30.04.2012

Jahrhunderte zu früh

AUSSTELLUNGSKRITIK: Ein Düsseldorfer Museum feiert den Altmeister El Greco.
Was für eine Szene: glühend bunt, dramatisch bewegt, so scheinbar voller Leben und doch nur ein Tanz der Toten. Hoffentlich ist dieses Bild, eines der Hauptwerke der aktuellen Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, kein Omen.
Der Himmel sieht auf diesem Ölgemälde aus wie schwerer Brokat. Johannes der Täufer erhebt sich ins luftlose All hinein, selbst hoch wie eine gotische Kirche. Neben ihm tänzeln, winden und strecken sich vor leuchtenden Tüchern nackte Figuren, fließend in ihrer Gestalt. Ein großartiges Werk, expressiv, fast expressionistisch sogar. Dargestellt ist eine der apokalyptischen Visionen von Johannes dem Täufer, die "Öffnung des fünften Siegels". All die Nackten auf der Leinwand sind tote Märtyrer, die darauf warten, dass Gott ihren Tod rächen wird.
Der Maler El Greco hat dieses Bild um 1614 als alter Mann in seiner Wahlheimat Spanien geschaffen, am Ende seiner Karriere. Und doch entstand es etwa 300 Jahre zu früh, denn es besitzt eine Modernität, die erst um 1900 herum Anerkennung fand. Von dieser späten Würdigung, davon, dass der Maler wegen seiner ästhetischen Radikalität zum Helden einer rebellischen Generation, etwa eines Picasso, wurde, handelt die Düsseldorfer Schau.
Vor hundert Jahren war erstmals eine Reihe der Bilder El Grecos in Deutschland zu sehen, in München und Düsseldorf, danach nie mehr. Und nun: Leihgaben aus dem Prado, dem Louvre, dem New Yorker Metropolitan Museum. 31 El Grecos, dazu 10 Werkstatt- und Gemeinschaftsarbeiten, außerdem 110 Bilder und Skulpturen der frühen Moderne.
Die gutgefüllte Ausstellung will unbedingt ein Ereignis sein und muss es wohl auch. Vom Museum ging seit seiner Eröffnung 2001 selten eine Strahlkraft aus. Dabei sollte es den Beweis dafür erbringen, dass die Kooperation von öffentlicher und privater Hand ein Erfolgsmodell sein kann. Die Stadt Düsseldorf und der Energiekonzern E.on gründeten einst eine Stiftung, die der Träger des Museums ist. Weitere Stifter kamen hinzu. E.on aber war der Förderer der ersten Stunde, inszenierte sich hier und andernorts als Großmäzen der Kunst, unterstützte mit zusätzlichen Geldern vor allem publikumswirksame Ausstellungen. Bei El Greco muss der Energielieferant passen.
E.on schwächelt, will Stellen abbauen. Und Museumsdirektor Beat Wismer sagt, in solchen Zeiten sei man wieder - wie früher - auf öffentliche Mittel angewiesen. El Greco mag die Uhr vorgedreht haben, kulturpolitisch läuft sie rückwärts.
El Greco ist eine ewige Rätselfigur, mit einem Stil, so extrem, so singulär, dass es für ihn keinen wirklich treffenden Begriff gibt. Ihn zu präsentieren, sich von Finanzunsicherheiten nicht aufhalten zu lassen, ist erst einmal lobenswert.
Der Künstler, 1541 geboren als Domenikos Theotokopoulos, begann als klassischer Ikonenmaler auf seiner Heimatinsel Kreta, als diese zur Republik Venedig gehörte. Später zog es ihn nach Venedig, nach Rom, schließlich ins spanische Toledo, wo er lange wirkte und 1614 starb - nicht so reich, nicht so anerkannt, wie er es sich immer gewünscht hatte.
Lange wusste die Nachwelt nichts mit seiner Kunst anzufangen, im Prado ärgerte man sich im 19. Jahrhundert, seine Bilder im Bestand zu haben. Dann erweckte dieser Maler das Interesse der Kunsthistoriker, schließlich der Künstler. Die Jugend habe den Greco entdeckt, schrieb ein deutscher Museumsdirektor 1908, und sie dulde keinen anderen Gott mehr.
Im Museum Kunstpalast soll sein Einfluss auf die Spitze der Avantgarde ebenso nachvollziehbar werden wie seine Wirkung auf eine große Reihe von weniger prominenten, vor allem deutschen Malern. Also hängt ein wenig Cézanne und Picasso neben einem rheinischen Expressionisten namens Heinrich Nauen. Manches Exponat ist zu blass, um neben den Bildern des Vorläufers bestehen zu können.
Man hätte so kompromisslos sein müssen wie El Greco. Das gilt für die Auswahl der Werke und die Art der Leihgaben. An zwei Bilder gelangte man, so steht es auf Schildern, durch die "freundliche Vermittlung" des Auktionshauses Christie's. Werbung im Museum?
Leihverhandlungen etwa mit privaten Eigentümern sind nervenaufreibend, Bedingungen werden gestellt. Sicherlich ist es angenehmer, es mit einem "freundlichen" Auktionshaus zu tun zu haben, aber seltsam ist es auch. Es geht um Werke, die mit Fragezeichen als Gemeinschaftsarbeiten von El Greco und Werkstatt aufgeführt werden. Museumsdirektor Wismer weiß nicht, aus welcher Sammlung sie stammen, und er hat nicht nachgefragt, ob die Bilder zur Versteigerung kommen sollen. Nach dieser musealen Aufwertung dürften sie gute Preise erzielen.
Eine Nähe zum Marktgeschehen ist immer heikel, wirkt so, als sei man käuflich. Nur stellt die fehlende Nähe zum Geld momentan das schwerer wiegende Problem dar. Die Kunstwelt ist schizophren.
2014 läuft der Vertrag der Stiftung mit E.on aus. 2013 wird über eine Verlängerung entschieden. 2012 zeigt sich am Beispiel El Grecos, dass die Konstruktion der Public-private-Partnership leicht ins Wanken geraten kann.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 18/2012
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