25.01.1999

HAUPTSTADT

Abschied von der reinen Lehre

Von Mayr, Walter

Die SPD-Basis hat ihn zum Spitzenkandidaten ausgerufen - nun soll Walter Momper zehn Jahre nach seiner ersten Amtszeit erneut Regierungschef in Berlin werden. Die Stadt hat sich seit dem Mauerfall dramatisch verändert - Momper nicht. Von Walter Mayr

Gulaschduft hängt im Sekretariat der Büro-Suite 213, Hotel Hilton am Gendarmenmarkt. Die Dame hinter dem linken Schreibtisch hat ihren Teller zwischen vollen Aschenbechern und Akten eingeparkt. Sie löffelt stramm. Die Kollegin am Telefon leistet Dienst am Vorgesetzten, Marke Hauptstadt: "Is'' inna Besprechung. Kann dauern. Nee, wird wohl heute nüscht mehr."

Von wegen. In das sozialistische Stilleben mit Vorzimmerdamen platzt plötzlich der Chef: Walter Momper, Kopf der Momper Projektentwicklungs GmbH. Er ist Unternehmer, hat also tagsüber kaum ein Auge für Gulasch. Mit kleinem Stab plant er Villen in Havelnähe, marktgerechte Umwidmung alter Kasernen, neue Siedlungen in der brandenburgischen Prärie. Sein Traum ist das nicht. Aber irgendwas muß er ja machen.

Momper war Regierender Bürgermeister von Berlin. In einer Ahnenreihe mit

* Mit Ehefrau Annegret nach Verkündung des Ergebnisses der parteiinternen Urwahl im Berliner Willy-Brandt-Haus am 17. Januar.

Ernst Reuter und Willy Brandt. Auf du und du zur Wendezeit mit denen ganz oben - Honecker, Gorbatschow, Bush; Dauergast im Fernsehen, aber gelitten auch beim Bürger. Zuständig "für alles, von der Gaslaterne bis zur Auswärtigen Gewalt", wie er heute sagt: "Damals waren wir noch ''ne Nummer beim State Department."

Damals. In der Nacht des 9. November 1989, als die Mauer fällt, als Millionen nach Westen strömen und Chaos droht, steht der Regierende an der Front wie einst in Hamburg Helmut Schmidt bei der Sturmflut: mit einem Megaphon, am Übergang Invalidenstraße.

Er ruft: "Bitte machen Sie die Wege frei", und wird so zum obersten Streckenposten beim Abmarsch der Ostbürger ins Gelobte Land.

Nur ein Jahr später setzt Momper erst die rot-grüne Koalition und dann die Wahl in den Sand, sein Sturz beginnt. Als er 1992 das Lager wechselt und in die Bauwirtschaft geht, ist das Protestgeheul unter klassenbewußten Genossen erheblich. Der Unternehmer Gert Ellinghaus, bei dem Momper anheuert und von dessen Kundenstamm er noch heute zehrt, wird später wegen Konkursverschleppung verurteilt.

Die SPD-interne Urwahl 1995 verliert der Ex-Regierende, obwohl allein sein Schal beim normalen Volk mehr Begeisterung auslöst als die ganze Gegenkandidatin - die Sozialexpertin Ingrid Stahmer. Sie fährt nur 23,6 Prozent für ihre Partei ein, für sich selbst hingegen ein Senatorenamt unter Eberhard Diepgen in einer Großen Koalition. Momper wird von den Genossen weiter geschnitten.

Seit nunmehr einer Woche ist er wieder obenauf, als sei nichts gewesen - offiziell erkoren zum Spitzenkandidaten der Berliner SPD für die Wahlen im Oktober 1999. Per Urwahl hat er Fraktionschef Klaus Böger besiegt - und das dahinter fast komplett versammelte Berliner SPD-Establishment gleich mit. Die Würdenträger stehen nun da wie ein Trupp Meineidiger vor dem Richter.

Die basisdemokratische SPD-Sternstunde ist analysiert worden - von den Unterlegenen im Grand Hotel Esplanade, von der Momper-Mannschaft spartanisch in der Grillstube Split. Peter Strieder pendelte zwischen den Lagern und soll nun Landeschef werden. Der Umweltsenator glänzt ansonsten als Initiator der Anti-Hundekot-Kampagne "Nur ein kleines Würstchen", berlinweit plakatiert.

"Der Momper darf nun wieder in der Sandkiste mitspielen", sagt Momper mit dem Abstand weniger Tage und der Erfahrung bitterer Jahre. Er lächelt dabei spöttisch. Kinderkram diese SPD, soll das wohl heißen, keine Visionen, kleinliches Gezänk. Aber ist Momper der Mann, das zu ändern? Der Mann von gestern als Mann von morgen?

Die 23 SPD-Kreisvorsitzenden in Berlin beackern ihre Interessensphären tradi-tionsgemäß mit derselben Verbissenheit wie schwäbische Bauern die Außenkante ihrer Flur. Am Versuch der Quadratur von SPD-"Donnerstagskreis", "Britzer Kreis" und anderen beinahe ländlich-hermetischen Zirkeln aus der Frontstadtzeit ist schon mancher gescheitert.

Momper aber setzt auf seine Stärke - Optimismus. Wer wie er den Tunnelblick hat und Ziele für sich sieht, die außer ihm keiner sieht, der schert sich wenig um Hürden. Das war ausgangs der Achtziger so, als er, und praktisch nur er, sich für tauglich befand, das höchste politische Amt Berlins anzustreben. Wenig später hatte er es. Und jetzt war es wieder so. Quasi aus dem Off ist Momper auf die politische Bühne zurückgehechtet.

Sicher, er war noch da in all den Jahren. Hat einen politischen Salon ins Leben gerufen, den SPD-Arbeitskreis Wirtschaft geleitet, sich von anfänglicher Ahnungslosigkeit zum Premieren-Tiger des Berliner Theaterlebens emporgearbeitet und auf kaum einer Party von Rang gefehlt.

Dazu kamen Sachen wie "Kohl und Pinkel bei Anne und Walter", eine Aktion zugunsten Aids-Infizierter, und Fernsehauftritte. Der Mythos lebte im kleinen weiter, doch eine Rückkehr ins Gerangel um die Spitze, sagt Momper, habe er eigentlich ausgeschlossen: "Ich wollte ja nicht als die tragische Figur der Berliner Politik durch die Gegend laufen - der, der immer verliert."

Davon ist keine Rede mehr. Mühelos spuckt Momper Umfragewerte und Beliebtheitskoeffizienten aus. 94 Prozent der Berliner kennen ihn, sagt er. Und eine Schlagzeile hat Momper auch noch gelesen; er referiert sie scheinbar ungläubig: "Siemens-Mitarbeiter hoffen auf den Momper-Effekt."

Der Momper-Effekt. Das klingt beinahe wie eine geheimnisvolle Krankheit. Wie Zustimmung ohne Grund. Sympathie ohne Argwohn. Menschenverstand statt Parteiräson.

Momper gibt vor, das nüchtern zu sehen. "Mich verändert das alles nicht mehr", sagt er, "ich hab''s ja auch schon andersrum erlebt." Aber, es gebe jetzt immerhin wieder Anlaß zur Hoffnung: die SPD sei "reifer" geworden. Hat sie nicht auch den Gremien-Paria Schröder zum Plebiszit zugelassen und dann als Paradepferd ins Rennen geschickt?

Jetzt ist der Außenseiter Kanzler und habe sich "halb kaputtgelacht", sagt Momper, als sie neulich wieder auf alte Geschichten zu sprechen kamen. Wie sie, die sich nun kennen seit frühen Juso-Tagen, 1995 vor der Berliner Urwahl erwogen hätten, eine Annonce an die Adresse der SPD-Mitglieder aufzugeben: "Macht nicht bei Momper/Stahmer den gleichen Fehler wie bei Schröder/Scharping." Sie haben es dann doch gelassen.

Damit es gegen Böger für Momper nicht wieder schiefgehe, hat im Januar 1999 der Parteilinke Klaus-Uwe Benneter kurz an der Strippe gezogen. Und so kam der Bundeskanzler drei Tage vor der Berliner Urwahl zum Essen mit Momper ins feine Restaurant Vau im Bezirk Mitte. Kameramänner waren bestellt - und die Gesichter bei Böger samt Freunden anschließend lang. Deren Konter, dem Kanzler eine Currywurst anzudienen, ging ins Leere.

So wird neuerdings Politik gemacht. Zwar fühlt sich Momper nicht versucht, im Liliputformat für das System Schröder Modell zu stehen, doch die Parallelen stimmen bis hin zum Feindbild. Helmut Kohl en miniature, in Berlin gegeben vom Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen, ist mit einer einzigen - durch Momper bewirkten - Unterbrechung seit 1984 im Amt.

Momper und Schröder kommen vom platten Land, beide geboren am Ende des Kriegs. Beide haben den Vater an der Front eingebüßt und sich hochgeboxt. Beide sind an den Gremien der Partei vorbeigezogen, mit Beharrlichkeit und einem stabilen

* Mit Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (M.) bei der Öffnung des Brandenburger Tores am 22. Dezember 1989.

Immunsystem gegen Ideologie. Beide schieben sie noch heute, unter Anspannung zumal, das Kinn nach vorn wie Planierraupen ihre Schaufeln.

Daß die Berliner SPD 1999 wieder mit Walter Momper in die Wahl zieht, dem als "Spekulationsknecht" Geschmähten, als politisch unsicheren Kantonisten Beäugten, es kommt parteigeschichtlich einem späten Abschied vom orthodoxen Masochismus aus der Zeit der reinen Lehre gleich.

Nur, wird''s was bringen? Momper will Rot-Grün für Berlin, und alle, die schon länger als acht Jahre auf diese Stadt schauen, erinnern sich noch an die Bilanz seiner ersten Koalition, damals zwischen SPD und Alternativer Liste (AL).

Außer dem Mauerfall, den die bunte Truppe nicht zu verantworten hatte, blieben im kollektiven Volksgedächtnis vor allem haften: Einführung der Busspur, Streit um die Räumung besetzter Häuser und der Casus belli schlechthin für den alten Westen - Geschwindigkeitslimit auf der Avus, der einzigen Rennstrecke diesseits der Mauer. Aufkleber mit dem Text "Tempo 100 - Ick gloob'', ick spinne" waren Legion.

Momper sagt, nach sechs Jahren in der freien Wirtschaft sei er nicht mehr der Momper, "der ich mal war". Der Regierende Bürgermeister müsse "heute der oberste Akquisiteur seiner Stadt sein", ein Ansiedlungsexperte gewissermaßen. Die Schuldenlast des Landes Berlin liegt jenseits von 61 Milliarden Mark.

Ein Persönlichkeitssprung nach neun Jahren Pause wäre das nicht. Schon der Momper, der er mal war, bewegte sich auf der Höhe der Zeit. Noch ehe Gerhard Schröder sich 1990 mit rot-grüner Mehrheit zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen wählen lassen konnte, war Momper mit Glückwünschen und einem Geschenk zur Hand - dem rot-grünen Koalitionsvertrag, Ausgabe: Berlin 1989.

* Mit Ehefrau Annegret nach Verkündung des Ergebnisses der parteiinternen Urwahl im Berliner Willy-Brandt-Haus am 17. Januar. * Mit Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (M.) bei der Öffnung des Brandenburger Tores am 22. Dezember 1989.

DER SPIEGEL 4/1999
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