns fällt es schwer, weil Sie als Piraten eine Umsonst-Kultur im Netz propagieren, für die es keine Rechtfertigung gibt: Musik, Filme, auch Journalismus, alles darf nichts kosten.
Lauer: Wir suchen doch nach Lösungen, auch zur Bezahlung von geistigem Eigentum. Wenn ein Musiker eine Idee für eine Platte hat, kann er die doch im Netz bekannt machen und fragen, wer bereit ist, dafür zahlen.
Delay: Der soll mit dem Hut rumgehen? Das funktioniert nur, wenn dieser Künstler schon einen großen Namen hast. Ein unbekannter Künstler, der Geld für eine Idee sammelt? Vergiss es.
Lauer: Entschuldigung. Wir müssen, was Bezahlmodelle im Netz angeht, schon ein bisschen experimentieren. Wenn hier jeder Vorschlag nur abgeschmettert wird, brauchen wir uns nicht zusammenzusetzen. Natürlich machen wir Fehler und kennen uns manchmal nicht aus. Aber ich hoffe, es kommt rüber, dass wir uns mit dem Urheberrecht und den Produktionsbedingungen von Kulturschaffenden auseinandersetzen. Im Übrigen geht es nicht ums Klauen. Wenn ich dir die Kappe vom Kopf klaue, Jan, dann ist die weg. Wenn ich einen Song von dir im Netz kopiere, dann ist der aber noch da.
Delay: Dieser Song ist noch da. Aber der Musiker, der ihn gemacht hat, wird keinen zweiten aufnehmen können, weil er mit dem ersten kein Geld verdient hat. Insofern nehmt ihr den Leuten durchaus etwas weg. Meine eigene Biografie als Künstler veranschaulicht das gut: Mit 15 habe ich angefangen, Musik zu machen, nur so. Ich ging noch zur Schule, dann Zivildienst, habe weitergemacht mit der Musik, weil es gut lief, dann Studium, und plötzlich hatte ich einen Hit und keine Zeit mehr fürs Studium. Das heißt, ich habe nur weitergemacht, weil es, jetzt mal krass formuliert, damals kein Internet gab. Hätten sich alle meine Musik einfach umsonst runtergesaugt, hätte ich aufgehört. Dann hätte ich Jura studiert oder BWL oder wäre jetzt ein Junkie.
SPIEGEL: Ein junger Künstler kann heute nicht mehr von seinen Platten leben?
Delay: Jedenfalls nicht, wenn man wie ich Wert auf eine hochwertige Produktion und aufwendige Videos legt. Heutzutage verdienst du dein Geld mit Live-Shows, mit Merchandise, oder du stellst dich für Werbung zur Verfügung. Als ich von meinem letzten Album 100 000 Stück verkauft und damit Gold-Status erreicht hatte, war ich immer noch im Minus.
Lauer: Warum?
Delay: Heute reichen in einer schwachen Woche 10 000 Verkäufe, um in Deutschland auf Nummer eins zu gehen. Dafür war vor 15 Jahren ein Vielfaches nötig. Die Kosten für Marketing sind aber eher gestiegen. Es wird viel investiert von der Plattenfirma, aber das meiste wird mir gegengerechnet. Viel bleibt nicht übrig, vor allem wenn du so aufwendige Videos drehst wie zum Beispiel mein "Oh Jonny". Da musst du schon ein Platin-Album haben, also 200 000 Einheiten verkaufen wie ich jetzt, damit man am Ende vielleicht ein bisschen verdient.
Lauer: Verkaufst du über iTunes?
Delay: Klar. Aber von den 99 Cent, die ein Song dort im Schnitt kostet, gehen gerade mal 15 Prozent an mich, davon muss ich aber noch die Produktion und die Musiker bezahlen. Das ist ein Witz.
Lauer: Siehst du.
Delay: Aber du hast dir vorhin eine Abmahnung über 1500 Euro eingehandelt.
Lauer: Was?
Delay: Du hast gestanden, dass du dir "Family Guy" bei Pirate Bay besorgt hast. Ist schon notiert. Das kostet.
SPIEGEL: Herr Lauer, Herr Delay, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Hüetlin und Philipp Oehmke.
Von Thomas Hüetlin und Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 16/2012
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