23.04.2012

DEBATTE

Nur wir Eltern sind im Stress

Von Kloepfer, Inge

Warum es richtig ist, aus Kindern gute Schüler zu machen

Unter der Überschrift "Wir schreiben noch Mathe" erschien vor drei Wochen ein Debattenbeitrag im SPIEGEL zum Thema Leistungsdruck in deutschen Schulen. Das Leben von Kindern und Jugendlichen würde veröden, argumentierte Redakteurin Claudia Voigt, und ohne Unterstützung von zu Hause könnten viele Schüler das Gymnasium heute nicht mehr erfolgreich abschließen. Eine große soziale Ungerechtigkeit, die sich die Gesellschaft nicht länger leisten sollte. Nun antwortet die Journalistin und Buchautorin Inge Kloepfer, 47. Im Verlag Hoffmann und Campe erschien im März ihr Buch "Glucken, Drachen, Rabenmütter. Wie junge Menschen erzogen werden wollen".

Können Kinder in Deutschland eigentlich glücklich sein? Es wird ihnen zumindest nicht leichtgemacht, denn irgendwas ist immer. Gerade richten sich die Argusaugen der Wohlfühlpädagogen auf den Nachwuchs der Mittelschicht. Ihm widerfährt angeblich Schreckliches: Er werde gnadenlos überfordert. Der Alarmismus kennt keine Grenzen.

Kinder litten unter Leistungsdruck, verursacht durch überambitionierte, rücksichtslose Eltern und eine Bildungspolitik, die den Gymnasiasten ein ganzes Schuljahr und damit dem Nachwuchs angeblich die Möglichkeit genommen habe, die Welt in eigner Geschwindigkeit zu entdecken. Kinder würden regelrecht zu Strebern erzogen, Leistung werde mit Bildung verwechselt. Und Eltern versuchten, ihren Kindern durch unermüdlichen Einsatz Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen. Der Preis: Stress und Depressionen, Drill und viel zu hohe Erwartungen, die den Kindern und Jugendlichen ihre unbeschwerte Kindheit und Jugend raubten.

Wie schlecht geht es Deutschlands Nachwuchs wirklich? Wie belastet sind unsere Kinder, seit wir Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker offenbar allesamt die gesunde Intuition dafür verloren haben, was Kindern und Jugendlichen guttut und was nicht?

Studien über die Befindlichkeit des Nachwuchses fallen unterschiedlich aus und werden, je nach Eigeninteresse, auch ganz unterschiedlich ausgelegt.

Trotzdem herrscht die felsenfeste Überzeugung, dass Kinder heute nicht mehr Kinder sein dürfen und Teenager nicht mehr echte Teenager - so wie wir damals. Die Vertreter dieses Dogmas haben sich längst der Deutungshoheit über die Befindlichkeit des Nachwuchses in Deutschland bemächtigt: alles viel zu viel.

Aber man kann auch einen ganz anderen Blick auf Deutschlands Kinder werfen und sie anders erleben: Kinder und Jugendliche sind leistungsbewusst, ehrgeizig, wissbegierig. Sie fordern ihre Eltern heraus. Sie lassen uns nicht in Ruhe, weil sie eben nicht nur spielen, sondern auch etwas zustande bringen wollen: gute Noten in der Schule und schnelle Zeiten auf dem Sportplatz. Sie fragen, diskutieren und streiten mit uns. Lästigerweise werden wir Eltern eingebunden, wenn es darum geht, ein Referat zu erstellen. Nicht, weil Lehrer das unbedingt erwarten, sondern weil die Kinder die Unterstützung einfordern. Warum denn nicht?

Kinder und Jugendliche wollen erfolgreich sein, und sie haben ein Recht darauf. Also fährt man sie dreimal in der Woche zum Fußballtraining und an den Wochenenden zu Punktspielen. Man kauft ihnen Zeichenpapier und gute Stifte für ihre Cartoons. In Phasen, in denen sich die Klassenarbeiten häufen, treibt man sie an, etwas dafür zu tun, was übrigens spätestens im Alter von 14 Jahren kaum noch geht.

Man nimmt in Kauf, dass für die Lernerei hin und wieder Samstage oder Sonntage draufgehen und gemeinsame Ausflüge dann eben nicht möglich sind. Das kann zugegebenermaßen sehr mühsam werden. Wir sollen abfragen, noch mal etwas erklären oder uns ein paar Grammatikübungen für die nächste Englischarbeit ausdenken. Wir kriegen uns mit den Kindern in die Haare, vertragen uns wieder. Das aber gehört dazu.

Kinder haben ein Recht auf Unterstützung, auf Motivation, auf den Antrieb, den sie brauchen. Und Eltern haben ein Recht, sich für ihre Kinder einzusetzen, ohne dafür immerfort am Pranger zu stehen. Und zwar deshalb, weil Erfolg genauso zum kindlichen Lebensglück gehört wie Spielen oder "Chillen" oder das Treffen mit Freunden, draußen oder im Internet, wie Träumen, Budenbauen oder Cartoonzeichnen. Und weil sich Erfolg eben nur einstellt, wenn man sich anstrengt. Wie geht es dem Nachwuchs dabei? Das Gros der Kinder in Deutschland ist sicher nicht überfordert. Nur wir Eltern sind im Stress.

Das ist der wunde Punkt in der Debatte und verzerrt die Sicht auf unsere Kinder. Wir leiden wahrscheinlich sehr viel mehr als sie, deren Kindheit wir immerzu mit unserer eigenen vergleichen. Schreiben die eigenen drei Kinder kurz vor den Osterferien jeder noch vier Klassenarbeiten, dann sind das für uns Eltern gefühlte zwölf. Schon regt sich der eigene Widerstand, und Unsicherheit bricht sich Bahn: Ist das nicht alles viel zu viel? Und ist das überhaupt zu schaffen? Die armen Kinder.

Warum sind Eltern eigentlich so? Sie projizieren ihre Unsicherheit, ihre gesammelten Sorgen und Ängste auf die Kinder. Das ist ein relativ neues Phänomen, dem man sich als Mutter kaum entziehen kann. Den Kindern ist nicht das Glück verlorengegangen, sondern uns Eltern eher die Gelassenheit. Dafür gibt es gute Gründe. Über Elternschaft von heute schwebt übermächtig das Postulat einer glücklichen Kindheit. Kindheit muss umfassend glücklich sein, damit auch das Erwachsensein gelingen kann. Wären wir dagegen ehrlich, würden wir zugeben, dass eine beschwerte Kindheit nicht notwendigerweise dazu führen muss, ein unglücklicher Erwachsener zu werden. Die Idealvorstellung von Kindheit setzt das glückliche Kind voraus, das ein Leben lang von seiner Kindheit zehren kann. Eine geradezu beängstigende Sichtweise. Und wir Eltern setzen alles daran, unseren Nachwuchs in diesem Zustand kindlichen Glücks und seelischer Balance durchs Leben zu navigieren. Was nach Ansicht eines lebensfremden Mainstreams nicht dazugehört, sind Stress, Leistungsdruck, Anstrengung oder gar Misserfolge, also all das, was Kinder und Jugendliche eben nicht glücklich macht.

Dazu gesellt sich seit ein paar Jahrzehnten die Vorstellung vom anstrengungsfreien, spaßbetonten Lernen. Dass es das - genauso wie das umfassende Kinderglück - nicht gibt, weiß natürlich jeder Erwachsene. Lernen ist nun einmal mit Mühsal verbunden und mit einer gewissen Leidensfähigkeit. Gleichzeitig wissen wir, dass heute gute Leistungen und eine solide Ausbildung zwar die Voraussetzungen für beruflichen Erfolg, aber längst keine Garantie mehr dafür sind. Ein Dilemma.

Daher der Drang nach immer mehr: Instrumentenkarussell, Frühenglisch oder die Chinesisch-AG - alles spielerisch, versteht sich. Später Auslandsaufenthalte, Praktika, soziales Engagement. Wer mehr kann und mehr zu bieten hat, hat später bessere Chancen. Das Glück der Kinder wird im Elternhaus geschmiedet. Denn ungerechterweise hängen in Deutschland Bildung und Lebenschancen von der Herkunft ab. Bis heute ist es Politikern nicht gelungen, diesen Systemfehler zu korrigieren. Und gerade deswegen geben Mittelschichtseltern ihr Bestes. Zu allem Überfluss muss heute mit den Kindern und Jugendlichen auch noch mehr diskutiert und verhandelt werden als je zuvor in der kurzen Geschichte von Kindheit.

Erziehung ist Schwerstarbeit, zeitlich und emotional herausfordernd und am Ende unwägbarer in ihrem Erfolg als früher. Das ist nicht leicht erträglich. Nicht die Kinder sind erschöpft, sondern wir Eltern. Das ist wie mit der Jacke und dem Rausgehen. Weil die Mutter friert, muss das Kind mit Jacke auf den Spielplatz, dabei ist ihm gar nicht kalt.

Viele Kinder und Jugendliche teilen das Unglück ihrer Eltern vermutlich gar nicht. Sie empfinden ihr Leben anders als wir, ihre stets besorgten Mittelschichtseltern, die die eigene Kindheit zunehmend idealisieren. Es ist der Vater, der darunter leidet, dass sein Sohn keine Zeit hat, mit ihm jeden Sonntag im Wald Flitzebögen zu schnitzen, nicht der Sohn. Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen heute ganz anders auf als wir. Damals war nichts besser, und heute ist nichts schlechter. Sie leben in einer beschleunigten, herausfordernden Zeit und kommen damit besser klar als wir. Wahrscheinlich sind sie nicht glücklicher oder unglücklicher, als wir es waren. ◆


DER SPIEGEL 17/2012
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