30.04.2012

KONZERNEDer Reiter des Kraken

Die südkoreanische Erfolgsmarke Samsung hat Rivalen wie Nokia oder Sony überholt. Nun nährt ein erbitterter Erbschaftsstreit Zweifel am diktatorischen Management.
Der Boss regiert sein Imperium von rund 80 Firmen wie ein entrückter Gott-Kaiser. Die weltweit rund 344 000 Samsung-Beschäftigten bekommen den Chef des größten südkoreanischen Mischkonzerns fast nie zu sehen. Seltene Fabrikbesuche inszeniert er wie religiöse Rituale, schon Tage vorher müssen handverlesene Arbeiter die Werkshallen dann auf Hochglanz bringen.
Doch vergangene Woche erlebten die Fernsehzuschauer in Südkorea den 70-jährigen Lee Kun Hee ungewohnt irdisch. Im Eingang der Samsung-Zentrale in Seoul schimpfte der Patriarch mit zittriger Stimme und fuchtelnden Fingern. Und er wetterte gegen die eigene Familie, vor allem gegen seinen zehn Jahre älteren Bruder Lee Maeng Hee.
Jene "Figur", wütete der Samsung-Boss, sei von der Eigentümerfamilie längst verstoßen worden. Noch nie habe sich der Älteste bei der jährlichen Totenfeier für den väterlichen Samsung-Gründer blicken lassen. Einen übleren Vorwurf hätte Lee kaum erheben können im konfuzianisch geprägten Korea. Aber der Gescholtene hatte seinen Bruder zuvor öffentlich als "kindisch" und "gierig" bezeichnet.
Die Nerven bei Samsung liegen blank: Der älteste Bruder und mehre Verwandte haben Lee verklagt, sie sehen sich um ihr väterliches Erbe betrogen und fordern Anteile von insgesamt 877 Millionen Dollar an den Aktien des Samsung-Bosses, der die Herrschaft schon 1987 übernommen hatte.
Je nach Ausgang der Familienfehde könnte Lee nicht nur seinen alleinigen Machtanspruch über Samsung verlieren. Der Streit könnte auch den rasenden Aufstieg des Elektronikriesen bremsen, der mittlerweile mehr Handys als jede andere Firma auf der Welt verkauft - und selbst Apples iPhone und iPad erfolgreich Paroli bietet. Die Amerikaner werfen Samsung vor, ihre Produkte zu kopieren; beide Konzerne überziehen sich gegenseitig weltweit mit Patentklagen.
Seine einstigen japanischen Vorbilder wie Sony oder Panasonic hat Samsung längst abgehängt.
Der Konzern produziert so viele Flachbildschirme wie kein anderer. Und er hat nicht nur Elektronik im Angebot: Vom Speicher-Chip bis zur Versicherung (siehe Grafik) bietet er heute ein buntes Sammelsurium. Sein Umsatz entspricht rund einem Fünftel der gesamten südkoreanischen Volkswirtschaft. Doch die Schattenseiten des Booms leuchtet der aktuelle Erbschaftsstreit nun verstärkt aus, vor allem die fast diktatorische Firmenkultur bei Samsung.
Selbst Kritik an Menschenbild und Strategie der Konzern-Oberen wurde bisher noch als Lob verpackt. Moon Hyung Jin, 41, hat sich in einem Café in Seoul verabredet. Einst gehörte er zum firmeneigenen Elitenachwuchs, der Chairman Lee bis zur Selbstaufgabe dient. Inzwischen kann er unbefangener reden: Er arbeitet in der Autoindustrie und schrieb einen Bestseller über Samsungs Erfolgsrezept. "Ich war ein Samsung-Mann, durch und durch", sagt Moon. Selbst nach ermüdenden Dienstreisen habe er nicht im Flugzeug gedöst, sondern unverzüglich Berichte für seine Chefs verfasst. Nicht einmal das Sterben seines Vaters konnte ihn dazu bringen, seine unbedingte Hingabe an Samsung zu vernachlässigen.
Es war ein Sonntag, erinnert sich Moon, er musste Überstunden machen, als ihn die Todesnachricht erreichte. Sein Vater, glaubt Moon, sei beruhigt entschlafen, voller Stolz, dass der Sohn als Teamleiter bei Koreas Vorzeigekonzern reüssierte.
Dieser Geist durchwehte bislang das gesamte Imperium. Und er half Chairman Lee. Zwar besitzt er nur gut drei Prozent der Aktien von Samsung Electronics, dem profitabelsten Konzernjuwel. Doch über ein Geflecht von Beteiligungen regierte er den Konzern wie ein Gutsherr.
Ein wichtiges Machtzentrum des verschachtelten Reichs bildete bisher Samsung Everland. Das ist eine Firma, die von Gemüse bis zu Golfplätzen mit allem Möglichen Geld verdient. Sie gehört Lees engster Familie fast zur Hälfte.
Und nach jedem Rückschlag gelang Lee bislang die Wiederauferstehung: In der Asienkrise 1997 geriet er finanziell in die Klemme, seine gerade erst gestartete Automarke musste er großenteils an Renault verkaufen. Doch bald expandierte der Lee-Clan aggressiver denn je - selbst mit Café-Filialen überzieht er seine Heimat heute.
Zwischendurch erkrankte der Patriarch lebensbedrohlich an Krebs, konnte aber gerettet werden. "Lee glaubt, er stehe über dem Gesetz", sagt Kim Yong Cheol. Der 54-Jährige beriet sieben Jahre lang den Samsung-Boss als Chefjurist. Stets habe der Chairman sich davor gefürchtet, dass er selbst oder Verwandte wegen Korruption verhaftet werden könnten, sagt Kim. "Lee forderte mich auf, vorsorglich alle Gefängnischefs im Land zu bestechen."
Im Herbst 2007 wollte Kim nicht länger mit ansehen, wie "Samsung, diese kriminelle Organisation, unser Land kaputtmacht". Wegen dubioser Finanztricks wurde Lee 2008 zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung und einer Geldstrafe von 109 Millionen Dollar verurteilt, aber schon ein Jahr später begnadigte ihn der Staatspräsident per Sondererlass.
Kims Enthüllungen brachten indes nicht nur staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Lee ins Rollen. Sie zeigten, dass auch er verletzlich ist und provozierten letztlich den aktuellen Erbstreit zwischen Lee und seinen Verwandten.
Der Chairman kehrte dennoch zurück an die Spitze des Chaebol, wie man krakenhafte Konzerne der Sorte Samsung in Korea nennt. Und als Reiter des Kraken baute er seine Macht aus: Seinen Sohn Lee Jae Yong, 43, installierte er als Präsidenten von Samsung Electronics; Tochter Lee Boo Jin, 41, hievte er an die Spitze anderer Firmen.
Der frühere Hausjurist Kim zahlte für seinen Verrat an Koreas mächtigstem Chaebol-Boss einen hohen Preis. Vier Jahre lang gab ihm in Korea niemand mehr einen Job.
Tag und Nacht seien er und seine Familie beschattet worden - von Samsung-Leuten, vermutet er. Die Polizei habe sich geweigert, der Sache überhaupt nachzugehen. "Vor Verzweiflung dachte ich an Selbstmord."
Zuflucht vor dem mächtigen Konzern fand der Abtrünnige in seiner Heimatstadt Gwangju, etwa drei Zugstunden südlich von Seoul gelegen. Hier empfängt Kim in einer bescheidenen Amtsstube der lokalen Schulbehörde. Als Revisor prüft der einstige Elitejurist nun, ob Lehrer Ausgaben für Kopien oder Kreide korrekt abrechnen.
Derweil raste Chairman Lee im globalen Wettrennen der Hightech-Giganten weiter Richtung Spitze. Sein strategischer Vorteil: Selbst an den Handys von Konkurrenten wie Apple verdient Samsung oft mit, weil rund 40 Prozent aller Mobilfunk-Speicher-Chips von den Koreanern produziert werden.
Mit Hilfe dieser Kerntechnologie ist Lee seit einiger Zeit wieder einmal dabei, sein Imperium neu zu erfinden: "Die meisten unserer Produkte wird es in zehn Jahren nicht mehr geben", warnte er voriges Jahr und befahl seinen Untergebenen einen massiven Vorstoß in Zukunftstechnologien wie Batterien für Elektroautos, Leuchtdioden, medizinische Geräte und Biotechnologie. Über 40 Milliarden Dollar will Samsung in den Kraftakt investieren.
Lees Rezept: Er sucht sich Technologien, die bereits erprobt, aber noch teuer sind. Dann lenkt er die Ressourcen des Konzerns - Menschen, Erfindungskraft, Geld - massiv in die neue Wachstumssparte. Am Ende greift er global mit eigenen, billigen Produkten an.
Bei der Aufholjagd verlangt der Konzern seinen Beschäftigten alles ab. Samsung zahlt zwar wesentlich höhere Löhne und Gehälter als im Lande üblich und bietet Arbeitern vergleichsweise komfortable Wohnheime. Doch dafür verlangt der Chaebol praktisch absolute Unterwerfung. Lees berüchtigtster Ausspruch stammt von 1993, und er gilt bis heute: "Verändert alles, außer eure Frau und eure Kinder."
Unabhängige Gewerkschaften würden Samsungs ständig neue Offensiven nur bremsen, sie sind praktisch verboten. Wer sich bei Samsung für die Rechte des Personals einsetzt, muss damit rechnen, aus dem Konzern gemobbt zu werden.
Park Jong Tae, 43, hat sich in einem Einkaufsviertel von Suwon, einer Fabrikstadt südlich von Seoul, verabredet. Hier geht es lebhaft zu, und das ist vielleicht auch besser so, denn der frühere Manager einer Fernsehfabrik von Samsung Electronics fängt schnell an, laut und bitter zu weinen. Er berichtet, wie das Unternehmen ihn vor zwei Jahren feuerte. Nun ist er ein gebrochener Mann.
Vor sich breitet Park zahlreiche Fotos und Schriftstücke aus, die belegen sollen, wie ruppig Samsung Beschäftigte antreibt: "Ihr seid wie Roboter", heißt es in der Mail eines Managers, "ihr bewegt euch nur, wenn man euch ans Schienbein tritt."
Für Park begann der Abstieg damit, dass er in ein Komitee für Arbeiter und Manager berufen wurde. Das nicht allzu ernst gemeinte Gremium sollte die betriebliche Harmonie fördern. Doch Park nahm seine Aufgabe wörtlich: Er wies auf Ungereimtheiten in der Produktionsbilanz hin und widersprach der Kürzung von Bonuszahlungen.
Daraufhin habe Samsung erst versucht, den Abweichler mit Hilfe befreundeter Kollegen zum Einlenken zu drängen. Als das nichts half, sagt er, wurde er an einen Arbeitsplatz ohne Aufgabe und Computer versetzt. "Ich war isoliert, keiner sprach mit mir." Später wurde er ans Fließband beordert, wo er täglich acht Stunden lang Fernseher verpacken musste.
Dabei litt Park damals bereits unter einer Halswirbelerkrankung. "Vor Schmerzen konnte ich mich kaum bewegen", sagt er. Seine Bitte um eine körperlich weniger belastende Tätigkeit wurde abgelehnt. Als er sich weigerte, weiter am Band zu malochen, habe Samsung ihm gekündigt.
Nun protestiert der Arbeitslose regelmäßig vor seiner früheren Fabrik. Seine Familie überlebt finanziell unter anderem durch den Verkauf von Putzlappen, die seine Frau zu Hause näht. Mitleidige Ex-Kollegen kaufen ihnen die Ware heimlich zu Solidaritätspreisen ab.
Wer sich mit Samsung anlegt, braucht Mut. Das ist eine Eigenschaft, die der Konzern der zierlichen Lee Eunui, 38, offenbar nicht zutraute. Doch die Angestellte im Auslandsvertrieb von Samsung Electro-Mechanics wagte Ungeheuerliches: Sie verklagte ihre Firma wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.
Die junge Frau sah nicht ein, weshalb sie sich von ihrem Vorgesetzten ständig anfassen lassen sollte. Oder wieso sie beim Karaoke-Abend nach Feierabend eng umschlungen mit ihm tanzen musste. Dies alles aber, berichtet sie, habe ihr Chef von ihr verlangt - als selbstverständliche Pflichten einer jüngeren Kollegin.
Die Samsung-Frau zog erst vor Koreas nationale Menschenrechtskommission, dann vor Gericht. Samsung reagierte wie eine Glaubensgemeinschaft, die ein abtrünniges Mitglied einschüchtern will: Frühere Vorgesetzte und Kollegen hätten Eltern und Verwandte der Klägerin aufgesucht, berichtet Lee Eunui. Die Besucher warnten vor den Folgen des Prozesses: Sie werde in Korea nirgendwo einen neuen Job finden.
Im April 2010 bekam die Klägerin vor Gericht recht. Doch bei Samsung blieb ihr Alltag unerträglich. Die meisten Kollegen mieden sie, andere trafen sich nur noch heimlich mit ihr. Ein halbes Jahr später kündigte sie. Jetzt studiert sie Jura, als Anwältin will sie später Menschen verteidigen, die gemobbt wurden wie sie.
Möglicherweise führt ausgerechnet der aktuelle Erbstreit im Gründer-Clan dazu, dass der kollektive Drill im Samsung-Reich erstmals gelockert wird. Patriarch Lee dürfte bis auf weiteres weniger Zeit haben, sich um die Geschäfte zu kümmern. Er muss befürchten, dass sich weitere Verwandte den Erbschaftsklagen gegen ihn anschließen. Da braucht er die Unterstützung seines Arbeiterheeres.
"Ich habe nicht vor, ihnen einen einzigen Cent zu geben", schimpfte Lee vergangene Woche. Bis zum Ende werde er kämpfen, drohte er. Notfalls werde er bis vors Oberste Gericht Koreas ziehen.
Von Wagner, Wieland

DER SPIEGEL 18/2012
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