18.01.1999

ARCHITEKTURDer gebaute Horror

Das Gebäude des Jüdischen Museums in Berlin, entworfen vom Amerikaner Daniel Libeskind, wird diese Woche erstmals zugänglich. Das extravagante Haus ist so symbolbeladen, daß sich das Planerteam schwertut, ein geeignetes Ausstellungskonzept zu finden.
Libeskind, Daniel, Architekt. Drei Worte, ein Name, und das Feuilleton bebt. Kein Bild scheint gewaltig genug, um die Werke des jüdischen Amerikaners zu beschreiben: "Eine Vorlesung aus Beton und Stahl" ("SZ"), "ein Sprengkörper" ("Frankfurter Rundschau"), ein "inszenierter Irrweg", der "Schwindel" ("FAZ"), der "Klaustrophobie" ("Rheinischer Merkur") erzeuge. Derart erschaudernd urteilten Journalisten über das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück - das erste Gebäude von Libeskind, vor einem halben Jahr eröffnet und vom amerikanischen Magazin "Time" zum siebtbesten Design-Objekt des Jahres 1998 gekürt.
* Im Vordergrund: "E.T.A. Hoffmann-Garten".
** Führungen über den Museumspädagogischen Dienst Berlin.
Ähnlich ehrfurchtgebeutelt schreiben Kritiker über Libeskinds Entwurf zur Erweiterung des renommierten Victoria and Albert Museums in London: "Eine Spirale zerquetschter Kisten" ("Independent"), eine "Explosion in Glas und Mauerwerk" ("Tagesspiegel").
Und das Jüdische Museum in Berlin, das von Samstag dieser Woche an als leeres Haus ohne Ausstellung öffentlich zugänglich ist, wird sogar vom selbsternannten Kunstmuffel Joschka Fischer bestaunt: "Diese Architektur erschüttert."**
Kühnheit und Kompromißlosigkeit, beide Attribute werden Daniel Libeskind fast rituell kredenzt. Um so erstaunlicher ist es, daß ausgerechnet ein Nahestehender, der ehemalige Direktor des Jüdischen Museums Amnon Barzel, öffentlich Mißtrauen sät: Der Architekt sei ein "Chamäleon", schimpft Barzel und versucht es mit einem Stoßgebet: "Schütze Gott uns und die Architektur vor solchen Leuten. Er wird mit dem Wind gehen."
Ist Libeskinds Radikalität bloß eine Pose? Oder zeigt sie doch ästhetische Wege in ein neues Jahrtausend? Wer ist überhaupt dieser Reißbrett-Rüpel, der Gebäude erbaut, die wirken, als seien sie zerstört?
Im Gespräch gibt sich der Lebensabschnitts-Berliner freundlich, wiegt seinen grauen Wuschelkopf und begleitet jeden Satz mit einem verbindlichen Lächeln. Obwohl er - nach neun Jahren im Land - Deutsch gut beherrscht, spricht er am liebsten Amerikanisch. Das ist die Fremdsprache, in der er sich am sichersten fühlt.
Seine Muttersprache ist Polnisch, denn in Lodz, gar nicht weit von Berlin, wurde er 1946 geboren. Elf Jahre lebte er dort, bis seine Eltern mit ihm nach Israel auswanderten, wo sie drei Jahre blieben. Danach zogen sie in die USA, nach New York. Der Junge fiel als musikalisches Wunderkind auf. Er liebte den Schräg-Töner Schönberg, gab als kleiner Starpianist Konzerte und studierte später Musik. "Doch nur die Werke anderer zu interpretieren, das war mir zu langweilig."
Libeskind wollte komponieren. Und zwar keine Melodien, sondern "erstarrte Musik", wie der Philosoph Schelling einst die Baukunst definiert hat. Doch bis er das erste Selbstentworfene eröffnen konnte, verging ein gutes Vierteljahrhundert - erst letztes Jahr in Osnabrück war es soweit. Die lange Zeit dazwischen füllte er mit einem Architekturstudium, mit Professuren und mit der Mehrung seines Rufs als großer Bautheoretiker.
"Die Moderne ist altmodisch", das ist seine liebste These. Das totalitäre 20. Jahrhundert habe eine Massenbauweise hervorgebracht - öde Kisten und Kästen -, die heute, in einer freiheitlicheren Zeit, nun wirklich kein Maßstab mehr sei.
Aber, ach, die Hauptstadt-Bürokraten hätten immer noch wenig Sinn für eine neue Architektur. Baustelle Berlin? Ein Jammertal. "Gute, weltbekannte Architekten haben hier die schlechtesten Gebäude ihrer Karriere gebaut." Der Potsdamer Platz vom Kollegen Renzo Piano? Mittelmäßig bis mißlungen. "Disney-Land ist besser." Gute Gebäude "müssen leben". Die Leute, die sie betreten, dürften nicht zu Benutzern degradiert werden, "sie sollen partizipieren, ein kreatives Verhältnis eingehen". Libeskind will Emotionen aktivieren. Vom Hochgefühl bis zur Beklemmung ist ihm alles recht.
Der Berliner Bau des sanften Exzentrikers provoziert ein einziges Gefühl der Beklemmung. Von außen vermag der Betrachter das Ganze nicht zu erfassen. Eine hermetische Trutzburg in Zickzackform, zinkverkleidet, die Struktur - etwa die Zahl der Stockwerke - ist nicht zu erkennen. Der erste Eindruck im Inneren trägt auch nicht gerade zur seelischen Entlastung bei. Ein dunkler Gang, ein schräger Boden, die Schritte wanken. Der Gang teilt sich nach einigen Metern in drei Achsen, und dann kann es sein, daß der Besucher auf die "Achse der Vernichtung" gerät. Sie endet in einem Betonverlies, in das nur ein blasser Lichtstrahl dringt.
Mit etwas mehr Glück verschlägt es den Besucher auf die "Achse des Exils". Die führt ihn in den sogenannten "E.T.A. Hoffmann-Garten". Hier ragen Beton-Stelen auf - scheinbar kurz vor dem Kippen. Die Pläne zu diesem Garten existieren bereits seit 1993, also einige Zeit bevor Architekt Peter Eisenman seinen verblüffend ähnlichen Entwurf für das Holocaust-Mahnmal eingereicht hat.
Die dritte Achse schließlich ist die der "Kontinuität". Sie führt endlich ins Museumsinnere. Der Besucher, so er sich nicht verirrt, folgt dem gezackten Verlauf des Gebäudes und muß um fünf sogenannte Voids herumgehen - wieder Verliese. Sie sollen die Leere symbolisieren, die der Holocaust hinterließ. Die Wände der Voids, so will es der Architekt, sollen niemals mit Bildern bedeckt werden.
Die Außenhaut ist ebenfalls Metapher: kreuz und quer durchschnitten von Fensterscheiben - schwerverwundete Wände. Auch hier sind Bilder schlecht vorstellbar.
Kein Eingang, kein Ausgang, das Haus als Sackgasse, als Falle. Wer eintreten und auch wieder herauskommen will, muß durch das Nachbargebäude gehen, das alte barocke Berlin-Museum, von dem aus jene unterirdischen Gänge zum Jüdischen Museum führen.
Ein Gebäude als Gefühlsmonument, diese Idee hatten vor und mit Libeskind auch andere Baumeister dieses Jahrhunderts. Bereits die Expressionisten wollten die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Seele in symbolisch aufgeladenen Gebäuden abbilden. Die Dekonstruktivisten, eine Strömung der späten achtziger Jahre, sehen im Chaos das angemessene Zeitbild. Sie bauen - siehe Zaha Hadids Feuerwehr-Haus in Weil am Rhein - schräge Beton- und Glaspassagen und wollen zeigen, daß Gebäude sich als Skulpturen eignen.
Libeskinds Berliner Bau wird inzwischen tatsächlich als Skulptur angesehen: als Ersatz für das Holocaust-Monument. Die suggestive Kraft des Gebäudes, so wird argumentiert, sei nicht zu übertreffen - wozu noch ein Mahnmal?
Libeskind, der sich beim Wettbewerb um das Holocaust-Memorial beteiligt hat, will von diesem Vorschlag nichts wissen: Ein Museum sei ein Museum und bleibe es. Ein Mahnmal sei ein Mahnmal, basta.
Vielleicht ahnt der Architekt, daß der Mahnmal-Vorschlag nicht nur ein Kompliment ist, sondern auch die bange Frage beinhaltet, ob sein Haus als Ausstellungshülle funktional überhaupt tauge, ob es nicht sicherheitshalber auf einer Meta-Gedenk-Ebene legitimiert werden müsse.
Tatsächlich rührt die Frage an den heikelsten Punkt der Libeskind-Architektur: Kann ein Gebäude, an dem ohnehin alles Symbol ist, inhaltliche Zusätze und dienende Aufgaben überhaupt verkraften? Verschiebt sich nicht die Bedeutung so mancher Ausstellungsstücke durch die Macht des Ortes?
Entlarvend ist, daß sich die Ausstellungsmacher bis zum Oktober 2000 Zeit nehmen, um ein geeignetes Konzept zu finden. Sie beteuern Zuversichtlichkeit, geben aber zu, noch kaum eine Idee zu haben.
Ihre Vorsicht scheint berechtigt. Schon jetzt, im leeren Zustand, ergeben sich unfreiwillig komische Bezüge: Zur Grundausstattung eines jeden öffentlichen Gebäudes gehören Notausgangsschilder. Die - wenn auch diskreten - Hinweise auf Fluchtwege wirken aber in diesem Bau, der Ausweglosigkeit symbolisieren soll, fehl am Platz.
Im Osnabrücker Nussbaum-Museum konnte man bis Ende vergangener Woche besichtigen, wie offensichtlich ein Ausstellungskonzept in einem Libeskind-Bau scheitern kann. Normalerweise sind die Räume den Bildern des in Auschwitz ermordeten Osnabrücker Malers Felix Nussbaum vorbehalten, für einige Monate jedoch mußte sich das Gebäude der großen Ausstellung zum Westfälischen Frieden öffnen.
Als die Nussbaum-Bilder weggepackt waren, standen die Ausstellungsmacher ratlos vor den schiefen Wänden und den kalten Materialien. Sie versuchten, auf westfälisch Frieden zu stiften, und trimmten das Museum auf lieblich. Sie ließen die Wände quietschgelb und knalltürkis streichen und legten einen grauen Teppich aus. Indem sie dem Gebäude den Schrecken nehmen wollten, verwandelten sie es erst recht in eine Gruselkammer - des schlechten Geschmacks. Hier paßte nichts mehr. Eine Gummizelle mit Häkelgardinen hätte stimmiger gewirkt.
Eine solche Verhunzung ist zwar dem Architekten nicht vorzuwerfen, doch der Osnabrücker Fall gibt jenen Recht, die leise bezweifeln, ob Libeskinds Gebäude auf Dauer und in Abwesenheit des Meisters als das funktionieren, was sie vor allem sein sollen: als Museen.
Doch Libeskind ist nun nicht mehr zu bremsen. Für Manchester plant er ein Imperial-War-Ausstellungsgebäude, für London ist sowieso der Anbau für das Victoria and Albert Museum vorgesehen, und für San Francisco soll es noch ein jüdischer Gedenk-Bau sein. Alle Häuser werden expressiv und wüst - "lebendig", würde Libeskind sagen.
"Museen sind die Kathedralen von heute", schwärmt der Architekt und beruft sich auf die Millionen Museumsbesucher überall. "Es gibt ein immenses Bedürfnis nach Information, nach Auslegung der Welt."
Und wenn Museen nicht nur informierten, sondern als Bauten auch provozierten - was gebe es Besseres? "Streit fördert die Erkenntnis, und das ist viel wert."
Manchmal kommt dabei auch eine unangenehme Erkenntnis heraus: Das Gutgemeinte ist nicht immer gut gemacht. SUSANNE BEYER
* Im Vordergrund: "E.T.A. Hoffmann-Garten". ** Führungen über den Museumspädagogischen Dienst Berlin.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 3/1999
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