18.01.1999

Das Pharaonengrab der Stasi

Sensationsfund in der Berliner Gauck-Behörde: Ein Computertüftler entschlüsselte eine geheime Datenbank der DDR-Auslandsspionage. Jetzt kann erstmals rekonstruiert werden, was die HVA wirklich wußte - und wer es ihr verriet.
Im Raum 607 ist alles so wie früher. Resopalschreibtische, Bürostühle aus DDR-Produktion, an der Wand zwei klobige Robotron-Rechner A 5120, die an aufgemotzte Hammondorgeln erinnern. Zwischendrin verlieren sich ein paar auch schon angejahrte Westcomputer, draußen rauscht der Paternoster vorbei - ein Arbeitsplatz wie im Technikmuseum.
Im düsteren Komplex an der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg residierte einst das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die Stasi. In den Archiven lagerten die Aktenstücke Hunderttausender Ostspitzel und Westspione. Jetzt mühen sich hier die Aufklärer der Gauck-Behörde, aus den Datenbergen verwertbare Informationen aus der Zeit des Kalten Krieges zu klauben.
Die zwei Spezialisten im Raum 607 sind Mitarbeiter des über 20köpfigen Referates AR 7, das sich der Auswertung von Tonbandkassetten, Filmen und elektronischen Datenträgern widmet. Ihr besonderes Interesse gilt dem weltweiten Agentennetz, das Markus Wolf, Leiter der DDR-Auslandsspionage, geknüpft hatte.
Die Suche galt bei Experten als wenig erfolgversprechend. Zu gründlich schienen die Offiziere der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) alle Daten in den Wirren der Wende entsorgt zu haben.
Zu den wenigen Überresten aus Wolfs Imperium gehörten auch Stapel von Magnetbändern aus der Computer-Steinzeit. Doch auf den diskusgroßen Spulen schien zumeist gar nichts oder allenfalls Wirres gespeichert zu sein.
Am Tag vor Heiligabend stöbert ein ehemaliger DDR-Telefontechniker, jetzt in Diensten der Gauck-Behörde, mal wieder in den Bits und Bytes der Museumsstücke - und überraschend gelingt ihm der endgültige Durchbruch: Der 35jährige Tüftler hat eine auf vier Bändern gespeicherte geheime Datenbank gefunden und decodiert.
Plötzlich flimmern Zehntausende Namen und Zahlenkolonnen über den Bildschirm, immer nach dem gleichen Muster: Hinter dem Stichwort "Quelle" stehen Registraturnummer und Tarnname. Im Feld "Text" folgt eine Kurzbeschreibung der Information, samt Eingangsdatum und Buchungsnummer.
Listen strenggeheimer Nato-Dokumente tauchen auf, die Namen "Helmut Kohl" und "Gerhard Schröder" erscheinen in dem Datenwust ebenso wie die führender Konzerne.
Kühl meldete der Hacker der Behördenleitung "Erfolge bei der Lesbarmachung" elektronischer Datenträger.
Das war eine ziemliche Untertreibung.
Der ehemalige DDR-Bürger hatte einen Fund von historischer Bedeutung gemacht: Er hatte die Inventarliste der DDR-Auslandsspionage geborgen, das Pharaonengrab des Markus Wolf geöffnet. Erstmals kann nun nachgewiesen werden, was die HVA wirklich wußte und wer es ihr beschaffte.
Schon bald werden Hunderte Fragen und offene Fälle geklärt sein, die Ermittler und Historiker bis heute beschäftigen:
* Hat der Schriftsteller Günter Wallraff unter dem Decknamen "Wagner" von 1968 bis 1971 für die HVA spioniert, wie es Dokumente nahelegen - oder stimmt sein Dementi?
* Gab es im Umfeld des toten schleswigholsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) tatsächlich eine ganze Reihe ostdeutscher Agenten?
* Geriet der "Konkret"-Herausgeber Hermann Gremlitza zu Unrecht unter Spionageverdacht?
* Was taugen Hinweise, daß Alois Estermann, im Mai vergangenen Jahres erschossener Kommandeur der Schweizer Garde im Vatikan, seit 1979 unter dem Decknamen "Werder" für Ost-Berlin arbeitete? Der Papst wartet auf Klärung.
* Wußte der Ex-General und spätere Grünen-Politiker Gert Bastian, daß die Stasi Anfang der achtziger Jahre der Pazifistengruppe "Generäle für den Frieden" 100 000 Mark per anno zahlte - und hat er sich, wie fünf Jahre nach seinem Tod kurzerhand behauptet wurde, dafür erkenntlich gezeigt?
Schlagartig wurde der Abteilung AR 7 eine nie gekannte Aufmerksamkeit zuteil. In aller Eile mühte sich die Behördenleitung in der vergangenen Woche um modernste Hardware mit hohen Speicherkapazitäten. Geld spielt keine Rolle mehr.
Und plötzlich interessieren sich auch illustre Herrschaften für die Arbeit des Referats: Generalbundesanwalt Kay Nehm entsandte vergangene Woche einen seiner Staatsanwälte; Peter Frisch, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, meldete sich bei Behördenchef Joachim Gauck.
Für diese Woche hat sich sogar Besuch aus dem Bonner Kanzleramt angesagt: Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau will den Trupp von AR 7 aufsuchen. Für Bundeskanzler Schröder bahnt sich wohl eine "Chefsache Ost" der ganz besonderen Art an, für die sich auch US-Präsident Bill Clinton brennend interessieren dürfte.
Denn der Schatz von AR 7 wird die Position der Deutschen gegenüber den USA gewaltig stärken. Endlich hat Bonn ein Faustpfand für die bisher unerquicklichen Verhandlungen mit den USA. Seit Jahren versuchen Sicherheitsbehörden und Regierung vergebens, zumindest eine Kopie der vom amerikanischen Geheimdienst CIA kurz nach der Wende geraubten HVA-Zentralkartei ("Operation Rosenholz") zu bekommen. Jetzt haben sie Gleichwertiges zu bieten (siehe Seite 40).
Die USA haben dank "Rosenholz" zwar den Schlüssel, die Deutschen halten aber das Schloß in der Hand: Die Amerikaner besitzen eine Kartei mit Klar- und Decknamen der DDR-Agenten. Aus ihren Unterlagen geht aber nicht hervor, was die Spione tatsächlich geliefert haben. Die Deutschen verfügen über eine fast vollständige Datei der Spionagevorgänge - abrufbar unter den Decknamen der Agenten. Beides zusammen macht die HVA vollkommen durchsichtig. Angesichts der neuen deutschen Materialfülle dürfte die CIA wohl zur Zusammenarbeit bereit sein.
Aber auch ohne Hilfe des großen Nato-Partners erlaubt der Fund, kombiniert mit bisher entdeckten Aktenresten, erstmals die detailgenaue Rekonstruktion der globalen DDR-Spionage - in Westdeutschland ebenso wie im Rest Europas und in Übersee.
Der 1951 gegründete Auslandsnachrichtendienst der Stasi gilt bei Experten bis heute als einer der effizientesten der Branche - nicht nur, weil es ihm gelang, mit Günter Guillaume einen Spion im Bonner Kanzleramt zu plazieren. Ungezählte Geheimnisse, die die "Kundschafter an der unsichtbaren Front" ihrem Chef Wolf meldeten, sind bis heute unbekannt. Auch nach Tausenden Ermittlungsverfahren und höchsten Anstrengungen der westlichen Geheimdienste blieb die Arbeit der Wolf-Truppe Mythos und Mysterium.
Damit ist es jetzt vorbei. Die vier Magnetbänder bieten nicht nur ein "Who is Who" der HVA-Quellen. Die Datenbank "System, Information, Recherche der Aufklärung", im Dienstgebrauch "Sira" genannt, birgt das Inhaltsverzeichnis der gesamten DDR-Spionage von 1969 bis 1987. Kurzbeschreibungen der brisantesten Berichte und der gelieferten Geheimdokumente von rund 4500 Agenten speisten die Stasi-Offiziere in die interne Datenbank ein - insgesamt 180 564 Datensätze.
Erstmals liegt eine komplette Übersicht vor, welcher Spion wann was verraten, wer wen bespitzelt hat. Welche Agenten berichteten über Kanzler Kohl, wer schnüffelte bei der Nato, wer beschaffte Blaupausen bei der deutschen Großindustrie.
Sira liefert die Auskunft.
Zum ersten Mal können die deutschen Sicherheitsbehörden nun auch feststellen, welche Geheimnisse Ost-Berlin an das KGB weitergab: Fast jede zweite Information ging an den sowjetischen Geheimdienst. Selbst so exotische Ostblockländer wie Kuba wurden bisweilen bedient.
Zwar sind Berichte und Dokumente nicht in voller Länge abgespeichert, sondern nur in Form einer Kurzbeschreibung. Das ist so, als seien aus einer Bibliothek zwar alle Bücher verschwunden, ein ausführliches Inventarverzeichnis aber wiedergefunden worden - was eine vollständige Rekonstruktion des Bestands ermöglicht.
Damit ist die Datensammlung auch ohne große Quervergleiche für die jüngste Geschichtsschreibung von unschätzbarem Wert. "Der Versuch, die Arbeit der HVA zu vertuschen", sagt Gauck-Behördenleiter Peter Busse, "ist endgültig gescheitert."
Aber nur manche, die für die DDR spionierten und unenttarnt blieben, müssen heute noch zittern. Spionagedelikte sind verjährt. Nur wenn sich der besonders schwerwiegende Tatbestand des Landesverrats nachweisen läßt, drohen ihnen noch Verfahren. Denn Landesverrat ist noch nicht verjährt. Vorsorglich sichtet der Generalbundesanwalt schon alte Verfahrensakten.
Und je mehr neue Details auftauchen, desto heftiger wird die Diskussion um Amnestie und Schlußstrich unter die DDR-Geschichte werden.
Denn die spektakulären Bänder tauchen just in dem Moment auf, da sich das neue Deutschland anschickt, die DDR ein für allemal zu begraben, um sie schleunigst zu vergessen. Gleichsam als Geschenk zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls verlangt die PDS, daß Ostspione umgehend in den Genuß einer Amnestie kommen mögen.
Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) findet die vom Theologen Friedrich Schorlemmer propagierte Amnestie-Idee schlicht "großartig". In seiner umstrittenen Paulskirchen-Rede hat sich der Autor Martin Walser gar für eine Begnadigung des einstigen Spitzenspions "Topas" alias Rainer Rupp ausgesprochen.
So schnell, wie sich die PDS es wünscht, dürfte sich die Grabplatte wohl nicht über diesen Teil der DDR-Vergangenheit senken. Denn eine seriöse Debatte über Amnestie wird sich erst führen lassen, wenn klar ist, welche Geheimnisse die Magnetbänder noch bergen.
Ohnehin löst die Meldung von der geknackten Sira-Datei nicht nur Jubel aus. Der Geniestreich des Telefontechnikers macht Sira auch zum Synonym des Versagens beider deutscher Staaten: Die DDR glaubte, das elektronische Spionagegedächtnis sei unwiderbringlich gelöscht worden; die Bundesrepublik schaffte es in zehn Jahren nicht, den Wert der Stasi-Hinterlassenschaft zu erkennen.
Dabei hatte, als sich der Arbeiter-und- Bauern-Staat auflöste, die HVA mit der Bürgerbewegung Sonderkonditionen ausgehandelt. Während Bürgerrechtler die verhaßte Stasi-Zentrale stürmten und jede weitere Aktenvernichtung stoppten, durfte die Auslandsspionage ihr Archiv mit Zustimmung der friedlichen Revolutionäre in eine Dependance auslagern.
Hier liefen bis zum 9. April 1990 von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr die Schredder. Dann meldete der letzte Kommandant, Oberst Bernd Fischer, Vollzug: Sämtliche Spuren seien getilgt.
Als nach der Einheit die Jagd auf die Agenten begann, half schon einmal, 1992, ein Magnetband weiter. In einem atombombensicheren Bunker der Nationalen Volksarmee (NVA) im brandenburgischen Garzau hatten Soldaten Datenträger sichergestellt und dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr übergeben. Auf ihnen fand sich eine Aufstellung, welcher HVA-Offizier für welche Spionagevorgänge zuständig war.
Schon damals hätte den Sicherheitsbehörden die Bedeutung der EDV klar- werden müssen: Wie keine andere Abteilung der Stasi hatte die Westtruppe bereits seit den siebziger Jahren an einem elektronischen Archiv gearbeitet - und dabei irgendwann den Überblick verloren.
Denn während den HVA-Auflösern die Vernichtung von Millionen Seiten Dokumenten gelang, patzten sie bei der Software. Offenbar ging das Räumungskommando beim Löschen der Bänder streng nach einer internen Inventurliste ("Datenträgerverwaltungsprogramm") vor. Fast alle registrierten Kopien, das Kürzel "OA" wies sie als HVA-Bestand aus, wurden mit Datenmüll überspielt. Vernichtet wurden die Magnettrommeln nur selten - sie waren teure Mangelware in der DDR.
Die jetzt entschlüsselten Sira-Speicher waren allerdings nicht registriert. Als die HVA ihr Programm 1987 von einem Siemens-Großrechner auf DDR-Technik umstellte, fürchteten die EDV-Spezialisten Pannen und zogen Sicherungskopien. Sira existierte also gleich zweimal. Daran hat sich in den turbulenten Tagen der Wende wohl niemand mehr erinnert.
Hektisch mühte sich die Gauck-Behörde in der vergangenen Woche zu klären, warum die brisanten Daten so lange unentdeckt blieben, wann und wie die Sira-Bänder in ihren Besitz gelangten.
Ganz einfach ist das nicht. Insgesamt lagern im Gauck-Archiv 10 876 Magnetplatten und -bänder. Tausende davon waren während der Auflösungsphase zur Weiterverwendung an DDR-Unternehmen wie die Interflug übergeben worden. Etliche hatten sich die westdeutschen Geheimdienste gegriffen und kontrolliert. Immer wieder stellte sich dabei heraus, daß weder die Stasi-Einheiten noch die scheinbar perfekte HVA in der Eile alles getilgt hatten: Mal fanden sich Datenschnipsel, mal ganze Dateien. 2300 Magnetbänder ("Technische Unterlagen des MfS") lieferte allein das Bonner Innenministerium, Dienstherr der Verfassungsschützer, an Gauck zurück.
Die Stasi-Jäger begriffen jedoch nicht, daß die technisch so rückständige Ost-EDV dennoch eine Schatztruhe von höchstem Wert war. Und auch die Gauck-Behörde steht in der Angelegenheit - trotz des späten Erfolgs - nicht gerade strahlend da.
Busse räumt ein, daß "aus heutiger Sicht ein konzentrierter Einsatz von Experten sicher schneller zu diesem Ergebnis geführt hätte". Diese habe es in seiner Behörde aber nun mal nicht gegeben.
Am 2. August 1993 bat die Behörde die Bundeswehr um eine Überprüfung der Magnetspeicher. Bonn ordnete per "Amtshilfevereinbarung" ehemalige Spezialisten der Nationalen Volksarmee ab und stellte den letzten verbliebenen DDR-Großrechner zur Verfügung. Das Modell "Eser" war im Rechenzentrum der ehemaligen DDR-Luftwaffe installiert, einer unscheinbaren Baracke mit Teerdach in Eggersdorf, kaum eine Autostunde von Berlin entfernt.
Hier sollten alle Bänder grob gesichtet und in die Kategorien "leer", "gelöscht" und "auswertbar" eingeteilt werden. Die Arbeit ging nur schleppend voran - das Ungetüm Eser, eine Gemeinschaftsproduktion des Ostblocks, fiel ständig aus. Hinter der hochglänzend blau-weiß lackierten Fassade fand sich ein Sammelsurium: Die Plattenlaufwerke stammten aus Bulgarien, die Drucker aus Polen, die Bänder vom Filmkombinat Orwo - Ersatzteile waren schwer zu beschaffen.
So manchem in der Gauck-Behörde ging dieser Aufwand schon bald zu weit: Immer wieder intervenierte die Zentrale Verwaltungsabteilung der Behörde: Die Sucherei bringe doch ohnehin nichts. Den Bürokraten erschien es auch nicht sonderlich sinnvoll, Bundesbeamte in Zirndorf bei Nürnberg zerrissene Einzeldokumente zusammenpuzzeln zu lassen.
Tatsächlich blieb der Lohn der Mühe bescheiden: 368 Magnetbänder wurden bis Mai 1997 so weit bearbeitet, daß sie auf einem normalen PC zu lesen waren. Aber nur bei 57 gelang es, die Daten zu bergen.
So fanden sich eine Aufstellung westlicher Nachrichtensatelliten und ihrer Positionen im Orbit, Dateien abgehörter Funksprüche und eine Übersicht weltweit agierender Rüstungsfirmen. Aber im dunkeln blieb, was wirklich interessierte - das Gedächtnis der HVA. Und das, obwohl Gauck sogar das Bundesamt für Sicherheitstechnik mit seinen Computerexperten und Kryptologen einschaltete.
Ende 1997 wurde das Bundeswehrprojekt beendet, der Großrechner stillgelegt. In der Gauck-Behörde begann eine lebhafte Diskussion, ob man den vermeintlichen EDV-Schrott nicht einfach wegwerfen solle. Doch einige Ahnungsvolle setzten sich durch: Das Material könne noch manch brisantes Geheimnis bergen.
Im Frühjahr 1998 wurden die Bänder in das Berliner Zentralarchiv zurückgebracht. Der Telefontechniker, der schon beim Sturm der Bürgerrechtler auf die Stasi-Zentrale dabeigewesen war, tüftelte verbissen weiter - unterstützt von einem der ehemaligen NVA-Spezialisten.
Nach und nach gelang es ihnen, die Sira-Dateien zu entschlüsseln. Die HVA hatte sich keine große Mühe bei der Codierung gegeben, schließlich waren die Bänder damals nur wenigen Spezialisten zugänglich. Zum Schutz vor internem Mißbrauch hatten Wolfs Männer die unterschiedlichen Datenfelder rein vorsorglich mit verschiedenen Methoden codiert.
Eines Tages tauchten im Archiv überraschend Sira-Codetabellen für einen sogenannten 6-Bit-Schlüssel auf: der Dietrich zum letzten großen Geheimnis der DDR. Pünktlich zu Weihnachten war es soweit.
Schon ein erster Probelauf in Raum 607 zeigte die Dimension: Um die Arbeit eines Spions zu dokumentieren, gab der Tüftler den Tarnnamen eines Agenten ein, über den derzeit im Deutschen Bundestag gestritten wird: "Topas" alias Rainer Rupp.
Der ehemalige Angestellte im Wirtschaftsdirektorat der Nato in Brüssel galt als Juwel der HVA. Erst 1993 wurde Rupp enttarnt und zu 12 Jahren Haft verurteilt. Seit Dezember ist er Freigänger mit pikanter Mission: Die marketingkundige Bonner PDS-Fraktion hat den heimlichen Helden der DDR als Berater für außen- und sicherheitspolitische Fragen verpflichtet.
Mit Rupps Resozialisierung wird es nach dem Sira-Befund allerdings nicht einfacher: Daß "Topas" zu den Spitzenquellen gehörte, ist bekannt; daß er aber gleich 1037 Dokumente verriet, viele mit der höchsten Geheimhaltungsstufe, ist neu.
Die Staatsgeheimnisse des Westens sind so präzise katalogisiert, daß "Topas", wäre Sira schon 1990 aufgetaucht, nicht erst 1993 enttarnt worden wäre.
Was die HVA so alles über westdeutsche Politiker sammelte, zeigte sich am Beispiel eines Berliner Spitzenfunktionärs der CDU: Mehr als hundert Meldungen, säuberlich nach abliefernder Quelle sortiert, finden sich im Elektronenhirn. Bonner Größen bringen es auf ein Vielfaches.
Im Gegensatz zur planlosen Sammelwut von Mielkes Stasi wurde im Elektronenhirn der HVA nur Wertvolles gespeichert. Eine erste Qualitätsanalyse bei der Sachrecherche ergab, daß die Wolf-Truppe Hunderte Dokumente, und damit so ziemlich jedes Detail, kannte, was in der Bundesrepublik im Krisenfall geschehen würde.
Noch dauert eine Sira-Abfrage etwa 45 Minuten, manchmal auch länger. Die bisher in der Gauck-Behörde eingesetzten Rechner sind träge, noch lahmer sind nur die Drucker. Mit der in dieser Woche anstehenden Aufrüstung auf Spitzenniveau wird die systematische Auswertung von Sira erheblich beschleunigt.
Daß die deutsch-deutschen Verstrickungen und das brisante Wissen des Ostens über den Westen weitgehend im dunkeln blieben, war manchem in Bonn nur recht. 1994 brachte Kohls Regierung sogar eigens einen Gesetzentwurf ein, der Stasi-Offiziere und ihre Quellen unter Strafandrohung am Ausplaudern pikanter Interna hindern sollte. Das Vorhaben scheiterte an juristischen Bedenken.
Schon jetzt gibt Sira Tag für Tag neue Geheimnisse preis. Etwa Details über den Referatsleiter im brandenburgischen Justizministerium Henning Nase ("Dorn"), der womöglich wieder um seinen Job fürchten muß. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn war gegen Zahlung von 200 000 Mark eingestellt worden. Nase hatte eine persönliche Erklärung abgegeben, die von den Richtern als Geständnis gewertet wurde. Im anschließenden Disziplinarverfahren widerrief er jedoch, bekam seinen Job und sogar die gekürzten Bezüge zurück. Jetzt werden "Dorns" 113 Einträge überprüft.
Auch Bernd Michels, früherer Pressereferent der schleswig-holsteinischen SPD, ist bei Sira bekannt. 1996 wurde Michels zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Unter seinen 170 Einträgen findet sich auffällig oft der Name Uwe Barschel.
Natürlich gibt es zum ewigen Mysterium Karl Wienand ebenfalls Neues. Ist der ehemalige SPD-Fraktionsgeschäftsführer und Vertraute Herbert Wehners tatsächlich nur abgeschöpft worden, wie er unermüdlich beteuert - oder ist das vom Oberlandesgericht Düsseldorf verhängte Urteil (zweieinhalb Jahre Haft) doch berechtigt?
Wienand, der aus gesundheitlichen Gründen gerade ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten gerichtet hat und sich um die Wiederaufnahme seines Prozesses bemüht, ist als Lieferant von 393 Informationen im System verzeichnet - immer wieder auch zu SPD-Spitzenpolitikern.
Bei Sira gut vertreten ist auch Adolf Kanter, ein alter Vertrauter Helmut Kohls und ehemaliger Flick-Lobbyist. Er leitete in Bonn die "Politische Stabsstelle der Geschäftsführung" des Konzerns und war in der Bundesrepublik für die Pflege der Parteienlandschaft mit Barem zuständig. Den anderen deutschen Staat belieferte er mit Nachrichten.
Unter dem Tarnnamen "Fichtel" war Kanter Wolfs dienstältester Späher. Er begann damit 1948, kam 1995 im Prozeß aber mit zwei Jahren auf Bewährung davon.
Was er wirklich verraten hatte, war bislang nur zu erahnen. Sira weiß es zumindest ab 1969 genau. Kanter hat mehr als 1000 Einträge, etliche davon zur Flick-Affäre und zu Kohl.
Mit dem Wissen von Sira wären die insgesamt 1553 eingeleiteten Strafverfahren gegen die Spione der DDR oftmals anders verlaufen: Nur 181 wurden überhaupt verurteilt, meist zu milden Strafen. Denn was wirklich verraten wurde, ließ sich fast nie nachweisen.
Von erheblicher Bedeutung ist der Fund für das Verhältnis Deutschlands zu den Amerikanern. Die Bittsteller aus dem Kanzleramt, die bislang höflich, aber vergebens um eine Kopie der geraubten HVA-Agentenkartei nachsuchten, verfügen nun allein über 11 107 Kurzbeschreibungen von Dokumenten und Berichten, welche die für die Spionage in Nordamerika und die deutschen US-Einrichtungen zuständige Abteilung XI einspeiste. Das dürfte CIA und FBI brennend interessieren.
Gleichsam als Köder und Demonstration der neuen Stärke sollen jetzt die Amerikaner über die 33 registrierten Sira-Meldungen informiert werden, die James Michael Clark ("Jack") mit Hilfe eines Spionagerings aus dem US-Verteidigungsministerium beschaffte. Clark wurde Ende Dezember schuldig gesprochen, das Strafmaß steht noch nicht fest.
Zugleich muß der US-Geheimdienst um sein bisher exklusives Wissen über das Treiben der HVA in aller Welt fürchten. In Ländern wie Syrien, Jemen, dem Irak und etlichen anderen sozialistischen Regimen hatte Wolf seine Kundschafter plaziert.
Auch Bewegungen wie Arafats PLO oder der südafrikanische ANC wurden beobachtet. Etliche der Agenten warb die HVA während ihres Studiums in der DDR an. Da die amerikanischen Behörden in diesem Bereich jede Kooperation kategorisch verweigern, argwöhnen deutsche Sicherheitsexperten, daß mancher ehemalige HVA-Spion den Arbeitgeber gewechselt hat und nun für die USA schnüffelt.
Selbst Industrieunternehmen dürften sich für die heißen Bänder des Markus Wolf interessieren. Denn es ist nicht ausgeschlossen, daß sich in den Gewölben der Stasi-Archive noch weitere brisante Daten finden lassen.
Schon sind erste sogenannte Sira-Teildatenbanken aufgetaucht, eine beispielsweise über den Sektor Wissenschaft und Technik, der Wirtschaftsspionage für die DDR betrieb. Für diese Abteilung existiert auch eine IM-Registrierung für den PDS-Parteichef Lothar Bisky. Der dementiert jede Stasi-Verstrickung.
Nach dem Volltreffer des Telefontechnikers werden die Magnetbänder und Disketten ausgewertet. Etliche für immer verschwunden geglaubte Geheimnisse der Stasi werden sich dort allemal noch finden.
Allein der Traum, in Zimmer 607 den gesamten HVA-Aktenbestand auf EDV zu finden, gilt noch als zu kühn. Sonst ist alles möglich.
GEORG MASCOLO, HEINER SCHIMMÖLLER,
HAJO SCHUMACHER
Von Georg Mascolo, Heiner Schimmöller und Hajo Schumacher

DER SPIEGEL 3/1999
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