23.04.2012

LITERATURAuf der Suche nach Jacqueline

Der Franzose Patrick Modiano hat einen ziemlich nostalgischen Paris-Roman geschrieben: „Im Café der verlorenen Jugend“.
Paris, sechziger Jahre. Ein Mann ist von seiner Frau verlassen worden. Nicht einmal ein Jahr lang war sie mit ihm verheiratet gewesen. Über Nacht ist sie weggeblieben, einfach verschwunden. Sie hat ihn, den Immobilienhändler, noch einige Male angerufen und bekräftigt, dass sie nicht zurückkehren werde. Ohne Erklärung, ohne Entschuldigung.
Ein Privatdetektiv wird angeheuert, der beim Gespräch mit dem Verlassenen schnell erkennt, dass der Mann von Mitte 30 über die 22-Jährige wenig weiß. Nichts Genaues über ihre Herkunft, nichts über ihre Freunde. Er hat sich in sie verliebt, als sie zur Aushilfe als Sekretärin gearbeitet hat. Und er hat sie geheiratet.
Jacqueline heißt sie. Sie hat nichts zurückgelassen, weder ihren roten Lederkoffer mit ihrer Kleidung noch die wenigen Urlaubsfotos. Zwei Automatenbilder von ihr gibt es. Der hilflose Ehemann überlässt sie dem, der sich auf die Suche machen soll: "Ich möchte, dass sich diese Situation schnellstens aufklärt."
Sehnsucht klingt anders. Und der Detektiv fragt sich insgeheim: "Was wollte er eigentlich? Dass seine Frau zurückkam? Oder suchte er nur zu begreifen, warum sie ihn verlassen hatte?" Und in einem aggressiven Ton, der ihn selbst überrascht, sagt er zu dem Mann: "Sie haben wohl gehofft, mit ihr alt zu werden?"
Den Privatdetektiv, der auch nicht mehr der Jüngste ist, interessiert das Geheimnis dieser Frau, deren Gesicht er nur von den zwei Automatenfotos kennt. Er macht sich auf die Suche und trägt zusammen, was er über die Gesuchte erfahren kann, aus Polizeiakten, aus einer Chronik der Besucher im Café Le Condé, einem der Stammlokale der Boheme von Paris, junger Leute, die sich meist nur mit Vor- oder Spitznamen kennen.
Auch Jacqueline ist hier oft gewesen, bekannt unter dem Namen Louki, den ihr einer der Gäste verpasst hat. Und es gibt Gruppenfotos, auf denen die geheimnisvolle junge Frau zu sehen ist. "Sie schien das Licht stärker einzufangen, wie man im Filmgeschäft sagt", erinnert sich einer der Gäste viele Jahre später, der in sie verliebt gewesen ist. "Von all den Leuten nimmt man sie als Erste wahr."
"Im Café der verlorenen Jugend": Selten hat ein Romantitel so viel von der Atmosphäre des Buchs eingefangen wie dieser(*). Der französische Autor Patrick Modiano, 66, ist ein Meistererzähler der verlorenen Zeit, allerdings nicht der Mann der großen Recherche, sondern der maßvollen Form. Mehr als 20 Romane hat er seit 1968 publiziert, nahezu alle sind übersetzt worden. Trotzdem ist Modiano hierzulande noch immer zu wenig bekannt. Auch Peter Handke, der zwei Bücher von Modiano übersetzt hat, konnte dem großartigen Erzähler nicht die angemessene Aufmerksamkeit verschaffen.
Das ist ein wiederkehrendes Motiv bei Modiano: der Rückblick auf jene Zeit, als das Gebiet links des Seine-Ufers, das Rive Gauche, noch fest in der Hand der Künstler und Studenten war, lange bevor die Cafés von Boutiquen und Luxusläden verdrängt wurden - ein Rückblick, der die Rätsel der Vergangenheit nicht auflösen kann.
Der Detektiv ist nicht der Einzige, der etwas über Jacqueline erfahren will, und obgleich er den Fakten und Fäden ihres Lebens am nächsten kommt - viel besagt das nicht. Es gibt da noch einen Studen-
ten an der Hochschule für Bergbau, der sie, umschwärmt, nur als Louki kennt: "Wenn diese ganze Zeit manchmal in meiner Erinnerung auflebt, dann nur wegen der unbeantworteten Fragen." Und den jungen Schriftsteller Roland, den man sich als Alter Ego Modianos vorstellen kann und in dessen Arme Jacqueline sich flüchtet. Ihm gegenüber deutet sie an, warum sie überhaupt geheiratet hat: "Er will mein Bestes … Er hält sich ein wenig für meinen Vater." Doch auch Roland wird sie nicht halten können.
In einem Kapitel erzählt Jacqueline selbst. Sie berichtet von einer wenig behüteten Jugend, obgleich die Mutter ihr liebevoll begegnet. Der erste Mensch, dem sie sich anvertraut, ist zu ihrer eigenen Verwunderung ein freundlicher Polizist auf einer Revierwache, nachdem sie wieder einmal aufgegriffen worden ist, wegen nächtlicher Herumstreunerei.
Zur Kunst Modianos gehört es, der Heldin des Romans selbst in diesem Monolog das Rätselhafte zu lassen. Und bis zum Ende, das kein gutes ist, wird Jacqueline von sich wenig mehr als das verraten: "Meine einzigen guten Erinnerungen sind Erinnerungen an Flucht und Weglaufen."
Was vermag das Gedächtnis? Jedenfalls nicht, alte Zeiten zurückzuholen. "Schwarze Löcher. Und dann blitzen Einzelheiten auf in meinem Gedächtnis, Einzelheiten, so genau, dass sie belanglos sind." So sieht es Jacqueline, die mit Charme und Anmut Menschen anzieht, ohne sich darum zu bemühen. Auch der Detektiv gehört dazu, der sie irgendwann nicht mehr sucht, obgleich er die nötigen Informationen in Händen hält. Warum sollte er sie an ihren Ehemann verraten? Er werde "ihr Zeit lassen, sich endgültig in Sicherheit zu bringen", beschließt der Detektiv. Was er nicht erkennt: dass es für Jacqueline keine Sicherheit gibt.
(*) Patrick Modiano: "Im Café der verlorenen Jugend". Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser Verlag, München; 160 Seiten; 16,90 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 17/2012
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