25.01.1999

ZEITGESCHICHTELeichen im Obstgarten

Galizien 1941: Erst mordete der sowjetische NKWD, dann wüteten deutsche Truppen. Fotos der Greuel zeigt die umstrittene Wehrmachtsausstellung - aber wessen Opfer sind zu sehen?
Im Sommer 1939 waren die Menschen in Zloczów so ausgelassen, als ob sie ahnten, daß es für lange das letzte Mal sein würde. Die Sonne strahlte Tag für Tag, man unternahm Ausflüge ins nahe Lemberg oder hinein in die liebliche Hügellandschaft der Umgebung.
Das ärmliche galizische Landstädtchen Zloczów gehörte damals zu Polen. Über sein weiteres Schicksal entschieden Hitler und Stalin am 23. August 1939, als sie Osteuropa unter sich aufteilten. Ihr Pakt schlug Galizien der Sowjetunion zu, am 21. September marschierte die Rote Armee in Zloczów ein.
Mit den Soldaten kam die sowjetische Geheimpolizei NKWD, die Hunderte Einwohner als "Volksfeinde" nach Sibirien deportierte. Als knapp zwei Jahre später, im Juni 1941, Hitler die Sowjetunion angreifen ließ und die deutschen Truppen Galizien eroberten, ermordeten die Geheimpolizisten schnell noch 700 Zloczówer, bevor sie selbst Richtung Osten flohen.
Die Deutschen zogen ein, und das Morden ging weiter. Ukrainische Nationalisten, die SS und Soldaten der Wehrmacht erschossen und erschlugen innerhalb von vier Tagen über 3000 Juden.
So wie in Zloczów ging es in vielen Städten in Galizien zu. Meist ist das doppelte Blutbad im Sommer 1941 ausführlich dokumentiert.
Deutsche Offiziere ließen die Opfer des NKWD wieder ausgraben, Soldaten nahmen Fotos von den Leichen auf. Einige Landser knipsten anschließend die Greuel, die ihre Kameraden an den Juden anrichteten. Die Bilder behielten sie bei sich oder schickten sie an Angehörige nach Hause. Als etwa der Unteroffizier Richard Worbs 1944 beim Dorf Winograd fiel, fanden sich in seiner Habe Aufnahmen aus Zloczów.
Worbs hatte die Fotos allerdings nicht beschriftet. Ob sie nun die Barbarei der Sowjets oder die der Deutschen festhielten, ist denn auch nicht so leicht zu erschließen. Die sowjetische "Außerordentliche Kommission" aber, die ab 1942 Kriegsverbrechen des Dritten Reiches dokumentierte, ordnete die Bilder von den Leichenbergen in Zloczów den deutschen Truppen zu.
Bei dieser Täterangabe blieb es bis heute. Das Hamburger "Institut für Sozialforschung" übernahm die zweifelhafte Interpretation und zeigt drei der Worbsschen Aufnahmen in ihrer ebenso hochgelobten wie angefeindeten Wander-Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", die zur Zeit in Kiel zu sehen ist.
Die Ausstellung, seit 1995 in 30 Städten präsentiert, war von Anfang an wegen ihrer Generalthese umstritten. Das Hamburger Institut versucht zu untermauern, daß die deutsche Wehrmacht tief in den Holocaust verstrickt gewesen sei. Auch in Kiel hatte es Proteste, vor allem von der CDU, wegen dieser angeblichen Einseitigkeit gegen die Ausstellung gehagelt.
Andere Kritiker bemängelten, daß einige der gezeigten 801 Fotos - oft geknipst von Soldaten, SS-Leuten oder Polizisten - falsch beschriftet worden seien. Die Aufnahmen waren kaum je mit Ort und Datum versehen gewesen. Die Organisatoren der Ausstellung, Hannes Heer und Bernd Boll, mußten das nachholen. Das Hamburger Institut setzte sich bisher jedoch erfolgreich gegen konkrete Vorwürfe zur Wehr, in einem Fall auch vor Gericht.
Aber was zeigen die Fotos aus Zloczów? Der deutsch-polnische Wissenschaftler Bogdan Musial hat sich ausgiebig mit den galizischen Greueln beschäftigt und glaubt, seiner Sache sicher sein zu dürfen. "Das sind die Opfer des NKWD", sagt er und zeigt auf die Aufnahmen, die beim toten Unteroffizier Worbs gefunden worden waren.
Der Historiker Musial, 38, war einst Kumpel in Kattowitz und kämpfte dort für die Solidarno sc im Untergrund. 1985 flüchtete er in den Westen, studierte Geschichte. Er glaubt, daß neben den drei Bildern aus Zloczów sechs weitere Fotos in der Wehrmachtsausstellung "die falschen Opfer zeigen"; bei mehr als 20 Aufnahmen aus Tarnopol, Boryslaw oder Lemberg hält er es für möglich.
Zloczów war ein Drei-Völker-Städtchen, wie es im Galizien vor dem Zweiten Weltkrieg viele gab. Jeder zweite der 20 000 Einwohner war Ukrainer oder Pole, daneben gab es 10 000 Juden.
Nach dem Hitler-Stalin-Pakt besetzte der NKWD sofort die alte Zitadelle, die auf einem Hügel oberhalb der Stadt liegt und als Gefängnis diente. Das polnische Gefängnispersonal wurde erschossen, die Geheimpolizisten verhafteten Kleinunternehmer und Beamte, national gesinnte Ukrainer und Polen, Zionisten und jüdische Ärzte und verschleppten sie nach Sibirien und Kasachstan. "Sobald leere Viehwaggons auf dem Bahnhof zu sehen waren, breitete sich Panik aus", berichtete später Samuel Tennenbaum, der damals eine Druckerei in Zloczów besaß.
Nazis und Sowjets arbeiteten in dieser Phase in Galizien sogar zusammen. Eine deutsche Delegation rief in Lemberg Flüchtlinge aus dem von Hitler besetzten Westpolen auf, in die verlassene Heimat zurückzukehren. Wer sich meldete, landete allerdings in Sibirien - die Deutschen hatten die Namenslisten an den NKWD weitergegeben.
Der Massenmord der Sowjets in Zloczów begann am 24. Juni 1941, zwei Tage nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion. Der NKWD verhaftete alle Bewohner, die als sowjetfeindlich galten. Oben auf der Zitadelle liefen ununterbrochen die Motoren von Lastwagen - der Lärm sollte die Schüsse übertönen. Fünf Tage dauerte das Massaker, nur einer der Gefangenen soll überlebt haben.
Der NKWD pflegte seine Opfer durch Genickschüsse zu liquidieren. Die Leichen wurden im Obstgarten vor der Zitadelle verscharrt.
Auf einem Worbs-Foto aus Zloczów sind Menschenkörper zu sehen, die bereits verwesen; auf einem zweiten halten sich herumstehende deutsche Soldaten die
* Bei der Eröffnung der Ausstellung am 7. Januar im Kieler Landtag mit Landtagspräsident Heinz-Werner Arens (SPD).
** Shlomo Wolkowicz: "Das Grab bei Zloczów". Wichern-Verlag, Berlin 1996; 159 Seiten; 32 Mark.
Nase zu. Das spricht für die Annahme, daß es sich um die Opfer des NKWD handelte, welche die Deutschen nach ihrem Einmarsch ausgraben ließen. Auch die Staatsanwälte der polnischen "Bezirkskommission zur Untersuchung der Verbrechen am polnischen Volk" in Lodz haben eines der Bilder aus Zloczów, das die gleiche Szene aus einem anderen Blickwinkel zeigt, dem NKWD zugeordnet.
Ausstellungsmacher Boll will die Worbs-Fotos dennoch in der Wehrmachtsausstellung belassen, weil man "mit einer zureichenden Berechtigung vermuten darf, daß beide Opfergruppen darauf zu sehen sind, also auch die der Deutschen". Das ist immerhin ein Zugeständnis, denn in der Ausstellung hängen die Aufnahmen unter der Rubrik "Genickschüsse" der Wehrmacht.
Am 1. Juli 1941 um 12 Uhr mittags hatte die 9. Panzerdivision der deutschen Wehrmacht Zloczów eingenommen. Fünf Tage später waren über 3000 Zloczówer Juden tot.
Durch das Städtchen rollten in jenen fünf Tagen eine Division der Waffen-SS und einige Divisionen der Wehrmacht, zusammen mehr als 50 000 Mann. Ukrainische Extremisten, in Zloczów besonders stark vertreten, hatten bereits vor dem Einzug der deutschen Truppen zum Mord an Juden aufgerufen: "Volk! Wisse! Moskau, Polen, die Ungarn, das Judentum - das sind Deine Feinde. Vernichte sie."
Der Sicherheitsdienst von SS-Chef Heinrich Himmler meldete, die ukrainische Miliz habe "im Auftrag der Wehrmacht mehrere 100 Juden festgenommen, die erschossen worden sind". Er lobte die "erfreulich gute Einstellung der Wehrmacht gegen die Juden". Das Sonderkommando 4 b, verantwortlich für zahlreiche Judenerschießungen in Galizien, habe Zloczów nur "flüchtig überholt".
In den täglichen Aufzeichnungen der 125. und 295. Wehrmachtsdivision ist hingegen vom "unglaublichen Verhalten der SS gegenüber hiesigen Landeseinwohnern" die Rede. Die Männer mit dem Totenkopf würden "wahllos russische Soldaten und auch Zivilisten, die ihnen verdächtig erscheinen, in Massen erschießen". Bei den Generälen der 17. Armee lief am 5. Juli morgens eine Meldung ein über "erneute grausamste Erschießungen von den Ukrainern und der SS".
Der junge Shlomo Wolkowicz hatte gerade sein Abitur bestanden und frühstückte bei seinem Onkel, als ein SS-Mann und ein Ukrainer aufkreuzten: "Ihr seid Juden, nicht wahr? Also kommt mit!"
Wolkowicz wurde zur Zitadelle geführt, dort stand bereits eine lange Schlange Zloczówer Juden. Am Toreingang prasselten Schläge von SS-Männern und Ukrainern auf sie nieder. Die Feldgendarmerie der Wehrmacht sperrte den Vorplatz ab. In einer Grube lagen "Leichen wie Sardinen in einer Büchse", erzählt Wolkowicz in seinen Erinnerungen - die NKWD-Opfer**.
Die Juden mußten sie ausgraben und auf Pferdewagen laden. Die Ukrainer fuhren damit zum Friedhof, um die Toten zu bestatten. Dann zwangen sie die Juden, sich in die gerade geleerte Grube zu legen. SS-Männer stellten zweifüßige Maschinengewehre auf und hielten in die Menge, bis sich niemand mehr bewegte.
Wolkowicz überlebte, weil mehrere Leichen auf ihn fielen und ihn bedeckten. Seine Tante wurde von einem deutschen Wehrmachtsoffizier gerettet. "Ich konnte hören", schreibt Wolkowicz in den Erinnerungen, "wie er den Befehl gab, die Frauen freizulassen."
In jenen blutigen Tagen dürften die Fotografien entstanden sein, die später beim toten Unteroffizier Worbs gefunden wurden. Ob er sie selbst angefertigt hat oder ob er sie von einem Kameraden bekam, der sie beispielsweise im Auftrag der Nazi-Propaganda aufgenommen hatte, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Ähnliche Bilder von den Leichenbergen, die der NKWD angehäuft hatte, habe er von alten Bewohnern Zloczóws bekommen, sagt der Historiker Musial.
Musial ist nicht der einzige Experte, der Bedenken wegen der Zuordnung der Worbs-Fotos angemeldet hat. Bilder dieser Art aus dem mörderischen Som-mer 1941 in Galizien, meint Dieter Pohl vom "Institut für Zeitgeschichte" in München, müßten nun einmal "mit großer Vorsicht angefaßt werden".
KLAUS WIEGREFE
* Bei der Eröffnung der Ausstellung am 7. Januar im Kieler Landtag mit Landtagspräsident Heinz-Werner Arens (SPD). ** Shlomo Wolkowicz: "Das Grab bei Zloczów". Wichern-Verlag, Berlin 1996; 159 Seiten; 32 Mark.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 4/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Leichen im Obstgarten