23.04.2012

SPANIEN

Ausgeprägter Jagdinstinkt

Von Zuber, Helene

Trotz Krise vergnügte sich König Juan Carlos auf einer Afrika-Reise. Nun zweifeln die Spanier an ihrer Monarchie.

Wie entschuldigt sich ein König auf Abwegen bei seinem Volk? Mit einem reuigen Blick zur Hauptnachrichtenzeit und ostentativer Demut: "Es tut mir sehr leid, ich habe mich geirrt, es wird nicht mehr vorkommen", versicherte der 74-jährige Juan Carlos den Spaniern am vergangenen Mittwoch über den Bildschirm und wirkte dabei wie ein Junge, der von seiner Mutter bei einem Streich erwischt worden war.

"Eine beispiellose Geste" nannte der Leitartikler der Madrider Tageszeitung "El País" die royalen Worte. Denn das Volk hatte den König ertappt, bei der Elefantenjagd in Botswana, weil er sich nächtens die Hüfte gebrochen hatte und zur Operation in die Heimat zurückgeflogen werden musste. Gastgeber soll ein Magnat aus Saudi-Arabien gewesen sein, Begleiterin des Verunfallten eine Deutsche aus Adelskreisen, die ihm sehr nahestehe, wie die Bürger aus der Zeitung erfuhren.

Die Fotos des Großwildjägers mit Gewehr vor einem grauen Fleischberg und elfenbeinerner Jagdtrophäe auf den Titelseiten vergrätzten selbst königstreue Spanier. Eine Luxus-Safari (geschätzte Kosten: über 40 000 Euro), ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Finanzmärkte die Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen in die Höhe treiben. Und zu dem der konservative Regierungschef Mariano Rajoy sich gezwungen sieht, sein 27-Milliarden-Sparpaket im Staatshaushalt durch weitere Einschnitte in Höhe von 10 Milliarden Euro bei Bildung und Gesundheit aufzustocken. Zu allem Überfluss wird in Argentinien gerade der spanische Erdölkonzern Repsol de facto enteignet. Während ihr Staatsoberhaupt sich also in Afrika vergnügte, erlebten seine Untertanen eine der schlimmsten Wochen des Jahres.

Die Entschuldigung des Königs steht für einen Epochenwechsel. Muss ein so schwacher Mann nicht abdanken? Wie geht es weiter mit der Monarchie? Es sind Fragen, die auf einmal in Blogs und Talkrunden erörtert werden. Und auch Kommentatoren in den Zeitungen debattieren nun öffentlich über eine Institution, die bis vor kurzem als sakrosankt galt.

"Wer hat gesagt, dass man König bleibt bis zum Tod?", fragt da die Autorin Elvira Lindo. Sogar ein führender Sozialist fordert, Juan Carlos müsse sich entscheiden, ob er weiter Verantwortung tragen oder "eine andere Art Leben" führen wolle. Der Vorsitzende der Vereinigten Linken wirft dem Monarchen einen "Mangel an Ethik" vor. Harsche Töne, die noch vor Monaten undenkbar gewesen wären, selbst für Kommunisten und Mitglieder kleiner republikanischer Parteien.

Seit Juan Carlos nach dem Tod von General Francisco Franco vor mehr als 36 Jahren gekrönt wurde, hatte er sich den Respekt und die Bewunderung der Spanier erarbeitet. Er trug wesentlich dazu bei, dass nach fast vier Jahrzehnten erzkatholischer Diktatur der Übergang zur Demokratie gelang; die Verfassung von 1978 definiert Spanien als parlamentarische Monarchie.

Als bewaffnete Kräfte der Guardia Civil im Februar 1981 das Parlament besetzten, half der König, den Putschversuch zu stoppen. Seither blieb er von aller öffentlichen Kritik ausgenommen. Sogar die Boulevardpresse schwieg über seinen Lebensstil, auch wenn der sehr abwechslungsreich war. Denn nachdem er mit Hilfe seiner gleichaltrigen Frau Sofia den Thron erobert hatte, soll Juan Carlos seine Verführungskräfte vor allem außerhalb des ehelichen Schlafzimmers im Zarzuela-Palast eingesetzt haben.

Auf Mallorca, wo die königliche Familie ihre Sommerresidenz hat, raunte man von einer Liebschaft des Monarchen mit einer einheimischen Dekorateurin. Die Hauptstädter munkelten, dass ihr Rey, ihr König, nächtens häufig in schwarzer Lederkluft unter dem Helm nicht erkennbar, auf dem Motorrad durch die Straßen bretterte, um in der Garage einer ehemaligen Schönheitskönigin zu verschwinden.

Der Macho auf dem Thron erfüllte die meisten Spanier mit Stolz. Seine Gattin, die kein Fleisch und nur wenig Fisch isst und gern brave, das Knie bedeckende Röcke trug, wurde eher bemitleidet. Bislang hielt sie den Schein einer intakten Ehe aufrecht und erfüllte die Repräsentationspflichten. Nach der Hüftoperation ihres Mannes aber ließ sie 72 Stunden verstreichen, bis sie sich an sein Krankenbett setzte, um dort 15 Minuten zu bleiben.

Die Omertà, wie ein intimer Kenner des Hofes den bisherigen Schweigepakt in Anlehnung an Mafiagebräuche nennt, ist nun gebrochen. Anfang des Jahres brachte die Autorin Pilar Eyre ihr Buch "La Soledad de la Reina" (Die Einsamkeit der Königin) heraus und enthüllte die chronische Untreue des Monarchen.

1500 Geliebte soll Juan Carlos gehabt haben. 2001, so schreibt Eyre, habe eine Frau behauptet, sie stamme aus einer Liaison des Königs mit Maria Gabriela von Savoyen und strebe eine Vaterschaftsklage an. Sogar ein Flirt mit Prinzessin Diana, der verstorbenen Frau des britischen Thronfolgers, wird Juan Carlos nachgesagt. Nach dem verunglückten Jagdausflug machen Journalisten erstmals ungeniert den Namen seiner deutschen Gefährtin bekannt: Corinna zu Sayn-Wittgenstein, geborene Larsen, 47, zwei gescheiterte Ehen, zwei Kinder.

Auslöser für den tiefgehenden Vertrauensverlust der Spanier gegenüber ihrem König war der Skandal um dessen Lieblingsschwiegersohn Iñaki Urdangarin. Der fast zwei Meter große ehemalige Handballprofi aus dem Baskenland lebte mit Prinzessin Cristina und vier gemeinsamen Kindern in Barcelona. Für die Vertiefung der Bande zwischen der Monarchie und den zur Abspaltung von Zentralspanien neigenden Basken und Katalanen war die Ehe Gold wert.

Doch nun steht der Schwiegersohn seit Februar in Palma de Mallorca vor Gericht und wird verdächtigt, über eine gemeinnützige Stiftung öffentliche Gelder veruntreut zu haben. Vergangene Woche soll der Richter Dokumente erhalten haben, die angeblich beweisen, dass sich Juan Carlos persönlich für fragwürdige Provisionsdeals Urdangarins bei Sportwettbewerben eingesetzt habe. In seiner Weihnachtsansprache hatte der König noch betont, dass "die Justiz für alle gleich" sei.

Die ersten Ermittlungen gegen ein Mitglied der königlichen Familie haben die Monarchie in die "schlimmste Krise" seit Francos Tod gestürzt, sagt die langjährige Hof-Berichterstatterin Carmen Enríquez. Besonders der Thronfolger, Kronprinz Felipe, 44, zeige sich besorgt. Sein Urgroßvater war ins Exil getrieben worden, als 1931 die Republik ausgerufen wurde. Die hatte Franco mit seinem Putsch 1936 gewalttätig beendet. Doch ein Teil der Bevölkerung blieb während der Diktatur im Herzen Anhänger der Republik. Viele Bürger sind daher nicht eingefleischte Monarchisten, sondern haben sich allenfalls zu Juan-Carlisten entwickelt.

Bei einer Meinungsumfrage des Madrider Zentrums für Sozialforschung im vergangenen Oktober erhielt das Königshaus erstmals nicht einmal mehr die Schulnote "ausreichend". Junge Spanier unter 25, von denen fast die Hälfte keine Arbeit hat, wissen die Verdienste von Juan Carlos beim Übergang zur Demokratie nicht mehr zu schätzen.

Ende Dezember musste die Königsfamilie enthüllen, wie hoch ihre Apanage ist: 8,4 Millionen Euro hat der Staat im vergangenen Jahr überwiesen - die englische Königin erhält fast fünfmal so viel. 2012 wurde das Budget des Königshauses um zwei Prozent gekürzt. Das Jahresgehalt des Regenten beträgt 292 752 Euro brutto, der Thronfolger erhält weniger als 150 000 Euro. Beide zahlen rund 40 Prozent Einkommensteuer.

In der freien Wirtschaft könnte der spanische Kronprinz mehr verdienen. Felipe hat in Madrid Jura und Ökonomie studiert, danach einen Master in Internationalen Beziehungen an der Georgetown University in Washington erworben. Schon vor der Heirat mit der Journalistin Letizia Ortiz hatte er ein eher bescheidenes Haus im Park nahe dem Zarzuela-Schloss seiner Eltern bauen lassen. Seine Töchter tragen oft Röcke und Blusen aus dem Kaufhaus. Felipe ist der Bürger-Prinz der Spanier.

Der Moment, "die Rolle der Krone in der Demokratie und in der gegenwärtigen Gesellschaft neu zu überdenken", scheint nun gekommen. Das glaubt zumindest Julián Casanova, Zeitgeschichtler an der Universität Zaragoza. Die Krise der Monarchie sei nicht die Folge einer erstarkenden republikanischen Bewegung. Vielmehr seien "einige der Säulen eingestürzt, auf die sich dieses positive Konstrukt des monarchischen Gebäudes stützte".

Mehr Transparenz und eine klare Definition der Aufgaben der königlichen Familie fordern einhellig Politiker aller Parteien. In der spanischen Verfassung ist nicht vorgesehen, dass der König aus freien Stücken abdankt. Trotzdem werden erstmals Stimmen laut, die jetzt mit Felipe die Chance für einen Neubeginn sehen.

Die Schriftstellerin Rosa Montero sagt, die Krise sei vielleicht nicht der richtige Moment für einen Systemwechsel, aber man könne doch "diesen Bourbonen auswechseln". In einem Kommentar für "El País" forderte sie auf, im Internet Unterschriften zu sammeln, damit der passionierte Jäger Juan Carlos zumindest als Ehrenpräsident des spanischen World Wide Found for Nature abdanken muss.


DER SPIEGEL 17/2012
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