23.04.2012

Flachzangen

ORTSTERMIN: Im Berliner Abgeordnetenhaus wird Politikern ein Dokumentarfilm über Politiker vorgeführt.
Ralf Wieland, der Parlamentspräsident, sagt in seiner Rede, dass der Titel des Films "genial kurz" sei. "So schlicht und so zutreffend."
Kurz darauf geht das Licht aus im Festsaal des Berliner Abgeordnetenhauses, vorn ist eine Leinwand gespannt, so wie man es auch vom Filmabend im Kurhotel oder im Altenheim kennt. Politiker aller Fraktionen sitzen in den Stuhlreihen und schauen sich nun selbst bei der Arbeit zu. Beim Politikersein. Der Film heißt "Demokraten". Der Regisseur Levi Salomon begleitete im Sommer vorigen Jahres fünf Berliner Politiker durch den Wahlkampf. Die Politiker kennt überregional vermutlich niemand, und auch in Berlin werden die wenigsten die Frage bejahen können: Kennst du Andreas Otto von den Grünen? Das ist das Schicksal des Lokalpolitikers.
Salomon wollte aber keine Spitzenpolitiker als Protagonisten. Weil "Spitzenpolitiker nicht die Politik repräsentieren".
Salomon schaute also nach unten. In die unglamouröse politische Tiefebene. So ähnlich wie es auch Andreas Dresen machte, in seinem Film "Herr Wichmann von der CDU". Womöglich ist Politik nur noch dort unten greifbar, weitgehend unverstellt und dokumentierbar.
Levi Salomon, jüdischer Berliner, geboren in Baku, drehte zwei Monate lang, aus denen dann 97 Minuten Dokumentarfilm wurden. Im Prinzip geht es Salomon um zwei einfache Fragen: Wer sind eigentlich diese Politiker, die mich vertreten? Und: Kann ich denen vertrauen?
Vermutlich werden zurzeit nicht viele Deutsche sagen, dass sie einem Politiker vertrauen. Erst kam der Guttenberg-Rücktritt, dann der Wulff-Rücktritt - zurück blieb das Bild vom Politiker als tricksendem, gierigem Mann mit zweifelhafter moralischer Integrität. Kein Volksvertreter, sondern ein Ich-Vertreter.
Von der "Beschädigung des Amtes" war in den vergangenen Monaten oft die Rede. Von Demokratiemüdigkeit. Burkhard Dregger, CDU, einer der Protagonisten, sagt im Film den Satz: "Seit ich mich als Politiker oute, bin ich auf der niedrigsten sozialen Stufe angekommen." Eine Berliner Wählerin sagt: "Jeder wird irgendwann von der Politik verdorben. Die gehen über Leichen."
So gesehen ist Salomons Film eine Art Handreichung in schwierigen Zeiten zwischen Bürger und Politiker. Man kann "Demokraten" sehen und sich anschließend fragen, ob man den Job eigentlich selbst machen würde. Politiker kann ja jeder werden. Der Zugang ist offen. Es wäre ein Dienst an der Demokratie, die wir ja alle ganz gern haben.
Aber würde man Wahlplakate kleben, Handzettel verteilen, Programme erklären, in Ausschüssen sitzen, Bürgersprechstunden durchführen, in versiffte Kneipen gehen, um dort auch noch den unzufriedensten Bürger zu erreichen? Könnte man die Beschimpfungen ertragen?
Frank Zimmermann, SPD, steht in einer Kneipe einer Frau gegenüber, die sagt: "Wenn ick den Wowereit sehe, verjeht mir allet. Ditt iss' doch ein Arschloch. Wird von Monat zu Monat fetter." Hat man Lust darauf? Für die große Sache, die Demokratie?
Politik ist meist grau, mühselig, langsam. Und man ist erstaunt, ja irgendwie auch dankbar dafür, dass sich Susanne Graf von der Piratenpartei diese Welt trotzdem antut. Einer muss es ja tun. Graf ist 19 Jahre alt. Es gibt viele schöne Dinge, die man machen kann mit 19, und Graf wirkt nicht so, als würde ihr nichts Besseres einfallen. Aber Graf sitzt jetzt im Parlament. "Ich habe den zeitlichen Aufwand für einen Politiker völlig unterschätzt", sagt sie später. "Ich arbeite, und ich schlafe. Das ist gerade mein Leben."
Der seltsamste Protagonist in Salomons Film bleibt am Ende der Bürger, der Wähler. Er tritt auf wie ein Dienstleistungsnehmer, ein Politikkonsument, der darauf hofft, dass jemand kommt und die Dinge für ihn erledigt. Der Abgeordnete ist hier kein Volksvertreter, sondern der Erlediger. Meistens natürlich der Nichterlediger, die Pfeife, die Flachzange.
Man hat sich ziemlich weit entfernt voneinander. Selbst hier unten, in der kleinen Politik ohne Guttenberg, ohne Wulff.
Frank Zimmermann, SPD, wird von einem Mann gefragt: "Warum sind die Politiker nich' für ditt Volk da?" Dabei sitzt Zimmermann, der Politiker, gerade vor ihm. Andreas Otto, Grüne, ist der einzige der fünf Protagonisten, der im Film so etwas wie Anerkennung erfährt. Eine Frau hält mit dem Fahrrad an seinem Wahlkampfstand und bedankt sich kurz für die Hilfe in einer Wohnungsangelegenheit. Andreas Otto, seit über 20 Jahren in der Lokalpolitik, nickt und sieht erstaunt aus.
"Dank? Passiert janz, janz selten", sagt Otto, als der Film gezeigt ist und es noch ein kleines Buffet gibt, lokalpolitisch bescheiden, mit Würstchen und Buletten.
Levi Salomon, der Regisseur, hat "Demokraten" selbst finanziert. Der Film ist sein persönliches Bürgerengagement, aber vielleicht schafft er es ja doch irgendwann ins Fernsehen. Als eine Art Imagekorrektur für ein leidendes Berufsbild.
Am Ende des Films sagt ein Berliner Polizist zu Andreas Otto: "Kämpfen Se noch 'n bisschen, und trinken Se nich' so viel."
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 17/2012
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