18.01.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsDas Geheimnis der Gräben

DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE Der Erste Weltkrieg Er war die Urkatastrophe Europas zu Anfang des Jahrhunderts - der vierjährige blutige Konflikt, den die Franzosen und Engländer immer noch den „Großen Krieg“ nennen. In seinem Gefolge blühten Bolschewismus und Faschismus auf, wurde der Haß geschürt, der schließlich zum Zweiten Weltkrieg führte.
Von John Keegan
Es ist nun 80 Jahre her, daß die Waffen an der Westfront schweigen. Einige wenige sehr alte Männer erinnern sich noch an das Ende des Großen Krieges am 11. November 1918: an die plötzliche Ruhe, die Rückkehr des Vogelgesangs. In den Hauptstädten der Sieger füllten sich die Straßen mit jubelnden, fähnchenschwenkenden und tanzenden Menschen; hupende Automobile bahnten sich im Schrittempo ihren Weg durch die Menschenmassen.
Auf dem Land in Frankreich und Belgien boten sich den Überlebenden andere Szenen. Das alte Labyrinth der Schützengräben hatten die alliierten Soldaten im letzten Vormarsch auf Mons hinter sich gelassen. Dennoch zeigte das Schlachtfeld auch mit seinen nur behelfsmäßigen Stellungen den bekannten Anblick des Weltkrieges - die geknickten Wälder, den von Schützengräben und Kraterfeldern aufgewühlten Erdboden.
Und behelfsmäßige Friedhöfe. Unter den letzten britischen Soldaten, die starben, war der Dichter Wilfred Owen, gefallen am 4. November 1918, als er seine Männer über die Sambre führte. Hunderte fanden noch in der letzten Woche mit ihm den Tod - bis ganz zuletzt kannte der Krieg keine Gnade.
Es gibt einige wenige noch ältere Soldaten, sämtlich Hundertjährige, die sich auch noch an die Welt vor dem Krieg erinnern können. In England waren es Berufssoldaten - Gefreite mit einem Sold von einem Shilling pro Tag oder fuchsjagende Jungoffiziere. Sie hatten sich den Krieg als eine Sportveranstaltung vorgestellt, in der der Tod, wenn überhaupt, durch die Kugel eines Scharfschützen oder den Säbelhieb eines Reiters kommen würde.
Nicht anders sahen es deutsche und französische Wehrpflichtige. Europas Armeen waren 1914 noch voll von Kavalleristen - Husaren im quastenbesetzten Waffenrock, Ulanen mit quadratischer Kopfbedeckung, Kürassiere hinter blitzenden Brustpanzern, an denen einst bei Waterloo noch die Musketenkugeln abgeprallt waren. In der russischen Kavallerie dienten Kosaken, deren Kaftane und Krummsäbel der Aufmachung von Dschingis-Khan und den Feinden ihrer Vorväter nachempfunden waren.
Vieles hätte die Führer dieser Männer warnen können, daß ein moderner Krieg mit jenen der Vergangenheit nichts mehr gemein haben würde. Die Russen hatten 1904/05 im Krieg gegen die Japaner gelernt, daß Maschinengewehre und Stacheldraht Angriffe zunichte machten, die allein mit "der Brust des Infanteristen", wie Winston Churchill es später nennen würde, geführt wurden. Die Briten hatten dieselbe Lektion im Burenkrieg von 1899/1902 erfahren, als an den Ufern der Flüsse Modder und Tugela eingegrabene burische Bauern ohne große eigene Verluste Tommys zu Hunderten niederschossen.
Die Franzosen und die Deutschen, obwohl ihre letzten kriegerischen Erfahrungen bereits mehr als 40 Jahre zurücklagen, hatten ähnliche Erinnerungen an die Durchschlagskraft des einzelnen Schützen.
Ob alte oder neue Erfahrungen: Die Generäle von 1914 hatten sich selbst erfolgreich eingeredet, daß auch schreckliche Menschenopfer kein Hinderungsgrund für Erfolg seien. Der "Wille" des Kommandeurs und der Gehorsam seiner Untergebenen gegenüber gegebenen Befehlen reichte in ihrer Vorstellung aus, den Sieg zu gewährleisten.
Die jungen Soldaten - Berufssoldaten, Wehrpflichtige, Reservisten, Reaktivierte -, die im August 1914 die Züge in den Krieg bestiegen, wußten nichts davon. Als sie von ihren Entladestationen an den Grenzen abmaschierten, die genagelten Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster hallend, erwarteten sie Blutvergießen, selbstverständlich, aber kurze und siegreiche Schlachten.
"Jugend dünkt sich unsterblich / Wie die Götter hehr", so hatte Herman Melville die jungen Unionssoldaten beklagt, die dem Massaker von Ball''s Bluff zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs entgegenmarschierten. "Zurück, bevor die Blätter fallen", versprachen nun die jungen Deutschen.
Die Soldaten aller Armeen fühlten 1914 die Sicherheit, unsterblich zu sein, und erwarteten eine schnelle Rückkehr, empfangen mit denselben Hochrufen und Küssen, mit denen sie verabschiedet worden waren. Frauen und Freundinnen, hochhackig und im Humpelrock, waren untergehakt mit ihnen zu den Bahnhöfen gegangen. Bald, so glaubten die Soldaten, würden sie sie wieder willkommen heißen. Der Krieg würde Spaß machen. Die meisten Soldaten waren Arbeiter und Bauern, das Leben auf dem Land und in der Fabrik war arbeitsreich und eintönig. Der Krieg brachte Abwechslung, einen Hauch von Abenteuer, neue Freundschaften.
Uniform zu tragen machte auch Spaß - besonders den Franzosen, die immer noch im Blau und strahlenden Rot der napoleonischen Epoche in den Kampf zogen; sogar die düsteren deutschen und österreichischen Uniformen wurden durch Farbkleckse aufgehellt. Es gab Kapellen, denen man hinterhermarschieren, und wohlklingende Regimentsnamen, auf die man stolz sein konnte: "Hoch- und Deutschmeister", "Chasseurs d''Afrique", "Preobraschenski", "Guard Fusiliers". Ihr Schlachtenruhm reichte manchmal bis ins 17. Jahrhundert zurück.
Zu der Anziehungskraft von Ruhm und soldatischer Ehre kamen die Versicherungen der gekrönten Häupter, der Staatsmänner und Kleriker, daß das Recht auf der eigenen Seite sei. Die Menschen, die sich bei der Kriegserklärung vor dem St. Petersburger Winterpalast drängten, hielten Ikonen in den Händen und sanken auf die Knie, um "Gott schütze den Zaren" zu singen, als ihr Herrscher erschien.
In Berlin befahl der in Feldgrau gewandete Kaiser einer ähnlichen Menge: "Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!" Der Rabbiner der Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße ließ für den Sieg beten. 12 000 der 100 000 für Deutschland in den Krieg gezogenen Juden, von denen einer Adolf Hitler, einen Kriegsfreiwilligen im bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16, für das Eiserne Kreuz I. Klasse vorschlagen würde, sollten im Krieg ihr Leben lassen.
In Paris waren die Kirchen überfüllt mit Reservisten, die vor dem Einrücken die Beichte ablegen wollten. In London drückten die Massen gegen die Geländer vor dem Buckingham-Palast, um die königliche Familie auf dem Balkon zu bejubeln und die dünne, in Khaki gekleidete Gestalt des Prinzen von Wales an der Spitze einer Kompanie Grenadier Guards aus dem Schloßhof abmarschieren und in Richtung Kontinent aufbrechen zu sehen.
Die britische Regierung bestand auf ihrem Recht, Deutschland den Krieg zu erklären, auf Grundlage einer strikten Auslegung eines von Großbritannien, Frankreich, Preußen, Österreich und Rußland unterzeichneten völkerrechtlichen Vertrags von 1839, der die belgische Neutralität garantierte.
Die Österreicher, deren Kriegserklärung gegen Serbien die erste von allen war, beanspruchten das Recht auf Genugtuung von einem Staat, der tief in die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo verstrickt war. Die Russen beriefen sich zur Rechtfertigung auf die österreichischen und deutschen Mobilisierungsvorbereitungen.
Obwohl die Franzosen die Sorge der Briten um den Schutz Belgiens vor einer deutschen Invasion teilten, begründeten sie ihre Kriegserklärung mit den offenkundigen Schritten der Deutschen zur Mobilisierung. Die Deutschen wiederum erklärten in unheilvoller Selbstgerechtigkeit, daß sie durch die militärischen Vorbereitungen anderer bedroht seien, die sie ja selbst provoziert hatten.
"Die Musen schweigen", verkündeten die Rektoren aller bayerischen Universitäten und riefen in einer gemeinsamen Erklärung das gebildete Deutschland auf zu erkennen, daß der Krieg, den ihr Kaiser vom Zaun gebrochen hatte, keine Aggression, sondern ein Abwehrkampf sei.
Dies war nicht bloß Phrasendrescherei. Deutschland glaubte im August 1914 ehrlich an eine militärische Bedrohung durch seine Nachbarn, und seine Soldaten taten bei der Invasion Frankreichs und Belgiens so, als ob ihr Land das angegriffene sei und nicht umgekehrt. In Belgien verbreiteten Vorauskommandos Plakate, die warnten, jede belgische Gegenwehr werde als Widerstand gegen die legitime Autorität der Besatzungsmacht bestraft. Bald wurden Belgier dutzendweise, gelegentlich zu Hunderten, als Vergeltung für oft eingebildeten Widerstand gegen den deutschen Vormarsch erschossen.
Im Osten, wo die russische Armee weitaus schneller mobilisiert worden war, als der deutsche Generalstab für möglich gehalten hatte, wurde die deutsche Angst vor einer gegnerischen Offensive Wirklichkeit. Dort hatten die Russen am 15. August die Grenze Ostpreußens überschritten, des Stammlandes der deutschen Offizierskaste. Ostpreußens historische Zentren wurden nun durch die Armeen von Samsonow und Rennenkampf bedroht.
Die deutsche Blaupause für den Krieg, der Schlieffen-Plan von 1905, benannt nach dem ehemaligen Chef des Generalstabs, der 20 Jahre über der Perfektionierung dieses Szenarios gebrütet hatte, wies dem östlichen Kriegsschauplatz nur ein Achtel der deutschen Kräfte zu. Die anderen sieben Achtel hatte er für den Westen verplant, vor allem für eine große, weit ausholende Offensive durch Belgien, mit der die Nordflanke des französischen Heeres umgangen und der entscheidende Sieg über Frankreich binnen sechs Wochen errungen werden sollte.
In der letzten Augustwoche 1914 schien dieser Sieg fast in Reichweite. Die französischen Militärs glaubten mehr als alle anderen in Europa an die Macht der Offensive. Sie hatten deshalb Zehntausende von Soldaten gegen die deutschen Verteidigungsstellungen in Elsaß-Lothringen geworfen, das sie 1870/71 an Deutschland verloren hatten. Ihre anfänglichen Erfolge wurden bald durch deutsche Gegenangriffe zunichte gemacht und kosteten sie Tausende von Toten.
Weit weg in Belgien nahm derweil der rechte Flügel der deutschen Invasoren eine Festung nach der anderen ein und trieb die winzige belgische Armee mit ihrer antiquierten Ausrüstung auf die Küste zu, sich dabei um den linken Flügel der Franzosen herumwindend. Deren Kommandeure erkannten nicht die Gefahr, die auf den Straßen nach Paris heraufzog.
Nur wenig stand den Deutschen im Wege. Der Befehlshaber der französischen 5. Armee, Lanrezac, hatte begonnen, um Verstärkung zu bitten. Generalstabschef Joffre, sein Vorgesetzter, lehnte ab, größere Truppenkontingente umzudirigieren. Der einzig nennenswerte Versuch, die bedrängten Verteidiger Belgiens zu entsetzen, kam in Gestalt eines kleinen britischen Expeditionskorps, das Mitte August auf den Kontinent entsandt worden war, nachdem die Londoner Regierung mit einiger Verspätung entschieden hatte, daß der Einmarsch der Deutschen in Belgien nicht nur einen Bruch des Völkerrechts, sondern auch eine Bedrohung nationaler britischer Interessen darstellte.
Nur die Ankunft des Expeditionskorps und Joffres Erkenntnis in letzter Minute, daß eine Umgruppierung zugunsten Lanrezacs nötig sei, verhinderten die drohende Einkesselung. Doch obwohl die Briten und Franzosen an der Sambre und bei Mons verbissen fochten, war die ihnen gegenüberstehende Übermacht zu groß, als daß sie sich hätten halten können.
Sie wurden von Stellung zu Stellung zurückgedrängt, bis Joffre erkannte, daß er seine Haupttruppen an der falschen Stelle eingesetzt hatte, und den allgemeinen Rückzug anordnete, um eine haltbare Verteidigungslinie im Hinterland aufzubauen.
Der Große Rückzug zog sich vom 24. August bis zum 5. September 1914 hin und brachte die Front von der belgischen Grenze bis an die Ausläufer von Paris heran. Tag für Tag marschierten die Truppen in brennender Sonne über die staubigen Straßen Nordfrankreichs; 20, 30, manchmal 50 Kilometer. Hoffnung trieb die Deutschen voran, Verzweiflung ihre Gegner.
Als die Marne-Linie erreicht war, glaubte Joffre, hinsichtlich Position und Truppenstärke endlich im Vorteil zu sein, und wagte den Gegenangriff. Nun waren die Deutschen in Gefahr, umgangen und eingekreist zu werden. Ihr rechter Flügel war zu schwach, um Paris von Westen her zu umfassen, während die Pariser Garnison stark genug war, den Deutschen eine Niederlage beizubringen, falls die ihre Stoßrichtung änderten und die Stadt im Osten umgingen. Von vorn und an der rechten Flanke bedroht, hielten die Deutschen an, stellten sich zum Kampf - und wurden geschlagen.
Die Marne-Schlacht brachte eines dieser seltenen Kriegsereignisse: einen entscheidenden Sieg. Der rettete Paris, rettete Frankreich, zerschlug die Hoffnungen, die Deutschland in einen Blitzsieg gesetzt hatte, und trieb die deutschen Truppen dorthin zurück, von wo sie gekommen waren.
Anfang September folgten sie ihren eigenen Spuren zurück über ebenjenes Gelände, das die Briten und Franzosen während des Großen Rückzugs aufgegeben hatten. Die hegten nun die Hoffnung, daß bald wieder die belgische Grenze und damit das Ende des Krieges in Sicht sein werde. Die Generäle Wilson und Berthelot, hohe britische und französische Stabsoffiziere, glaubten, in drei Wochen oder einem Monat werde es soweit sein.
Beide irrten sich um vier Jahre. Mitte September gelang es den zurückflutenden Deutschen, sich in den Hügeln über der Aisne festzusetzen und dort mit dem Ausbau von Stellungen zu beginnen. Bald berichteten die Kommandeure aller französischen Einheiten, daß Schützengräben der Deutschen ihren Vormarsch aufhielten. Als der November kam und die erste Ypern-Schlacht in einer gegenseitigen Blockade endete, lief eine durchgehende, 760 Kilometer lange Grabenfront von der Nordsee bis zu den Ausläufern der Schweizer Berge.
Schützengräben waren nichts Neues in der Kriegführung. Während des amerikanischen Bürgerkriegs hatte es lange Grabenfronten in Virginia gegeben, wie auch im Krim-Krieg 1854/56 und im Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78, im Buren-Krieg 1899/02 und in der Mandschurei während des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05. Die Schützengräben der "Westfront", wie die Zeitungen sie zu nennen begannen, waren jedoch ein neues Phänomen, denn sie verhinderten jede Bewegung über die Frontlinien der einander gegenüberliegenden Armeen hinaus.
Eine ähnliche Front hatte sich im Osten entwickelt, wo die Russen, nach ihren dramatischen Anfangserfolgen gegen Deutsche und Österreicher, ebenfalls gezwungen worden waren, sich einzugraben. Im Mai 1915 sollte eine weitere Grabenfront in die felsigen Höhen des österreichisch-italienischen Grenzlandes gehauen werden, nachdem Italien beschlossen hatte, daß seinem Drang, sich die italienischsprachigen Gebiete Österreich-Ungarns einzuverleiben, am besten durch Kriegseintritt auf seiten der Alliierten gedient sei.
Keiner der Kriegführenden hatte einen statischen Grabenkrieg gewollt. Doch nachdem ihre Pläne für einen schnellen Sieg zerronnen waren, fügten sich alle darein, den Kampf fortzuführen: Frankreich, weil die Invasoren noch auf seinem Boden standen, die Russen aus ähnlichen Gründen; die Deutschen, weil sie glaubten, daß im Westen wie im Osten der große Sieg immer noch möglich sei; die Österreicher, weil sie auf Gedeih und Verderb an Deutschland gebunden waren; die Briten schließlich, weil Deutschland zum Todfeind geworden war.
Es war Deutschlands Herausforderung der britischen Vormachtstellung auf den Weltmeeren, die hinter dem britischen Entschluß stand, Frankreich zu Hilfe zu kommen; Britannien würde seinen Verbündeten nicht fallenlassen, bis das Deutsche Reich mitsamt seiner Hochseeflotte besiegt wäre.
So begann der verlustreiche Kampf von Schützengraben zu Schützengraben über das Niemandsland hinweg, der im Osten bis in den Herbst 1917 hinein dauern sollte, im Westen noch ein Jahr länger.
Millionen Männer sollten die Landschaft des Grabenkriegs wie ihren eigenen Hinterhof kennenlernen - in der Nähe die Skyline der Sandsäcke, der aus Erde aufgeworfenen Schanzen und Stacheldrahtsperren; das baumlose, nackte Kraterfeld in der Halbdistanz und die Drahtverhaue und Stellungen des Gegners am Horizont, der mitunter nur hundert Meter entfernt war, in manchen Abschnitten noch weniger.
Über diesen wüsten Raum hinweg wurden die täglichen Aggressionen des Lebens im Schützengraben ausgetauscht - das Routinebombardement, das Sperrfeuer der Mörser, die dauernd über die Stellung hinwegfegenden Maschinengewehrgarben, das gezielte Feuer von Scharfschützen, die periodisch wiederkehrenden Angriffe von Stoßtrupps in die gegnerischen Gräben, der blutige Nahkampf mit Messern und Totschlägern und zweimal jährlich oder öfter großangelegte Offensiven, zu denen Hunderttausende von Männern antraten, unterstützt durch Tausende von Kanonen, die millionenfach Granaten abfeuerten.
In ruhigen Zeiten tröpfelten die täglichen Verluste in der Größenordnung von Hunderten dahin. Während der großen Schlachten jedoch - Verdun, Somme, Brusilows Offensive, Arras, Passchendaele, Caporetto - starben 10 000 oder 20 000 Männer an einem einzigen Tag; viele von ihnen, vielleicht die Mehrzahl, verschwanden einfach unter dem zerschundenen Antlitz des Schlachtfelds und wurden erst Jahre später, wenn überhaupt, gefunden.
Rund zehn Millionen Soldaten wurden im Ersten Weltkrieg getötet. Zwei Millionen davon waren Deutsche, 1,7 Millionen Franzosen, eine Million Briten - wenn man Australier, Kanadier, Südafrikaner, Neuseeländer und Inder mitzählt. 1,5 Millionen waren Untertanen Österreich-Ungarns, etwa 1,7 Millionen Russen, über eine halbe Million Italiener. Dazu kamen ungezählte Türken.
Wo auch immer der Krieg zuschlug, der Effekt war überall derselbe: privater Schmerz, öffentlich demonstrierter Gleichmut. In Deutschland wurden "Trauerzentren" für die Hinterbliebenen eingerichtet. Dies war eine untypische Reaktion auf Europas größten Aderlaß seit den großen Seuchen des Mittelalters. Meist ertrugen Eltern und Ehefrauen den Verlust der geliebten Angehörigen mit zusammengepreßten Lippen. "Nieder auf deine Knie, Julia, und danke Gott, daß du keinen Sohn hast", wies Rudyard Kipling eine Freundin zurecht, nachdem er seinen einzigen Sohn John im September 1915 in der Schlacht von Loos verloren hatte.
Die Furcht vor dem Telegramm, dem "Schrekken, der bei Tag kommt", hielt die Mehrheit der Familien Europas von August 1914 bis November 1918 gefangen.
Wenn wir heute, 80 Jahre nach dem Waffenstillstand, darüber nachdenken, welchen Sinn der ganze Schmerz hatte, so sind Antworten nur schwer zu finden. Ich frage oft, wie viele Zuhörer nicht einen Vater, Großvater oder Urgroßvater im Ersten Weltkrieg verloren haben, wenn ich Vorträge zu diesem Thema halte. Nur wenige Hände heben sich dann.
Für die Menschen war der Krieg eine Grunderfahrung, und seine emotionalen Folgen wirken bis heute nach. Ich bin immer wieder erstaunt über das präzise Wissen der jungen Generation davon, was ihre Vorväter durchmachten. "Mein Großonkel meldete sich freiwillig zu den Buffs und fiel in der Somme-Schlacht im Juli 1916", erzählt mir da ein 20jähriger. "Mein Großvater wurde im April 1917 bei Arras verwundet, aber er kam zurück. Er sprach niemals über den Krieg", sagt ein anderer.
Vielleicht liegt es an der Zurückhaltung der Kriegsgeneration, über die furchtbaren Geheimnisse der Gräben zu sprechen, daß ihre Nachkommen oft die Schlachtfelder besuchen, als ob sie damit den Schleier durchstoßen wollten, der zwischen ihnen und ihren Toten liegt.
"Zur Erinnerung an unseren Urgroßvater", lautet ein Eintrag, den ich 1996 im Gästebuch eines Soldatenfriedhofs an der Somme fand, unterzeichnet von zwei Mädchen aus Nordirland mit unterschiedlichen Nachnamen.
"Im Gedenken an einen Vater, einen Großvater und einen Urgroßvater", stand auf einer an einem Kranz befestigten Karte wenige Meilen weiter in Thiepval, dem Mahnmal für die Vermißten der Somme. Die Familie hatte eine Fotografie an die Blumen geheftet. Ein ernstes, junges Gesicht in Sepia, über einem neuen, khakifarbenen Kragen, blickte den Besucher an. Die Augen bewahrten eine Unschuld, die keine Geheimnisse barg.
Was war das Geheimnis des Großen Krieges? Welch schrecklicher Impuls trieb die jungen Männer sechs zivilisierter europäischer Staaten auf dem Höhepunkt der Macht des alten Kontinents, vielleicht auch auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Blüte, dazu, in das furchtbare Labyrinth der Schützengräben hinabzusteigen und gegenseitig Blut in Strömen zu vergießen, bis Erschöpfung ein Ende brachte?
Kein ideologisches Prinzip stand auf dem Spiel, wie es 1939 der Fall war. Kein Rassenhaß, wie er von den Nazis zwischen einer "Herrenrasse" und "Untermenschen" geschürt wurde, speiste den Konflikt. Die in den Krieg marschierenden Deutschen mögen ernsthaft geglaubt haben, daß das Überleben der deutschen Zivilisation auf dem Spiel stehe.
Ihre österreichischen Vettern mögen gleichermaßen um das Überleben ihres multi-ethnischen Reiches gefürchtet haben. Die Russen hörten auf den Zaren, der von Gott und dem heiligen Rußland sprach. Die Franzosen dachten an die eine und unteilbare Republik, die Briten an den Gott des Empire und dessen Schrein, an dem sie ihre Andacht verrichteten.
Objektiv gab es wenig, das die gegeneinander kriegführenden Staaten voneinander unterschied. Alle akzeptierten mehr oder weniger den Glauben an die Werte des Liberalismus und des materiellen Fortschritts, die bewegenden Kräfte des 19. Jahrhunderts.
Alle waren mit Blick auf die Zukunft mehr oder weniger stark vom Geist des Optimismus erfaßt, in dem das 20. Jahrhundert begonnen hatte. Alle waren, ungeachtet ihrer nationalen Unterschiede, Europäer. Aber innerhalb von vier Jahren warfen sie ihr Europäertum fort.
Ich bin dafür kritisiert worden, in meiner Geschichte des Ersten Weltkriegs den Konflikt als ein Rätsel beschrieben zu haben. Aber für mich, den Sohn und Schwiegersohn von Teilnehmern dieses Krieges, ist er ein Mysterium und wird es immer bleiben.
Alles andere als rätselhaft sind die Folgen des Ersten Weltkriegs. Seine unmittelbaren Produkte waren der russische Bolschewismus und der italienische Faschismus. Eine weniger unmittelbare, aber gleichfalls direkte Folge war der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland.
Der Erreger solcher Bewegungen hatte 70 Jahre oder noch länger unter der Oberfläche des gutmeinenden europäischen Liberalismus gebrütet, seit der Proklamation von Marx'' "Kommunistischem Manifest" im Jahr 1848, Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" von 1886 und von Garibaldis Schluß-Kampagne zur Vereinigung Italiens 1860.
Ihre Ideen - vom Recht auf Herrschaft des Proletariats, von der Überlegenheit des "Übermenschen" und vom Nationalismus als einem Wert an sich - waren, obwohl unterschiedlich und widersprüchlich, im Zeitalter der globalen Dominanz Europas durch die Kraft der liberalen Idee, daß Politik mit dem Verstand zu machen und Konflikte durch Diskurs und Kompromiß zu lösen seien, in Schach gehalten worden. Der Kompromiß aber war diesen drei Ideologien verhaßt. Es sollte eine der Tragödien des Ersten Weltkriegs sein, daß er ihren Vertretern eine Chance verschaffte.
Daß der Bolschewismus eine direkte Folge des Kriegsausgangs war, läßt sich nicht bestreiten. Sein Aufstieg erfolgte unmittelbar nach Rußlands Zusammenbruch im Krieg. Es wurde zum bolschewistischen Mythos, daß die Revolution von 1917 von den revolutionären Massen in den Straßen Petrograds errungen worden sei. Das Gegenteil ist richtig: Wie in Paris 1789 war die Revolution Folge eines Seitenwechsels der in der Stadt stationierten Truppen.
Ludwig XVI. war verloren, als die Gardes françaises sich weigerten, die Tuilerien und die Bastille als Zentren der absolutistischen Macht zu verteidigen. Ebenso zerfiel im März 1917 in Petrograd die Macht des Zaren Nikolaus II., als die Reserve-Einheiten der zaristischen Garde sich auf die Seite der selbsternannten Arbeiter- und Bauernräte schlugen.
Lenin konnte sich im November nicht in ein für ihn bereits gemachtes Nest setzen. Er riskierte Kopf und Kragen und mußte um Unterstützung des militärischen Pöbels betteln. Es war sein großes Glück, daß er genügend Soldaten fand, die seinem Kommando zu folgen bereit waren.
Es ist unnötig, weiter auf die negativen Einflüsse des Sieges des Marxismus in Rußland einzugehen, der durch Rußlands Niederlage im Ersten Weltkrieg herbeigeführt wurde. Das Bild einer Gesellschaft, die angeblich auf ökonomische Gleichheit und unmittelbare Kontrolle der Regierung durch die Bevölkerung gegründet war, sollte die europäische Politik mehr als 60 Jahre lang verzerren. Wie die Intellektuellen und Schöngeister ihr Vertrauen bis 1914 in den Liberalismus gesetzt hatten, wandte sich nach 1918 ein erschreckend großer Teil dem Leninismus und schließlich dem Stalinismus zu.
Wir können den Zusammenbruch des sowjetischen Imperialismus in Ost- und Mitteleuropa im Jahr 1989 als die endgültige Aufhebung der Ergebnisse des Ersten Weltkriegs betrachten. In der Zwischenzeit hatte der Kontinent die andere Form der totalitären Zurückweisung des Liberalismus erlebt, die durch den Ersten Weltkrieg heraufbeschworen worden war.
Zunächst war da der italienische Faschismus. Dessen plötzlicher Aufstieg 1922 war im wesentlichen ein Protest gegen das Versagen Frankreichs und Englands, Italien angemessen für die Opfer zu entlohnen, die dessen Soldaten im Namen der alliierten Sache zwischen 1915 und 1918 gebracht hatten. Italien, das 600 000 Tote in seinem Krieg gegen Österreich-Ungarn zu beklagen hatte und dessen militärische Erfolge bis heute ungerechtfertigterweise kleingeredet werden, hatte eine größere territoriale Kompensation erwartet, als ihm im Vertrag von Versailles zugesprochen wurde. Mussolini, ein früherer Sozialist, nutzte diese Unzufriedenheit für eine nationalistische Kampagne gegen die politische Führung, die das Land in den Krieg geführt hatte. Das Regime, das er errichtete, verwarf die liberalen Ideale und befriedigte statt dessen die nationalen Gefühle der Italiener.
Sein Erfolg ermutigte unzufriedene Nationalisten in anderen Ländern, ihrerseits faschistische Prinzipien zu übernehmen. In einer Entwicklung parallel zu jener, die linke Verfechter der Weltrevolution in Europa umgarnte, brachte der italienische Faschismus überall dort Nacheiferer hervor, wo Verbitterung über das Ergebnis von 1918 herrschte.
Am größten war diese Verbitterung in Deutschland. Wir haben heute vergessen, daß Hitler Mussolini bewunderte. Schon zu Beginn seines Aufstiegs zur Macht wählte er sich Mussolini als Vorbild und hielt dem italienischen Diktator bis zum Ende die Treue. Hitler teilte Mussolinis Haß auf das System von Versailles. Er kopierte Mussolinis Überhöhung der Staatsmacht zur zentralen Idee nationaler Politik und ging wie er daran, den Versailler Vertrag mit militärischen Mitteln zu revidieren, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bot.
Mussolini brach das im Vertrag von Versailles festgeschriebene Recht auf nationale Selbstbestimmung durch einen Eroberungsfeldzug an der Peripherie Europas, in Äthiopien. Hitler hatte Größeres vor - nichts weniger als eine komplette Revision der in Versailles beschlossenen politischen Neuordnung Europas. In einer Rede am 18. September 1922, als er noch nur einer von zahllosen kleinen Agitatoren in der Weimarer Republik war, drohte er: "Es kann nicht sein, daß zwei Millionen Deutsche umsonst gefallen sind ... Nein, wir verzeihen nicht, sondern fordern Vergeltung!"
Es sollte noch elf Jahre dauern, bis Hitler in die Position kam, jene Kräfte zu organisieren, die es Deutschland ermöglichen sollten, Rache zu nehmen. Sobald er die Kanzlerschaft erreicht hatte, verfolgte er dieses Ziel rücksichtslos.
Hitler war ein Veteran des Grabenkampfes, ein Überlebender des "Kindermordes" von Ypern 1914*, ein zweimal ver-
* Bei den Kämpfen fielen Tausende deutsche Kriegsfreiwillige, die von der Schulbank ins Feld gezogen waren.
wundeter Meldegänger. Er war ein tapferer Soldat, der mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet wurde.
Hitler kannte das Geheimnis der Gräben, war aber dennoch bereit, das Leben einer neuen Generation von Frontkämpfern zu opfern, in einer Neuauflage dessen, was seine eigene Generation hatte erleiden müssen. In rascher Folge führte er die Wehrpflicht wieder ein, baute eine Luftwaffe und U-Boot-Flotte auf, schuf eine Panzertruppe - jene Waffe, die das Heer des Kaisers 1918 geschlagen hatte - und machte Deutschland binnen vier Jahren vom gedemütigten Opfer des Vertrages von Versailles zu Europas größter Militärmacht.
"Niemals wieder", sagen wir, wenn wir darüber nachdenken, was der Erste Weltkrieg unserer Welt brachte. Stimmt es, daß der Kriegsausbruch von 1914 die zivilisierte Welt für immer und zum Schlechten verändert hat? In gewisser Weise ja.
Das Europa von 1914 war eine unvollkommen entwickelte Zivilisation. Seine Gesellschaften waren durch enorme soziale Ungleichheiten gezeichnet, seine politischen Systeme variierten stark hinsichtlich ihrer Bindung an die Ideale der Demokratie und des Respekts vor individueller Freiheit. Unter den Europäern waren viele, die ungerechtfertigt arm, politisch mißachtet und unfrei waren. Dennoch war Europa ein Kontinent, der besseren Zuständen entgegensehen konnte, der politisch, sozial und vor allem wirtschaftlich von Optimismus erfüllt war.
Dieser Optimismus wurde von der Tragödie des Ersten Weltkriegs katastrophal getroffen. Am Ende war die frühere Gleichberechtigung unter den Staaten aufgelöst, indem einige zu höherwertigen, andere zu minderwertigen Staaten wurden - mit verheerenden Wirkungen für das nationale Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen.
Der Krieg zerstörte ein gemeinsames, im wesentlichen auf liberalen Vorstellungen beruhendes politisches Ordnungssystem. Er warf Europas gemeinsame, vom Respekt für Verstandesleistungen geprägte Kultur in ein verwirrendes Chaos, in dem die Vorstellung einer objektiven Wahrheit im Toben widersprüchlicher Ideologien unterging. Vor allem aber zerstörte der Krieg den Respekt vor der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens.
Die Millionen, die in den Gräben starben, deren Körper wie Klafterholz in Massengräbern aufgeschichtet oder von den mahlenden Rädern der industriellen Kriegführung spurlos ausgelöscht wurden, sind, daran glaube ich fest, die Vorgänger derjenigen, die in die Mühlen der rassistischen und ideologischen Ausrottungspolitik geraten sollten, wie sie von Hitlers und Stalins Handlangern betrieben wurden. Diese Handlanger waren vielfach Leute, die ihr Handwerk im Horror der Schlachthäuser von Verdun und der Somme gelernt hatten.
Die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs waren in vielerlei aufschlußreichen Äußerlichkeiten Modelle für die Todeslager: Menschen, von Stacheldraht umzäunt, permanent vom Tode durch Maschinengewehrfeuer bedroht, oftmals Ausrottungsversuchen durch Gas ausgesetzt und in ihrer grauen, häftlingsartigen Kleidung allein durch um den Hals getragene Nummern unterscheidbar.
Ernährt mit Gefängnisessen, geplagt von Gefängnisläusen, einer Gefängnisdisziplin unterworfen, trieb die Soldaten, nachdem der erste rauschhafte Glaube an rasche und glorreiche Schlachterfolge verflogen war, nur die Aussicht an, daß der Sieg sie aus dem Grabendasein erlösen werde. "Der Sieg macht frei", "Arbeit macht frei": Es gibt wenig objektive Unterschiede.
Es ist ein Zeugnis für das der menschlichen Natur eigene Maß an Anständigkeit, daß die Mehrzahl derjenigen, die nach den vier Jahren des Horrors in ein bürgerliches Leben zurückkehrten, ihre Rollen als Ehemänner und Väter, als Nachbarn und Arbeitskollegen wieder annahmen und versuchten, das, was sie über die Abgründe menschlichen Verhaltens gelernt hatten, hinter sich zu lassen.
Doch die Erinnerung läßt sich nicht ausradieren. Freud mag einer der großen Illusionisten der europäischen Geistesgeschichte gewesen sein. Einige seiner Einsichten haben jedoch den Rang allgemeiner Wahrheit, und eine davon ist, daß nichts jemals vergessen wird.
Das Grauen der Schlächterei und die Bereitschaft von Menschen, auf Befehl und ohne Rücksicht zu töten, wurde zwischen 1914 und 1918 Teil des kollektiven und individuellen Bewußtseins der Europäer. Den meisten Grabenkämpfern gelang es, sich das Erlebte als eine einmalige Abweichung zu erklären, die a ußerhalb der Kriegsarena nicht wiederholt und niemals als normal hingenommen werden dürfe.
Das taten nicht alle. Unter solchen Individuen und unter denen, die in ihren Einflußbereich gerieten, rekrutierten Himmler und seine russischen Entsprechungen ihre Mörder. Einige dieser Mörder bezahlten später dafür. Aber die Folgen der kollektiven Verseuchung des menschlichen Gedächtnisses durch den Ersten Weltkrieg ließen sich nicht so einfach ausmerzen. Sie begleiten uns bis heute.
Europa ist übersät mit den Gräberfeldern jenes Krieges; geweihte Orte, durch Gärten verschönt, wo jedem der Gefallenen durch einen eigenen Grabstein gedacht und die Erinnerung an alle durch tröstende Grabinschriften wachgehalten wird. Dennoch stehen sie für die Akzeptanz von Massentötungen, wenngleich verklärt und, wie einige sagen, keimfrei.
Sie nehmen die Massengräber jener Menschen vorweg, die nicht im Kampf getötet wurden, sondern als Wehrlose zu Feinden dieses oder jenes Regimes erklärt
* Links: mit Kriegskamerad im Feld 1916; rechts: in Moskau vor dem Marx-Engels-Denkmal bei einer Rede 1919.
wurden. Solche Gräber zeigen kein individuelles Gedenken mehr, ja kaum noch irgendeinen äußeren Hinweis auf das, was unter der Erdoberfläche liegt.
Die Orte der größten Schlächtereien Hitlers, Stalins und ihrer Nachahmer wurden absichtsvoll unter die Erde gepflügt, so daß im Wortsinne Staub zu Staub kam - als ob es keinen menschlichen Lebenslauf, keine Freude, keine Hoffnung, nicht Liebe des Mannes für seine Frau, der Eltern für ihr Kind zwischen Geburt und anonymem Verschwinden im Nichts gegeben habe.
Das "Nichts" verkörpert das Ethos des Ersten Weltkriegs. Wer kann sich heute daran erinnern, warum der Krieg ausbrach? Wer kann sagen, wie er durchgehalten, wie das Leid ertragen, der Schmerz verdrängt wurde? Die "Trauerzentren" der Deutschen waren eine seltsam moderne Reaktion auf die Tragödie des Krieges, der Kultur Kaliforniens im ausgehenden 20. Jahrhundert näher als der strengen Selbstverleugnung des Kaiserreiches.
Es scheint, als ob nach 80 Jahren die Türen der verdrängten Erinnerung geöffnet sind, und selbst die Briten beginnen, einen lange verleugneten kollektiven Schmerz zuzugeben. Damit stellen sie sich wie das übrige Europa dem Leid, das kollektive Unmenschlichkeit in diesem schrecklichen Jahrhundert dem Kontinent angetan hat.
Doch die Verletzungen sind da. Europa bleibt eine beschädigte Gesellschaft, immer noch blutend aus den Wunden, die ihr seit dem Spätsommer 1914 vier lange Jahre auf den Feldern Flanderns und in den Wäldern Masurens geschlagen wurden. Wie lange wird es noch dauern, bis sie heilen? Mit welchen Mitteln werden sie sich heilen lassen?
Vergessen ist heilsam. Doch für dieses Trauma ist es die falsche Medizin. Europa muß sich erinnern. Es muß sich erinnern an die Millionen Toten, die in den Gräben starben, und an das Leid, das die Nachricht von ihrem Tod in die Familien trug. Es muß sich erinnern an die Reaktion auf den zweiten Ruf zu den Waffen 1939, als derselbe illusorische Glaube an einen raschen Sieg herrschte, der die Armeen an der Marne und bei Tannenberg angetrieben hatte.
Europa muß sich erinnern, daß die Organisation von Massentötungen aus ideologischen Motiven unter Hitler und Stalin ihren Ursprung im massenhaften Abschlachten von oft hilflosen jungen Soldaten in der Mondlandschaft der Schlachtfelder mit ihren Schützengräben hatte. Es muß sich daran erinnern, daß der Krieg internationale Konflikte nicht löst, sondern im Gegenteil anheizt und den Haß, aus dem er sich speist, perpetuiert.
"Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", sagte Clausewitz, als ob dies dessen Rechtfertigung sei. Krieg ist in Wahrheit die Preisgabe aller sinnvollen Politik, und die Erinnerung an die Schrecken des Krieges muß im dritten Millennium eine neue Politik hervorbringen.
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Von Sarajevo nach Versailles Politik und Diplomatie 1914 bis 1919 1914 28. Juni Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz- Ferdinand in Sarajevo ver- schärft österreichisch - serbische Spannungen 23. Juli Österreichisches Ultimatum an Serbien 28. Juli Österreich erklärt Serbien den Krieg 30. Juli Russische Generalmobilmachung 1. August Deutsche Kriegserklärung an Rußland 3. August Deutsche Kriegserklärung an Frank- reich; deutsche Truppen dringen in das neutrale Belgien ein 4. August Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag mit den Stimmen der SPD; englische Kriegserklärung an Deutschland 1916 24. März Abspaltung einer linken SPD- Fraktion im Reichstag, die die weitere Finanzierung des Krieges ablehnt 29. August Übernahme der Obersten Heeresleitung durch Hindenburg und Ludendorff führt zu einer Art Militär- diktatur Ludendorffs 12. Dezember Friedensangebot der Mittelmächte, das die Alliierten am 30. Dezember ablehnen 1917 22. Januar US- Präsident Woodrow Wilson fordert einen "Frieden ohne Sieg" 12. März Sozialdemokratische "Februarrevolution" in Petrograd 15. März Zar Nikolaus II. dankt ab 6. April Uneingeschränkter U- Boot- Krieg der Deutschen führt zur Kriegserklärung der USA an Deutschland 7. November "Oktoberrevolution" in Rußland; Lenin stürzt die bürgerliche Regierung Kerenski 15. Dezember Waffenstillstand zwischen Rußland und den Mittelmächten 1918 8. Januar Die "Vierzehn Punkte" des US- Präsidenten Wilson enthalten Forderungen für eine Nachkriegsordnung und den Vorschlag zur Grün- dung eines Völkerbundes 3. März Frieden von Brest - Litowsk zwischen Ruß- land und den Mittelmächten; Verzicht Rußlands auf das Baltikum und Polen, Anerkennung der Unab- hängigkeit Finnlands und der Ukraine 29. September Ludendorff und Hindenburg fordern angesichts der aussichtslosen Lage an der zusammenbrechenden Westfront sofortige Waffenstillstandsverhandlungen 3. Oktober Deutsches Waffenstillstandsgesuch auf Grundlage der "Vierzehn Punkte" Wilsons; Zentrumspolitiker und Sozialdemokraten treten in die Regierung des liberalen Reichskanzlers Prinz Max von Baden ein 24.- 28. Oktober Die Verfassungsreform wird angenommen: Der Reichskanzler muß das Ver- trauen des Reichstages haben 26. Oktober Entlassung Ludendorffs, der später gemeinsam mit den Nazis behauptet, die Novem- berrevolutionäre seien dem "im Felde unbesiegten" Heer in den Rücken ge- fallen ("Dolchstoßlegende") 28. Oktober Beginn von Meutereien in der deutschen Hochseeflotte 7. - 8. November Revolution in München; Regierung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte unter dem Sozialisten Kurt Eisner 9. November Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann in München und Karl Liebknecht in Berlin 10. November Wilhelm II. geht ins nieder- ländische Exil 11. November Waffenstillstand zwischen Deutsch- land und den Alliierten in Compiègne (Räumung der besetzten Westgebiete und des linken Rheinufers) 1919 28. Juni Friedensver- trag von Versailles; Deutschland tritt Elsaß - Lothringen, Posen, West- preußen und das Memel- gebiet ab, verzichtet auf seine Kolonien, be- schränkt sich auf ein 100000- Mann- Heer, erkennt Kriegsschuld an und verpflichtet sich zu Reparationen
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Von Sarajevo nach Versailles Politik und Diplomatie 1914 bis 1919 1914 28. Juni Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz- Ferdinand in Sarajevo ver- schärft österreichisch - serbische Spannungen 23. Juli Österreichisches Ultimatum an Serbien 28. Juli Österreich erklärt Serbien den Krieg 30. Juli Russische Generalmobilmachung 1. August Deutsche Kriegserklärung an Rußland 3. August Deutsche Kriegserklärung an Frank- reich; deutsche Truppen dringen in das neutrale Belgien ein 4. August Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag mit den Stimmen der SPD; englische Kriegserklärung an Deutschland 1916 24. März Abspaltung einer linken SPD- Fraktion im Reichstag, die die weitere Finanzierung des Krieges ablehnt 29. August Übernahme der Obersten Heeresleitung durch Hindenburg und Ludendorff führt zu einer Art Militär- diktatur Ludendorffs 12. Dezember Friedensangebot der Mittelmächte, das die Alliierten am 30. Dezember ablehnen 1917 22. Januar US- Präsident Woodrow Wilson fordert einen "Frieden ohne Sieg" 12. März Sozialdemokratische "Februarrevolution" in Petrograd 15. März Zar Nikolaus II. dankt ab 6. April Uneingeschränkter U- Boot- Krieg der Deutschen führt zur Kriegserklärung der USA an Deutschland 7. November "Oktoberrevolution" in Rußland; Lenin stürzt die bürgerliche Regierung Kerenski 15. Dezember Waffenstillstand zwischen Rußland und den Mittelmächten 1918 8. Januar Die "Vierzehn Punkte" des US- Präsidenten Wilson enthalten Forderungen für eine Nachkriegsordnung und den Vorschlag zur Grün- dung eines Völkerbundes 3. März Frieden von Brest - Litowsk zwischen Ruß- land und den Mittelmächten; Verzicht Rußlands auf das Baltikum und Polen, Anerkennung der Unab- hängigkeit Finnlands und der Ukraine 29. September Ludendorff und Hindenburg fordern angesichts der aussichtslosen Lage an der zusammenbrechenden Westfront sofortige Waffenstillstandsverhandlungen 3. Oktober Deutsches Waffenstillstandsgesuch auf Grundlage der "Vierzehn Punkte" Wilsons; Zentrumspolitiker und Sozialdemokraten treten in die Regierung des liberalen Reichskanzlers Prinz Max von Baden ein 24.- 28. Oktober Die Verfassungsreform wird angenommen: Der Reichskanzler muß das Ver- trauen des Reichstages haben 26. Oktober Entlassung Ludendorffs, der später gemeinsam mit den Nazis behauptet, die Novem- berrevolutionäre seien dem "im Felde unbesiegten" Heer in den Rücken ge- fallen ("Dolchstoßlegende") 28. Oktober Beginn von Meutereien in der deutschen Hochseeflotte 7. - 8. November Revolution in München; Regierung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte unter dem Sozialisten Kurt Eisner 9. November Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann in München und Karl Liebknecht in Berlin 10. November Wilhelm II. geht ins nieder- ländische Exil 11. November Waffenstillstand zwischen Deutsch- land und den Alliierten in Compiègne (Räumung der besetzten Westgebiete und des linken Rheinufers) 1919 28. Juni Friedensver- trag von Versailles; Deutschland tritt Elsaß - Lothringen, Posen, West- preußen und das Memel- gebiet ab, verzichtet auf seine Kolonien, be- schränkt sich auf ein 100000- Mann- Heer, erkennt Kriegsschuld an und verpflichtet sich zu Reparationen
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* Bei den Kämpfen fielen Tausende deutsche Kriegsfreiwillige, die von der Schulbank ins Feld gezogen waren. * Links: mit Kriegskamerad im Feld 1916; rechts: in Moskau vor dem Marx-Engels-Denkmal bei einer Rede 1919.
Von John Keegan

DER SPIEGEL 3/1999
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