23.04.2012

INTERNETCyberkrieg der Pizzaboten

Zwischen den Bestellplattformen Lieferheld und Lieferando tobt ein harter Wettbewerb. Auch mittels unlauterer Methoden? Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Wie eine sympathische Comic-Welt zeigt sich der Bestelldienst Lieferheld im Internet. Da gibt es Supermänner, die Pizza und Sushi zum Kunden nach Hause bringen. Und Sprechblasen, in denen Nutzer den Service preisen: "Lieferheld, you are my hero."
Über eine Million Online-Bestellungen will die Berliner Start-up-Firma bereits an 5600 angeschlossene Restaurants vermittelt haben. Aktuell läuft eine aggressive Expansion: In Australien, Russland und sieben weiteren Ländern existieren bereits Ableger. Endlich ein Interneterfolg, so scheint es, made in Germany.
Seit voriger Woche stellt sich indes die Frage, ob hier wirklich nur Superkräfte im Einsatz waren - oder womöglich finstere Methoden aus dem Repertoire des Cyberkriegs. Am Mittwoch bekam Lieferheld Besuch von Beamten des Berliner Landeskriminalamts.
Aus dem Durchsuchungsbeschluss konnten die vier Geschäftsführer erfahren, dass gegen sie ermittelt wird. Der Vorwurf: Computersabotage. Die Firma soll mittels gezielter Internetattacken "mehrfach" ihren Hauptkonkurrenten Lieferando online für dessen Kunden unerreichbar gemacht haben. Der Schaden liege bei "mindestens 75 000 Euro".
Die Razzia markiert einen Höhepunkt im Konkurrenzkampf zweier Anbieter, die identische Geschäftsmodelle verfolgen. Wie bei Lieferheld können auch bei Lieferando Hungrige ihre Postleitzahl eingeben und dann Essen bestellen. Beide Firmen leben von Provisionen, die sie von angeschlossenen Restaurants kassieren, etwa zehn Prozent der Bestellsumme. Gekocht und geliefert wird von den Partnern der Online-Plattformen.
Ihr Geschäftsfeld gilt als heiß, denn die Deutschen hinken bei Online-Bestellungen im internationalen Vergleich noch weit hinterher. Das Marktpotential in Europa schätzen Insider auf rund 15 Milliarden Euro jährlich.
Entsprechend groß ist das Interesse der Investoren. So erhielt Lieferando im vorigen Jahr sechs Millionen Euro frisches Kapital von Geldgebern wie der Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg ("Kölner Stadt-Anzeiger"). Lieferheld strich bislang 40 Millionen Euro ein, unter anderem von Tengelmann und Holtzbrinck.
Im Kampf um ein möglichst großes Stück vom Business gönnen sich die Kontrahenten keinen Fußbreit Boden. Als Lieferando seinen neuen Firmennamen bekannt machte - das Unternehmen trat zunächst unter "yourdelivery" auf -, legte Lieferheld umgehend Beschwerde ein: Der Name sei zu ähnlich. Ein weiterer Streitpunkt ist die Zahl der Restaurants, über die bestellt werden kann. Lieferheld machte geltend, die Gegenseite habe ihr Angebot frisiert. Insgesamt laufen derzeit rund ein Dutzend Verfahren.
Voriges Jahr gab es neben juristischen auf einmal auch technische Probleme. Die Server von Lieferando wurden mit sinnlosen Anfragen bombardiert - und zwar gern zu umsatzträchtigen Bestellzeiten, also abends. Die Anfragelast führte teils zu stundenlangen Server-Ausfällen. Besonders gravierend war es an einem Sonntag im Dezember, zur Hauptbestellzeit ab 17 Uhr. Plötzlich wurden nicht nur die Server überlastet, die Angreifer loggten sich dem Unternehmen zufolge sogar gezielt in Mitgliederbereiche ein und lösten dort rechenintensive Vorgänge aus. Die Bestellplattform ging offline.
Die IT-Spezialisten von Lieferando analysierten die Attacke und stießen auf mehrere aktive Angreiferadressen. Eine davon habe sie direkt zu einem von Lieferheld angemieteten Server geführt, sagt Lieferando-Geschäftsführer Christoph Gerber.
Die Vorwürfe, den Berliner Wettbewerber mittels Cyber-Attacken lahmgelegt zu haben, bezeichnet der mitbeschuldigte Lieferheld-Geschäftsführer Fabian Siegel als "völlig absurd": "Ich bin doch nicht
so dumm, mich für einen möglichen Nachteil eines wesentlich kleineren Mitbewerbers strafbar zu machen." Er habe die Sache intern prüfen lassen und eine technische Erklärung bekommen, die er auch den Beamten geschildert habe.
Danach untersuche Lieferheld mit einem sogenannten Crawler, ob der Konkurrent wahrheitsgemäße Angaben über seine Restaurantzahlen mache. Die Software gibt automatisiert Postleitzahlen ein und zählt dann die darunter aufgelisteten Anbieter von Pizza und anderen Gerichten. Die Praxis sei branchenüblich und werde auch vom Konkurrenten eingesetzt, so Siegel. "Wenn das bei Lieferando zum Zusammenbruch der Systeme führt, haben sie ihre Technik nicht im Griff."
Lieferando hält diese Version für ausgeschlossen: "Unsere Server wickeln bis zu 2500 Bestellvorgänge in der Stunde ab, ihre Konfiguration wurde von einem Spezialisten abgenommen, der auch für die Sicherheit der Bundesbank-Server zuständig ist", sagt Geschäftsführer Gerber.
Er will nach der Strafanzeige auch zivilrechtlich gegen die Konkurrenz vorgehen. Man habe Sicherheitsberater beschäftigen und in der kritischen Zeit auf TV-Werbung verzichten müssen - zudem Kunden und Umsatz verloren. Lieferando fordere Schadensersatz im "niedrigen siebenstelligen Bereich".
Zumindest die Mutterholding von Lieferheld scheint der Streit nicht zu stören. Noch am Mittwochabend, die Polizei war erst wenige Stunden wieder aus dem Haus, rief der Chef der Muttergesellschaft Delivery Hero bei Lieferando an.
Nicht etwa, um sich zu beschweren - im Gegenteil. Er erneuerte ein Übernahmeangebot in zweistelliger Millionenhöhe.
(*) Mit Kollegen Jörg Gerbig und Kai Hansen.
Von Veit Medick und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 17/2012
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