25.01.1999

KOSOVOIm Teufelskreis der Gewalt

Nach dem Massaker an Albanern im Dorf Racak ist die Nato zum Eingreifen bereit. Doch Serbenchef Slobodan Milosevic zuckt vor der Großkonfrontation zurück. Kommt es zur Teilung der Unruheprovinz?
Nur noch der Unterkiefer hing am Hals", schluchzt Bedri Azemi, "so fand ich meinen geliebten Bruder Banush auf dem Acker, den Kopf abgehackt mit dem Beil." Wenige Schritte entfernt lag ein Nachbar mit gespaltenem Schädel. "Schrecklich, was Menschen einander antun können", schaudert Azemi.
Schrecklich aber auch, findet der Gastarbeiter aus Düsseldorf, wie teilnahmslos internationale Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zuschauen konnten, als vor ihren Augen in Jugoslawiens Unruheprovinz Kosovo ein Massaker geschah.
Der gehbehinderte Albaner Azemi, 62, weilte auf Winterurlaub in seiner Heimatgemeinde Racak. Dort - 30 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Pristina - rückten am vorletzten Freitag gegen sieben Uhr morgens schwerbewaffnete Sondereinheiten der serbischen Polizei mit drei Kampfpanzern an. In Sichtweite des Dorfes, ein paar Hügel entfernt, fotografierten und filmten OSZE-Beobachter den Aufmarsch, hielten aber Distanz.
Ohne Vorwarnung wurde der 600 Einwohner zählende Sprengel abgeriegelt. Dann folgte eine zehn Stunden dauernde Strafaktion: Jedes Haus, jeder Stall wurde auf der Jagd nach Mitgliedern der albanischen Befreiungsarmee UÇK durchsucht, denn in Racak war Tage zuvor ein serbischer Polizist aus dem Hinterhalt erschossen worden.
Darüber, was dann geschah, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Fest steht nur: Es kam zu einem grauenvollen Blutbad.
Die Albaner behaupten, die Serben hätten 45 Einwohner aus dem Ort geschleppt, sie verhört, gefoltert, dann standrechtlich erschossen und teilweise verstümmelt. Darunter drei Frauen und einen zwölfjährigen Jungen.
OSZE-Missionschef William Walker entrüstete sich am Tatort: "Es ist schwer, Worte zu finden, wenn man Körper wie diese vor sich sieht, zugerichtet wie bei einer Exekution."
In die weltweite Empörung und diplomatischen Proteste mischte sich bei Amerikanern und Europäern die Furcht, wiederum tatenloser Zeuge von Barbareien zu werden, wie sie das geschundene Bosnien qualvoll durchlitt. Die Lage spitzte sich noch weiter zu, als Belgrad den Rauswurf des "Lügners" Walker "binnen 48 Stunden" verkündete und dadurch die gesamte OSZE-Kosovo-Mission in Frage stellte.
Die Nato erhöhte daraufhin ihre Kampfbereitschaft, die Luftflotte-Süd wurde für einen eventuellen Militärschlag aktiviert. Der US-Flugzeugträger "USS Enterprise" mit 70 Kampfflugzeugen und 8 weitere, raketenbestückte Kriegsschiffe der Allianz nahmen Kurs auf die Adria. Acht "Tornado"-Kampfjets der Bundeswehr wurden vom schwäbischen Lechfeld ins italienische Piacenza verlegt, auch die Niederlande und Belgien beorderten F-16-Bomber ins südliche Nato-Hauptquartier.
Jugoslawiens starker Mann Slobodan Milosevic, Präsident über Serbien, das Kosovo und Montenegro, zeigte auf seine Weise Stärke. Durch die Kosovo-Gemeinden ratterten die Panzer, als habe es niemals im Oktober ein Abkommen zwischen dem Präsidenten und US-Balkan-Vermittler Richard Holbrooke gegeben, wonach sich die serbischen Truppen in ihre Kasernen zurückzuziehen hätten.
In seinem Belgrader Amtssitz empfing Milosevic den Nato-Oberbefehlshaber in Europa, US-General Wesley Clark, und den Vorsitzenden des Nato-Militärausschusses, den deutschen General Klaus Naumann. Die Generäle drohten: Muß Walker gehen, zieht die komplette OSZE-Truppe ab - in der Konfrontationslogik gleichsam das letzte Warnsignal für unmittelbar bevorstehende Luftschläge gegen serbische Stellungen. Bonns Verteidigungsminister Rudolf Scharping registrierte bei den meisten Nato-Partnern die wachsende Bereitschaft, "militärisch einzugreifen" (siehe Gespräch Seite 138).
Milosevic zuckte, wie bislang stets, vor der Großkonfrontation zurück. Die Ausweisung Walkers wurde am Donnerstag "ausgesetzt". Doch zu weiteren Zugeständnissen, so schien es, war der Serbenzar zunächst nicht bereit. Weder zum Abzug der Polizeitruppen noch zu einem neuen Dialog mit der albanischen Seite.
Milosevic beharrte auch darauf, alle Toten seien bei Kampfhandlungen gefallen. Serbiens stellvertretender Ministerpräsident, der radikale Nationalist Vojislav Seselj, höhnte gar: "Die Albanaken ("Siptari"), diese Verbrecher, haben anschließend den UÇK-Terroristen die Uniformen ausgezogen, Zivilkleidung übergestreift und noch einen Kopfschuß verpaßt, um so eine perfekte Anklage gegen uns zu inszenieren."
Möglich wäre immerhin, daß - wie schon in früheren Fällen - Gefallene noch nachträglich mit dem Beil entstellt wurden. Doch zur Kriegsstrategie des Mordbrenners Seselj und seiner ultranationalistischen Kumpane gehören Massaker an Zivilisten ebenso wie ethnische Vertreibungsaktionen und das Abfackeln ganzer Albaner-Siedlungen. Nicht erst in Racak. Derselbe Hetzer, der einst in Bosnien "ethnische Säuberungen" als legitimes Mittel zur "Sicherung serbischen Lebensraums" propagierte, gibt nun den Schlachtruf aus: "Kosovo den Serben".
Vor einer Festnahme als Kriegsverbrecher muß sich Seselj kaum fürchten. Die internationalen Balkan-Makler belassen es bei Betroffenheitsrhetorik. "Eine Tragödie wie zuvor in Bosnien", beteuern der US-Präsident, der Nato-Generalsekretär und der deutsche Kanzler unisono, "muß vermieden werden." Was indes geschehen soll, darüber schweigen das Weiße Haus, die Kommandozentrale der mächtigsten Militärallianz und das Bonner Kanzleramt geflissentlich.
Unterdessen provoziert Milosevic den Westen weiter. Der Chefanklägerin des Uno-Tribunals zur Ahndung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Louise Arbour, wurde entgegen internationalem Recht die Einreise ins Kampfgebiet verwehrt.
Serbische Truppen suchten dafür Racak ein zweites Mal heim. Diesmal, um die in der Dorf-Moschee aufgebahrten Toten zu entwenden. Eine eigene Untersuchung soll bestätigen, was aufrechte Serben ohnehin zu wissen glauben - die Kopfschüsse hätten die Albaner ihren Gefallenen selbst zugefügt.
In den weitgehend gleichgeschalteten Medien des Milosevic-Regimes wurde die Mär von den Kopfschüssen pausenlos verbreitet. Auch Vuk Draskovic, der bärtige Oppositionsführer, der im Winter 1996/97 mehr als zwei Monate das Protest-Happening zum Sturz des Milosevic-Regimes auf Belgrads Straßen anführte, will sich nicht mehr an seine Worte "vom Kampf für ein junges, zivilisiertes, europäisches Serbien" erinnern. Heute klingt es umgekehrt. "Wir Serben können uns nur auf uns verlassen, auf niemanden sonst", begründete Draskovic vergangenen Freitag den Verkauf seiner Gesinnung mit Eintritt in die jugoslawische Regierung als stellvertretender Ministerpräsident: "Kosovo ruft uns zur Einheit."
Balkan-Despot Milosevic hat geschafft, wovon Iraks Diktator Saddam Hussein am Golf nur träumen kann. Das Serbenvolk steht in der Kosovo-Frage geschlossen hinter seinem Führer. Während es die Zweier-Allianz Amerika/Großbritannien im Irak wagen konnte, Militärgewalt gezielt einzusetzen, hat die Nato in Europas Hinterhof allen Grund zu zaudern.
Zwar ist die humanitäre Lage im Kosovo katastrophal, das zeigen die jüngsten Fernsehberichte von dahinvegetierenden Flüchtlingsfamilien in den Bergen um Racak. Aber die UÇK ist an politischen Lösungen nicht interessiert. Sie will den Endsieg - die Unabhängigkeit der Kosovo-Albaner. Deshalb zögert die Allianz, stellte US-Verteidigungsminister William Cohen nachdrücklich fest: "Die Nato darf nicht zur Luftwaffe der Befreiungsarmee werden."
Das Dilemma der Atlantischen Allianz: Sie hat trotz allen Säbelrasselns keine abgestimmte Strategie für die Eindämmung der ethnischen Konflikte in Europas Pulverfaß.
"Wir dürfen nicht in ein zweites Bosnien mit immer neuen Toten hineinschlittern", warnten die Amerikaner bei der Krisensitzung des Nato-Rats. Bundeskanzler Gerhard Schröder, der befürchtet, seine EU-Präsidentschaft könne von fortwährenden Kosovo-Greueln überschattet werden, gab intern die Order aus, "die politische wie die militärische Option offenzuhalten und über den Zeitpunkt eines Eingreifens nachzudenken".
Doch vorerst bleibt es wohl, so ein Mitglied der internationalen Kontaktgruppe, "beim diplomatischen Weiterwursteln". Vordringliches Ziel der Vermittler ist die schnelle Aufstockung der OSZE-Einsatztruppe, um ein dichteres Beobachtungsnetz im Kosovo zu schaffen.
Doch was geschieht, wenn das Morden im Kosovo kein Ende nimmt? Im Teufelskreis der Gewalt steht die Nato letztlich doch vor der Entscheidung, wie in Bosnien mit dem Einsatz von Bodentruppen und der Perspektive mehrjähriger Präsenz einzugreifen. Einer aus dem Beraterstab von Außenminister Joschka Fischer fürchtet: "Unter Umständen gibt es keinen anderen Weg."
Der Pokerer Slobodan Milosevic weiß, er muß die Gunst der Stunde nutzen, um aus der Pattsituation des Westens möglichst viel für Belgrad herauszuschlagen. So läßt der Serbenzar das Gerücht streuen, er könne sich eine Teilung des Kosovo vorstellen, die Albaner ziehen lassen und sich mit nur 30 Prozent des Territoriums zufriedengeben. Diesem Rumpf-Jugoslawien würde sich dann wohl bald die Serbische Republik aus Bosnien anschließen.
Damit lebten acht Jahre nach Ausbruch des jugoslawischen Erbfolgekriegs tatsächlich alle Serben zusammen. Zwar nicht im erträumten Großserbien, aber immerhin in einem Staat. RENATE FLOTTAU,
OLAF IHLAU, ROLAND SCHLEICHER
Von Renate Flottau, Olaf Ihlau und Roland Schleicher

DER SPIEGEL 4/1999
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